Eine Art Nachruf

„Ein Rotwein und ein Mineral von draußen, Herr Porgesz? Die Karte brauchen Sie nicht, oder?“ Nein, nicht nötig. Die Schrift der Speisekarte ist zu klein für Jancsi Porgesz, da hilft auch keine Brille mehr. Aber das Angebot des Restaurants am Stadtrand von Wien hat er sowieso im Kopf. Das Hirschragout bitte, aber mit Petersilkartoffeln statt Serviettenknödeln, mit viel Saft und extra Brot. Geduldig notiert der Kellner die Sonderwünsche des langjährigen Stammgastes. Beinahe fünfzig Jahre ist es her, dass Porgesz zum ersten Mal hier war. Äußerlich hat er sich wenig verändert: Anzug, Pullunder, Krawatte, damals wie heute. Nur die große, eckige Brille mit dem dunklen Rahmen, die seine Erscheinung so lange prägte, ist verschwunden, und die Geheimratsecken haben sich zu einer Halbglatze ausgedehnt. Nach dem Tod seiner Frau vor zehn Jahren kam Porgesz immer häufiger ins Restaurant, mittlerweile isst er täglich hier zu Mittag. Mit 91 Jahren sucht Porgesz keine Abwechslung mehr – davon hatte er in seinem Leben genug.

Als Kind begleitet Jancsi Porgesz seine Mutter beinahe täglich in die Konditorei in der Budapester Rákóczy út. Seine Familie beschäftigt ein Kindermädchen, eine Köchin und eine Haushälterin; zur Sommerfrische reist sie nach Reichenau. Mit 21 schläft Porgesz in Mosonmagyarovár an der österreichischen Grenze auf Stroh, drischt mit Holzknüppeln Leinen und isst dünne Gemüsesuppe: die ungarischen Juden müssen im Krieg Arbeitsdienst verrichten. Mit 24 liegt er wieder in einem richtigen Bett, muss es sich aber mit einem Zweiten teilen – mit einem Magendurchbruch ist er im Krankenhaus des Budapester Ghettos gelandet. Seine Mutter findet auf der Straße ein verendetes Pferd und pflegt Porgesz mit Pferdesuppe gesund.

Mit 29 ist Porgesz verheiratet, Vater einer Tochter und eines Sohnes, überzeugtes Mitglied der Kommunistischen Partei und Direktor einer Tabakfabrik in Budapest.

Mit 35 schlägt sich Jancsi Porgesz in Wien als Zeitungskolporteur und Nachtwächter durch. An einem Novembertag während des Ungarnaufstandes ist er zu Fuß aus Ungarn geflüchtet, nicht einmal seiner Familie hat er zuvor Bescheid gesagt. Da hatte er längst mit den Kommunisten gebrochen, hielt aber die antisemitischen Aufständischen für ein noch größeres Übel. Nach einigen Wochen in Wien findet Porgesz eine Stelle als Dolmetscher beim Roten Kreuz, wechselt später in die Buchhaltung. Seine Frau folgt ihm nach Wien, um ihn zurückzuholen; er überredet sie, zu bleiben. Die Flucht der zehnjährigen Tochter und des siebenjährigen Sohnes misslingt. Drei Jahre lang sitzen sie in Ungarn fest, wohnen bei Verwandten; dann können sie dank Porgesz’ Chef als erste Kinder legal aus Ungarn ausreisen.

Mit 54 ist Porgesz kaufmännischer Direktor des Österreichischen Roten Kreuzes. Nach Erdbeben, Überschwemmungen und Kriegen bestimmt er, wie die Hilfsgelder eingeteilt, welche Projekte unterstützt, welche Häuser neu aufgebaut werden. Um in seine Einsatzgebiete – Friaul, Rumänien, Zypern, Libanon, Burkina Faso – zu gelangen, muss er reisen. In seiner neuen Heimat Österreich bleibt es ruhig und friedlich.

Mit 91 ist Jancsi Porgesz schon lange in Pension. „Danke schön, Herr Porgesz“, ruft ihm der Kellner nach, als er sich langsam zum Ausgang des Restaurants vortastet. Und: „Bis morgen, Herr Porgesz!“.

An einem Samstag im Mai 2012 hat Jancsi Porgesz zum letzten Mal im Restaurant am Stadtrand zu Mittag gegessen.

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