„Die Kenianer lachen, wenn plötzlich Weiße durch ihr Dorf laufen“

Zum Interview kommt Wolfgang Kreuzbauer im Laufschritt. „Jetzt haben Sie mich sofort erkannt“, grinst er. Seit sieben Jahren läuft der HNO-Arzt beim Vienna City Marathon und betreut im Medical Center ehrenamtlich andere Läufer. Zum Trainieren fliegt er regelmäßig nach Kenia. Dem Falter erzählt er von seinen Erfahrungen mit den Kenianern und dem Stellenwert des Laufens in Afrika.

Herr Kreuzbauer, warum gewinnen immer Kenianer den Marathon?

Die Europäer behaupten immer, das liegt an den Genen. Aber das ist eine Ausrede. Die haben dort ein tolles System der Selektion. Es gibt viele Talentsucher und Manager, die schauen schon bei Kindern im frühesten Schulalter, wie sie laufen, sieben immer wieder die Talente heraus und fördern die dann in Schulen. Wir haben dem St. Patrick’s College in Iten einen Besuch abgestattet. Das ist ein College, wo die Kinder eine Schulbildung kriegen, aber gleichzeitig nach tollen Trainingsplänen laufen. Es steckt ein ganz beinhartes Training dahinter. Lustigerweise stammen die harten Trainingspläne eigentlich aus Europa. In den 70er oder 80er Jahren haben die Kenianer begonnen, deutsche Trainingspläne zu adaptieren.

Die Europäer trainieren heute anders?

Soweit ich weiß, trainieren die Profis ähnlich. Wahrscheinlich mit mehr wissenschaftlichen Methoden als die Kenianer, mit viel Labormedizin. Aber sie trainieren ja auch im Ausland und schauen sich die Trainingspläne der Afrikaner an. Ich glaube, es ist irrsinnig schwer, in Wohlstandsländern Leute dazu zu bringen, jahrelang konsequent zu trainieren. Man muss die Leute zwar sorgsam, aber doch forciert aufbauen für das Marathonlaufen. In Kenia ist das eine der wenigen Möglichkeiten, wohlhabend, aber auch berühmt zu werden, wenn man nicht einer politischen Familie zugehörig ist. Und in Afrika hat Laufen einen ganz anderen Stellenwert als bei uns.

Hat die Bedeutung des Laufens nur mit den Aufstiegschancen zu tun oder auch mit dem Mangel an anderen Fortbewegungsmitteln?

Das hat schon auch mit den Fortbewegungsmitteln zu tun. Man sieht die Leute unglaublich viel zu Fuß gehen, auch auf den Landstraßen wird gegangen. Wenn wir dort laufen, laufen oft kilometerlang zwei-, dreijährige Kinder mit, bloßfüßig. Die laufen irrsinnig schön, weil sie ganz natürliche Bewegungsabläufe haben. Die Kinder laufen kilometerweit in die Schule, die Bewegung ist üblich. Wahrscheinlich war das bei uns früher auch so.

Zieht sich das Laufen durch alle Gesellschaftsschichten, laufen auch die wenigen Reichen?

Ich glaube nicht, dass die laufen. Das ist die Normalbevölkerung, aus den ärmsten Verhältnissen.

Wie sind Sie dazu gekommen, in Kenia zu trainieren?

Ich bin durch Zufall zum Marathon gekommen. Ich habe aus dem Stand einen Marathon begonnen, um meinen Bruder zu begleiten, bin ohne Training durchgelaufen und draufgekommen, dass ich Läuferbeine habe. Dann hat ein Freund mich mit Dagmar Rabensteiner verbunden, weil die das nicht glauben konnte. Sie ist Internistin, Sportmedizinerin und war die beste Marathonläuferin in Österreich, die jahrelang den Rekord gehalten hat. Sie hat mit ihrem Mann immer in Kenia trainiert, die kennen sich dort aus und organisieren dort irrsinnig tolle Trainingscamps. Ich bin zu ihr in die Ordi gegangen, und wir haben uns so gut verstanden, dass wir nach einer Stunde gesagt haben, wir fahren gemeinsam auf Trainingscamp. Seitdem bin ich immer wieder mitgefahren.

Wie laufen diese Trainingscamps ab?

Beim letzten Mal waren wir ungefähr zwanzig aus allen Bereichen zusammengewürfelte Laufnarrische mit ganz verschiedenen Leistungslevels. Wir trainieren immer im Februar im Hochland, machen Höhentraining, um die Blutkörperchen auf natürliche Art anzureichern. Die Rabensteiners organisieren dankenswerterweise alles. Wir wohnen natürlich luxuriös dort, in Hotels, weil man als Läufer Regenerationsräume braucht. Wir fahren drei bis vier Stützpunkte an, wo Trainingszentren, Stadien sind, wo man auch Laufbahntraining machen kann. Dort können wir mit den ganzen Kenianern trainieren. Die sind überhaupt nicht arrogant. Wenn ich in Europa mit so einer Gruppe irgendwo hinkomme und sage, wir wollen dort trainieren, würden alle Sportstättenverwalter sagen, wir sind wahnsinnig. Dort überhaupt nicht. Die sind extrem freundlich zu uns, grüßen uns, kommen zum Essen vorbei, wir können mit den Trainern sprechen. Und wir werden überhaupt nicht ausgespottet, wenn wir unter ferner liefen laufen.

Sie trainieren gemeinsam mit den Kenianern?

Nein, die nehmen keine Rücksicht auf uns. Wir schauen uns nur ab, was die dort machen: Trainings am Sportplatz, Crossings – Läufe quer über den Platz mit Beschleunigung –, Techniktrainings, die wir sonst nie gemacht hätten. Wir nützen die Erfahrungswerte der Kenianer für unsere Trainingspläne.

Bekommen die Kenianer eine Gegenleistung dafür?

Nein, das ist völlig uneigennützig von der kenianischen Seite. Ich hatte nie das Gefühl, dass wir als Europäer willkommen sind, damit man von uns etwas hat. Wir sind niemals um irgendwelche Gegenleistungen gefragt worden.

Eigentlich erstaunlich, oder?

Ja, das stimmt, bei dem Wohlstandsgefälle, das da herrscht. Ich stelle mir die Frage, ob das nicht auch mit Sport insgesamt zu tun hat. Ich glaube, die Freude an der Bewegung, an der Leistung – auch wenn wer anderer eine gute Leistung bringt – verbindet in irgendeiner Weise.

Sie sind nie in unangenehme Situationen gekommen wegen des Wohlstandsgefälles?

Naja, durch die Kinder schon. Weiße Leute, Europäer, werden natürlich als reich angesehen, und die Kinder laufen einem nach und betteln. Eine der ersten Sachen, die auf Englisch gehen, ist offensichtlich „Gimme money“. Das irritiert am Anfang schon, aber daran gewöhnt man sich mit der Zeit. Am Anfang habe ich versucht, ihnen zu erklären, dass man sich gern unterhalten würde und dass man auch gar nichts kriegt, wenn man nur bettelt. Wenn man dort durch das Hochland läuft, hat man wenig Geld eingesteckt. Manche haben auch gesagt, „Gimme your shoes“. Die sind so arm, dass das schon wieder verständlich ist. Wenn man das Leben dort sieht, wird man sehr geerdet. Da sieht man, in was für wahnsinnigen Verhältnissen wir hier leben.

Hat sich für Sie durch diese Erfahrung etwas verändert?

Die Wertigkeit der Sachen hat sich schon gewaltig verändert. Mir hat das gut getan, zu sehen, was wirklich wichtig ist im Leben: Gesundheit, ein Dach über dem Kopf, Wasser, das man trinken kann. In Wien kann man sich in die Dusche stellen, den Kopf zurückneigen und Hochquellwasser trinken. Das kann sich ein Kenianer nicht vorstellen, für den ist das wie das Paradies. Es bringt einem wahnsinnig viel, wenn man dort hinfährt, sich das anschaut und sich darauf einlässt. Es ist teilweise hart, es geht an die Nieren, zu sehen, in welchen Verhältnissen Leute leben. Das ist jetzt nicht so pseudo-ethisch dahergesagt, das ist wirklich so. Man möchte helfen und weiß eh ganz genau, dass die Hilfe dort einfach versandet.

Versuchen Sie es trotzdem?

Wir lassen viele Sachen dort. Laufschuhe, Laufuhren, Leiberln, Sportgeräte, Bälle, Spielzeug. Wir haben jungen Sportlern gebrauchte Schuhe ausgehändigt, oder Schuhe, die uns nicht gepasst haben. Die wirklichen Profis, die Weltklasse-Athleten, sind modernst ausgestattet. Aber die Landbevölkerung hat sogar mit getragenen Laufschuhen eine unglaubliche Freude.

Wie gehen die Kenianer mit Ihnen um?

Kenia gilt nicht als so wahnsinnig sicheres Land, aber wir sind immer freundlich, mit extrem großen Interesse und in keinster Weise feindlich aufgenommen worden. Wir laufen in Gebieten, wo wenig Touristen sind. Wir sind in Safariparks gelaufen mit Giraffen, Wasserbüffeln und all dem Getier, das man sonst nur aus dem Auto sieht. Aber man läuft auch durch Ortschaften, kleine Städtchen durch. Die Leute haben uns mit viel Lachen begleitet, und ich habe nicht das Gefühl gehabt, dass sie uns auslachen, sondern dass sie es einfach lustig finden, wenn dort plötzlich zwanzig Wohlstandsweiße durch ein Dorf laufen, das vielleicht keine betonierte Straße hat. Manchmal schon ein bisschen mit Argwohn. Die Kinder haben offensichtlich teilweise ein bisschen Angst vor weißen Leuten. Das mag mit den Erzählungen zu tun haben, mit der Geschichte, der Kolonialisierung. Aber feindliche Aktionen haben wir nie erlebt.

Haben Sie auch engere Beziehungen zu Kenianern geknüpft?

Freundschaftlicher Kontakt ist für mich nicht entstanden. Das ist vielleicht ein Mangel, wenn man dort öfters hinfährt. Das wäre schon spannend gewesen, war aber nicht die Zielsetzung und ist bis dato nicht passiert. Vielleicht, weil wir selber zwei Mal am Tag trainieren und zu kurz dort sind. Es ist sprachlich oft schwierig – sie lernen zwar alle Englisch, aber das Englisch ist sehr rudimentär –, und ein gewisses Misstrauen, eine gewisse Vorsicht ist schon da. Sie sind sehr zurückhaltend, dass man ihnen nicht zu persönlich nah kommt. Es wird über sachliche Themen gesprochen, über das Laufen und das Leben allgemein. Der Abstand zwischen den Gesellschaftsschichten ist einfach riesengroß.

Falter, 13.4.2011

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