Keilen und gekeilt werden

Gute Nachrichten von der Studentenjobfront

Wien – Er taucht immer dann auf, wenn man es besonders eilig hat. Er springt einem in den Weg und lässt einen nicht ohne Informationen über abgeholzte Wälder und bedrohte Tiere weitergehen, und er macht einem ein schlechtes Gewissen, wenn man nicht spenden will. Unter allen schlecht angesehenen Studentenjobs hat er den verrufensten: Der Face-to-face-Fundraiser vulgo Keiler. Schuld an seiner Aufdringlichkeit sind die Arbeitsbedingungen. Die Horrorgeschichten sind bekannt: Die Agenturen, die die Keiler einstellen, üben massiven Druck auf sie aus. Der Lohn beruht großteils auf Prämien für geworbene Spender, und “schreibt” jemand innerhalb der normalen Arbeitszeit nicht genug Leute, muss das ganze Team bleiben, bis das Soll erfüllt ist.

Weniger bekannt ist, dass sich in der Branche in den letzten Jahren einiges geändert hat: Seit 2009 stellen der WWF, Greenpeace und Amnesty International alle ihre Fundraiser selbst an, statt das Agenturen zu überlassen. Von der engeren Einbindung erhoffen sie sich eine höhere Motivation der Fundraiser. Diese haben jetzt Angestelltenverhältnisse statt freien Dienstverträgen, geregelte Arbeitszeiten und fixe Gehälter.

Also zur Abwechslung gute Nachrichten von der Studentenjobfront? Ja, sagt die Leiterin der Arbeitsrechtsabteilung der Arbeiterkammer Wien, Irene Holzbauer: “Das ist auf jeden Fall eine Verbesserung.”

Österreich war Anfang der 90er das erste Land weltweit, in dem NGOs auf der Straße warben. Mittlerweile sind die meisten Agenturen nach Deutschland abgewandert – wegen der Beschwerden über die schlechten Arbeitsbedingungen, vermuten die hiesigen Fundraiser. Die Agenturen selbst wollen sich dazu nicht äußern.

Die letzte verbliebene Agentur Face2Face arbeitet unter anderem für Global2000. Die Arbeitsbedingungen bei Face2Face seien gut, es habe bisher nur eine Beschwerde gegeben, sagt Gerald Osterbauer von Global2000. Der junge Mann, der mit der Global2000-Mappe vor dem Museumsquartier steht und nicht namentlich genannt werden will, berichtet hingegen von Zwölf-Stunden-Arbeitstagen und nicht ausgezahlten Gehältern, wenn Kollegen nicht ein Spendenvolumen von mindestens 162 Euro pro Tag “schreiben”. Länger als einige Wochen würde den Job kaum jemand machen, erzählt er.

Direkt bei den NGOs lässt es sich deutlich länger aushalten. “Der Job macht wirklich Spaß, und du lernst mit Menschen umzugehen”, schwärmt Anna Horwath, die seit zwei Jahren für den WWF wirbt. Ein echter Traumjob also? Ganz ohne Prämien und Zielvorgaben geht es auch bei WWF, Amnesty und Greenpeace nicht: “Ein Minimum an Leuten müssen wir schreiben”, sagt Sarah Abouel-Magd, die mit Pausen seit zwei Jahren für Greenpeace arbeitet, “weil wir ja von Spendengeldern bezahlt werden. Vier Leute pro Tag sind das Ziel.”

Der Standard, 3.3.2011

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