Österreicher im Syrien-Konflikt: Heirat, Kampf und Nasenbohren

Es war eine wilde Mischung aus wienerischer Teenagersprache mit bosnischen Einsprengseln und religiösen arabischen Formeln, in der die beiden Mädchen auf dem Internetportal ask.fm kommunizierten. Letzte Woche sollen die bosnischstämmigen Wienerinnen Samra, 16, und Sabina, 15, ihren Eltern Abschiedsbriefe hinterlassen haben (“Wir gehen nach Syrien, kämpfen für den Islam”) und in die Türkei geflogen sein. Seither wird nach ihnen gesucht. Auf ask.fm posteten sie – oder wer immer sich als sie ausgab – Fotos von Waffen und fanatische Parolen und erklärten, sie hätten geheiratet. Inzwischen wurde das Profil deaktiviert.

Eine hohe zweistellige Zahl an Österreichern soll in den letzten Jahren zum Kämpfen nach Syrien gegangen sein, meist junge Männer. “Mit Fortdauer des Konflikts steigt die Wahrscheinlichkeit, dass jemand die Schwelle überschreitet und tatsächlich hinfliegt”, sagt Karl-Heinz Grundböck, Sprecher des Innenministeriums. Das Ministerium will noch dieses Jahr eine Anlaufstelle für Angehörige einrichten, für Familien wie die von Samra und Sabina. Noch ist aber unklar, wo die Stelle angesiedelt sein soll. “Das Um und Auf ist Glaubwürdigkeit”, warnt Tarafa Baghajati von der Islamischen Religionsgemeinschaft Wien: Eine Anlaufstelle bei der Polizei sei sinnlos.

Baghajati kennt viele Geschichten wie die von Samra und Sabina. Viele Betroffene seien Tschetschenen, die in Syrien einen Stellvertreterkrieg gegen Russland führten, sagt er; bosnischstämmige Kämpfer seien untypisch.

Dass die beiden Mädchen laut Medienberichten vor ihrer Abreise nie als religiös aufgefallen sind, dass sie sich westlich gekleidet und Beziehungen gehabt haben sollen, überrascht Baghajati hingegen nicht: Vor allem leicht beeinflussbare Persönlichkeiten, die kaum etwas über Religion, Sprache und Kultur wüssten, fühlten sich von extremistischen Gruppen angezogen. “Halbwegs psychisch stabile Leute über 30 lassen sich kaum mehr rekrutieren. Es ist also eine Überlebensstrategie dieser Gruppen, immer jüngere Menschen anzusprechen.” Das werde sich nicht ändern, solange der Syrien-Konflikt nicht gelöst sei.

Baghajati plädiert daher dafür, Jugendliche wie Samra und Sabina nicht zu kriminalisieren. “Sie brauchen eine Diskussion”, sagt er, “und zwar nicht nur aus der Antiterror-, sondern auch aus der islamischen Perspektive.”

Eine kleine Beruhigung hat Baghajati immerhin für die Familien von Samra und Sabina: “Kein Mensch braucht Jugendliche im Kampfgebiet. Wahrscheinlich sitzen sie nahe der Grenze auf türkischem Gebiet und bohren in der Nase.”

Falter, 23.4.2014

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