Die verschwundenen 726 Euro

Seit Wissenschaftsministerin Beatrix Karl (ÖVP) ihr Drei-Säulen-Modell zur Studienfinanzierung präsentiert hat, ist die Debatte um die Studiengebühren neu entbrannt: Karls Modell sieht ihre Wiedereinführung vor. „Die SPÖ hat die unsozialen Studiengebühren mit gutem Grund abgeschafft“, sagt SPÖ-Bundesgeschäftsführerin Laura Rudas dazu, und laut dem Wissenschaftssprecher der Grünen, Kurt Grünewald, „löst die Wiedereinführung von Studiengebühren die finanziellen Probleme der Universitäten nicht“. BZÖ-Wissenschaftssprecher Rainer Widmann hingegen unterstützt Karl: „Wenn nicht sofort wieder Studiengebühren eingeführt werden, drohen den heimischen Studierenden massive Nachteile“, fürchtet er.

Was haben all diese Politiker gemeinsam? Ob sie der Regierung oder der Opposition angehören, ob sie für oder gegen ein kostenpflichtiges Studium sind: Einstimmig behaupten sie, dass es in Österreich zur Zeit keine Studiengebühren gibt.

Nicht wenige Studenten werden sich bei solchen Aussagen wundern. Auf ihren Kontoauszügen scheinen jedes Jahr Abbuchungen von 726€ auf, Verwendungszweck: „Studiengebühren“. Wie kann das sein, wenn so etwas doch gar nicht existiert?

Die Lösung des Rätsels ist einfach: Die österreichischen Politiker sagen nicht die Wahrheit, wenn sie behaupten, die Studiengebühren wären 2008 abgeschafft worden. Die Gebühren wurden nur EU-Bürgern erlassen, die ein ordentliches Studium an einer Universität betreiben und die Mindeststudienzeit nicht um mehr als zwei Semester überschreiten. Die meisten der 36.000 Fachhochschul-Studenten zahlen weiterhin (einige wenige beziehen Studienbeihilfe und sind daher befreit), ebenso an den Universitäten 18.000 außerordentliche Studierende und 17.000 ordentliche Studenten ohne EU-Staatsbürgerschaft.

Dazu kommen noch all jene, die „zu langsam“ studieren – wobei sich die Definition von „langsam“ in den letzten Jahren vollkommen geändert hat. Die Mindeststudienzeit hat ihren Namen nicht ohne Grund: Sie war ursprünglich als die Zeit definiert, die für ein Grundverständnis des jeweiligen Faches mindestens nötig war. Doch nun wird die Mindeststudienzeit immer häufiger fälschlich als „Regelstudienzeit“ bezeichnet, die nicht überschritten werden darf. Bis zu zwei „Toleranzsemester“ länger darf ein Student gnädigerweise  brauchen, danach verliert er alle staatlichen Beihilfen und muss wieder Studiengebühren zahlen. Jeden dritten ordentlich an einer Universität studierenden EU-Bürger betrifft das: 80.000 Menschen.

Von den 310.000 Studierenden in Österreich müssen also insgesamt etwa 145.000 nach wie vor für ihr Studium zahlen – das ist beinahe jeder Zweite. Über die Sinnhaftigkeit von Studienbeiträgen lässt sich streiten. Aber zumindest was die Fakten betrifft, wäre in dieser Diskussion ein klein wenig Ehrlichkeit angebracht: Karl, Rudas und Co. mögen bitte aufhören, zu behaupten, es gäbe keine Studiengebühren – oder aber den 145.000 Betroffenen ihr Geld zurücküberweisen.

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