“Gratis zu sein, reicht nicht“

Der US-Medienexperte Bill Mitchell über die Zukunft des Journalismus im Netz und die zaudernden österreichischen Journalisten

Ist die Zeitung am Ende? Können Journalisten und Leser mit Twitter, Facebook und Co die Medienlandschaft revolutionieren? Wieso gibt es hierzulande so wenig Innovation im Pressewesen? Bill Mitchell ist Experte für neue Medien, er unterrichtet am Poynter-Institut in den USA und hielt kürzlich an der Wiener Fachhochschule für Journalismus einen Vortrag zu einer Frage, die Verlage heute beschäftigt: Wie kann man mit Journalismus in einer medialen Gratiskultur noch Geld verdienen?

Falter: Herr Mitchell, was sind die wichtigsten Trends im Bereich Onlinejournalismus und neue Medien?

Bill Mitchell: Es gibt etwas, was ich “next step journalism“ nenne – der nächste Schritt über citizen journalism hinaus. Der citizen journalism geht davon aus, dass jeder ein Journalist ist, der etwas veröffentlichen kann. Was nicht stimmt. Interessant sind die Wege, auf denen Journalisten mit Nicht-Journalisten zusammenarbeiten können. CNN bezieht mit seiner iReport-Initiative die Zuseher in die Berichterstattung mit ein: Heute hat CNN International über die jüngste Aschewolke aus Island berichtet, aber nicht einmal die hatten zu diesem Zeitpunkt einen Korrespondenten dort. Also haben sie sich auf Zuseher in Island verlassen. Eine Touristin hat Videos vom Ascheregen und Fotos von aschebedeckten Autos und ein Video-Interview mit sich selbst gemacht.

Ist das Journalismus?

Mitchell: Nicht wirklich. Aber hilft es, eine Geschichte zu erzählen? Sicher! Journalisten können nicht bei allen Ereignissen selbst dabei sein. Wir interviewen immer Menschen, die gesehen haben, was wir nicht gesehen haben. Indem die Augenzeugen ihr Material hochladen können, wird dieser Prozess aufgewertet. Und wenn dann ein Journalist dieses Material in ein traditionelleres Format integriert, in etwas Überprüftes und Dokumentiertes, dann wird es wirklich interessant. Ein anderer Trend ist Crowdsourcing. Macht der Falter viel davon?

Der Falter ist nicht besonders online-affin.

Mitchell: Ach? (Zum Fotografen:) Was machen Sie für den Falter? Stellen Sie Slideshows online? Galerien?

(Der Fotograf:) Nein, ich arbeite nur für Print.

Mitchell: Ihre Fotos gehen nicht online? Wirklich? Oh! Na ja. Crowdsourcing. Wir als Journalisten haben immer gewusst, dass große Teile unseres Publikums mehr über unser Thema wissen als wir. Jetzt können wir das nützen. Wir können sagen: Ich will die Korruption in der Wiener Stadtregierung verstehen, was könnt ihr mir darüber erzählen? Das Wall Street Journal hat gerade ein neues Service eingeführt, ein bisschen nach dem Modell von Wikileaks. Menschen können Dokumente so hochladen, dass ihre Identität geschützt wird, und wir Journalisten tun, was wir am besten können: Die Richtigkeit und Gültigkeit der Informationen überprüfen. Ein anderes Thema sind neue Formen der Werbung. Bei PlaceLocal können kleine Inserenten ihre Anzeige selbst gestalten. Du gibst den Namen des Cafés ein und klickst auf “Entwirf meine Anzeige“.

Gibt es Trends, die keinen Erfolg haben werden?

Mitchell: Einfach heute Geld für Dinge zu verlangen, die gestern gratis waren, wird nicht funktionieren. Die Medien mussten Inhalte kostenlos anbieten, um Marktanteile aufzubauen – jetzt sind wir an dem Punkt, wo sie neuen Mehrwert schaffen müssen, für den Geld auszugeben sich lohnt. Die iPad-App des New Yorker kann jeder gratis herunterladen. Aber wenn du Print-Abonnent bist, bekommst du alle Ausgaben gratis; wenn nicht, zahlst du dafür. Und als Abonnent hast du elektronisch Zugang zu sämtlichen Jahrgängen. Du brauchst keinen meterhohen Stapel von Zeitschriften in deinem Schlafzimmer. Das ist etwas, wofür Menschen zahlen.

Welche ethischen Probleme und Gefahren gibt es für Journalisten im Zusammenhang mit neuen Medien?

Mitchell: Die vier Grundprinzipien bleiben die gleichen: So viel von der Wahrheit erzählen wie möglich; so unabhängig handeln wie möglich; Schaden minimieren; und möglichst transparent und verantwortlich handeln. Aber die praktischen Überlegungen ändern sich ein bisschen. Da ist einmal die Frage der digitalen Hinterlassenschaft. Wenn früher eine Zeitung etwas Falsches über mich geschrieben hat, ist das früher oder später in den Vogelkäfig oder den Müll gewandert und verschwunden. Aber online bleibt es für immer. Journalisten müssen also besonders auf die digitale Hinterlassenschaft der Menschen aufpassen, über die sie schreiben. Die Verlässlichkeit von Informationen ist eine noch wichtigere Überlegung. Kurz nachdem CNN mit iReport begonnen hat, hat jemand in Silicon Valley gepostet: Ich wohne in der Nähe von Steve Jobs, und er wurde gerade von einem Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht, er hatte einen Herzinfarkt. Riesige Panik, die Apple-Aktie fällt, Chaos. Die Story war allerdings komplett erfunden. Das hat CNN dazu bewogen, die Funktionsweise ein bisschen zu ändern. Es wird immer solche Risiken geben, aber man kann sie bewältigen.

Wie?

Mitchell: Indem man die Seite häufiger moderiert. Wenn etwas ernsthafte Konsequenzen für eine Einzelperson oder eine Firma oder auch nur einen Aktienkurs haben könnte, nimmt das Medium es offline, bis es bestätigt werden kann.

Sie haben einmal in Österreich gelebt und lehren jetzt gelegentlich an der Fachhochschule Wien. Was sind die größten Unterschiede zwischen Amerikanern und Österreichern in Bezug auf neue Medien?

Mitchell: Mehrere meiner Studenten waren mit Social Media – Dingen wie Twitter und Facebook – zwar vertraut, aber die Idee, das mit Journalismus zu verbinden, war neu für sie. Sie waren skeptisch. Ein Unterschied könnte also sein – und das ist eine grobe Pauschalisierung -, dass viele Österreicher einen kategorischeren Blick auf die Medien haben. Journalismus ist in einer Schublade, Social Media in einer anderen, und die beiden werden nie zusammenfinden. Aber ich glaube, das ist nur eine Frage der Zeit. Es scheint unterschiedliche Ansichten zur Privatsphäre zu geben, und ich finde das vollkommen in Ordnung.

Haben Sie eine Theorie, warum die Österreicher langsamer sind?

Mitchell: Österreicher scheinen ein bisschen zurückhaltender und vorsichtiger zu sein. Aber die USA und Österreich haben sehr unterschiedliche Mediensysteme. In den USA wurde die Veränderung durch die große Abhängigkeit von der Werbung beschleunigt: Mehr als zwei Drittel der Einnahmen einer durchschnittlichen Zeitung kommen aus Inseraten. In Europa kommt ein größerer Brocken aus dem Verkauf der Zeitung. Weil der Rückgang der Werbeeinnahmen in Europa geringer war, hat sich die Krise nicht ganz so stark zugespitzt. Es ist keine Überraschung, dass die stärkere Krise in den USA ambitioniertere Innovationen antreibt. Aber es gibt in Europa viele Beispiele für Innovation – in Polen, im Vereinigten Königreich mit dem Guardian. Es gibt ein Programm der Presse, wo sich Leute Ideen für Außenpolitik-Geschichten überlegen. Die Facewall des ORF. Ein Watchblog von Helge Fahrnberger und dem Publizistikinstitut der Universität Wien.

Welche der Trends, von denen Sie gesprochen haben, würden speziell in Österreich besonders gut oder schlecht funktionieren?

Mitchell: Es scheint hier keine Tradition der philanthropischen Finanzierung von journalistischen Start-ups zu geben. Ein großer Teil der Innovation in den Staaten wird von Stiftungen finanziert. Wie wird journalistische Innovation hier ermutigt? Österreich ist voll von erfinderischen, abenteuerlustigen Menschen, aber sie scheinen sich auf andere Gebiete zu konzentrieren. In den USA gibt es in jeder Gemeinde neue Websites. Es blühen viele Blumen. Hier blüht so wenig.
Zur Person

Bill Mitchell ist ein US-Medienexperte, der auch in Wien Vorträge hält. Er baute Anfang der 90er-Jahre einen der ersten Online-Auftritte einer Zeitung, der San Jose Mercury News, auf. Zuvor war er unter anderem Washington- und Europa-Korrespondent verschiedener amerikanischer Zeitungen und Chef vom Dienst von Time. Heute lehrt er “entrepreneurial journalism“ (“unternehmerischen Journalismus“) an der Journalismusschule Poynter Institute in Florida

Glossar

Citizen journalism: das Sammeln und Verbreiten von Nachrichten durch Privatpersonen, beispielsweise in Blogs oder Handyvideos. Viele Informationen zu den arabischen Revolutionen wurden durch citizen journalists verbreitet

Crowdsourcing: das Auslagern von Prozessen an eine Internet-Community. Diese kann beispielsweise für ein Medienunternehmen nicht bewältigbare Mengen an Dokumenten auf Auffälligkeiten durchsuchen

Falter, 8.6.2011

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