Rutsch ins Büro

Frauen wollen nicht länger nur Mütter sein. Väter nicht bis spät nachts schuften. Österreichs Unternehmen müssen familienfreundlicher werden. Aber wie? Eine Recherche bei Wiens innovativsten Betrieben

Bericht: Ruth Eisenreich, Wolfgang Zwander

Thomas Lutz nimmt kurzen Anlauf und saust die Rutsche hinab. Die Rutschpartie vom zweiten in den ersten Stock ist der letzte Punkt einer Führung durch die Wiener Zentrale von Microsoft. Lutz, Mitglied der Geschäftsführung, ist es gewohnt, dass man ihn an dieser Stelle fragend anschaut. Er sagt: “Wir betrachten die Rutsche als Symbol dafür, dass man die ganz normalen Dinge zumindest einmal pro Tag anders machen soll.“

Die normalen Dinge anders machen – wenn es nur so leicht wäre. Viele Unternehmen sind in alten Strukturen gefangen, während sich Gesellschaft und Arbeitswelt rasant verändern.

Früher kümmerten sich Frauen um Kinder und Haushalt, Männer um das Geld; Unternehmer sahen Arbeiter und Angestellte vor allem als Kostenfaktor, Arbeiter und Angestellte verkauften unwillig einen großen Teil ihrer Lebenszeit an die Unternehmer.

Heute sind arbeitende Frauen die Norm, und Jahr für Jahr werden es mehr. Viele von ihnen arbeiten Teilzeit, mittlerweile betrifft das 70 Prozent der Frauen zwischen 25 und 49 Jahren. Es gibt immer weniger Fixanstellungen und stattdessen mehr freie, oft prekär beschäftigte Dienstnehmer; täglich gründen sich neue sogenannte Ein-Personen-Unternehmen, bei deren Betreibern Selbstverwirklichung und Selbstausbeutung oft Hand in Hand gehen. Work-Life-Balance ist zum Modewort geworden.

Hinzu kommt die digitale Revolution, die trotz IT- und Dotcom-Blasen noch lange kein Ende finden wird. Laut einer EU-Studie werden bereits im Jahr 2015 80 Prozent aller Arbeitsplätze in Europa auf digitale Informationsverarbeitung gestützt sein. Schwierig wird das vor allem für niedrig qualifizierte Arbeitskräfte, denn Jobs, bei denen man sein Geld allein mit seinen Händen verdienen kann, werden immer knapper.

Auch die Banken- und Finanzkrise spukt in den Köpfen der Menschen herum und schafft Angst und Unbehagen, obwohl sie noch gar nicht wirklich auf dem Arbeitsmarkt in Österreich angekommen ist.

Parallel zur ökonomischen Unsicherheit steigen aber auch die Ansprüche der Arbeitnehmer an ihren Arbeitsplatz, wie die jüngste europäische Wertestudie aus dem Jahr 2008 zeigt. Im Vergleich zu 1990 legen deutlich mehr Arbeitnehmer wert auf “nicht zu viel Stress“ und “günstige Arbeitszeiten“, wollen aber gleichzeitig auch eine “interessante Tätigkeit“ und eine “gute Bezahlung“.

All diese Entwicklungen bedeuten aber nicht automatisch eine Schwierigkeit für Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Es gibt Unternehmen, die die veränderte Lage schon lange erkannt und innovativ reagiert haben.

Eines davon ist Microsoft. IT-Unternehmen gelten seit jeher als Vorreiter einer neuen Arbeitskultur; Google etwa soll seinen Angestellten jeden Luxus bis hin zu Sportanlagen und Swimmingpools anbieten. Ganz so weit geht Microsoft Österreich nicht, dem progressiven Ruf der IT-Branche wird es trotzdem gerecht.

An der Wand gleich neben der Rezeption der Zentrale in Meidling wuchern viele verschiedene Pflanzen. Überhaupt findet sich im ganzen Haus jede Menge Grünzeug. “Es dämmt Gesprächslärm, spendet Feuchtigkeit und ist ästhetisch sehr ansehnlich“, sagt Lutz.

Rund 300 Menschen, fast alle angestellt nach IT- oder Handelskollektivvertrag, arbeiten auf drei Stockwerken in einer Büroanlage, in der es keine Büros mehr gibt. Jeder arbeitet, wie und wo er will. In der Cafeteria im Erdgeschoß gibt es gratis Getränke, zwei Stockwerke darüber wird Tischfußball gespielt. Es gibt in dem Gebäude fast keine Wände außer den tragenden, und niemand, auch nicht der Chef, hat ein eigenes Büro. Einzelne Unternehmensabteilungen haben zwar “gewidmete“ Flächen, aber die müssen von niemandem eingehalten werden.

Das Gebäude besteht aus vier Kategorien von Räumen: C steht für Call, das sind kleine Boxen, die Platz für externe Kommunikation bieten; M wie Meet steht für Besprechungszimmer, von denen es insgesamt 60 gibt, die alle unterschiedlich aussehen; T bedeutet Think und bezeichnet bequeme Rückzugsgebiete, in denen jeder Mitarbeiter seine Ruhe finden kann; und in W wie Work-Zonen sind offene Schreibtischflächen zu finden.

Hinzu kommt das Home-Office, also das Arbeiten von zu Hause, bei dem man bei Bedarf über eine Kamera Videokonferenzen mit den Kollegen führen kann. Bei Microsoft gibt es weder Gleitzeit noch Kernzeit oder irgendeine andere Anwesenheitspflicht, sondern “das Vertrauen, dass Dinge gemacht werden“, sagt Lutz.

Für Mitarbeiter mit kleinen Kindern ist das ideal, weil sie große Teile der Arbeit von zu Hause aus erledigen können, andererseits aber auch Platz im Büro finden, wenn sie einmal Ruhe von den Kindern brauchen. Jeder frisch gewordene Vater im Unternehmen erhält zwei Wochen bezahlten “Papaurlaub“, für alle Mitarbeiter in Karenz gibt es einmal pro Monat ein “Stay together Breakfast“ mit der Geschäftsführung, damit die Entfremdung vom Betrieb nicht zu groß wird.

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist eines der großen Problemfelder der heutigen Arbeitswelt. Vier Knackpunkte sieht Ingrid Moritz, Leiterin der Abteilung Frauen und Familie der Arbeiterkammer Wien, in diesem Bereich: den Wiedereinstieg in den Beruf nach der Karenz, die Elternteilzeit, das Aufbrechen tradierter Rollenmuster und die Gleichstellung von Patchworkfamilien. In den meisten dieser Bereiche gehe immerhin langsam etwas weiter, sagt Moritz, nur bei den Rollenmustern hapere es noch: “Bei Familienfreundlichkeit denken die meisten an Frauen.“

Beinahe jede zweite Frau, aber nicht einmal jeder zehnte Mann arbeitet weniger als 35 Stunden pro Woche. Bei vier von fünf Paaren, die Elternteilzeit in Anspruch nehmen, verringert nur die Frau ihre Arbeitszeit. Doch auch wenn Teilzeitarbeit gerade für Eltern von kleinen Kindern äußerst sinnvoll sein kann – sie kann nach einer Trennung vom Partner oder in der Pension auch in die Armut führen.

Die ungleiche Verteilung der Arbeitszeit ist aber nicht nur für viele Frauen, sondern auch volkswirtschaftlich gesehen ein Nachteil: Das Sozialforschungsinstitut Sora hat herausgefunden, dass Arbeitnehmer bei 30 bis 32 Stunden Wochenarbeitszeit am produktivsten sind – dass aber 15 von 16 Österreichern entweder deutlich mehr oder deutlich weniger arbeiten.

Vor zwei Wochen wurde der Staatspreis “Familienfreundlichster Betrieb“ vergeben, den das Wirtschafts- und Familienministerium seit 1999 organisiert. Die einzige Wiener Firma unter den 15 diesjährigen Nominierten ist das auf Technologie spezialisierte Marktforschungs-und Beratungsunternehmen Brimatech.

Mit nur acht Mitarbeitern ist es das Gegenbeispiel zur oft gehörten Behauptung, dass sich nur große Konzerne wie Microsoft familienfreundliche Strukturen leisten könnten. “Gerade weil wir so klein sind, fällt es uns leicht“, erklärt Johanna Berndorfer, die die Firma gemeinsam mit zwei anderen Frauen und einem Mann gegründet hat, als sie selbst gerade schwanger war. “Wir haben nicht über Familienfreundlichkeit nachgedacht, die war einfach da.“

Bei Brimatech sind flexible Arbeitszeiten und Arbeiten von zu Hause aus kein Problem; Mitarbeiter bleiben auch während der Karenz ins Unternehmen integriert; die Geschäftsführerin arbeitet zurzeit wegen ihres eineinhalbjährigen Sohns Teilzeit. Im hellen Altbaubüro gleich beim Schwarzenbergplatz sind auch Kinder willkommen. Im Besprechungszimmer liegt ein grüner Spielteppich auf dem Boden, es gibt Buntstifte, Buntpapier und Bauklötze. Bald wird an zwei Vormittagen pro Woche eine ausgebildete Kindergärtnerin zu Brimatech kommen und sich direkt vor Ort um ihre einjährige Tochter kümmern, erzählt Berndorfer.

Bei Brimatech sind an jedem Projekt mindestens zwei Mitarbeiter beteiligt, erklärt die Co-Geschäftsführerin Andrea Kurz. So könne immer ein Kollege einspringen, wenn jemand ausfällt.

Auch wenn Berndorfer nicht glaubt, dass sich ihr Modell eins zu eins auf jede andere Firma übertragen lässt: Bei der Verleihung des Staatspreises war sie enttäuscht. “Ich habe mir ganz tolle Sachen erwartet, aber in Österreich gilt es schon als tolle Leistung, wenn ein Betrieb Gleitzeit anbietet und Frauen in der Karenz ein bisschen einbindet“, sagt sie, “das finde ich traurig.“

Eine Branche, in der es mit der Arbeitnehmerfreundlichkeit nicht so weit her zu sein scheint, ist der Handel. Eine Sprecherin der Gewerkschaft der Privatangestellten muss auf die Frage nach Best-Practice-Beispielen eingestehen: “Ich habe alle zuständigen Kollegen befragt, aber niemandem ist etwas eingefallen.“

Eines der wenigen Handelsunternehmen, die ein gutes Image in puncto Arbeitsklima haben, ist der Großdrogist DM. Während Mitbewerber wie die seit kurzem insolvente Kette Schlecker vor allem durch die Bekämpfung von Betriebsräten auf sich aufmerksam machten, war der Anthroposoph und DM-Gründer Götz Werner seiner Zeit voraus, als er das Unternehmen 1973 gründete. Sein Credo lautet: “Jeder Mitarbeiter soll den Sinn seiner Arbeit spüren.“

In Deutschland bekommen DM-Lehrlinge sogar Theaterunterricht, in Österreich allerdings nicht. Trotzdem gibt es für 200 bis 300 Lehrplätze pro Jahr mehr als 4000 Bewerbungen. Von den 165 Lehrlingen, die 2010 die Lehrabschlussprüfung bestanden haben, haben 139 ein fixes Dienstverhältnis bei DM begonnen. Rund 95 Prozent davon sind weiblich. Damit die Work-Life-Balance stimmt, gibt es ein “Ampelsystem“, bei dem man bereits Wochen im Voraus festlegt, wann man gar nicht (rot), eher nicht (orange) oder gut (grün) arbeiten kann.

Warum DM in Mitarbeitern mehr sieht als Kostenfaktoren? Warum Brimatech seinen Angestellten bei der Arbeit jede Freiheit lässt? Warum Microsoft Rutschen baut? “Ganz einfach, weil es eine Eins-zu-eins-Beziehung zwischen Produktivität und der Zufriedenheit der Mitarbeiter gibt“, sagt Thomas Lutz von Microsoft, als er von der Rutsche steigt.

Falter, 30.5.2012

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