Kämpfen statt Jammern

In Deutschland gibt es die Freischreiber schon seit fünf Jahren. Jetzt kämpfen auch in Österreich freie Journalisten für bessere Arbeitsbedingungen

Susanne Wolf hatte mehrere Tage Arbeit in die Reportage gesteckt. Sie war ins Frauengefängnis Schwarzau im südlichen Niederösterreich gefahren, hatte drei Stunden dort verbracht, mit dem Gefängnisdirektor gesprochen, mit der Leiterin der Mutter-Kind-Abteilung, mit Insassinnen. Dann hat sie einen Text zu Papier gebracht, 6442 Zeichen; das ist etwas mehr als der Text, den Sie gerade lesen. Die Reportage erschien auf derStandard.at, Wolfs Honorar: ihr zufolge 100 Euro brutto.

derStandard.at war nicht das einzige Medium, das Wolf mit Taschengeld abspeiste; und sie war nicht die einzige freie Journalistin, der es so ging. “Mir sind diese Honorare immer mehr gegen den Strich gegangen“, sagt Wolf. “Ich hab mir gedacht, das kann doch nicht sein, dass es so viele um so wenig Geld machen.“

Gemeinsam mit ihrer Kollegin Sonja Fercher und einigen anderen begann sie sich für mehr Vernetzung und Solidarität unter freien Journalisten einzusetzen. Anfang 2013 startete Fercher gemeinsam mit dem Forum Journalismus und Medien Wien (fjum) die Seminarreihe “Erste Hilfe für Freie“; ein Freien-Stammtisch und eine Facebook-Gruppe mit mittlerweile 167 Mitgliedern entstanden. Nun wird das Netzwerk institutionalisiert: Am Mittwoch hat sich der Verein “Freischreiber“ offiziell gegründet.

Während angestellte Journalisten Monatslöhne bekommen, verkaufen Freie ihre Texte an verschiedene Medien und werden meist per Zeilenhonorar, also je nach Textlänge, bezahlt. Ihre Löhne liegen in den allermeisten Fällen weit unter denen der angestellten Kollegen.

Der Journalisten-Kollektivvertrag (KV) schreibt ein Honorar von etwa 2,6 Cent pro Zeichen (plus Entgelt für den Zeitaufwand, das allerdings in der Realität kaum je gezahlt wird) vor. Für den Text über das Frauengefängnis hätte Wolf also laut KV etwa 160 Euro brutto bekommen sollen – um als Freie von seriösem Journalismus leben zu können, ist auch das viel zu wenig.

Es gibt allerlei weitere Probleme, mit denen Freie zu kämpfen haben: Manche Medien bestellen Texte, drucken sie dann aber aus redaktionellen Gründen doch nicht und wollen nicht für die geleistete Arbeit zahlen; andere lehnen Artikelideen von Freien ab, um sie dann selbst umzusetzen und sich so das Freienhonorar zu sparen. Ein einzelner Freier kann dagegen wenig tun, er ist ja auf weitere Aufträge angewiesen.

Von der Journalistengewerkschaft konnten sich Menschen wie Wolf und Fercher lange Zeit wenig Hilfe erwarten. Bei den vier Jahre dauernden und im April 2013 abgeschlossenen Verhandlungen zu einem neuen KV forderte die Gewerkschaft zwar Verbesserungen für Freie, hatte dabei aber vor allem die “Falschen Freien“ im Blick – Scheinselbstständige, die wie Angestellte arbeiten, aber finanziell und arbeitsrechtlich schlechter gestellt sind. Die Zeitungen sollten ihre freien Mitarbeiter anstellen, forderte die Gewerkschaft. Hier begegneten sich zwei Welten, die der Unternehmer und die der Angestellten: Dass viele Freie gern selbstständig sind und keine Anstellung, sondern höhere Zeilenhonorare und eine fairere Behandlung durch die Redaktionen wollten, verstand die Gewerkschaft erst nach und nach.

In Deutschland hat sich schon im Jahr 2008 eine Gruppe von freien Journalisten unter dem Namen Freischreiber zusammengetan, um den Problemen der Freien gemeinsam gegenüberzutreten. Heute hat der Berufsverband etwa 550 Mitglieder.

Sie bekommen für einen Beitrag von zehn Euro im Monat kostenlose Rechts-, Steuer- und Sozialberatung; auf der Freischreiber-Website können sie Profile anlegen, über die sie potenzielle Auftraggeber finden und kontaktieren können. Der Verband gibt außerdem die “Freienbibel“, ein Handbuch für Freie zu Themen wie “Neue Geschäftsmodelle“ und “Juristisches“ heraus, verleiht jährlich einen “Himmel- und-Hölle-Preis“ an besonders faire und unfaire Redaktionen und kämpft für bessere Honorare, gerechtere Verträge und eine Reform des Urheberrechts.

Die deutschen Freischreiber sind das Vorbild für Wolfs und Ferchers Gruppe, zu deren hartem Kern etwa zehn Freie gehören. “Wir hatten das Gefühl, es wird viel zu viel gejammert bei freien Journalisten“, sagt Wolf. “Die Freischreiber jammern nicht, sondern tun was.“ Wolf und Fercher wollen daher die Leitlinien und vieles andere von den Deutschen übernehmen. Ihr erstes Projekt soll eine österreichische Version der “Freienbibel“ sein. Derzeit stehen sie erst ganz am Anfang, noch gibt es nicht einmal eine Website.

Immerhin haben die österreichischen Freischreiber schon vor ihrer offiziellen Gründung die Gewerkschaft sowie den Verband Österreichischer Zeitungen dazu gebracht, sich mit Ihnen an einen Tisch zu setzen und über fairere Honorare zu verhandeln. Ein Ergebnis gibt es noch nicht, die derzeit wahrscheinlichste Lösung: Das Entgelt für den Zeitaufwand, das die Auftraggeber sowieso systematisch ignorieren, fällt, dafür wird das Zeilenhonorar erhöht.

Falter, 18.6.2014

Nachtrag: Seit Erscheinen meines Artikels hat sich bei den Freischreibern einiges getan – auf der vorläufigen Website gibt es inzwischen erste Infos, die Leitlinien und den Antrag auf Mitgliedschaft. Und: Susanne Wolf hat in meinem Text den Hinweis darauf vermisst, dass es auch Magazine gibt, die deutlich besser zahlen. In dem Gespräch, das wir für diesen Artikel geführt haben, hat sie da etwa den “Konsument” als Positivbeispiel hervorgehoben, für den sie regelmäßig arbeitet. Ich finde (umso mehr, als ich ja selbst einige Zeit lang lang Freie war) ihre Anmerkung berechtigt – tatsächlich ist dieser Punkt dem Platzmangel zum Opfer gefallen – und verweise daher an dieser Stelle auf ihren Blogpost zum Thema.

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