“Wer wegläuft, ist schuldig“: Warum uns Asylwerber so egal sind

Dreckige Klos, dicke grüne Schimmelschichten, verdorbenes Essen: Beinahe im Wochentakt erfahren wir von Menschen, die so hausen. Nicht in einem Schwellenland, sondern mitten in Österreich: im burgenländischen Sieggraben, im Kärntner Wernberg und auf der berüchtigten Saualm.

Ein Stück hinter der Grenze ist die Situation noch schlimmer: In griechischen Flüchtlingslagern schwappen dem Ex-UN-Beauftragten für Folter zufolge Fäkalien in Matratzenlager, wo Mütter mit Babys schlafen; in Ungarn werden jugendliche Asylwerber laut Profil an Leinen gelegt und mit Schlafmitteln ruhiggestellt.

Das Innenministerium und die Länder wollen jetzt erstmals seit 2004 die Bezahlung für Flüchtlingsheimbetreiber erhöhen; man kann hoffen, dass das die hiesige Situation ein wenig entschärfen wird.

Im Großen und Ganzen aber ist die Reaktion auf die unfassbaren Zustände immer gleich: Ein paar NGO-Vertreter schreien auf, Politik und Zivilgesellschaft zucken mit den Schultern. Wie kommt das?

Dass es uns so egal ist, wenn in Österreich selbst Kinder unter unwürdigen Bedingungen leben müssen, wenn mitten in Europa offen Menschenrechte verletzt werden, das lässt sich nicht mit Fremdenhass alleine begründen. Es hat auch mit einem verdrehten Gerechtigkeitssinn zu tun.

Den bewies etwa eine Frau, die neben einem Flüchtlingsheim wohnte und überzeugt war, dass keiner der dort untergebrachten jungen Männer ein “echter“ Flüchtling sei – denn: “Wieso sollte irgendjemand einen 17-Jährigen verfolgen?“

Wer nach 1945 in Österreich aufgewachsen ist, der hat nie etwas anderes erlebt als einen (mehr oder weniger gut funktionierenden) Rechtsstaat. Er hat gelernt, dass Bestrafung nur jenen droht, die etwas angestellt haben – und dass, wer vor der Polizei wegläuft, sich noch verdächtiger macht.

Er folgert daraus: Wer in ein fremdes Land flieht, der muss wohl irgendetwas angestellt haben und hat somit Strafe verdient. Dass das in vielen Ländern nicht zutrifft, dass dortige Behörden oder Milizen durchaus 17-Jährige verfolgen – weil ihre Eltern sich politisch engagiert haben etwa oder weil sie schmalere Augen haben als die Mehrheit -, das kann sich der Österreicher nicht vorstellen.

Um anzuerkennen, dass Asylwerber keine Verbrecher sind (selbst die haben übrigens Menschenrechte), muss man zunächst anerkennen, dass auf dieser Welt ungerechte, widerwärtige, grausame Dinge geschehen. Davor aber verschließen wir lieber die Augen – und machen Menschen ihr Leben noch mehr zur Hölle.

Falter, 1.8.2012

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