“Das Wort ‘Jude’ wurde nie verwendet”

In ihrem Debütroman „Spaltkopf“ erzählte Julya Rabinowich die Lebensgeschichte einer russisch-jüdischen Emigrantin in Wien. Gerade ist ihr zweites Buch, die „Herznovelle“, erschienen. Mit NU sprach Rabinowich über den Antisemitismus in Russland und ihre jüdische Identität.

NU: Frau Rabinowich, die Identität spielt eine wichtige Rolle in Ihrem autobiografisch gefärbten Roman „Spaltkopf“. Das Judentum der Protagonistin kommt allerdings nur am Rande vor. Warum?

Rabinowich: Weil das für mich lange Zeit kein Thema gewesen ist. Es ist zwar unterschwellig total wirkend, aber eben sehr unterschwellig. Ich habe keine besonders firme jüdische Identität. Die Juden waren in Russland eine verfolgte Minderheit, die keinerlei Bräuche haben konnte; insofern war diese Identität hauptsächlich negativ besetzt. Es wurde auch das Wort „Jude“ nie verwendet. Was jetzt in Russland völlig anders wäre: Da gibt es Tendenzen dazu, in jeder Religion relativ extrem zu werden – als Gegenreaktion auf die Religionsverbote und die erzwungene Personenverehrung der kommunistischen Diktatur.

Ist die Episode mit dem Buben Schenya im „Spaltkopf“ (siehe Artikel “Von Köpfen und Herzen”) Ihnen passiert?

Die Episode nicht, die habe ich hineingebaut. Aber ich bin so wie im „Spaltkopf“ draufgekommen, dass ich jüdisch bin. Ich habe im Fernsehen das Wörtchen „Jude“ gehört und meine Mutter gefragt, wer die sind – ich hätte sie im Fernsehen gesehen und die hätten so geschlitzte Augen gehabt. Ich habe sie offensichtlich mit Japanern verwechselt. Worauf meine Mutter gesagt hat: „Nein, mein Schatz, die Juden, das sind wir.“. Das war die Situation, auf der aufbauend ich diese Szene entwickelt habe. Die Geschichte meiner Mutter ist eine ähnliche. Und zwar hat man nicht gesagt „Er ist ein Jude“, sondern „Er ist ein Angehöriger“, ein „Dazugehöriger“. Meine Mutter hat immer gehört: Der ist ein Dazugehöriger. Ist dieser ein Dazugehöriger? Ja, dieser ist ein Dazugehöriger. Nein, dieser ist nicht … Irgendwann hat sie gefragt, wer denn diese Angehörigen seien, und man wollte es ihr nicht sagen, und dann hat sie einen Tobsuchtsanfall gekriegt und gemeint: „Ihr braucht es mir nicht zu erklären, ich weiß es schon. Ein Angehöriger ist ein gebildeter, angenehmer Mensch.“ Das waren halt die Menschen, die sie genannt haben – die waren ihr sympathisch. Die anderen hat sie ja nicht kennen gelernt. Die Tradition der Verschleierung ist also alt.

Ist das heute noch so? Den Antisemitismus gibt es ja noch.

Den gibt es natürlich noch immer. Nur, ich glaube, dass sehr viele von den Strenggläubigen nach Israel ausgewandert sind. Ob sie dort zu den angenehmsten Mitbürgern gehören, weiß ich nicht. Ich habe mich mit meiner Cousine entsetzlich in die Haare gekriegt. Sie ist nach Israel emigriert und hat uns in Wien besucht. Irgendwann ist das Gespräch auf den Nahostkonflikt gekommen, und sie hat allen Ernstes gemeint, sie würde am liebsten eine Atombombe auf die Palästinenser werfen. Bist du blöd? Das ist direkt bei dir um’s Eck! Und sie: Das ist egal. Sie war damals jung und blöd – ob sie immer noch so dumme Ansichten hat, weiß ich nicht. Natürlich sehen die Verwandten in Israel den Nahostkonflikt mit völlig anderen Augen als ich, die ich als Unbeteiligte hier sitze und schön moralisieren kann.

Waren Sie schon einmal in Israel?

Ja. Es war sehr eigenartig. Einerseits war ich von der Schönheit des Landes, dieser Stärke, der Urtümlichkeit und dieser biblischen Kraft überwältigt. Andererseits war die starke Aggression zwischen dem arabischen und dem jüdischen Teil für mich unerträglich. Das war knapp vor Beginn der Intifada, und ich habe die ganze Zeit eine Bedrohung wahrgenommen, die ich nicht festmachen konnte. Diese Selbstverständlichkeit, mit der meine Familie schlecht über Palästinenser geredet hat, war für mich schwer zu verwinden. Und mit genau der gleichen Selbstverständlichkeit haben uns die Araber beschimpft, nachdem sie mitgekriegt haben, dass wir zu denen gehören und keine Touristen sind. Ich habe es von beiden Seiten erlebt und mir gedacht: Leute, ihr seid‘s alle deppert. Dann, am Ende der Woche, wollte mein damaliger Mann zurück, und ich war kurz am Überlegen, ob ich nicht einfach bleibe. Es war auf eine Art so vertraut – mit teilweise unerträglichen Macken –, dass ich mir das wirklich hätte vorstellen können.

Sie sind aber nicht geblieben.

Es war dann für mich klar: Nein, ich fahre zurück. Aber es war zumindest der Gedanke da, und das ist mir in keinem anderen Land der Welt so gegangen. Dann sind wir gefahren, und es vergingen keine zwei Wochen und ein Bus ist in die Luft geflogen. Das war die erste Bombe seit langer Zeit, und es war der Bus von dort, wo meine Verwandten wohnten, nach Jerusalem. Da habe ich mir gedacht: Ich fahre nie wieder hin. Und dabei ist es geblieben. Aber ich hätte niemals auf Israel hin ein solches Gefühl entwickelt, wenn das Judentum nicht ein Thema wäre. Ich habe auch mit jüdischen Männern sofort eine ganz andere Ebene als mit nichtjüdischen. Eine familiärere komischerweise, auf eine nicht greifbare Art.

Sind Sie in irgendeiner Form religiös?

Ich kann mit Religiosität wenig anfangen, sobald das beginnt, zwanghaft zu werden – was in jeder Art von Leidenschaft recht schnell passieren kann. Ich bedaure sehr, nicht religiös zu sein. Ich wünsche mir manchmal, es wäre möglich, an etwas in dieser Art zu glauben. Vor allem, weil es mich vor der fürchterlichen Todesangst bewahren würde. Aber es geht nicht, ich würde mich bescheißen. Weder kann ich mir vorstellen, dass da ein Busch gebrannt hat, aus dem Gott gesprochen hat, noch dass es ein süßes Jenseits gibt, ein jüngstes Gericht. Ich glaube, dass die Energien der Welt anders laufen. Man kann sie manchmal spüren, dann kriegt man entweder Ehrfurcht oder Angst. Aber das ist für mich nicht das, was in einem Buch drinsteht und was zwischen den Deckeln eines Buches Platz hätte – auch wenn man sagt, es sei heilig.

Haben Sie eine Verbindung zur jüdischen Gemeinde?

Nein, das ist unter anderem von den Erfahrungen meiner Eltern geprägt. Mein Vater war zuerst durchaus interessiert, Kontakt zu finden, hat sich aber von oben herab behandelt und überhaupt nicht angenommen gefühlt. Ich weiß nicht, was da genau passiert ist, aber ich erinnere mich an seine Kränkung. Dann hat er sich zurückgezogen, und ich habe von mir aus auch nicht mehr Kontakte geknüpft.

Es ist also nur ein diffuses Zugehörigkeitsgefühl zum Judentum.

Ja. Was ich zum Beispiel am Doron [Rabinovici], am Vladimir Vertlib und an der Susanne Scholl wahrnehme, ist etwas ganz bestimmtes Gemeinsames, was ich schwer festlegen könnte. Es ist zu einem großen Teil der Humor, die Witze; es ist vielleicht auch die Bereitschaft, sich für den Humanismus, für die Bildung, für eine bestimmte Art von Wahrnehmung einzusetzen. Und die Zuneigung zu den Kindern. Ich war oft entsetzt darüber, wie unfreundlich Österreicher zu ihren Kindern sind. Der durchschnittliche Österreicher lobt nicht gern. Fast alle Juden, die ich kenne, loben ihre Kinder sehr.

Sie halten das für etwas spezifisch Jüdisches?

Das weiß ich nicht, vielleicht ist es auch etwas Slawisches. Aber ich habe das Gefühl, dass viele jüdische Freunde ihre Kinder besonders liebevoll behandeln. Als Geschenk. Vielleicht kann man das daran festmachen, dass manche Religionen von Anfang an ein Gefühl von Schuld vermitteln. Das vermittelt das Judentum auch – aber durch die Mutter und nicht durch die Religion. Von der Mutter verurteilt zu sein, aber nicht von Gott, ist doch ein besseres Gefühl im Leben. Das mit der Mutter kann man vielleicht irgendwie klären, aber das mit Gott? Schwer. Abgesehen davon ist eine Religion, die Sex gut findet, ja grundsätzlich mal eine recht entspannte Sache. Was auch in den Beziehungen Niederschlag findet. Was da auch in nicht ausgeprägt katholischen nichtjüdischen Familien noch an Schutt von Generationen nachgerollt ist, eine Feindlichkeit der Sexualität gegenüber, war für mich teilweise sehr bedrückend.

Ist Ihre Familiengeschichte trotz allem vom Judentum – vielleicht auch von der Zuschreibung von außen – geprägt?

Ich hatte das Gefühl, dass meine Eltern einen großen Komplex hatten, was Geld anbelangte. Dass es ihnen sehr peinlich war, gerechte Bezahlung zu fordern. Weil sie so eine Panik hatten, sie würden sonst als geldgierige Juden dastehen, ließen sie sich ständig über‘s Ohr hauen. Es war für mich ein langwieriger Lernprozess, darauf zu bestehen, dass das, was ich leiste, einen ganz bestimmten Wert hat.

War der Antisemitismus in Russland ein Grund dafür, dass Ihre Familie emigriert ist?

Ja, natürlich. Den Antisemitismus habe ich auch als Kind mitbekommen und mich geschämt. Wenn sie sagen „Juden sind Sozialschmarotzer, böse und hinterlistig“ und die Eltern gleichzeitig verschämt schweigen, dann kommt bei einem Kind nicht recht Freude auf, eine Jüdin zu sein. Diese Abwertung löste keinen Trotz aus, kein „Ich lebe das umso intensiver“, denn da gab es nichts zu leben, keine Kultur, die das getragen hätte. Bis auf die Tradition der Bildung. Keine Feiertage, keine Routine, keine täglichen Bräuche, gar nichts außer einem Nachnamen und eventuell einem Aussehen. Im Pass – ich habe noch ein Foto davon – hat es fünf Zeilen gegeben: Name, Vatersname, Nachname, Geburtsort und Nationalität. Die Tataren waren die Tataren, die Tschetschenen die Tschetschenen, die Russen Russen und bei jüdischen Bürgern stand darin: Israel. Das die nie im Leben gesehen haben. Es war zwar kein Judenstern, aber durchaus etwas Ähnliches. Sobald man den Pass gezückt hat, war man das Arschloch vom Dienst. Juden waren quasi in einem Boot mit den bösen Kapitalisten und somit für alles Unbill im Lande verantwortlich – davon gab es ja genug. In Russland gibt es diesen Witz, der das sehr genau umreißt: Lange Warteschlange vor dem Wodkakiosk. Eiskalter russischer Winter. Nach einer Stunde Wartezeit ruft der Verkäufer: „Es wird nicht genug Wodka für alle geliefert werden, Juden bekommen nichts.“ Die Juden murren und gehen. Nach einer weiteren Stunde ruft der Verkäufer: „Heute wird gar nichts geliefert, alle sollen heimgehen.“ Tumult, wüste Schreierei. Schließlich der wuterfüllte Brüller: „Na super, die Juden haben es wieder mal besser gehabt!“

Julya Rabinowich
wurde 1970 in St. Petersburg in eine jüdische Künstlerfamilie geboren. 1977 emigrierte die Familie nach Wien. Rabinowich studierte Dolmetschen und Malerei, arbeitete unter anderem als Dolmetscherin bei Psychotherapiesitzungen von Flüchtlingen, verlegte sich dann aber auf die Literatur. Ihre Theaterstücke wurden unter anderem im Schauspielhaus und im Volkstheater uraufgeführt, für ihren ersten Roman „Spaltkopf“ bekam sie 2009 den Rauriser Literaturpreis.

NU 2/2011

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