Manfred, der Messias

Manfred Juraczka will die Wiener ÖVP wieder zum Leben erwecken. Wird ihm das gelingen?

Knapp drei Stunden dauerte es, bis Manfred Juraczka ja sagte, an jenem Mittwoch im Mai in der Teeküche des ÖVP-Rathausklubs. Knapp drei Stunden lang hatte die Parteispitze bei Kaffee und Zigaretten den riskanten Plan diskutiert: 57.000 Unterschriften müsste die ÖVP gegen die von der rot-grünen Stadtregierung geplante Ausweitung der Kurzparkzonen sammeln, um eine Volksbefragung zu erzwingen. Gelingt das, ist es unser größter Coup seit langem, sagten die einen. Scheitern wir, bist du, Manfred, erledigt, sagten die anderen. Manfred Juraczka beschloss, es zu wagen.

Zweieinhalb Monate später sitzt Juraczka auf dem schwarzen Ledersofa in seinem Büro, die Arme auf der ganzen Länge der Rückenlehne ausgebreitet, als könne er gar nicht genug Raum in Anspruch nehmen, und triumphiert: 117.837 Unterschriften hat die ÖVP gesammelt. Juraczkas Ja hat sich ausgezahlt. Wieder einmal.

Dem Ja zur Unterschriftenaktion gingen zwei andere Ja innerhalb weniger Monate voraus. Sie haben Juraczka erst in dieses Büro gebracht, in das Büro mit den abstrakten Gemälden und dem signierten Schwarzweißfoto von Helmut Kohl an der Wand.

Das erste Ja fiel Anfang September 2011. Juraczka, seine Frau und sein zehnjähriger Sohn waren gerade vom Strandurlaub in Griechenland in ihr Haus am Fuße des Schafbergs zurückgekehrt, da bekam der Hernalser Parteichef und Bezirksrat ein Angebot: Der Sessel des nicht amtsführenden Stadtrats der ÖVP würde bald frei, Juraczka könnte den Job haben.

Manfred Juraczka kommt aus einer ÖVP-Dynastie – die Mutter, Lieselotte, war lange Zeit Hernalser Bezirksgeschäftsführerin, Vater Franz vererbte ihm 2007 den Posten des Bezirksvorsteher-Stellvertreters, den er drei Jahre später an die FPÖ verlor. Schon als Kind hatte er diverse ÖVP-Politiker kennengelernt, der langjährige Döblinger Bezirksvorsteher Adolf Tiller nennt ihn heute noch “meinen Manfred“.

Juraczka hatte nicht rebelliert, sondern war mit 17, als Schüler am katholischen Privatgymnasium Marianum, der Jungen Volkspartei beigetreten und der ÖVP seither treu geblieben. Aber wollte er jetzt seinen sicheren Job beim Technologiekonzern Alcatel aufgeben, um Berufspolitiker zu werden? Juraczka schlief einige Nächte lang schlecht, erzählt er. Dann sagte er Ja.

Ehrgeizig, energisch, engagiert, entscheidungsfreudig – so charakterisieren politische Wegbegleiter und Konkurrenten den 43-Jährigen. Und so sagte Juraczka drei Monate nach seiner Kür zum Stadtrat wieder Ja – diesmal auf die Frage, ob er Parteichef der Wiener ÖVP werden wolle.

Mehrere Parteifreunde hatten da bereits abgesagt, den als Schleudersitz verschrienen Job wollte sich niemand antun. In den letzten zehn Jahren hatte die Stadtpartei vier Chefs gehabt, zuletzt hatte Christine Marek nach internen Streitereien aufgegeben, die aktuelle Obfrau Gabriele Tamandl hatte den Job nur interimistisch angenommen. “Ich bin schon froh, wenn sie zivilisiert miteinander umgehen“, sagte Klubchef Fritz Aichinger erst vor kurzem über seine Kollegen.

Manfred Juraczka stellte sich der Aufgabe. Er, der bis kurz zuvor erst einmal medial in Erscheinung getreten war, als er DNA-Tests für Hunde forderte, um des Hundstrümmerlproblems Herr zu werden; er, dessen Name noch vor kurzem sogar auf ÖVP-Websites falsch geschrieben worden war; er, den News einen “Nobody“ nannte und über den die Presse titelte: “Wer ist dieser Mann?“.

Ein halbes Jahr später scheint die Wiener ÖVP wie verwandelt. Zumindest nach außen hin herrscht Harmonie: Juraczka sitzt fest im Sattel, kein Parteifreund verliert öffentlich ein böses Wort über ihn.

Mit inhaltlicher Innovation hat dieser Erfolg wenig zu tun, Juraczkas politische Positionen sind exakt auf den Mainstream der ÖVP abgestimmt. Während ihn Kollegen im rechten Flügel der ÖVP verorten – die Hernalser FPÖ-Bezirkschefin Veronika Matiasek vermutet gar, er habe sich zumindest stilistisch H.-C. Strache zum Vorbild genommen -, streitet er selbst jede Tendenz in diese Richtung ab.

Aussagen, die einen Parteiflügel vor den Kopf stoßen könnten, meidet er: Der öffentliche Verkehr muss attraktiver werden, sagt der ehemalige Alfa-Romeo-Fahrer, aber man darf Menschen nicht zum Umstieg drängen. Eingetragene Partnerschaften sind okay, die Ehe zwischen Mann und Frau aber etwas Besonderes.

Das soziale Netz ist notwendig, doch es geht auch um “Gerechtigkeit für die, die dieses Netz ermöglichen“. Zeit mit dem Sohn ist wichtig, aber das mit der Karenz konnte sich die Ehefrau, Betreiberin eines Fahrradgeschäfts, doch leichter einteilen als er.

Eher als mit Inhalten hat Juraczkas Erfolg wohl mit der Kommunikations- und Teamfähigkeit zu tun, die ihm seine Parteifreunde attestieren. “Er hat mehr Zeit als jeder andere Obmann, mich inklusive, in Gespräche investiert“, sagt etwa Bernhard Görg, einer seiner Vorgänger.

Der Erfolg hat aber vor allem mit Manfred Juraczkas drittem Ja zu tun, jenem Ja, das er sich Anfang Mai in der Teeküche des Rathausklubs abrang. Mit dem Ja zur Parkpickerl-Unterschriftenaktion, die zum größten Erfolg seines politischen Lebens wurde.

Für SPÖ und Grüne ist die Unterschriftensammlung populistische, unkonstruktive Fundamentalopposition. Die grüne Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou verglich die blau-schwarze Stadtopposition gar mit der amerikanischen Tea Party – und bekam Schützenhilfe aus Deutschland: Die ehemalige Frankfurter Bürgermeisterin Petra Roth (CDU) nannte die Unterschriftenaktion ein “Kasperltheater“.

Für Juraczka ging der Plan trotzdem auf: Der Parkpickerl-Widerstand einte seine Partei, die bei den letzten Gemeinderatswahlen 2010 auf den Tiefststand von 14 Prozent absackte, intern und gab ihr erstmals seit Jahren ein Thema – noch dazu eines, mit dem sie der Stadtregierung ihren ersten Dämpfer verpassen konnte.

Dieser Dämpfer aber wird irgendwann vergessen sein, und Wahlen kann man mit Einigkeit und Parkpickerl-Widerstand alleine kaum gewinnen. Das weiß auch Juraczka. Er wäre “nicht traurig“, sagt er, wenn er sich bald mit anderen Angelegenheiten beschäftigen könnte.

Welche das sein könnten? Fragt man politische Mitstreiter, welche Themen ihrem Chef persönlich am Herzen liegen, erntet man vor allem Schweigen. Und Juraczka selbst rettet sich in konservative Schlagworte: “Es geht um das Thema linker Kollektivismus versus bürgerliche individuelle Freiheit. Ich will die Menschen als Individuen wahrnehmen“.

Falter, 25.7.2012

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