Von fremden Ländern, enttäuschten Erwartungen und offenen Mistkübeln

Über die Schrecken der Nazizeit haben ältere jüdische Frauen wie Hansi Tausig immer wieder berichten müssen. In der neuen NU-Gesprächsreihe „Erzählen Sie mir“ erzählen sie einer um beinahe siebzig Jahre Jüngeren von der Zeit nach 1945.

NU: Sie sind 1946 aus England nach Österreich zurückgekommen. War für Sie von Anfang an klar, dass sie zurückwollen?

Tausig: Bei Kriegsschluss war ich schon entschlossen, da war ich schon in der Organisation und darauf vorbereitet.

Was für eine Organisation?
Young Austria. Das war eine Organisation von Jugendlichen, und die Ausrichtung war „Zurück nach Hause“. Also erst einmal österreichische Kultur verbreiten bei englischen Jugendlichen: Wir hatten eine Spielgruppe und einen Chor, wir haben österreichische Klassiker gespielt, waren zu vielen Jugendclubs eingeladen und haben dort über Österreich gesprochen, ein paar Lieder gesungen, volksgetanzt, … Das war im Großen und Ganzen die Vorbereitung.

Wie hat es sich dann angefühlt, nach sieben Jahren wieder in Österreich zu sein?
Fremd. Alles völlig anders als erwartet. Dass es nicht gestimmt hat, was wir vorhatten, das sah man schon in der ersten Woche. Wir hatten uns auf Arbeit mit den Jugendlichen vorbereitet, Heimabende und so, Singsong, Spiele. Und die sind am Abend klauen gegangen und haben geschaut, dass sie über die Hürden kommen. Das waren ja noch ganz schlechte Zeiten. Es war eine völlig neue Situation für die meisten von uns. Und wir haben also alles, was wir so vorbereitet hatten, schön in die unterste Lade gelegt und völlig anders agiert.

Wie waren damals Ihre Lebensumstände?
Ich habe gearbeitet. Mein erster Job war in der Österreich-Sowjetischen Gesellschaft, das war eine Freundschaftsgesellschaft zwischen, wie der Name sagt, Österreich und der Sowjetunion. Die hatten auch eine Jugendsektion und dort war ich. Das war eher eine Werbegeschichte, nicht sehr interessant, ein Brotberuf. Von irgendwas musste man ja leben. Es hat schon zu meinem politischen Verständnis dazugehört, aber ich habe mich nicht als verlängerter Arm der Russen in Österreich gefühlt, das war absurd, das war die Besatzungsmacht. Ich kann es nur wiederholen, es war alles einfach anders, als wir es erwartet hatten, man musste völlig anders agieren, auch selbst anders denken, einen anderen Standpunkt kriegen. Ist das schwer verständlich für Sie?

Nein, gar nicht. Ich versuche nur, dieses „anders“ zu fassen – was war der Unterschied, wie hatten Sie es sich vorgestellt?
Ich sage es mal ganz krass: Ich habe mir vorgestellt, dass die Leute sich befreit fühlen. Aber sie fühlten sich nicht befreit, sondern besetzt. Das ist ein völlig anderer Ausgangspunkt. Wir sind auch von sehr vielen Leuten empfangen worden mit diesem „Warum seid ihr denn zurückgekommen? Euch ging es doch in England viel besser als bei uns. Ihr habt ja nicht mitgemacht, was wir mitgemacht haben.“ Das kam am Anfang immer wieder, immer wieder. Die letzte Zeit war ja schlimm, die wurden zerbombt, haben zu wenig zu Essen gehabt und so. Dass sie das letztendlich mitverursacht haben, das ist dem Einzelnen überhaupt nicht in den Sinn gekommen. Dass wir ja nicht die Glücklichen waren, die da „tri-tra-tralala“ nach England … Sie haben uns ja vertrieben. Das war in den Köpfen schlicht und einfach nicht vorhanden. Ich sehe das nicht als versteckten Antisemitismus – zu dieser Zeit haben sie andere Sorgen gehabt –, sondern als ein wirklich vollkommenes Unverständnis.

Wann hat sich das geändert?
Überhaupt nicht. Wenn man von Aufklärung reden kann, dann eher in der zweiten, dritten Generation, die nachfragt, und wo Leute in die Schulen gehen und mit ihnen reden. Die ersten, die in die Schulen gegangen sind, sind auf völliges Unverständnis gestoßen – bei den Lehrern, nicht bei den Kindern! Die Lehrer waren ja selbst belastet, nicht? Und wenn man mit den Kindern wirklich redet, ist es naheliegend, dass die zu ihrem Großvater oder Vater sagen: „Wo warst du?“, oder zum Lehrer: „Herr Professor, wo waren Sie?“.

Erinnern Sie sich an die Gründung des Staates Israel? Mich würde sehr interessieren, wie sich das damals angefühlt hat, was Sie sich damals dazu gedacht haben.
Das ist eine sehr schwierige Frage. In der Gruppe der Emigranten gab es ja von den politisch überhaupt Interessierten eigentlich zwei Strömungen, die Zionisten oder zionistisch Angehauchten und eben die Linken. Die zionistische Bewegung war für mich – ich muss jetzt versuchen, das richtig zu sagen, so dass es nicht missverstanden wird – etwas Fremdes. Ich habe zu keinem Zeitpunkt daran gedacht, nach Israel zu gehen. Was mache ich dort? Ich habe es noch in Wien kennengelernt, da war ich sechzehn, siebzehn und habe Freunde gehabt, die schon bei so einer Organisation waren. Da bin ich ein, zwei Mal mitgegangen und das war mir völlig fremd. Den Gedanken von Herzl und diese ganze Basis habe ich überhaupt nicht mitgekriegt. Das war nur: Ich gehe aus Österreich weg und nach Afrika oder so, in die Wüste. Also das war für mich nicht realistisch und ist auch in England nicht realistischer geworden. Das von der Staatsgründung haben wir schon mitgekriegt, aber ich war von Anfang an nicht der Meinung, dass das Probleme löst. Auch dadurch, dass ich ja eine Linke war und die arabischen Länder eher zu den Russen tendiert haben und Israel zu den Amerikanern. Und im Kalten Krieg war das ja etwas, was dauernd da war: entweder Russland oder Amerika, da war ja nichts dazwischen.

Hielten Sie die Staatsgründung für eine schlechte Idee?
Nein, ich dachte nur, dass es nichts bringt. Ich war zu keinem Zeitpunkt auch nur im Entferntesten der Meinung, dass man den Staat auflösen soll, zumal es ja jetzt diese tausenden oder hunderttausenden Leute gab, die dort Zuflucht gefunden hatten. Aber es ist wie im schönen alten Witz: „Wenn die Engländer schon den Juden ein Land geben, das nicht ihnen gehört, warum nicht die Schweiz?“ Weil die Tatsache, dass da vor zweitausend Jahren und so … das hat mich überhaupt nicht berührt. Dadurch, dass ich überhaupt nicht religiös erzogen wurde – wir waren Juden, jeder hat es gewusst, aber wir waren nicht religiös –, hat mir das nichts bedeutet und bedeutet mir auch bis heute nichts.

Waren Sie einmal in Israel?
Einmal. Die Reise hat mir mein Sohn zu meinem sechzigsten Geburtstag geschenkt, eine Rundreise mit einer Gruppe. Ich habe versucht, sehr unvoreingenommen zu sein, mir das einfach anzuschauen. Und viele Dinge haben mir sehr imponiert, sehr gut gefallen. Manche andere Dinge haben mich entsetzt und total abgestoßen. Aber es war ein fremdes Land. Ich habe zu keinem Zeitpunkt das Gefühl gehabt, hier gehöre ich her, hier könnte ich glücklich sein. Wir waren in einer Talmudschule, da drinnen waren also die Schüler und haben studiert, gebetet. Wir sind durch diesen Saal gegangen und ich habe mir gedacht: „Das kann nicht wahr sein. Da draußen scheint die Sonne, und die sind schwarz angezogen, alle bleich und beten da herum für nix und wieder nix.“ Ich habe mich geärgert! Also mich hat das total abgestoßen. Und meine Freundin war begeistert, richtig gerührt.

Viele Leute meinen, dass Jugendliche heute mit dem Lernen über den Nationalsozialismus zu sehr „überschüttet“ werden und deswegen in eine Art Abwehrhaltung gehen. Was sagen Sie dazu?
Ich würde es nicht in zu viel oder zu wenig einstufen, sondern in richtig oder falsch. Es gibt sicher Leute, die das sehr gut machen, die mit Jugendlichen gut können. Die von der Situation der Jugendlichen ausgehen, wenn sie über so etwas reden, zum Beispiel über ihr Leben, als sie in einen Kindertransport gesteckt wurden. Das finde ich wunderbar. Aber dann gibt’s Leute, die theoretisieren. Das bringt wahrscheinlich nichts, da klappen die Ohren zu.

Halten Sie das Verbotsgesetz (noch) für sinnvoll?
Natürlich, ja, absolut. Leider! Ich wünschte, es wäre obsolet.

Eine der Schmierereien, die vor einiger Zeit in Mauthausen entdeckt wurde, begann mit den Worten: „Was unseren Vätern der Jud, ist für uns die Moslembrut“. Sehen Sie Ähnlichkeiten zwischen dem Judenhass der Zwanziger- und Dreißigerjahre und dem heutigen Antiislamismus?
Nein, der Vergleich stimmt meines Erachtens nicht. Die Moslems sind Millionen und haben einen ganz anderen Background als die Juden. Sie haben die bessere Position.

Inwiefern? Die Juden konnten doch damals die Sprache, viele hatten gute Jobs, waren wohlhabend, während heute viele Muslime zur Unterschicht gehören.
Die Unterschicht werden sie bleiben, solange sie nicht ihre Kinder in die Schule schicken. Den wenigen, die studiert haben, geht es ja gut. Und bei den Juden sind die Professoren von irgendeinem Halbidioten geprügelt worden. Die Gefährdung ist schon anders – nicht angenehmer für den Einzelnen, aber anders.

Zum Abschluss noch ein ganz anderes Thema: Welche Bedeutung hatte die Frauenbewegung der Sechzigerjahre für Sie? Hatte sie konkrete Auswirkungen auf Ihr eigenes Leben?
Nein, gar nicht. Ich lebe allein, bin schon seit Jahren geschieden und mich persönlich hat das nicht betroffen. Aber ich war ein absoluter Fan von der Johanna Dohnal. Ich finde die bis heute phantastisch – dass sie vieles durchgesetzt hat, gegen verkrustete Ansichten auch in ihrer Partei. Und diese Idee mit halbe-halbe hat schon eine nachhaltige Wirkung gehabt. Das gefällt mir gut, wenn ich heute auf der Straße junge Männer sehe, die Kinderwagen schieben. Mir hat auch die Emma-Herausgeberin, die Alice Schwarzer, sehr gut gefallen. Aber manche der so genannten Emanzen sind mir maßlos auf die Nerven gegangen. Ich erinnere mich an eine Diskussion im Fernsehen mit einer von den Wiener Grünen, und da gab es eine Frage zur Umweltverschmutzung. Und die hat gesagt: „Man braucht doch nicht ununterbrochen Wäsche waschen. Früher hat man auch nicht ununterbrochen die Wäsche gewaschen.“ Und dann ist die Kamera boshafterweise auf sie gegangen und sie hat wirklich einen total verdreckten Pullover angehabt.

Hansi (Johanna) Tausig
wurde 1920 in Wien geboren. 1938 emigrierte sie nach London, wo sie als Haushaltsgehilfin und Fabrikarbeiterin tätig war. Im März 1946 kehrte sie nach Wien zurück. Sie arbeitete in der Jugendsektion der Österreich-Sowjetischen Gesellschaft, in einem KPÖ-Bezirkssekretariat und als Angestellte in einer Spedition. Sie ist geschieden, hat einen Sohn, einen Enkel und einen Urenkel.

NU 2/2010

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