Ein Stück Gewissheit, nicht unerwünscht zu sein

Nahezu unbemerkt von der jüdischen Gemeinde hat Natalia Najder den Freundeskreis der IKG gegründet, eine Gruppe von jüdischen und nichtjüdischen Sympathisanten. NU traf drei Mitglieder und sprach mit ihnen über ihre Beziehung zum Judentum.

Eine aus der Kirche ausgetretene Gänserndorfer Fremdenführerin, ein katholischer Publizistikprofessor, eine nach eigenem Bekunden jüdische Mitarbeiterin der Internationalen Atomenergiebehörde. Viele Gemeinsamkeiten haben diese drei nicht, doch eines verbindet sie: Jeder von ihnen hat, aus den unterschiedlichsten Gründen, eine enge Beziehung zum Judentum, ohne aber das wichtigste Kriterium für die Mitgliedschaft bei der Israelitischen Kultusgemeinde zu erfüllen – eine lückenlos nachweisbare jüdische Abstammung nach den Regeln der Halacha.

Natalia Najder vom Mitgliederservice der IKG ist es zu verdanken, dass diese Menschen nicht völlig vom jüdischen Leben Wiens ausgeschlossen sind. Sie gründete vor elf Jahren den Freundeskreis der IKG, einen losen, informellen Zusammenschluss von Leuten „im Graubereich der Kultusgemeinde“, dem mittlerweile 122 Personen angehören – Tendenz langsam, aber stetig steigend. Voraussetzung für eine Mitgliedschaft ist ein persönlicher Kontakt zur Kultusgemeinde und „ein wirkliches Interesse an der Sache“. Spenden sind willkommen, doch was zählt, ist „die grundsätzliche Bereitschaft, die IKG zu unterstützen – nicht nur in finanziellem Sinne“.

Da ist zum Beispiel Ida Olga Höfler, die aus dem kaufmännischen Bereich kommt, aber seit 1998 die jüdischen Friedhöfe im Weinviertel betreut, in Schulen Vorträge über das Judentum hält und an einer Dokumentation über die Geschichte der jüdischen Gemeinden in Niederösterreich arbeitet. Biografische Verbindungen zum Judentum hat sie keine, und auch „Antisemitismus hat es bei uns zuhause nicht gegeben“. Erst durch ihr Interesse an Geschichte und über den Umweg einer Fremdenführerausbildung kam sie zu ihrer jetzigen Arbeit. Durch den Freundeskreis fühlt sich Höfler in die IKG eingebunden; sie geht in den Stadttempel und zu kulturellen Veranstaltungen und wurde auch schon zu Sederabenden eingeladen. Was hält sie davon, dass nur halachische Juden IKG-Mitglieder werden können? „Das respektiere ich, das sind die Bestimmungen. Das ist eben eine Religionsgemeinschaft.“

Weniger gelassen steht Maria Elena Schimanovich-Galidescu zu diesem Thema. Als „nicht sehr menschenfreundlich“ empfindet die gebürtige Rumänin die Politik der IKG, von Mitgliedern in spe Nachweise über ihre Abstammung zu verlangen: „So kann man nach dem Holocaust nicht mit jüdischer Identität umgehen.“ Nach Jahren unter nationalsozialistischer und kommunistischer Herrschaft und der Flucht nach Wien 1974 waren in der zum rumänisch-orthodoxen, dann zum katholischen Glauben übergetretenen Familie Galidescu keine offiziellen Dokumente mehr vorhanden. Von ihrer tatsächlichen Religion ahnte Schimanovich- Galidescu daher lange nichts. „Wir Kinder waren es gewohnt, nicht zu fragen, und die Eltern waren es gewohnt, nichts zu sagen.“ Durch ausführliche Recherchen fand Schimanovich-Galidescu aber immer mehr Hinweise darauf, dass ihre Eltern die Shoah als Juden nur knapp überlebt hatten, und dies erklärte so einiges: die fertig gepackten Koffer, die bei den Eltern auf dem Schrank lagen und um nichts auf der Welt weggeräumt werden durften; die lange entbehrten Speisen, auf die Schimanovich- Galidescu erstmals wieder in einem koscheren Lebensmittelgeschäft stieß; und auch die brennende Frage ihrer Kindheit: „Warum halten all die Nachbarn Schweine und wir nicht?“. Der IKG aber genügten diese Indizien nicht, sie verlangte schriftliche Beweise. „Ich weiß nicht, ob alle in der Gemeinde ihre Papiere haben, die würde ich gern sehen. In den Fünfzigern konnte wahrscheinlich jeder an jeder Ecke Papiere besorgen“, ärgert sich Schimanovich- Galidescu. Bei der IKG fühlt sie sich weniger willkommen als bei Chabad oder Or Chadasch. Der Mitgliedschaft im Freundeskreis, von dem sie durch Natalia Najder erfuhr, stimmte sie dennoch zu, „um up-to-date zu sein. Der Freundeskreis ist meine Verbindung zur jüdischen Gemeinde.“ Also kennt auch sie viele der anderen Mitglieder? Schimanovich- Galidescu lacht: „Mir war gar nicht bewusst, dass es da noch mehr Leute gibt.“

Ähnlich erstaunt reagiert Maximilian Gottschlich auf die Frage nach Freunden im Freundeskreis. „Man sollte die Mitglieder zusammenbringen, unter sich als Gruppe und auch im Verhältnis zur IKG.“ Eine jährliche Einladung für den Freundeskreis vonseiten des Oberrabbiners oder des IKG-Präsidenten wünscht sich Gottschlich „als Zeichen der Wertschätzung“.

Gottschlich selbst hat eine ungewöhnliche Geschichte: Als Kind eines jüdischen Vaters und einer katholischen Mutter wurde er liberal erzogen und fand als Erwachsener zur Religion – oder eher: zu den Religionen –, die er heute als Grundlage seiner Wertorientierungen bezeichnet. Er heiratete christlich am Ölberg und war fünf Jahre später wieder in Israel – diesmal, um zu konvertieren. Doch Rabbi Meir Lau wies ihn freundlich ab: „Sie müssen nicht übertreten, wir brauchen Freunde unter den Christen.“ Diese Aussage war es, die Gottschlich zu seiner „inneren Mission“, der Vermittlung zwischen Juden- und Christentum brachte. Nun geht er samstags in den Stadttempel, sonntags in die Kirche und hat sich längst an das Unverständnis vonseiten vieler Mitmenschen gewöhnt: „Viele Juden haben ein bisschen Angst, dass das ein Weg zur Judenmissionierung ist. Aber das Christentum kann man nicht am Judentum vorbei oder gar gegen das Judentum leben. Und auch wenn Christen an Jesus glauben und Juden nicht, so sollten wir uns doch einig sein, wie er zu glauben.“ Vor knapp zehn Jahren wurde Gottschlich schließlich von Natalia Najder auf den Freundeskreis aufmerksam gemacht. „Der Freundeskreis ist ein Stück Heimat für einen Grenzgänger und ein Stück Gewissheit, nicht unerwünscht zu sein.“ Wäre er nicht noch lieber Mitglied der IKG selbst? „Das Angebot würde ich sofort annehmen“, überlegt Gottschlich, eine Öffnung der Kultusgemeinde für „Grenzgänger“ lehnt er aber trotzdem ab: „Das würde die Identität der IKG verwässern.“

Wie kommt es aber, dass der Freundeskreis praktisch im Verborgenen agiert? Najder liefert eine einfache Erklärung: „Ich habe zu viele andere Aufgaben, um mich gezielt um die Vergrößerung des Freundeskreises zu kümmern. Denn jeder Freund der IKG wird von uns genauso gut betreut wie ein Mitglied – aber unsere Priorität liegt klarerweise bei den Mitgliedern. Ich finde es aber auch gut so, denn wenn der Kreis zu groß wird, besteht die Gefahr, dass es unüberschaubar wird.“

NU 1/2010

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