“Faymann konnte sich bei mir nie Berichterstattung kaufen”

Der Auftritt im U-Ausschuss blieb Wolfgang Fellner erspart – dem Falter stand er Rede und Antwort

Fragen: Ruth Eisenreich, Florian Klenk

Mit Freude“ würde er im Korruptions-U-Ausschuss zur Inseratenaffäre aussagen, erklärte Österreich-Herausgeber Wolfgang Fellner letzte Woche: Dann werde das Gerede über die Asfinag-Inserate endlich aufhören.

Über jene Asfinag-Inserate in Österreich, die – gemeinsam mit ÖBB-Inseraten in der Krone – für heftige Kritik an Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) sorgen. Der Vorwurf: Faymann habe sich als Verkehrsminister mit Inseraten wohlwollende Berichterstattung erkauft – und dazu nicht nur das Budget seines Ministeriums verwendet, sondern auch Werbestrecken für die staatlichen Firmen ÖBB und Asfinag in Auftrag gegeben. Diese hätten zahlen müssen, doch profitiert habe nur Faymann.

Der Auftritt im Ausschuss bleibt Fellner vorerst Aus erspart. Dem Falter gab er jetzt im E-Mail-Interview Auskunft über Intrigen und Inserate.

Falter: Herr Fellner, was bedeutet für Sie journalistische Unabhängigkeit?

Wolfgang Fellner: Journalistisch unabhängig sind Medien, hinter denen keine Interessengruppen stehen – die also frei und unabhängig von Eigentümerinteressen entscheiden können. In diesem Sinn sind ein Kurier (komplett von Raiffeisen abhängig) oder eine Presse (mit der Kirche als Eigentümer) definitiv nicht unabhängig, ein Standard, ein Falter und Österreich schon. Österreich befindet sich alleine in Besitz und Verantwortung seines Verlegers.

Muss ein Verleger vor allem ein Kaufmann sein?

Fellner: Er muss in erster Linie Journalist sein – kreativ, mit Gefühl für neue Ideen. Ich habe etwa im News-Verlag sieben neue Magazine gestartet – seither gab es keinen Neustart mehr. Weiters muss ein Verleger mutig sein, auch Mut zum Risiko haben, eine Vision für Neues und Engagement für Qualität. Ich war nie Kaufmann – aber natürlich habe ich viele kaufmännische Dinge (Bilanz, Budget etc.) lernen müssen.

Kann man sich bei Ihnen politische Berichterstattung oder zumindest Ihr publizistisches Wohlwollen kaufen?

Fellner: Ganz sicher nicht.

Peter Pilz sagt, Sie hätten ihn unter Druck gesetzt. Die Grünen hätten inserieren sollen, damit sie positive Berichterstattung bekommen. Sie haben Pilz verklagt. Welches Motiv hat Pilz, Ihnen etwas Falsches vorzuwerfen?

Fellner: Peter Pilz hat keinen einzigen Beweis dafür, dass ich ihn unter Druck gesetzt habe, das ist frei erfunden und nicht haltbar – deshalb habe ich geklagt, weil ich der Meinung bin, dass ich mir nicht jede frei erfundene Fantasiegeschichte gefallen lassen muss. Im Gegenteil: Es gibt keine andere Zeitung in Österreich, in der Peter Pilz so oft vorkommt wie in Österreich. Ohne ein einziges Inserat.

Kurier-Chef Helmut Brandstätter behauptet, Sie drohten Unternehmen mit negativen Berichten, um Anzeigen zu lukrieren – mit Formulierungen wie “Hean S’, ich kann meine Leute nicht mehr zurückhalten, wir müssen die Geschichte bringen, aber wir haben eh einen Termin, da können wir über Anzeigen reden“. Verwenden Sie solche Sätze?

Fellner: Das ist frei erfunden. Es gibt keinen einzigen Namen, keinen einzigen Beweis für diesen absurden Vorwurf. Sehr wohl gibt es aber mehrere Briefe von Herrn Brandstätter, in denen er Firmen und Politiker um Inserate anschreibt – etwa Verteidigungsminister Darabos.

Brandstätter wirft Ihnen vor, Sie hätten ihn sogar bei Raiffeisen-Boss Christian Konrad angeschwärzt, weil er sich gegen die Korruption in der Branche starkmacht. Stimmt das?

Fellner: Das ist völliger, hanebüchener Unsinn. Herr Brandstätter war im Gegensatz zu mir viele Jahre lang als Lobbyist und PR-Berater tätig. Er hat mich und Österreich betreffend einen Verfolgungswahn, der wohl damit begründet ist, dass der Kurier seit der Gründung von Österreich mehr als ein Drittel seiner Leser verloren hat – das hat also reine Konkurrenzgründe. Zu Herrn Dr. Konrad habe ich minimalsten Kontakt (vielleicht einmal im Jahr ein flüchtiges Gespräch), während Raiffeisen bekanntlich (bis vor kurzem, Anm. d. Red.) Eigentümer des Kurier und Herr Konrad dadurch in fast täglichem Kontakt mit Herrn Brandstätter ist.

Sie sind mit Werner Faymann befreundet, Österreich berichtet sehr positiv über ihn. Wie viel Einfluss dürfen im Journalismus private Sympathien haben?

Fellner: Überhaupt keinen. Ich trenne strengstens zwischen privater Sympathie und Berichterstattung. Im Fall Faymann überwiegen die kritischen Berichte und Kommentare in Österreich, wenn man sie wirklich einmal fair abzählt, die positiven deutlich (so wie auch in den meisten anderen Medien).

In der Inseratenaffäre wird Ihnen vorgeworfen, Sie hätten von Faymann für wohlwollende Berichterstattung (“Austro-Obama“, “Volkskanzler“) Asfinag-Inserate bekommen. Der Vorstand der Asfinag hielt die Anzeigen für wertlos. Konnte sich Faymann bei Ihnen Berichterstattung kaufen oder waren Sie wirklich der Meinung, er sei eine Art Obama?

Fellner: Erstens: Die Geschichte mit dem “Austro-Obama“ wird völlig falsch und aus dem Zusammenhang gerissen wiedergegeben. Das war in Wahrheit ein analytischer Kommentar über die Ähnlichkeiten der beiden politischen Programme mit einer Analyse aller Wahlwerber, die das Wahlergebnis fast exakt vorausgesagt hat und alles andere als eine Lobhudelei. Zweitens: Faymann konnte sich bei mir nie Berichterstattung kaufen – und hat das auch nie getan. Gerade am Beispiel der Asfinag-Inserate können (und werden) wir vor dem U-Ausschuss beweisen, dass alle Inserate direkt mit der Asfinag in Zusammenhang mit dem Kauf von Vignetten verhandelt wurden und kein einziges in Absprache mit dem Minister beauftragt wurde (wie das bei Krone und ÖBB angeblich der Fall war). Österreich hat um den zehnfach höheren Betrag Vignetten gekauft als Inserate erhalten. Es ist völlig falsch zu behaupten, der Vorstand habe die Inserate für wertlos gehalten – das Gegenteil ist der Fall.

Sie schreiben Politiker, die Ihnen nicht genehm sind, gerne runter. Kürzlich nannten Sie die Politiker Gabriela Moser und Peter Pilz “Fast-Frühpensionisten“, die den Ausschuss sprengen würden. War das Ihre Antwort auf die Versuche der Grünen, die Inseratenaffäre aufzuklären?

Fellner: Im Gegenteil: Gabriela Moser wird bei uns extrem fair und positiv behandelt – siehe doppelseitige Reportage am letzten Sonntag. Das Prädikat “Grün-Oma“ hat sich rein auf ihre mediale Wirkung und ihre Auftritte bezogen – sie ist in vielen Kommentaren inhaltlich von mir sehr gelobt worden. Und Peter Pilz kommt in Österreich mehr und positiver vor als in jeder anderen Zeitung. In sechs Jahren Österreich sind mehr als 100 (!) Pilz-Interviews erschienen. Von “runterschreiben“ keine Rede – eher von “raufschreiben“.

Hugo Portisch wirft Ihnen vor, Interviews erfunden zu haben. Warum tun Sie so etwas?

Fellner: Das kurze Telefongespräch mit Hugo Portisch war nicht erfunden, sondern wurde völlig korrekt in der Zeitung wiedergegeben. Hugo Portisch hatte damals nur gebeten, das Gespräch nicht als Interview anzukündigen, weil er seine Pressekonferenz nicht vorwegnehmen wollte. Darüber hat sich ein Schlussredakteur leider hinweggesetzt – wir haben uns dafür entschuldigt.

Frank Stronach kommt bei Ihnen aufs Titelblatt, wird oft ziemlich unkritisch abgefeiert. Haben Sie mit ihm, wie Kritiker behaupten, ein Inseratenpaket für positive Berichterstattung ausgemacht, oder sind Sie wirklich so von Stronachs Wichtigkeit überzeugt?

Fellner: Lesen Sie gelegentlich österreichische Zeitungen? Ist Ihnen vielleicht aufgefallen, dass Stronach zuletzt überall auf dem Titelblatt war – von Trend bis Kurier oder Wirtschaftsblatt? Wir waren halt nur die Ersten, die erkannt haben, dass hier ein spannendes politisches Phänomen entsteht. Nur zu Ihrer Information: Wir haben bisher – im Gegensatz zu Krone oder Heute – von Stronach kein einziges Inserat erhalten. Bei uns ist Stronach im Gegensatz zur Krone auch nicht Kolumnist. Unsere Berichterstattung ist in Sachen Stronach fair, aber kritisch. Vor allem aber völlig unabhängig.

Ihr Blatt hat per “Live-Ticker“ vom Begräbnis eines türkischen Buben berichtet und Fotos gemacht, obwohl die Verwandten das nicht wollten. Was würden Sie sagen, wenn eine Zeitung das vom Begräbnis eines Ihrer Verwandten täte?

Fellner: Das war ein Fehler, der einem jungen Mitarbeiter in der Online-Redaktion passiert ist und der nach wenigen Minuten gestoppt wurde. Verwendet wurde übrigens nur Nachrichtenmaterial der Austria Presse Agentur, die dieses Begräbnis auch live getickert hat, wie es ihre Aufgabe ist. Bei uns war die Aufmachung zu reißerisch – dafür haben wir uns sofort entschuldigt. Kann in einer Online-Redaktion, in der täglich hunderte Storys online gehen, einmal passieren.

Sie veröffentlichen auch Paparazzi-Fotos von Prominenten in intimen Situationen, kürzlich im Fall Gerhard Bergers. Wo liegt die Grenze zum Privaten?

Fellner: Die Grenzen sind klar durch Presserecht und Presserat vorgegeben – die werden von uns strikt eingehalten. Im Fall Berger handelt es sich um öffentliche Agenturfotos von einem Formel-1-Grand-Prix, für deren Abdruck wir die Zustimmung von Gerhard Berger hatten.

Welcher Verleger ist Ihr Vorbild?

Fellner: Henri Nannen vom legendären Stern – weil er auf hervorragende Weise kritischen Journalismus und Unterhaltung verbunden hat. Ich kannte ihn persönlich, habe ihn mehrmals getroffen, und er hat mir in Gesprächen versichert, dass meine Art von Journalismus und wie ich News gestartet habe, seiner Idee des Stern ziemlich nahekam.

Falter, 26.9.2012

Advertisements
“Faymann konnte sich bei mir nie Berichterstattung kaufen”

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s