Tagebuch aus Istanbul

Magdalena Jöchler und ich wollten Urlaub in Istanbul machen – und landeten mitten im türkischen Frühling

31.5.

21 Uhr. Durch die Strassen Kadiköys auf der asiatischen Seite Istanbuls, wo unser Hostel liegt, ziehen an unserem ersten Abend Grüppchen brüllender, fahnenschwenkender junger Männer. Ein Fußballmatch? Nein, erklärt im Hostel der bärtige Barmann Etham: Die Burschen protestieren gegen das geplante Einkaufszentrum im Gezi-Park und das zunehmend autoritäre Verhalten von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan.

1.6.

1.27 Uhr. Das Gebrüll von der Straße wird lauter, ein Hupkonzert beginnt. Wir gehen in Richtung Meer. Hunderte Menschen kommen uns entgegen, sie schwenken türkische Fahnen, pfeifen, schlagen auf Töpfe und Pfannen, skandieren Parolen, die wir in den nächsten Tagen noch öfter hören werden. Wir sehen keinen einzigen Polizisten. Ein junges Mädchen übersetzt uns die Slogans: „Fuck you, Tayyip“, riefen die Menschen, „du kannst uns mit Tränengas besprühen, aber du bist trotzdem erledigt“.

11 Uhr. Etham und die Rezeptionistin Andaç sehen übernächtig aus. Sie seien um zwei Uhr früh, nach ihrem Dienst, zum Taksim-Platz marschiert, erzählen sie, von Asien nach Europa, fünf Stunden lang. “Geht auf keinen Fall in die Nähe”, sagen sie, “es ist die Hölle”. 24 Demonstranten seien bereits getötet worden. In den internationalen Medien ist allerdings nichts von Toten zu lesen.

12.43 Uhr. Wir tasten uns Richtung Taksim vor. Viele Menschen haben Gasmasken, Staubmasken oder dünne OP-Masken um den Hals hängen. Eine ältere Dame schenkt uns OP-Masken. Ein Pärchen drückt uns Zitronen in die Hand: An ihnen sollen wir lutschen, falls wir Tränengas abbekommen. „Ja kein Wasser trinken“, warnt das Pärchen uns. Auch Touristen geben uns Ratschläge. Obwohl viele von ihnen mit Gas in Berührung gekommen sind, wirkt keiner wütend auf die Demonstranten.

Am Weg zum Taksim (Foto: Magdalena Jöchler)
Am Weg zum Taksim (Foto: Magdalena Jöchler)

13.58 Uhr. Von einer Seitengasse aus beobachten wir den Protestzug auf der Einkaufsstraße Istiklal Caddesi, die zum Taksim führt. Plötzlich ändern hunderte Demonstranten ihre Richtung, stürmen auf uns zu, unsere Seitengasse hinab, wir werden von der Panik mitgerissen, links öffnet sich eine Tür, wir stürzen hinein.

14.07 Uhr. Wir sind in der Lobby eines kleinen Hotels gelandet. Durch die Türritzen dringt Gas, das Atmen wird schwer, Augen und Haut brennen.

Zwischen Schreck und Sensationslust
In der Hotellobby: Zwischen Schreck und Sensationslust

14.45 Uhr. Draußen riecht es noch immer nach Gas. Auf der anderen Straßenseite sprühen sich drei Männer mit riesigen Gasmasken eine weiße Flüssigkeit ins Gesicht. Auch uns bieten sie davon an: „Augen zu, Mund auf“. Die Flüssigkeit schmeckt süßlich. Langsam lässt das Brennen nach. Alles wirkt ruhig, wir laufen die schmalen Gässchen hinab und überqueren die Galatabrücke – nur weg aus dem chaotischen Beyoğlu.

Drei Männer sprühen sich eine weiße Flüssigkeit ins Gesicht ... (Foto: Magdalena Jöchler)
Drei Männer sprühen sich eine weiße Flüssigkeit ins Gesicht … (Foto: Magdalena Jöchler)

17 Uhr. In Eminönü im südlichen Teil der Stadt ist von der Aufregung nichts zu spüren. Wir trinken auf einer Dachterrasse Tee, um uns herum rauchen Einheimische Wasserpfeife. Ein paar Kilometer entfernt kreist ein Hubschrauber über dem Taksim, Rauchwolken steigen auf. Gas? Nein, da brennt etwas. Am Abend werden wir erfahren, dass die Demonstranten Baucontainer angezündet haben.

Rauch über dem Taksim
Rauch über dem Taksim

20.17 Uhr. Die Medien berichten, die Polizei habe sich vom Taksim zurückgezogen. Andaç und Etham basteln Schutzbrillen aus zerschnittenen Wasserflaschen. Manche Demonstranten würden die Rauchbomben aufheben und zur Polizei zurückwerfen, erzählen sie. Andere hätten die Helmvisiere der Polizisten mit schwarzer Farbe besprüht; die hätten daraufhin die Visiere öffnen müssen und das Gas selbst eingeatmet.

21.45 Uhr. Wir essen in Kadiköy zu Abend. Im Restaurant läuft der regierungskritische Livestream vom Taksim, den uns Andaç gezeigt hat. Das Pärchen neben uns hat Staubmasken vor sich auf dem Tisch liegen.

Abendessen in Kadiköy
Abendessen in Kadiköy

2.6.

11.30 Uhr. Die Medien berichten, die Situation habe sich beruhigt. In der Hagia Sophia erzählt uns ein portugiesischer Tourist, eine Rauchbombe sei vor seinen Füßen gelandet.

20.34 Uhr. Neben der Fährenstation in Karaköy werden Gasmasken verkauft. Einige Wartende haben sich türkische Fahnen, oft mit Atatürk-Porträts, um die Schultern gelegt.

Warten auf die Fähre
Warten auf die Fähre von Karaköy nach Kadiköy

20.52 Uhr. Als die Fähre einfährt, wird im Wartehäuschen geklatscht, der Slogan „Heryer Taksim, heryer direniş“ ertönt („Überall ist Taksim, überall ist Widerstand“).

22.18 Uhr. Vertraute Parolen dringen in unser Zimmer, Tausende ziehen vor unserem Fenster vorbei. Wie schon in den letzten beiden Nächten wird es erst in der Morgendämmerung ruhig, wir schlafen mit den Rufen „Tayyip Istifa“ („Tayyip, tritt zurück“) und „Hükümet Istifa“ („Regierung, tritt zurück“) im Ohr ein.

3.6.

19 Uhr. Wir sprechen ein Grüppchen etwa 16-jähriger Mädchen auf die Proteste an. Die Hälfte von ihnen trägt Kopftuch, die andere Hälfte nicht. „We don’t agree“, sagen sie und meinen die Demonstranten. „I like my president“, sagt ein Mädchen mit einem schimmernden grauen Kopftuch und einer großen Sonnenbrille kichernd. „I love my president. I am happy“.

23.27 Uhr. Erneut ziehen Demonstranten durch Kadiköy, mit Flaggen verzierte Autos und Taxis begleiten die Slogans mit Hupkonzerten.

4.6.

1.04 Uhr. Andaç und Etham haben ein paar zerdrückte Metallröhren ins Hostel mitgebracht. Es sind die Hüllen der Rauchbomben Tränengaspatronen, die die Polizei auf sie abgefeuert hat. Vormittags sei es am Taksim nicht mehr gefährlich, sagen sie.

Die Hüllen der Rauchbomben
Die Hüllen der Rauchbomben @wintelkiller hat mich darauf hingewiesen, dass es sich um Tränengaspatronen handelt, nicht um Rauchbomben

11.13 Uhr. Wir spazieren von Kabataş Richtung Taksim. Die Mauern sind mit Graffiti beschmiert: „Katil Tayyip“ („Verbrecher Tayyip“), „Katil Polis“ („Verbrecher Polizei“) und das von zuhause bekannte „A.C.A.B“ . Viele Gehsteige sind aufgerissen – aus den Pflastersteinen, aus Metallstangen, Absperrgittern und umgestürzten Bauzäunen haben die Demonstranten Barrikaden gebaut.

Auf dem Weg zum Taksim
Auf dem Weg zum Taksim

11.29 Uhr. Die Plexiglaswände eines Buswartehäuschen sind eingeschlagen; Fensterscheiben und Auslagen sind ganz geblieben. Am Taksim riecht es noch immer leicht verbrannt. Transparente wehen, ein paar umgestürzte, graffitibesprühte Autowracks blockieren die Straße. Aber auch die in Touristengegenden allgegenwärtigen Simit-Verkäufer sind da, und vor dem Marmara Hotel und dem Starbucks sind Touristen und Geschäftsleute unterwegs.

Taksim
Taksim

11.44 Uhr. Im Gezi-Park gleich hinter dem Taksim stehen ein paar kleine Zelte, auf den Wiesen sitzen junge Leute herum. Die Sonne scheint, die Stimmung ist gut. Ein paar Burschen befestigen ein riesiges Transparent an einem kaputten, graffitibesprühten Bus, der die Straße blockiert. „AKP mezara halk iktidara” steht darauf (“AKP ins Grab, das Volk an die Macht”). Als wir ein Foto machen, kommt ein junger Mann auf uns zu: Nicht die Demonstranten hätten den Bus zerstört, sondern die Polizei, sagt er.

AKP ins Grab, das Volk an die Macht
“AKP ins Grab, das Volk an die Macht”

19.22 Uhr. Neben der Fährenstation von Beşiktaş stehen Polizeiautos und –busse, ein Wasser-werfer, ein Feuerwehrauto; etwa hundert Polizisten warten auf ihren Einsatz. Wir sehen keine Demonstranten.

Beşiktaş
Beşiktaş

19.31 Uhr. Wir sprechen ein paar Polizisten an. Wird es heute Ärger geben? „Ja“, sagen sie. Wie sehen sie die Proteste? „Erdoğan hat 50 Prozent der Bevölkerung hinter sich, er wird nicht zurücktreten“. Wer ist im Recht, Erdoğan oder die Demonstranten? Schweigen, verlegene Blicke. „Dazu können wir nichts sagen“.

Weitere Videos von den Protesten gibt es hier, eine Karte mit den im Text erwähnten Orten hier.

Vielen Dank an meine großartige Reisebegleitung Magdalena Jöchler, die ihre Eindrücke hier niedergeschrieben hat, sowie an Duygu Özkan und Yilmaz Gülüm für die Übersetzung der Protestparolen.

Foto: Magdalena Jöchler
Foto: Magdalena Jöchler
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