Der Staat lässt sich nichts zurückzahlen

Viele Länder bieten Studierenden günstige staatliche Kredite an – Österreich nicht

Wien – Drei Möglichkeiten haben österreichische Studierende, sich ihren Lebensunterhalt zu finanzieren: durch Arbeit, Stipendien oder mit der Hilfe ihrer Eltern. In vielen anderen Ländern haben Studenten noch eine vierte Möglichkeit: Sie können sich vom Staat Geld ausborgen, um ihr Studium zu finanzieren.

In Österreich ist das nicht möglich. Hierzulande sind Überlegungen zu Studentenkrediten immer an die Studiengebührendiskussion gebunden: Wissenschaftsministerin Beatrix Karl forderte in ihrem Drei-Säulen-Modell Studentenkredite “ergänzend zu Studienbeiträgen”. Und Sigrid Wilhelm, Sprecherin von Bildungsministerin Claudia Schmied, will unter diesen Bedingungen über Studentenkredite gar nicht erst nachdenken, weil Schmied sowieso gegen Studiengebühren sei.

Dabei sind Studentendarlehen auch in vielen europäischen Ländern, in denen es keine Studiengebühren gibt, üblich (siehe Wissen). Eine große Rolle spielen sie vor allem in Skandinavien. Hier endet die Unterhaltspflicht der Eltern grundsätzlich mit dem 18. Lebensjahr; die Beihilfensysteme sind daher darauf ausgelegt, dass Studenten sich ohne Unterstützung ihrer Eltern erhalten können. Niedrigverzinste Kredite, die in den Jahren nach Abschluss des Studiums zurückgezahlt werden müssen, machen in diesen Systemen oft den größten Teil der staatlichen Unterstützung aus.

Auch Schottland setzt auf Studentendarlehen. Hier gibt es zwar Studiengebühren, doch der Staat ersetzt sie den meisten Studenten. Schottische Studierende können Darlehen von umgerechnet bis zu 500 Euro pro Monat bekommen; je nach sozialer Bedürftigkeit wird maximal die Hälfte davon in ein Stipendium umgewandelt.

Die Besonderheit am schottischen System: Zurückzahlen müssen Uni-Absolventen ihre Kredite erst, wenn sie mehr als umgerechnet 1460 Euro monatlich verdienen. Je höher das Einkommen, desto höher ist auch die monatliche Rate. Verdient ein Absolvent so wenig, dass er seinen Kredit nach 35 Jahren noch nicht zurückgezahlt hat, wird ihm die verbliebene Summe erlassen. Solche Regelungen gibt es in den skandinavischen Ländern nicht, doch auch hier kann man in finanziellen Notlagen die Rückzahlung zumindest aufschieben.

Die OECD-Studie “Education at a glance 2010” nennt zwei Argumente für Studentenkredite: Weil Darlehen nach der Rückzahlung neu vergeben werden, könnten von ihnen mehr Studenten profitieren als von Stipendien; und ein Teil der Kosten für Bildung würde sich auf diejenigen verlagern, die am meisten davon profitieren.

Die ÖH sieht das anders. “Darlehen sind vor allem für Studierende aus der Mittel- und Oberschicht interessant”, sagt das Vorsitzteam der ÖH-Bundesvertretung, “Studierende aus sozial niedrigeren Schichten haben große Scheu vor einer Verschuldung.”

Eine Mini-Variante von Studentendarlehen gibt es übrigens auch in Österreich: Wer Studiengebühren zahlt und keine Beihilfe bezieht, kann unabhängig von sozialer Bedürftigkeit bei einer Bank ein gefördertes Darlehen beantragen. Der Bund übernimmt dann zwei Prozent der Zinsen.

Der Standard, 3.3.2011

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