Was steckt hinter dem Brief der 800? Eine Spurensuche

Erschienen als Teil eines Falter-Schwerpunktes zum Gendern zusammen mit einem Essay von Matthias Dusini, einem Brief von Sibylle Hamann und einem FAQ zum Gendern

“Vierteljahresschrift für gutes Deutsch und abendländische Sprachkultur” lautet der Untertitel der Wiener Sprachblätter. Herausgegeben wird das Heft vom laut Webseite “am 23. Nebelmond (November) 1949” gegründeten “Verein Muttersprache”, den man “fernmündlich” oder via “Fernbild (Fax)” kontaktieren kann und in dessen Vorstand statt eines Kassiers ein “Säckelwart” sitzt. An der Adresse des Vereins, Fuhrmannsgasse 18a,1080 Wien, haben diverse Burschenschaften ebenso ihren Sitz wie die “Österreichische Landsmannschaft”, die den rechtsextremen Eckartboten herausgibt und früher die einzige Verkaufsstelle für WKR-Ball-Karten war.

Als bekannt wurde, dass ausgerechnet dieses Heft den offenen Brief gegen das Gendern erstveröffentlicht hatte und dass einer der Autoren, der emeritierte Sprachwissenschaftler Heinz-Dieter Pohl, im Vorstand des Vereins sitzt, gingen vor allem auf Twitter die Wogen hoch.

Dabei sei das nur einem Missverständnis geschuldet, sagen der AHS-Lehrer und Koautor Tomas Kubelik und der “Schriftleiter” der Sprachblätter, Christoph Fackelmann. Kubelik habe seinen ehemaligen Studienkollegen Fackelmann um eine Unterschrift gebeten, woraufhin Fackelmann Pohl fragte, ob er den Brief veröffentlichen dürfe. “Wir haben dann den Aussendungstermin von Anfang Juni auf Anfang Juli verschoben”, sagt Kubelik, “aber wir haben vergessen, das den Sprachblättern zu sagen. Der Brief hätte dort erst nach der breiten Veröffentlichung erscheinen sollen.”

Was also ist der Hintergrund des Briefes, wer sind die Autoren, wie ist der Brief entstanden? Fünf Verfasser nennt die in der Kronen Zeitung und der Presse publizierte Version des Briefs, neben Pohl und Kubelik auch die Translationswissenschaftlerin Annelies Glander sowie die emeritierten Germanistikprofessoren Peter Wiesinger und Herbert Zeman, die der Falter allerdings nicht erreichen konnte.

Rechtsextrem kann man diese Menschen wohl kaum nennen. Kubelik, Autor des Buches “Genug gegendert!”, steht jedoch in der Tradition von reaktionären Wutbürgern wie Thilo Sarrazin oder Akif Pirinçci. In Artikeln im Blog des erzkonservativen ehemaligen Presse-Chefredakteurs Andreas Unterberger und auf einem Internetportal, für das auch Pirinçci schreibt, spricht er sich gegen Gleichbehandlungsgesetze aus, bezeichnet Political Correctness als Zensur und autoritäre Strategie, “das Bewusstsein der Menschen zu manipulieren”, und beklagt sich über die gesellschaftliche Benachteiligung der Männer.

Die Geschichte des Briefs begann mit dem Entwurf zu “Richtlinien für die Textgestaltung”(Önorm A 1080), den das Normungsinstitut Austrian Standards im Februar präsentierte. Der Entwurf lehnte fast alle Formen des Genderns ab und empfahl rein männliche Formulierungen und “Generalklauseln”. Es gab heftige Proteste, Austrian Standards kündigte an, Önorm A 1080 – die im Übrigen keinerlei rechtliche Bedeutung hat – zu überarbeiten.

Daraufhin suchte der Germanist und Schulbuchautor Horst Fröhler, der den Entwurf mitverfasst hatte, Verbündete und fand sie in Kubelik, Pohl und den anderen Briefschreibern. Wer den Kontakt herstellte, wer die Idee zum Brief hatte, daran wollen sich die Autoren nicht mehr erinnern, oder sie widersprechen einander. Im Gespräch bestärken sie alle ihre Kritik, reden aber die jeweils eigene Beteiligung klein: Glander sagt, Pohl habe den Brief formuliert, Pohl nennt Fröhler als Hauptautor, Fröhler nennt Kubelik, Kubelik wiederum Pohl.

Die 800 Unterzeichner kamen über Mundpropaganda zusammen, sagen die Initiatoren. Dass 300 davon Lehrer und Lehrerinnen sind, deutet nicht nur auf ein grassierendes Unbehagen am geschlechtergerechten Schreiben in dieser Berufsgruppe hin, sondern auch darauf, dass der Brief wohl über Schulverteiler verschickt wurde.

Zumindest einige der prominenteren Unterzeichner dürften eher aus einem Impuls heraus unterschrieben haben. Der Philosoph Konrad Paul Liessmann gab sich, auf das Thema angesprochen, peinlich berührt. Er hatte nicht damit gerechnet, dass der Brief so hohe Wellen schlagen würde, und bat den Falter, zum Inhalt lieber die Initiatoren zu befragen.

Erschienen als Teil eines Schwerpunkts zum Gendern im Falter, 23.7.2014

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