Yale, Lyon und die Monarchie

Verzweifelt nach einem Job gesucht hat Brigitta Ballai, 30, noch nie. Die Informatikerin mit den braunen Locken, geboren in Mohács in Südungarn, hatte eine gut bezahlte Stelle bei einem Ölkonzern und eine Eigentumswohnung in Budapest, als sie vor fünf Jahren die Sehnsucht nach einer neuen Herausforderung packte. Internationale Erfahrung hatte sie da schon: Nach der Matura hatte sie ein Jahr lang in Yale, später ein halbes Jahr in Lyon studiert. Doch das reichte ihr nicht. Sie machte sich auf Arbeitssuche, bekam Angebote aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und den Niederlanden und entschied sich für eine Papierfirma in Wien. Das war nahe der Heimat, Ballai konnte ohne Weiteres Familie und Freunde zuhause besuchen. Am Anfang tat sie das jedes Wochenende, denn ihr Freund Attila, ebenfalls Informatiker, fand zunächst mangels Deutschkenntnissen keinen Job in Wien. Erst nach zwei Jahren konnte er ihr folgen.

Ballais Umzug nach Wien verlief unkompliziert: Die Firma übernahm die meisten Formalitäten, innerhalb weniger Wochen hatte Ballai alle Papiere. Als Ungarin fühlt sie sich in Österreich gut aufgenommen: „Ich glaube, ihr könnt die Ungarn besser akzeptieren als andere Nationalitäten“. Mit ihren Wiener Kollegen hatte sie trotzdem Schwierigkeiten. „Ich habe zwar Deutsch gesprochen, aber Hochdeutsch ist nicht genug“,  sagt Ballai: „Die sprechen Dialekt und kümmern sich nicht darum, ob du etwas verstehst“. Wenn sie abends ausgingen, fragte niemand Ballai, ob sie mitkommen wolle. Nach drei Jahren in Wien wechselte Ballai in eine IT-Beratungsfirma, mit ihren jetzigen Kollegen versteht sie sich gut. Ihren Freundeskreis in Wien bezeichnet Ballai als „international“. Es gibt hier zwar eine ungarische Community, sagt sie, aber: „Wenn ich schon im Ausland lebe, muss ich mir nicht ungarische Freundschaften aufbauen.“

Der bezeichnendste Unterschied zwischen Ungarn und Österreich? „Im Besprechungszimmer einer Firma, für die ich ein Projekt mache, hängt eine Karte von der österreichisch-ungarischen Monarchie. In Ungarn haben wir so etwas nicht. Wir haben Karten der EU an der Wand.“

(Der Standard, Schwerpunktausgabe Arbeitsmigration, 30.4.2011)

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