Die Gier der Diebe

Künstler gegen Piraten: die Debatte um Gratiskultur wird ehrlicher

“Das Urheberrecht ist tot!“, skandieren die Verfechter der Gratiskultur. 125 Jahre nach Inkrafttreten des ersten internationalen Urheberrechtsabkommens, der “Berner Übereinkunft“, wollen sie das Recht am geistigen Eigentum abschaffen.

Die Idee des Eigentums des Urhebers an einem Werk fasste erst im 18. Jahrhundert mit dem romantischen Geniekult Fuß. Zuvor durfte jeder jedes Werk beliebig nachdrucken, nur gelegentlich vergaben Herrscher “Privilegien“ – exklusive Druckrechte für ein bestimmtes Werk – an Verleger.

Solche Zustände könnten wieder herrschen, sollten sich die Piratenparteien durchsetzen. Denn sie fordern die totale Freiheit im Netz, die einer Abschaffung des Urheberrechts gleichkäme.

Gemeinsam mit den Achtungserfolgen der Piraten haben die europaweiten Proteste gegen das Anti-Piraterie-Abkommen Acta die Debatte um die Urheberrechte befeuert. Acta soll diese stärken, könnte aber dank schwammiger Passagen Internetanbieter dazu zwingen, den Datenstrom ihrer Kunden zu überwachen und für deren Urheberrechtsverstöße zu haften. Vor allem aber sorgte Acta für Kritik, weil es hinter verschlossenen Türen verhandelt wurde. Mehrere Länder haben nun die Ratifizierung ausgesetzt.

Die Fronten in der Schlacht um das geistige Eigentum sind klar. Auf der einen Seite: die Netzgemeinde mit ihrer Gratiskultur.

Auf der anderen: Künstler wie der deutsche Musiker Sven Regener und die österreichische Initiative Kunst hat Recht, für die sich etwa der Schriftsteller Karl-Markus Gauß, der Regisseur Harald Sicheritz und die Musikerin Soap&Skin engagieren.

Die Einnahmen aus Kunst würden sowieso eher Plattenfirmen und anderen Großkonzernen zugute kommen als den Künstlern selbst, sagen die Piraten. Doch auch die Downloadbranche ist nicht frei von Profitstreben. So sollen die Betreiber von Megaupload an der im Jänner abgeschalteten Tauschplattform mindestens 175 Millionen Dollar verdient haben. Auch der Internetkonzern Google casht über Plattformen wie Youtube – das vor zwei Wochen einen Prozess gegen die deutsche Verwertungsgesellschaft Gema verlor – und Google Books ab.

Piraten & Co berufen sich auch auf die normative Kraft des Faktischen: Heutzutage lade sowieso jeder urheberrechtlich geschützte Werke herunter, die Verfolgung von Urheberrechtssündern sei technisch schwierig und aus Datenschutzgründen problematisch. Die Piraten fordern daher die Legalisierung der Gratisdownloads. “Wovon sollen wir leben, wenn wir kein Geld mehr für unsere Arbeit bekommen?“, fragen daraufhin immer mehr Künstler.

Zwei Vorschläge zur Lösung dieses Dilemmas heißen Kulturflatrate und Festplattenabgabe. Bei der Kulturflatrate, um die es in letzter Zeit aber eher still geworden ist, würden Internetprovider von jedem Nutzer monatlich eine Gebühr einziehen, die Künstlern zugute käme.

Gerade neu entbrannt ist der Streit um die Festplattenabgabe: Sie wurde 2010 eingeführt, doch die Computerfirma Hewlett-Packard klagte dagegen und bekam (nicht rechtskräftig) Recht. Erst vor zwei Wochen setzte sich Kulturministerin Claudia Schmied (SPÖ) für die (Wieder-)Einführung der Abgabe ein. Wirtschaftskammer, Elektroindustrie und -handel sind dagegen.

Dabei wäre die Regelung gar nichts Neues, sondern nur eine Erweiterung bestehender Urheberrechtsabgaben. Schon jetzt zahlen wir beim Kauf von CDs und Druckern Leerkassetten- und Reprografievergütung. Die Einnahmen werden über Verwertungsgesellschaften an die Künstler verteilt.

Der Grund: Als Mitte des 20. Jahrhunderts Kassettenrekorder und Kopierer aufkamen, konnten plötzlich auch Privatpersonen Musik und Texte vervielfältigen. Weil man Kopien für den Privatgebrauch nicht kriminalisieren, Künstler aber auch nicht um ihre Existenz bringen wollte, schuf man diese Vergütungsmodelle. Irgendwie kommt einem das bekannt vor.

Schwerpunkt Netzpolitik, Falter, 2.5.2012
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