“Gläubig, aber mit dem Bodenpersonal nicht zufrieden”

Im letzten Teil der Reihe „Erzählen Sie mir“ spricht Gertrude Laufer über ihre Arbeit für die Amerikaner, staubsaugende Männer und den Sinn des Militärdienstes.

NU: Frau Laufer, Sie waren von 1939 bis 1947 im Exil in Shanghai. Wie war die erste Zeit zurück in Wien?

Laufer: Wir haben vier Monate lang in einem Hotel im zweiten Bezirk gewohnt, bis meine Eltern ihre Wohnung zurückbekommen haben. Ein Jahr später haben sie auch ihr Geschäft, ein Parfümeriegeschäft, zurückbekommen.

Was haben Sie in dieser Zeit gemacht?

Ich habe in Shanghai Friseurin gelernt und habe dann gleich ums Eck von unserem Hotel einen Posten als Maniküre gefunden. Dann habe ich eine Schulkollegin aus Shanghai getroffen, die mir gesagt hat: Du kannst doch Englisch, stell dich bei den Amerikanern vor, die suchen. Heute sprechen ja viele Leute Englisch, nicht? Aber damals, im Jahr ’47, war das nicht so. Und da hab ich mich vorgestellt bei der Armee. Ich hatte von Büroarbeit überhaupt keine Ahnung. Da war ein junger Lieutenant, der hat gesagt: Ihr Englisch ist perfekt, aber versprechen Sie mir, dass Sie einen Schreibmaschinenkurs und einen Stenografiekurs machen, dann nehm ich Sie. Und das hab ich gemacht.

Und dann haben Sie dort als Sekretärin gearbeitet?

Als Schreibkraft, ja. Der erste Posten war bei der Bahn. Die ganzen Bahnhöfe waren ja im Arbeitsbereich der Amerikaner, und da hab ich als Bürokraft begonnen. Nach vier, fünf Monaten bin ich dann in den Hernals Motor Pool (den Fuhrpark der Amerikaner, Anm.). Dort habe ich zweieinhalb Jahre lang gearbeitet und Arbeitsaufträge übersetzt. Das wurde dann aufgelöst und ich habe einen Posten im Hauptquartier bekommen. Dort habe ich bis ’58 gearbeitet. Inzwischen habe ich mit einem Jugendfreund von mir in Palästina – das war damals noch Palästina – korrespondiert und bin dann ausgewandert.

Wegen dieses Jugendfreunds?

Ja, wegen der Heirat. Ich habe sehr gute Zeugnisse gehabt und Empfehlungen von der amerikanischen Botschaft in Wien und habe in Tel Aviv sofort einen Posten bekommen. Wir sind dann ’65 zurück – mein Mann war auch Wiener – und ich habe in Wien meinen alten Posten in der Botschaft wiederbekommen und dort bis zur Pension gearbeitet. Im Ganzen 33 Jahre.

Was hat Ihr Mann gemacht?

In Tel Aviv hat er einen sehr guten Posten gehabt, da war er Chauffeur vom britischen Botschafter. In Wien hat er als Vertreter in der Textilbranche gearbeitet. Dann hab ich ihm in der Botschaft einen Posten verschafft, Englisch hat er ja sehr gut können. Er hat beim U.S. Information Service gearbeitet. Die Amerikaner haben ja in den Oststaaten Propaganda gemacht, in Ungarn, in Tschechien, in Rumänien. Da hat er den Versand gemacht.

Wie war das Leben in Israel?

Naja, ich bin keine große Politikerin. Es war alles in Ordnung. Die Kriege, die waren ja erst nach ’65, als wir schon wieder zurück in Wien waren. Ich erinnere mich nur, dass man damals gesammelt hat und wir 5000 Schilling gespendet haben. Das war viel Geld.

Erinnern Sie sich an die Gründung des Staates im Jahr 1948?

Nein, eigentlich nicht. Schauen Sie, ich war damals jung. Wahrscheinlich war ich verliebt, da habe ich andere Sorgen gehabt als Politik.

Warum haben Sie Israel verlassen?

Ich habe dort eine Allergie bekommen, einen Heuschnupfen, das war furchtbar arg. Dann war ich zu Besuch bei meiner Mutter in Wien, da war die Nase gut. Das hat uns bewogen, wieder zurückzukommen.

Wie ist die österreichische Gesellschaft mit Ihnen als Jüdin umgegangen?

Ich habe hier schon Antisemitismus erlebt. Auch bei den Amerikanern, da waren ja viele österreichische Angestellte. Als der israelisch-arabische Krieg war, habe ich zum Beispiel eine Kollegin gehabt, die ist ins Büro gekommen und hat vor allen gesagt: Mein Mann hat mir erklärt, wie die Araber die Juden ins Meer treiben werden.

Wusste sie, dass Sie jüdisch sind? Sind Sie damit offen umgegangen?

Das wussten alle, natürlich! Deshalb hat sie‘s ja gesagt.

Haben Sie das Gefühl, dass sich die Einstellung der Österreicher zum Judentum in den letzten 60 Jahren geändert hat?

Ich kann das eigentlich gar nicht sagen. Seit ich im Heim bin, habe ich ja hauptsächlich mit Juden zu tun. Mein Mann und ich haben nicht nur jüdische Gesellschaft gehabt, aber sehr viel. Meine besten Freunde sind Iraner, Schiiten. Die haben über mir gewohnt und wir sind seit über 20 Jahren befreundet.

Da gab es nie Spannungen?

Nein, nie. Ich muss ihnen ehrlich sagen: Wir haben nie darüber geredet, ob wir Juden sind oder nicht.

Würden Sie sich als gläubige Jüdin bezeichnen?

Ich bin gläubig, aber mit dem Bodenpersonal nicht ganz zufrieden. Ich halte Vieles nicht, was man vielleicht halten sollte. Vieles ist mir zu streng, und ich bin nicht der Meinung, dass das von Gott kommt. Ich bin nicht koscher. Aber ich glaube an Gott.

Wie war das Leben als Frau in Österreich in den späten Vierziger-, Fünfzigerjahren?

Schauen Sie, ich möchte Ihnen was sagen. Ich bin eine Feministin, aber ich glaube nicht, dass eine Frau einen Posten so ausfüllen kann wie ein Mann. Weil sie Kinder bekommt. Sie ist dann in Karenz, sie kommt aus ihrem Beruf raus.

Der Mann könnte ja auch in Karenz gehen.

Davon halte ich nicht viel.

Sie haben selber Ihr Leben lang gearbeitet.

Ja, ich habe aber keine Kinder. Ich war immer eine Karrierefrau. Außerdem habe ich erst mit 31 geheiratet. Heute ist das nichts, aber damals war das für eine Frau spät. Ich war schon in meinem Beruf.

Was hat Ihr Mann dazu gesagt, dass Sie gearbeitet haben?

Ich hab ja sehr gut verdient, das hat ihm gefallen.

Ihrer Meinung nach kann eine Frau also entweder Kinder bekommen oder Karriere machen, aber nicht beides?

Sie kann, aber es ist sehr schwer. Man kann halt im Leben nicht alles haben. Sind die Männer heute so häuslich, dass sie zuhause helfen?

Die meisten schon, glaube ich. Wie war das denn damals?

Mein Mann hat mir immer geholfen. Aber das hat Gründe gehabt. Mein Mann war ein Langschläfer, und ich habe immer am Samstag eine Bedienerin gehabt, und da musste er zeitig raus. Das hat ihm nicht so gepasst und da hat er gesagt: Wir brauchen keine Bedienerin, ich helfe dir. Und das hat er auch wirklich gemacht.

Wie hat er im Haushalt geholfen?

Also gekocht habe ich. Und er hat dann am Wochenende Bad und Klo gewaschen und auch gesaugt. Immerhin.

War das ungewöhnlich?

Ich würde sagen, ja.

Hatte die Frauenbewegung eine Bedeutung für Sie?

Das hat mich nicht mehr interessiert, da war ich schon zu alt für diese Sachen. Solche Ausdrücke wie Einzelhandelskauffrau versteh ich nicht. Für mich ist eine Verkäuferin eine Verkäuferin, aber keine Einzelhandelskauffrau. So was ist ja komisch. Früher hat man Kaufmännin gesagt, das finde ich schöner als „Kauffrau“.

Hat es in Israel eine Frauenbewegung gegeben?

Davon weiß ich nichts. Aber die Frauen in Israel waren viel selbständiger und selbstbewusster als hier. Vielleicht, weil sie auch Soldatinnen waren. Dass sie eine Militärausbildung machen mussten, habe ich gut gefunden.

Wären Sie auch dafür, dass in Österreich Frauen zum Militär gehen müssen?

Das würde ich auch gut finden, ja. Ich finde, das erleichtert den Einstieg ins Berufsleben. Sie haben einen Chef, müssen machen, was der Chef sagt. So wie die Zivildiener hier im Heim: Das sind junge Burschen, die schon irgendwie in einen Beruf hineinriechen. Sie müssen pünktlich sein, sie müssen hier die Leute bedienen und so. Sie kommen dann eher in ein Berufsleben hinein.

Gertrude Laufer
wurde 1926 in Wien geboren. 1939 floh die Familie nach Shanghai, kehrte 1947 nach Wien zurück. Laufer arbeitete 33 Jahre lang für die Amerikaner, sieben Jahre davon in Tel Aviv, wo sie einen Jugendfreund heiratete. Seit 2004 wohnt sie im Maimonides-Heim.

In der Serie „Erzählen Sie mir“ baten wir betagte Jüdinnen, über ihre Erfahrungen nach 1945 zu sprechen. Die Gespräche führte unsere Mitarbeiterin Ruth Eisenreich, die beinahe drei Generationen jünger ist. Aus dieser Konstellation ergaben sich neue Perspektiven – für beide Seiten.

NU 1/2011

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