Die digitalen Musketiere

Drei junge österreichische Journalisten experimentieren in Deutschland mit neuen Formen des Journalismus

Ihr neues Büro ist noch nicht einmal ganz fertig, da zieht Anita Zielina schon wieder aus. Im Oktober hatte sie ihren Job als Vize-Chefredakteurin von Standard und derstandard.at angetreten; nun wurde bekannt, dass Zielina Wien Ende März verlassen wird, um in der Hamburger Redaktion des Magazins Stern den Posten des “Managing Editor Online“ anzutreten. Zielina soll stern.de neu konzipieren; wenn der Umbau abgeschlossen ist, wird sie die Onlineredaktion leiten. Da stellt sich die Frage: Wie schafft es eine 32 Jahre junge Wienerin in die Führungsebene eines großen deutschen Magazins?

Der wichtigste Teil der Antwort lautet: Amerika. Zielina bekam 2011 als erste Österreicherin die renommierte Knight Journalism Fellowship an der Stanford University im kalifornischen Silicon Valley; ein Jahr lang forschte sie dort zu Medieninnovation und zur Frage, wie Medien am besten mit ihren Usern interagieren können.

Die rasanten Veränderungen und die ungewisse Zukunft der Branche machen vielen Medienunternehmern Angst, sie würden am liebsten ihre Augen schließen und sich ins Jahr 1990 zurückbeamen. Wer sich aktiv mit dem Thema Innovation beschäftigt, kann sich daher schnell profilieren.

Wenn Zielina in ein paar Wochen in Hamburg zu einer Podiumsdiskussion oder einem Workshop zu ihrem Spezialthema geht, wird ihr wohl Bernhard Riedmann über den Weg laufen. Und vielleicht – wenn die Veranstaltung wichtig genug ist für eine Anreise aus München – auch Wolfgang Luef. Dann werden drei junge Österreicher zusammenstehen und die Zukunftsstrategien der großen deutschen Magazine debattieren: Luef, 29, ist beim Magazin der Süddeutschen Zeitung für die App zuständig, Riedmann, 30, arbeitet in der Multimedia-Redaktion des Spiegel. Die Namen der beiden könnten Falter-Lesern bekannt vorkommen: Luef und Riedmann waren einst Praktikanten und freie Mitarbeiter beim Falter.

Anita Zielina geht nach Deutschland, weil dort mehr Innovation stattfindet; Luef und Riedmann hingegen haben sich mit Innovation beschäftigt, weil sie zu den großen deutschen Medien wollten. In Deutschland angekommen, stellten beide fest, dass zwar überall Journalisten entlassen werden; im Innovationsbereich aber gab es neue Jobs.

Luef, ein ruhiger, reflektierter Mann, hat 2008 ein Volontariat bei der Süddeutschen absolviert – eine in Deutschland übliche praxisbezogene Ausbildung, bei der man in zwei Jahren verschiedene Ressorts eines Mediums durchläuft. Danach wollte er beim SZ-Magazin bleiben, auch die Redaktion wollte ihn behalten, doch es gab keine freien Stellen. “Ich habe mich nicht für eine iPad-Stelle beworben“, erzählt Luef, “aber als ich gefragt wurde, ob ich die App entwickeln will, habe ich gedacht: Cool, ich kann weiterhin Teil dieser Redaktion sein.“

Zusammen mit Grafikern, Programmierern und Projektmanagern hat Luef die App des SZ-Magazins konzipiert, heute ist er dafür zuständig, die einzelnen Ausgaben fürs Tablet umzusetzen und sich um digitale Zusatzelemente zu kümmern. Da kann der User sich dann eine Kolumne von deren Autor vorlesen lassen, mit den Schüttelreimen der Rubrik “Gemischtes Doppel“ Memory spielen oder sich ein Making-of eines Modeshootings mit ehemaligen Opernsängern in einem Mailänder Altersheim anschauen. Zum Schreiben kommt Luef heute nur noch selten.

Eine Karriere im Expresstempo hat Bernhard Riedmann hingelegt. Im Vergleich zu Luef und Zielina ist er ein Spätberufener, 2010 bewarb er sich an der renommierten Zeitenspiegel-Reportageschule im deutschen Reutlingen. “Wir haben ihn genommen, weil er ein aufgeschlossener, dynamischer Kerl war“, erzählt deren Leiter Philipp Maußhardt heute, “journalistisch war er noch relativ unbedarft.“ Trotzdem wird Riedmann noch vor Ende der Ausbildung, direkt aus einem Pflichtpraktikum heraus, beim Spiegel angestellt.

Das Magazin baute damals gerade seine iPad-Redaktion auf und suchte Multimedia-Reporter. Riedmann hatte nicht nur Musik gemacht, Uni-Vorlesungen besucht und gejobbt, sondern auch eine Filmschule besucht und Fotografie gelernt.

All das hilft ihm bei den interaktiven Webreportagen, die er nun gestaltet. Die Reportage “Nicht von Gott gewollt“ über ein lesbisches Fußballteam in Südafrika etwa, für die er und seine Kollegin Amrai Coen den Deutschen Reporterpreis gewonnen haben. Eine Spielerin aus dem Team nimmt den User mit in ein verfallenes Warenhaus, in dem eine Freundin ermordet wurde; in vier Kapiteln bringen die Reporter dem User mittels Videos und Audioslideshows, über die Stimmen von Opfern und potenziellen Tätern die gefährliche Situation lesbischer Südafrikanerinnen näher.

Könnte Riedmann solche Projekte auch in Österreich umsetzen? “Nein“, sagt er sofort, “ich wüsste nicht, welches Medium sich so etwas trauen würde.“ Im Vergleich zu den Apps von Spiegel und SZ-Magazin muten die der meisten österreichischen Medien fast steinzeitlich an: Sie zeigen entweder die Printausgabe oder sind leicht adaptierte Versionen der Website. Die wohl ambitionierteste Zeitungs-App hierzulande ist ausgerechnet die der Krone, wo man immerhin mit animierten Grafiken und Panoramafotos experimentiert.

In Debatten über die unterschiedlichen Medienkulturen in Deutschland und Österreich kommt meist schnell das Argument, Österreich sei eben ein kleines Land. Bei der Frage nach der Medieninnovation dürfte es sogar stimmen: Eine App zu entwickeln kann hunderttausende Euro kosten, da sind die deutschen Magazine mit ihren Verkaufszahlen klar im Vorteil. Zum Vergleich: Die Süddeutsche verkauft über 400.000 Exemplare einer durchschnittlichen Ausgabe, der Spiegel 900.000, der Stern 800.000. In Österreich liegen Standard oder Profil bei knapp 70.000 Exemplaren.

Aufwändige Projekte wie Riedmanns “Nicht von Gott gewollt“ können sich deutsche Medien daher eher leisten. Zwei Wochen lang waren Riedmann und seine Kollegin dafür in Südafrika, insgesamt drei Monate lang haben sie zusammen mit Grafikern und Programmierern an der Umsetzung der Reportage gearbeitet. Das rechnet sich nicht so schnell – und es ist unklar, wohin solche Experimente führen werden. Für Riedmann sind interaktive Geschichten mehr als nur Spielerei, aber selbst er glaubt nicht, dass neue Erzählformen allein die Krise des Journalismus lösen können.

Dass sich viele Medienunternehmer hierzulande nicht trauen, Projekte mit ungewissem Ausgang zu starten, stört Anita Zielina. Sie hat in den USA eine andere Unternehmenskultur kennengelernt, in der Scheitern nichts Schlimmes ist: “Dort wird man nicht nur für das geschätzt, was man geschafft hat, sondern auch dafür, was man auszuprobieren gewagt hat“, sagt sie. “Wer in Österreich einmal scheitert, dem hängt das für immer nach.“

Beim Standard hat Zielina die Schwerpunktausgabe Direkte Demokratie koordiniert, für die Leser via Liquid Democracy Themen vorschlagen und diskutieren konnten; seit Februar bloggt sie auf derstandard.at zu ihrem Leibthema Innovation. Dass es auch unter ihr, zumindest nach außen hin, keine richtig radikalen Veränderungen gab, mag daran liegen, dass sie erst fünf Monate Zeit hatte, etwas anzustoßen. Viele Projekte, sagt Zielina, seien gerade am Entstehen.

Das passt zu dem, was Daniela Kraus, Leiterin des Forums Journalismus und Medien Wien, über Innovation in Österreich sagt: “Im Gegensatz zu den USA startet man hier Projekte erst in einem späteren Nachdenk- und Entwicklungsstadium, statt sich reinzuschmeißen und einfach mal zu experimentieren.“ Auch auf Deutschland treffe das zu; doch weil die Zeitungskrise dort schon stärker zu spüren ist, sei der Druck, Neues zu schaffen, größer.

Die Aufbruchsstimmung in der Medienbranche werde wohl bald auch in Österreich ankommen, sagt Wolfgang Luef zum Abschied und kündigt an, diesen Text in der Falter-App zu lesen. “Wobei …“, er zögert, “… könntet ihr mir doch eine gedruckte Ausgabe nach München schicken?“

Falter, 6.3.2013

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