Eine Nische ohne Paprika

Mit ihrem Kleinverlag wollen Zsóka und Paul Lendvai unbekannte ungarische Literatur auf Deutsch zugänglich machen

“Nein, Pali!“, ruft Zsóka Lendvai. “Das war eine dumme Idee!“ Bevor ihr Mann ausplaudert, welchen Namen sie ursprünglich für ihren Kleinverlag vorgeschlagen hat, sagt sie es doch lieber selbst: “Paprika Verlag“ wollte sie ihn nennen.

Ihr Mann Pali, das ist der bekannte Publizist und Osteuropaexperte Paul Lendvai. Er war gegen den Namen Paprika und hat sich durchgesetzt: Der Verlag, den Zsóka Lendvai gegründet hat, heißt jetzt Nischen Verlag. Und die Namensentscheidung war richtig, denn mit Paprika-Csárdás-Gulasch-Klischees haben die Werke, die der Nischen Verlag herausgibt, wenig zu tun.

Das zeigt schon das erste Buch, das gerade erschienen ist: “Das rote Fahrrad“ erzählt in Tagebuchform die letzten Monate im Leben der 13-jährigen Éva Zsolt. In der damals ostungarischen, heute zu Rumänien gehörenden Stadt Nagyvárad (rumänisch Oradea) erlebt sie 1944 die immer schärferen Judengesetze der faschistischen Pfeilkreuzler und den Einmarsch der Nazis mit.

In einer Mischung aus Klarsichtigkeit und kindlicher Naivität beschreibt Éva ihre Sorgen um ihr Halbjahreszeugnis und die immer schlimmer werdenden Schikanen der Faschisten, ihre erste Verliebtheit und die Deportation ins Ghetto. Ganz selbstverständlich übernimmt sie in ihren Aufzeichnungen die Trennung zwischen “Juden“ und “Ariern“ und staunt, als ihr Großvater ihr erzählt, “dass früher nur solche Menschen ins Gefängnis gekommen sind, die gestohlen oder gemordet haben“.

Das Tagebuch endet am 30. Mai 1944, wenige Tage später wurde Éva nach Auschwitz deportiert, wo sie im Oktober 1944 vom KZ-“Arzt“ Josef Mengele ermordet wurde. Ihre Mutter, Ágnes Zsolt, überlebte den Holocaust und veröffentlichte 1947 das Tagebuch, bald darauf beging sie Selbstmord. Das Buch geriet in Vergessenheit, bis es 2011 neu aufgelegt wurde. Unklar ist, ob Éva Zsolt das Tagebuch tatsächlich selbst geschrieben hat oder ob ihre Mutter es nach ihrem Tod aus der Erinnerung verfasste.

Paul Lendvai, der während des Ungarnaufstandes 1956 aus Budapest nach Wien floh, hat eine ganz persönliche Beziehung zu Évas Tagebuch: Er hat als jüdisches Kind in Budapest Ähnliches erlebt, hat noch dazu Ágnes Zsolt persönlich gekannt.

Verlegt wird, was dem Verlagsteam gefällt, ungefähr so lässt sich das Programm des Nischen Verlags umreißen – und das Verlagsteam besteht aus nur zwei Personen, aus Zsóka und Paul Lendvai. Für Übersetzung, Druck und Marketing werden freie Mitarbeiter engagiert. Drei Bücher pro Jahr sollen so in Zukunft entstehen, sagen die Lendvais. Und der Verlagssitz? Das ist Zsóka Lendvais Arbeitszimmer – ein Schreibtisch, ein Bücherregal, Fotos ihrer erwachsenen Kinder an der Wand – in der hellen Dachgeschoßwohnung des Ehepaars im neunten Bezirk.

Zsóka Lendvai hatte über 30 Jahre lang in ungarischen Verlagen gearbeitet, bevor sie vor sieben Jahren zu ihrem Mann nach Wien zog und feststellte: Obwohl einige ungarische Schriftsteller, der Nobelpreisträger Imre Kertész etwa, auch in Österreich bekannt sind, waren gerade ihre Lieblingsautoren noch gar nicht ins Deutsche übersetzt worden.

Das ist wenig verwunderlich, denn Übersetzungen aus “kleinen“ Sprachen haben am Buchmarkt prinzipiell einen schweren Stand. Mehrere hundert übersetzte Bücher erscheinen in Österreich jedes Jahr, doch etwa drei Viertel davon stammen aus dem englischsprachigen Raum, das restliche Viertel teilt sich auf alle anderen Sprachen der Welt auf. Aus Sprachen wie dem Ungarischen werden pro Jahr kaum mehr als zehn Bücher übersetzt – die Lendvais besetzen mit ihrem Verlag also tatsächlich eine Nische.

Auch wenn Paul Lendvai zurzeit vor allem als scharfer Kritiker des konservativen ungarischen Premierministers Viktor Orbán in der Öffentlichkeit auftritt, werden im Nischen Verlag keine politischen Sachbücher erscheinen. Dafür hat die Belletristik, die der Verlag herausgibt, durchaus politischen Anspruch.

Das zeigt nicht nur “Das rote Fahrrad“, sondern auch das nächste Buch, der Roman “Der Verruf“ des 1946 geborenen Lyrikers, Bühnenautors, Historikers, Übersetzers und Prosaschriftstellers György Spiró. Sein Protagonist Gyula Fátray liegt während des Ungarnaufstandes 1956 im Krankenhaus und freut sich, dass er sich dadurch nicht auf eine Seite schlagen muss – bis er wegen einer Namensverwechslung der “konterrevolutionären Aktivität“ bezichtigt und angeklagt wird.

Als drittes Buch gibt der Nischen Verlag dieses Jahr den Erzählband “Der wogende Balaton“ von Lajos Parti Nagy heraus. In der titelgebenden Erzählung erinnert sich ein alternder Profisportler an seine Blütezeit zurück. Sein Sport: Essen.

“Bei den Erwachsenen war die Mindestanforderung schon ziemlich hoch, zehn Kubikdezimeter, meistens Brühsaft vom Speckkochen oder gelierte Sulz, warm“, heißt es da, und: “In Desserts war ich ganz klar Sektionserster, in Manner Schnitten, getunkten Waffeln und Pischinger Schnitten.“ Auch Fleisch, Schmalz und Schokolade spielen in dieser Erzählung eine wichtige Rolle. Paprika oder Gulasch kommen nicht vor.

Falter, 5.9.2012

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