Seid keusch und kuscht

Der “Fall Stützenhofen“ sieht aus wie eine Seifenoper, ist aber ein Ausdruck der Kirchenkrise

Am Altar der Pfarre von Stützenhofen hängt ein Schmetterling aus Papierschnipseln. Zwei Erstkommunionsmädchen haben ihn gebastelt. Unter den Holzbänken wärmen Heizstrahler den Gläubigen die Füße, über der Kanzel verrät ihnen ein LED-Schirm, welches Lied, welcher Vers gerade dran ist.

Zu Beginn der Messe verliest Dechant George van Horick eine Erklärung. Sie richtet sich vor allem an die Journalisten, “falls welche hier sind“. Gerhard Swierzek, den Pfarrer von Stützenhofen, habe die Aufregung der letzten Wochen sehr mitgenommen, er sei jetzt in Erholungsurlaub. Deshalb werde er, der Dechant von Poysdorf, Swierzek die nächsten Wochen vertreten. Mehr werde er zu diesem Thema nicht sagen, er bitte um Verständnis.

Stützenhofen ist ein kleines Dorf, knapp über 100 Einwohner, etwa die Hälfte von ihnen sitzt heute in der Kirche. Man kennt einander, Fremde fallen auf. Eine alte Dame dreht sich bei jedem Lied, jedem Gebet um: Spricht die Unbekannte mit?

Vor der Kirche wartet ein Fernsehteam des ORF, ein Reporter des tschechischen Rundfunks. Kaum ein Dorfbewohner will mit den Medien sprechen, wenige Minuten nach Ende der Messe ist der Platz vor der Kirche leer. Im Pfarrcafé im grünen Haus gegenüber sitzen 20 Männer, trinken Spritzer und spielen Karten, doch während Fremde in der Messe aufmerksam beobachtet wurden, werden sie hier ignoriert.

Auch Florian Stangl wehrt Bitten um Gespräche ab, freundlich, aber bestimmt. Der 26-Jährige hat genug vom Medientrubel, der vor einem Monat mit seiner Wahl zum Pfarrgemeinderat begann. Pfarrer Swierzek wollte sie nicht akzeptieren, weil Stangl in einer eingetragenen Partnerschaft lebt.

Der Wiener Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn stellte sich zunächst hinter den Pfarrer, änderte nach einem persönlichen Gespräch mit Stangl aber seine Meinung – woraufhin Swierzek erklärte, die Pfarre Stützenhofen abgeben zu wollen.

Als sich dann noch eine angebliche Exgeliebte des Pfarrers zu Wort meldete, als schließlich Gerüchte aufkamen, der Pfarrer habe den Kardinal mit der Aufzeichnung eines Telefonats unter Druck zu setzen versucht, wandelte sich die Geschichte von der Provinzposse zur Seifenoper.

Doch sie ist mehr als das: Sie sagt auch etwas über die Probleme der katholischen Kirche in Österreich aus. Neu sind die nicht – von der “Kirchenkrise“ war schon die Rede, als Florian Stangl noch in den Kindergarten ging -, aber sie werden immer drängender.

“Die Vorstellungen von Kirchenleitung und Kirchenvolk klaffen in wichtigen Fragen immer mehr auseinander“, fanden in einer Umfrage von 2010 drei von vier Priestern. Zwei Drittel setzten sich für eine stärkere Öffnung der Kirche gegenüber “der modernen Welt“ ein, gut jeder Zweite sagte, er denke “in vielen wichtigen Fragen anders als die Kirchenleitung“.

Einer von ihnen ist Helmut Schüller, Pfarrer von Probstdorf nahe Wien und Obmann der Pfarrerinitiative, einer liberalen Gruppe in der katholischen Kirche. Für ihn ist Stützenhofen “symptomatisch dafür, wie die Kirche Fragen vor sich herschiebt, dann von einem Einzelereignis überrascht wird und blitzschnell handeln muss“.

Schüller fordert “Fairness“ für Pfarrer Swierzek. Seitdem sich sowohl der Kardinal als auch die Gemeinde – immerhin ein Dorf in der tiefsten Provinz, in dem von 19 Gemeinderäten 18 der ÖVP angehören – sich für Stangl einsetzten, gilt der Pfarrer als Bösewicht: als der stockkonservative, homophobe, heuchlerische Pfarrer, der engagierten Gläubigen das Leben schwermacht, aber selbst eine Geliebte hat.

Dabei hat Kardinal Schönborn seine Meinung über Swierzeks Kopf hinweg geändert, gibt Schüller zu bedenken. “Jetzt hat der Pfarrer das Bummerl“, sagt er, “sein Vorgesetzter hätte ihn nie in diese Situation bringen dürfen. Das lernt jeder Manager von Anfang an“. Die deutsche Theologin Regina Ammicht Quinn stört die Begründung für den Schwenk: “Zu sagen, für so einen netten jungen Mann machen wir eine Ausnahme, ist problematisch“.

Schüller freut sich trotzdem über Schönborns Entscheidung – er hofft, dass sie der Beginn einer Öffnung der Kirche ist. Ob sich diese Hoffnung erfüllt, ist unklar. Weder im Kirchenrecht noch in der Wiener Pfarrgemeinderatsordnung sei die Zulassung von homosexuellen Pfarrgemeinderäten geregelt, erklärt Michael Prüller, Sprecher der Erzdiözese; bis zur nächsten Pfarrgemeinderatswahl in fünf Jahren müsse man diese Frage klären, “der Kardinal kann ja nicht jeden Streitfall zum Mittagessen einladen“.

Doch selbst eine Entscheidung für homosexuelle Pfarrgemeinderäte hieße nicht, dass die Kirche sich mit gelebter Homosexualität abgefunden hat. Das richtige Leben für Menschen mit dieser Orientierung sei weiterhin das keusche, sagt Prüller.

Die Probleme der Kirche mit Homosexualität sind altbekannt, erst vor wenigen Tagen ist wieder ein Pfarrer mit der Aussage aufgefallen, Homosexualität sei eine “Triebverirrung“ und eine “heilbare Krankheit“. Die Entscheidung des Kardinals, Stangl als Pfarrgemeinderat zuzulassen, kam umso überraschender und gibt progressiven Gläubigen Hoffnung.

Gläubigen wie Christoph Hubatsch von der Ökumenischen Arbeitsgruppe Homosexualität und Glauben, die vor über 20 Jahren gegründet wurde – auch damals war die Kirche Gegenstand von Diskussionen, das Kirchenvolksbegehren lief gerade.

Hubatsch bezeichnet sich nicht mehr als katholisch. Er trennt zwischen Glauben und System und hat daher “kein Problem mehr damit, dass die Kirche ein Problem mit mir hat“. Florian Stangl aber bewundert er: Menschen wie er würden anderen das Outing erleichtern.

Hätte Pfarrer Swierzek “seinen Schlapfen gehalten“, wäre ihm die Aufregung erspart geblieben, glaubt Hubatsch. “Solange es nicht publik wird, ist in der Kirche wahnsinnig viel möglich.“ Und tatsächlich: In Kaprun ist ein offen schwuler Mann schon seit elf Jahren Pfarrgemeinderat.

Falter, 18.4.2012
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