“Du bist jetzt das Alpenmädel!“

Die große Journalistin Barbara Coudenhove-Kalergi, 80, über Kommunismus, Adel, Machos und ihre Heimat
Interview: Ruth Eisenreich, Sibylle Hamann

Adelsspross, Flüchtlingskind, Chronikreporterin, Korrespondentin, Osteuropa-Expertin, Deutschlehrerin, Vermittlerin zwischen Kulturen: Barbara Coudenhove-Kalergis bewegtes Leben ist eng mit der mitteleuropäischen Zeitgeschichte und der des österreichischen Journalismus verknüpft. Zu ihrem 80. Geburtstag lud sie den Falter zum Interview.

FALTER: Frau Coudenhove-Kalergi, mit welchen Gefühlen haben Sie die Pelinka-Debatte verfolgt?

Barbara Coudenhove-Kalergi: Fragts mich nicht über den ORF! Mich langweilt der ORF. Ich schau wenig fern, und wenn, dann den “Tatort“.

Dann reden wir nicht über den ORF heute, sondern über die Zeit, als Sie aus Osteuropa berichtet haben.

Coudenhove-Kalergi: Ich wäre nie zum Fernsehen gegangen, wenn nicht der ORF die größte Orgel gewesen wäre, mit dem meisten Geld, wo man in der Welt herumfahren kann. Das war immer mein Traum. Bei der Tageszeitung, meinem Lieblingsmedium, war das mühsam. Da musste man kämpfen, dass man sich an einen Staatsbesuch anhängen und noch zwei Tage bleiben durfte.

Wollte man in Österreich in den 70er-Jahren überhaupt wissen, was hinter dem Eisernen Vorhang passierte?

Coudenhove-Kalergi: Eher nicht. Aber Gerd Bacher hat gemeint, das sind interessante Nachbarstaaten. Ich fand alles spannend, was mit Dissidenz zu tun hatte. Und als es dann losgegangen ist, war das toll. Das ist ein Glücksfall, einmal im Leben dabei zu sein, wenn irgendwo Revolution ist.

Wie kann man sich Ihre Arbeit in einem kommunistischen Land vorstellen?

Coudenhove-Kalergi: In Ungarn, im Land des Gulaschkommunismus, haben wir reden können, mit wem wir wollten. In Polen zum Teil auch. Tschechoslowakei: Furchtbar, da ging’s wirklich brutal zu. Die haben mich viele Jahre überhaupt nicht reingelassen, weil wir etwas gedreht haben, was ihnen nicht gefallen hat. Dann, kurz vor 89, haben wir bei einer Demonstration gedreht, da haben sie uns die Kamera kaputtgemacht und den Kameraassistenten zusammengeschlagen. Man kann also nicht sagen “der Ostblock“. Mir war immer wichtig, zu erklären: Die kommunistischen Regimes sind nicht nur Zentralkomitees, das sind Leute, Völker, Geschichte. Beim Fernsehen ist man als Korrespondent immer in Gefahr, dass man Klischees bedienen soll.

Wenn man Dissidenten traf, brachte man sie auch in Gefahr. Wie geht man damit um?

Coudenhove-Kalergi: Ja, da hat man eine Verantwortung, dass man Leute nicht in irgendwas hineintheatert, was ihnen schaden könnte. Besonders junge Leute, die einem alles mögliche erzählen wollen. Da muss man fragen: Kinder, seid ihr sicher, dass ihr das wollt? Wir haben den Vaclav Havel interviewt, als er grad aus dem Gefängnis kam und versprechen musste, dass er sich nicht mehr öffentlich äußert. Da hab ich gesagt: Sind Sie sicher, dass Sie jetzt ein Fernsehinterview machen wollen? Aber der hat schon gewusst, was er macht.

Als Korrespondentin waren Sie immer weit weg von der ORF-Zentrale.

Coudenhove-Kalergi: Als ich auf den Küniglberg gekommen bin, habe ich kurze Zeit die Osteuropa-Redaktion geleitet. Da war es furchtbar wichtig, wie viele Module man hat. Ein Modul ist ein Stück Büro mit einem Fenster. Ich hab gesagt: Also, ich brauch ein Modul, und das Sekretariat hat zwei, und die Reporter auch zwei. Da haben die gesagt: Bist du wahnsinnig, das kannst du nicht machen, man ist nur was, wenn man viele Module hat! Diese Art zu denken, war mir fremd, ich fand’s eher albern.

Damit haben Sie bewiesen, dass Sie für die klassische Karriere ungeeignet sind.

Coudenhove-Kalergi: Ich komme aus einer Zeit, wo ich an so etwas wie Karriereplanung überhaupt nicht gedacht habe. Man war froh, dass man einen Job gehabt hat.

Wie ist Ihr Berufseinstieg verlaufen?

Coudenhove-Kalergi: Mit einem abgebrochenen Studium – damit könnte ich heute wahrscheinlich nicht einmal bei einem Bezirksblättchen landen. Meine Eltern haben kein Geld gehabt, wir waren Flüchtlinge. Ich hab studiert und hundert Jobs gemacht, dann hab ich was geschrieben und es der Presse geschickt, die haben das gedruckt, und irgendwann haben sie mich angestellt. Da war ich Chronikreporterin und selig.

Sie waren die einzige junge Frau unter einem Haufen gestandener Polizeireporter.

Coudenhove-Kalergi: Ja, genau. Ich bin mit drei Brüdern aufgewachsen und war auch in einer Schule das einzige Mädchen, also war mir das bekannt. Die waren eh nett, die Kollegen. Aber der Ressortchef, ein alter Herr, hat immer die Mutzenbacher gelesen. Und wenn ich mit meinen Manuskripten zu ihm gekommen bin, musste ich einen weiten Abstand halten, um Grapschereien vorzubeugen. Es war auch eine Hetz für die Burschen zu schauen: Wann wird sie rot? Das war nicht einmal bös gemeint. Das war einfach so.

Sie stammen aus einer alten, weltläufigen Adelsfamilie. Gab es da Ressentiments?

Coudenhove-Kalergi: In der AZ gab’s immer die Scherze – die rote Gräfin und so. Vielleicht war ich naiv, aber ich habe das nie als feindselig empfunden.

Wie kann man sich die Welt Ihrer Familie in Prag vorstellen? Waren Sie reich?

Coudenhove-Kalergi: Gar nicht. Aber meine Großeltern waren Schlossbesitzer und haben eigentlich im 18. Jahrhundert gelebt. Bei meiner Großmutter war jedes zweite Wort französisch. So luxuriös haben die gar nicht gelebt, aber Personal gab’s, es hat gewimmelt von Leuten, die eingeheizt haben, Schuhe geputzt und ich weiß nicht was.

Für den ORF gingen Sie zurück nach Prag.

Coudenhove-Kalergi: Das war aus biografischen Gründen interessant. Als nach 89 die Idee aufgekommen ist, dass ich als Korrespondentin hingehe, hab ich überlegt: Ich hab in Wien ein angenehmes Leben, muss ich mich in das Chaos hineinsetzen, mühsam Wohnung, Mitarbeiter, Büro suchen? Aber dann habe ich gemerkt: Ich bin noch nicht fertig mit dieser Stadt. Die haben mich ja hinausgeschmissen, da ist noch was offen, ich will das noch einmal wissen.

Hatte sich Prag seit Ihrer Jugend verändert?

Coudenhove-Kalergi: Damals haben wir als Deutsche in einer tschechischen Stadt in einer eigenen Welt gelebt. Es war kein Miteinander, sondern ein Nebeneinander. Ich hab eine gute Freundin, eine Tschechin. Wir haben unsere Erinnerungen verglichen: Wir hätten auf verschiedenen Kontinenten leben können, obwohl es dieselbe Stadt war.

Was war unterschiedlich?

Coudenhove-Kalergi: Die Wahrnehmung. Die Erste Republik 1919 bis 1938 war für die Tschechen eine Blütezeit, politisch und in der Kunst. Für Österreich war es eine ganz schlechte Zeit, “der Staat, den keiner wollte“. Oder die Nazizeit: Nach dem Attentat auf den stellvertretenden Reichsprotektor Reinhard Heydrich 1942 wurden Tausende verhaftet und viele Hunderte umgebracht. Meine Freundin Vera hat erzählt, wie sie jeden Tag zitternd die Zeitung gelesen haben, ob Freunde unter den Hingerichteten sind. Waren sie auch. Da waren wir nur Zuschauer. Als ich später wieder hingekommen bin, habe ich die Geschichte auch von der tschechischen Seite gesehen.

Auch was die Vertreibung der Deutschen betrifft, gibt es diese beiden Seiten.

Coudenhove-Kalergi: Das war für die Tschechen ein Tabuthema. Eine Mitarbeiterin, eine sehr nette, gscheite Person, hat gesagt: “Weil ich dich jetzt kenne, habe ich ein Buch gelesen, da stand drin, dass drei Millionen Deutsche vertrieben worden sind. Ich hab immer gedacht, das waren ein paar Nazis, die sowieso heim ins Reich wollten.“

Sie haben jetzt beide Narrative im Kopf und erklären den einen die Sicht der anderen.

Coudenhove-Kalergi: Ja. Deswegen tut’s mir leid, dass der Beruf des Auslandskorrespondenten ausstirbt. Die Medien müssen sparen, also verlässt man sich auf die Agenturen oder schickt einen hin, der das Ereignis kommentiert und dann wieder wegfährt. Beim arabischen Frühling hat man dem Karim El-Gawhary angesehen und angehört, dass er dort lebt, die Sprache kann, die Leute kennt. Das ist ein Wert im Journalismus, von dem ich fürchte, dass er verlorengeht.

Sie unterrichten heute bei “Mama lernt Deutsch“ Migrantinnen. Ihre Schülerinnen müssen sich auch in einer fremden Umgebung zurechtfinden.

Coudenhove-Kalergi: Als ich nach Österreich kam, waren wir in der Provinz, im Lungau. Da war Heimat das große Thema: die Berge, die Kühe, die Alm und das Edelweiß. Mir ist bedeutet worden: Du bist jetzt ein österreichisches Alpenmädel, das die Berge liebt. Ich war ein Stadtkind, ich hab die Berge gehasst. Das war eine schwere Zeit für mich. So ähnlich geht es heute wahrscheinlich den Menschen, die aus noch viel entfernteren Kulturen zu uns kommen.

Die sind auch unsicher, wo sie hingehören?

Coudenhove-Kalergi: Ja. Aber von ihnen wird permanent verlangt, sich zu entscheiden. Die Frage “Wenn Österreich gegen Kroatien spielt, zu wem halten Sie?“ ist überholt. Wir leben in einer Periode der Völkerwanderung, ein Migrationshintergrund ist längst die Norm. Ich habe die Ausbildung zur Deutschlehrerin aus Wut gemacht. Weil ich unsere Fremdenpolitik letztklassig fand. Ich hab gedacht: Wenn schon keppeln, dann soll man auch was tun.

Die Frauen in Ihren Kursen finden die österreichische Gesellschaft sicher auch seltsam?

Coudenhove-Kalergi: Eine hat gefragt: Kommt Weihnachten von Wein? Weil da die vielen Punschbuden stehen. Da habe ich die Weihnachtsgeschichte erzählt und gefragt: Hättet ihr was dagegen, wenn eure Kinder das in der Schule lernen? Sagen sie: Nein, das ist eine schöne Geschichte. Bis dahin dachten sie, das größte Fest des Landes ist, dass man sich ansauft und Geld ausgibt. Und bei uns lernt man nichts über muslimische und jüdische Feste. Ich bin dafür, dass man in einer multikulturellen Gesellschaft über verschiedene Kulturen lernt.

Deswegen finden Sie auch Stierkampf gut?

Coudenhove-Kalergi: Jössas, der Stierkampf. Ich bin wild auf Stierkampf. Aber da gab’s einen Sturm der Entrüstung, als ich das einmal geschrieben habe.

Was gefällt Ihnen daran?

Coudenhove-Kalergi: Das spanische Ritterlichkeitspathos. Keine Werbejingles, keine Popmusik, drei Trompeter geben das Signal. Wenn der Stier den Torero in die Enge treibt, gibt’s Ovationen. Und in der Zeitung gibt’s eine Doppelseite mit Kritiken, da ist jeder Stier mit Namen abgebildet. Den Stieren wird ungeheuer viel Ehrfurcht entgegengebracht. Aber das darf man alles nicht mehr, und ich hab’s eingesehen.

Weil es grausam ist?

Coudenhove-Kalergi: Ja, es ist grausam, aber ein Stierkampf dauert 20 Minuten, dann kriegt der Stier den Todesstoß. Davor läuft er auf der Wiese herum und hat ein herrliches Leben. Ich weiß nicht, ob der’s nicht besser hat als der Ochse im Stall.

Zur Person

Barbara Coudenhove-Kalergi

wurde 1932 in Prag als Kind einer aristokratischen Familie geboren und 1945 als Angehörige der deutschsprachigen Minderheit von dort vertrieben. Sie schrieb für die Presse, den Kurier, Neues Österreich und die Arbeiter-Zeitung (AZ). Für den ORF berichtete sie aus dem kommunistischen Osteuropa. Heute lehrt sie Deutsch für Migrantinnen und schreibt eine Kolumne im Standard

Falter, 1.2.2012
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