Von Strebern, Faulenzern und richtig harten Typen

Nur noch zwei Monate bis zu den Ferien – Zeit, Sommerlektüre zu suchen. Wer fürchtet, dass ihn am Strand die Nostalgie nach dem Studentenleben packen könnte, der kann in der Welt der Bücher weiter darin schwelgen.

Wien – 9.00 Uhr: aufstehen, waschen, frühstücken. 10.30: zurück ins Bett. 12.00: ab auf die Uni, Freunde treffen. 14.00: mittagessen, 15.00: zurück ins Bett, lesen. 20.00: ausgehen: Der Tagesablauf der namenlosen Hauptfigur von At Swim-Two-Birds (1939), dem ersten Roman des irischen Autors Flann O’Brien, mag vielen Studenten bekannt vorkommen.

Was O’Briens Protagonist im Bett liest, ist nicht bekannt – für die faulen Ferientage heutiger Studenten hat der UniStandard Romane aus der Welt der geschwänzten Seminare und abendlichen Eskapaden gesammelt.

Ist Flann O’Briens Student nicht gerade mit Nichtstun beschäftigt, schreibt er an einem Roman über einen Mann, der – wenn er nicht gerade mit Nichtstun beschäftigt ist – an einem Roman schreibt und mit dessen weiblicher Hauptfigur einen Sohn zeugt, der sich gegen ihn auflehnt, indem er wiederum einen Roman über ihn schreibt. Verwirrend? Ja, aber – wenn man es skurril mag und über manche Langatmigkeit hinwegsehen kann – sehr witzig.

Wer es lieber hart als lustig mag, ist bei American Psycho -Autor Bret Easton Ellis gut aufgehoben. Clay, der Held und Erzähler seines Debütromans Less Than Zero (1985), kommt in den Uni-Ferien in seine Heimatstadt Los Angeles zurück, wo sich seine reichen, gelangweilten Freunde ihre Zeit mit Partys, Sex (Clay: “Ich öffne meine Speisekarte und tu so, als würde ich mir was aussuchen. Dabei überlege ich, ob ich wohl mit Raoul geschlafen habe. Der Name kommt mir bekannt vor.”), Drogen und Gewalt vertreiben. Szenen wie die, in der ein Mädchen vergewaltigt wird, sind allerdings nichts für empfindliche Mägen.

Akademiker und Owezahrer

Wer die Party- und Nichtstunphase hinter sich gelassen hat und sich als ernstzunehmender Wissenschafter versucht, wird sich mit den Figuren in den “campus novels” des englischen Literaturwissenschafters David Lodge identifizieren können. Mit Persse McGarrigle zum Beispiel, dem schüchternen Doktoranden aus Small World (1984), der auf einer Konferenz seine Traumfrau trifft. Um sie wiederzufinden, begibt er sich auf eine Odyssee um die halbe Welt (inklusive Abstecher nach Wien) und trifft dabei die skurrilsten Figuren, die der akademische Betrieb zu bieten hat.

Die weite Welt ist zu weit weg, die 80er zu lange her? Wer Wiener und Salzburger Lokalkolorit will, kann zu Martin Amanshausers Erdnussbutter (1998) greifen. Der namenlose Ich-Erzähler des Romans, ein gescheiterter Soziologie-Student, verstrickt sich bei der WG-Suche in ein Netzwerk aus skurrilen Gestalten mit mysteriösen und nicht immer ungefährlichen Geheimplänen. In einer saloppen Sprache voll eigenwilliger Metaphern (“Die schlechte Luft stand aufrecht wie ein salutierender Polizist”) erzählt Amanshauser eine schräge Krimiparodie mit einem noch schrägeren Ende.

Auch Charlie Kolostrum aus Thomas Glavinics Wie man leben soll (2004) ist nicht gerade ein übereifriger Student: Statt zu lernen, denkt er lieber an Essen und Sex und liest Ratgeberliteratur, in deren Stil auch seine Abenteuer beschrieben sind (“Merke: Den Eindruck, den alltägliche und unbefangene Intellektualität macht, sollte man nicht unterschätzen”).

Auch wer sich in den Ferien am Kanon der Weltliteratur abarbeiten möchte, muss nicht ohne Studenten auskommen: Rodion Raskolnikow aus Dostojewskis Verbrechen und Strafe und Stephen Dedalus aus James Joyces Ulysses und A Portrait of the Artist as a Young Man sind ebenso Studenten wie Shakespeares Hamlet

Der Standard, 5.5.2011

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