Mit einem Kopf voller Ideen und leeren Taschen

Eine Gruppe junger Journalisten will die Medienlandschaft aufpeppen und sagt schlechten Arbeitsbedingungen den Kampf an

Zuerst der offene Brief, dann das Onlinemagazin, nun die Podiumsdiskussion: Seit Wochen sorgt das Team von Paroli überall, wo Journalisten zusammenkommen, für hitzige Debatten. Die jungen Journalisten wollen die prekären Arbeitsbedingungen in der Branche – gegen die sich im Jänner auch die freien Mitarbeiter des ORF auflehnten – nicht länger hinnehmen und protestieren lautstark.

Wie der Falter berichtete, werden viele Journalisten jahrelang nicht angestellt, obwohl sie fixer Bestandteil ihrer Redaktionen sind; Onlineredakteure werden oft nicht nach dem Journalisten-Kollektivvertrag bezahlt, sondern nach deutlich schlechteren, wie dem für IT oder den Handel.

In einem offenen Brief an Herausgeber und andere Verantwortliche forderte das Paroli-Team Anfang März ein Ende dieser Zustände und eine faire Entlohnung von Journalisten; fast 700 Menschen unterschrieben den Brief, die Journalistengewerkschaft und die Arbeitgebervertretung, der Verband Österreichischer Zeitungen (VÖZ), sahen sich gezwungen zu reagieren.

Die Fronten in den KV-Verhandlungen sind seit Jahren verhärtet. Das zeigte sich auch bei der Podiumsdiskussion, zu der Paroli letzte Woche lud. Die Medien hätten Geldprobleme, daher müssten etablierte Journalisten zurückstecken, argumentierte VÖZ-Verhandler Hermann Petz, der mit seinen Aussagen mehrmals für Unverständnis im Saal sorgte.

Gewerkschaftsvertreter Franz C. Bauer hielt dagegen: Die Unternehmer dürften die Arbeitnehmer nicht mit der Aussage “Hier ist der Kuchen, verteilt ihn selbst“ gegeneinander ausspielen. Bauer fühlt sich vom VÖZ “verarscht“, weil einige der Probleme bereits vor Jahren kollektivvertraglich geregelt worden seien, die Arbeitgeber den KV aber umgingen.

Auch Bauer musste Kritik einstecken – viele Freie fühlen sich von ihm nicht vertreten. Die Gewerkschaft stehe hinter ihnen und versuche zu helfen, sagte Bauer, “aber wehren muss sich der, dem man auf die Zehen tritt“.

“Dahinter stehen ist super, Taten setzen wäre superer“, antwortete ihm Paroli-Sprecherin Sahel Zarinfard. Man dürfe die Verantwortung nicht auf den Einzelnen abwälzen, “das ist ein System-, kein Individualproblem“.

Das Paroli-Team protestiert aber nicht nur: Es hat sein eigenes Onlinemagazin gegründet. “Wir fanden die Medienlandschaft in Österreich langweilig, die Onlinemedien schöpfen die Möglichkeiten des Internets nicht aus“, erklärt Zarinfard dem Falter. Diese Lücke will Paroli füllen.

Die bunt gestaltete Website verzichtet auf eine Ressorteinteilung und arbeitet stattdessen mit “Formaten“: Unter “Dargestellt“ finden sich Porträts, Reportagen und Interviews in Text- und Videoform, unter “Aus den Augen“ Informationen zu Themen, die aus dem Fokus der Medien geraten sind, unter “Mæp’tekst“ skurrile Situationen aus dem Alltag. Dazu kommen Infografiken und wöchentliche Blogs aus Berlin, Moskau und Istanbul.

Bisher finden sich auf www.paroli-magazin.at etwa Interviews mit Rudi Fußi und Ute Bock, eine Reportage über irreguläre Migranten in der spanischen Exklave Ceuta und eine Entgegnung auf die letztwöchige Falter-Kolumne von Doris Knecht.

Bei vielen der Texte nennt das Team seine Quellen – um seine “lückenlose Recherche unter Beweis zu stellen“.

Geld hat das Paroli-Team bisher weder für die monatelange Arbeit an Konzept und Website noch für Beiträge bekommen. Man denke über Verdienstmodelle nach, sagt Zarinfard, ohne Förderungen und Verlag im Hintergrund sei es aber schwer: “Paroli wurde mit einem Kopf voll Ideen und leeren Taschen gegründet“.

Falter, 28.3.2012

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