Zu ebener Erde und im ersten Stock

Der Standard hat die fortschrittlichste Onlineredaktion des Landes. Doch bei der Zusammenarbeit zwischen Online und Print hapert es noch. Ein Umzug soll das ändern

“Ist das hier nicht Raum 2.1.?” – “Nein, das ist 2.2., glaube ich.“ Selbst Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid hat das Gebäude, das sie und ihre Mitarbeiter vor kurzem bezogen haben, noch nicht ganz durchschaut. Seit Dezember residiert der Standard nicht mehr in einem prunkvollen Innenstadtpalais, sondern in einem Glaskubus im dritten Bezirk – gemeinsam mit derstandard.at, dessen Redaktion früher in einem eigenen Gebäude saß. Weiße Tische, viel Glas, Luftbefeuchter, dazu rundliche „Kuschelecken“ in Gelb, Grün und Pink, die die Mitarbeiter für Besprechungen und Telefonate nützen können. Auf den Gängen stehen Leitern herum, aus der Decke hängen Kabel, von irgendwo ertönt eine Bohrmaschine.

Modern, aber noch eine Baustelle – diese Beschreibung trifft auch auf die Onlinestrategie des Standard zu. Seine Website derstandard.at war 1995 der erste Webauftritt einer deutschsprachigen Zeitung und ist bis heute ein Vorreiter im österreichischen Onlinejournalismus.

Während die Onlineredaktionen anderer Tageszeitungen meist aus kaum zwanzig Personen bestehen und vor allem damit beschäftigt sind, Agenturmeldungen zu kopieren, Texte aus der Printausgabe online zu stellen und klickträchtige Bildergalerien zu Lifestylethemen anzulegen, arbeiten bei derstandard.at etwa 70 Redakteure, annähernd so viele wie bei der Printschwester. Sie recherchieren eigene Geschichten, tickern live von Gerichtsverhandlungen und experimentieren mit neuen Formen wie Datenjournalismus und interaktiven Netzwerkgrafiken.

Im Grunde könnten sich Online- und Print-Standard unter einem Dach perfekt ergänzen. Die Onliner könnten den täglichen Nachrichtenfluss intelligent abdecken, die Print-Leute tags darauf die großen Zusammenhänge und die stilistischen Höhepunkte liefern.

Könnte. Denn in der Praxis funktionierte das bis dato kaum. Statt Kooperation hieß es vielfach Konfrontation – oder einfach liebloses Nebeneinander. So standen im April letzten Jahres zum einjährigen Amtsjubiläum von Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz zwei Interviews mit ihm gleichzeitig auf derstandard.at: eines von Print-, eines von Onlineredakteuren. Skurrilitäten wie diese gibt es nicht nur beim Standard: News.at bekam vor kurzem keinen Zugriff auf eine Aufdeckergeschichte von News-Vize-Chefredakteur Kurt Kuch – und behalf sich, indem es eine Agenturmeldung online stellte, die einen Ö1-Bericht zitierte, der sich auf Kuchs Artikel bezog.

Auf die Frage “Warum?“ hört man beim Standard oft von tradierten Animositäten und unterschiedlichen journalistischen Kulturen. Die Onliner fühlen sich von den Printlern nicht als vollwertige Journalisten akzeptiert. Dass online am Anfang recht amateurhaft gearbeitet wurde, hängt ihnen bis heute nach, nur langsam werden die Ressentiments weniger.

Die Spannungen zwischen Print und Online, die etwa zutage treten, wenn Onlineredakteure den Titel einer Printgeschichte ändern, sind ein Symptom der Umbruchphase, in der die Medienbranche derzeit steckt. Gedruckte Zeitungen verlieren Leser, kündigen Personal, werden mancherorts gar eingestellt; Onlinejournalismus gewinnt an Bedeutung.

Das zeigt sich auch beim Standard: Lag die verkaufte Auflage der Zeitung 2008 im Wochenschnitt noch bei 77.000 Exemplaren, sank sie bis zum ersten Halbjahr 2012 auf 70.000. Im selben Zeitraum stieg die Zahl der page impressions – also der Klicks – auf derstandard.at von 46 auf 63 Millionen; die Zahl der unique clients – also der Geräte, von denen auf die Seite zugegriffen wurde – verdoppelte sich von 1,3 auf 2,5 Millionen. Seit 2005 mache der 1995 gegründete Online-Standard Gewinne, sagt dessen Chefredakteurin Gerlinde Hinterleitner.

Doch Onlinejournalismus spielt weniger Geld ein, als es Zeitungen noch bis vor ein paar Jahren taten; weltweit suchen Medienbesitzer nach digitalen Verdienstmodellen. Die Wirtschaftskrise verstärkt die Nervosität in der Branche noch, auch beim Standard rechnet Chefredakteurin Föderl-Schmid für 2013 finanziell mit schlechten Nachrichten. Niemand weiß, wie der Journalismus in ein paar Jahren aussehen wird – und ob er oder sie dann noch einen Job haben wird.

Beim Standard soll das gemeinsame Gebäude in Zukunft Absprachen erleichtern. Auch dass im Herbst Anita Zielina – die 32-jährige Onlinerin war 2011 als erste Österreicherin Knight Journalism Fellow an der Stanford University in Kalifornien und forschte dort zu Medieninnovation – zur Vize-Chefredakteurin sowohl des Standard als auch von derstandard.at ernannt wurde, ist ein  Schritt in diese Richtung.

Die Trennung zwischen Print- und Onlineredaktion soll beim Standard trotzdem erhalten bleiben. Als der Umzug in das ehemalige Gebäude der Zentralsparkasse geplant wurde, überlegte man, beide räumlich zu verschmelzen. Doch ausgerechnet in der Abwehr dieses Modells taten sich Print- und  Onlineleute, die sonst kaum miteinander sprachen, zusammen. Sie sehen wegen der unterschiedlichen Arbeitsweisen von Print und Online keinen Sinn in einer engeren Zusammenarbeit; auch die unterschiedlichen Beschäftigungsverhältnisse – Printredakteure werden nach Journalisten-Kollektivvertrag, Onliner nach dem billigeren IT-Kollektivvertrag bezahlt – haben eine Rolle gespielt, ebenso die Angst vor Entlassungen: Vor kurzem erst wurde den Redakteuren per Mail Bildungskarenz und Altersteilzeit schmackhaft gemacht.

Die Geschäftsführung gab nach, und so sitzt die Printredaktion nun mit Blick auf den Wienfluss im ersten Stock des neuen Gebäudes, die Onliner teilen sich mit der Print-Produktion den riesigen ehemaligen Kassensaal im Erdgeschoß.

Eine personelle Verschmelzung von Online und Print kommt für die Redakteure noch weniger in Frage als eine räumliche. Der Medienredakteur Harald Fidler und Klaus Taschwer von der Wissenschaft sind die einzigen Printler, die im neuen Gebäude freiwillig unten bei den Onlinern sitzen. “Ich merke stündlich, dass es Sinn ergibt, gemeinsam zu arbeiten”, sagt Fidler, “aber ich weiß auch, wie schwierig es ist, beide Medien parallel und aktuell zu bedienen”.

Einen Vorgeschmack darauf, wie die Zusammenarbeit funktionieren könnte, lieferte letzte Woche ein Streitgespräch zwischen zwei Offizieren zum Thema Wehrpflicht: Ein Printredakteur und eine Onlineredakteurin moderierten die Diskussion gemeinsam, in der Printausgabe erschien eine kürzere Fassung, online eine längere Version und ein Video. Für den Standard war das schon eine kleine Revolution.

Erschienen in leicht veränderter Form im Falter, 23.1.2013

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