Der Deutsche auf dem Flüchtlingsboot

Der deutsche Reporter Wolfgang Bauer hat Syrer auf ihrem Weg über das Mittelmeer begleitet – und landete in Innsbruck in U-Haft. Ich habe für meine letzte Falter-Ausgabe mit Bauer gesprochen, hier eine Langversion des Falter-Textes.

Schulter an Schulter liegen die Menschen auf dem kalten Betonboden des ägyptischen Gefängnisses, Männer, Frauen, Kinder, das Jüngste fünf Jahre alt, aus den Nebenräumen dringen die Schreie von Gefolterten. Mittendrin liegt Wolfgang Bauer, 43, Journalist aus dem beschaulichen süddeutschen Städtchen Reutlingen. Es ist der Endpunkt einer Reise, wie sie Europäer sonst höchstens aus Erzählungen kennen. Neun Tage später wird Bauer von Ägypten nach Deutschland abgeschoben.

Täglich kommen derzeit neue Asylwerber in Europa an, viele tausend sind in den letzten Jahren im Mittelmeer ertrunken. Wir kennen die Fotos von überfüllten Booten, von Särgen. Wir diskutieren darüber, welcher Staat, welches Bundesland wie viele Asylwerber aufnehmen soll, wie sie versorgt werden sollen. Aber was passiert, bevor diese Menschen bei uns landen – wie sie auf ihre Boote kommen, wie ihre Reise verläuft, welche Gefahren ihnen drohen – das weiß kaum jemand.

Wolfgang Bauer, Reporter der deutschen Wochenzeitung Die Zeit, hat es gemeinsam mit dem tschechischen Fotografen Stanislav Krupar ausprobiert. Im April 2014 flogen die beiden nach Kairo, um syrische Flüchtlinge auf ihrem Weg nach Europa zu begleiten. Das Experiment brachte sie einige Wochen später auch in eine österreichische Gefängniszelle. Einen Teil seiner Erlebnisse schilderte Bauer bereits im Juni im Zeit Magazin, Anfang Oktober erschien sein Buch über die Reise.

Herr Bauer, wie sind Sie auf die Idee gekommen, mit Syrern auf ein Flüchtlingsboot zu steigen?

Ende 2013 habe ich einen jungen Mann kennengelernt, der überlebt hat, während seine Frau und seine drei Kinder ertrunken sind. Er saß in Malta am Strand, gerettet, aber doch verloren. Da habe ich beschlossen, selber als Flüchtling getarnt den Sprung über das Mittelmeer zu wagen.

Wie haben Sie Ihre Aktion geplant?

Kollegen, Flüchtlinge und die Grenzschutzagentur Frontex sagten mir, dass von Tunesien und Libyen aus die Gefahr hoch ist. Von Ägypten aus haben es letztes Jahr 67 von 69 Schiffen nach Italien geschafft. Als die anderen zwei vor der ägyptischen Küste gekippt sind, sind auch nicht alle ertrunken, sondern zuerst einmal die, die nicht schwimmen konnten – vor allem die Kinder und die Frauen. Das war die zynische Risikorechnung, die wir am Anfang aufgestellt haben. Wir haben uns dann als Flüchtlinge aus einer Kaukasusrepublik ausgegeben – es gibt ja nur wenige Länder, wo man Fluchtgründe und unser Aussehen zusammenbringen kann.

Wie groß war Ihre Angst, dass Ihnen etwas passieren könnte?

Unsere größten Sorgen waren: Akzeptieren uns die Schmuggler und die anderen Flüchtlinge? Wir waren erleichtert, als das geklappt hat. Man darf das ja nicht romantisieren, das sind nicht nur nette Leute. Das Boot und die Polizei waren erst unsere dritte Sorge. Womit wir nicht gerechnet hatten, war, dass wir entführt werden. Oft wird man am Strand von Banditen ausgeraubt und zusammengeschlagen, aber Entführungen sind nicht die Regel, auch die anderen Flüchtlinge hatten davon noch nie gehört.

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In einem Minibus ist die Gruppe in Alexandria auf dem Weg zum Strand, als fremde Männer das Auto kapern. Wie sich herausstellt, sind die Flüchtlinge in einen Konflikt zwischen konkurrierenden Schlepperbanden geraten. Tagelang werden sie in einer Wohnung festgehalten; erst nachdem „ihre“ Bande Lösegeld gezahlt hat, dürfen sie gehen und können ihre Reise fortsetzen.

Sie schaffen es auf ihr Boot, doch statt sie nach Italien zu bringen, setzen die Schmuggler sie auf einer kleinen Insel vor der ägyptischen Küste aus. Die Küstenwache verhaftet sie, bringt sie ins Gefängnis, Bauer wird nach Deutschland abgeschoben.

Im zweiten Teil des Buches schildert Bauer die weitere Odyssee des Familienvaters Amar und der Brüder Alaa und Hussan. Die Brüder werden nach einer langen Irrfahrt Richtung Libyen und einer weiteren Entführung, diesmal auf hoher See, von der italienischen Küstenwache gerettet.

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Wie haben Sie auf der Reise gearbeitet – wie mit den anderen Flüchtligen kommuniziert, wie Notizen und Fotos gemacht?

Einige Leute aus der Gruppe haben Englisch gesprochen. Und wir haben gesagt, wir sind Englischlehrer und haben unseren Freund Amar so kennengelernt. Deswegen haben alle akzeptiert, dass er für uns übersetzt. Ich habe nur wenige Notizen gemacht, immer abends, und habe gesagt, ich führe Tagebuch. Fotos konnte der Kollege nur mit dem Smartphone machen, er hat so getan, als ob er Spiele spielt. Erst im Gefängnis, als schon klar war, wer wir sind, konnte ich richtige Interviews mit Notizblock in der Hand machen. Da war ich sehr froh, dass niemand sich verraten gefühlt hat und sauer auf uns war.

Und den Teil der Flucht, bei dem sie nicht dabei waren, haben Sie sich von den Flüchtlingen schildern lassen?

Genau. Ich habe mir von ihnen detailliert beschreiben lassen, was auf der Reise vorgefallen ist. Mit Amar habe ich auch die ganze Zeit via Telefon und Skype Kontakt gehalten und so seinen Kurs verfolgt.

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Von Italien wollen Alaa und Hussan weiter nach Schweden, wo bereits ihr Bruder Rafik lebt. Die Reporter fahren mit Rafik nach Mailand, um die Brüder mit dem Auto in den Norden zu bringen. Doch am Brenner werden sie von der österreichischen Polizei angehalten, erneut verhaftet. Bauer wird nach einigen Stunden in einer Innsbrucker U-Haft-Zelle wieder freigelassen, weil er kein Geld genommen hat; die Syrer müssen Strafe zahlen und werden nach Italien zurückgebracht.

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Wann ist in Ihnen der Entschluss gereift, für Alaa und Hussan zum Schlepper zu werden?

Wir haben schon im Gefängnis in Ägypten den Brüdern und Amar versprochen: Wenn ihr es nach Italien schafft, dann helfen wir euch. Es war eine leichte Entscheidung. Wir waren sicher, dass sie Asyl bekommen werden.

Dass Sie dadurch Probleme mit der Justiz bekommen könnten, war Ihnen egal?

Ja. Ich hätte mich schuldig gefühlt, hätte ich ihnen nicht geholfen und sie wieder in die Hände von richtigen, kommerziellen Schleppern geraten lassen. Was wir getan haben, würde ich Fluchthilfe nennen – so wie bei den Westdeutschen, die im Kalten Krieg Ostdeutschen über die Grenze geholfen haben.

Im öffentlichen Diskurs in Österreich gibt es diese Trennung nicht. Da gilt jeder, der Asylwerber über die Grenze bringt, als brutaler Krimineller.

Es gibt viele Idioten, die von der Not der anderen profitieren wollen. Aber es gibt zum Beispiel auch ein ganzes Netzwerk von Fluchthelfern, die an der nordafrikanischen Küste Flüchtlinge beraten und mit Notfallnummern ausstatten. Dass Syrer als Schlepper gebrandmarkt und strafrechtlich verfolgt werden, die nur versuchen, ihre Verwandten möglichst sicher von Italien abzuholen, ist ein Skandal. Alaas und Hussans Bruder Rafik kann nicht in Schweden ruhig in seinem Bettchen schlafen, wenn er weiß, die zwei geraten von einer Falle in die nächste oder müssen sich in Containern oder zwischen LKW-Achsen verstecken. Solche Leute leisten humanitäre Arbeit. Zu sagen, sie gefährden die Flüchtlinge, ist zynisch von der Politik. Die Politik selbst gefährdet die Flüchtlinge, indem sie sie in den Untergrund zwingt.

Wie ist die Polizei in Innsbruck mit Ihnen umgegangen?

Bei der Festnahme haben sich die Polizisten geweigert, uns die Hand zu geben – allein weil wir Leute ohne Papiere auf der Rückbank hatten. Die höheren Beamten waren dann absolut korrekt. Die Syrer haben mir aber erzählt, dass der Übersetzer der Polizei sie mit Lügen und falschen Versprechungen erheblich unter Druck gesetzt hat.

In Ihrem Epilog fordern Sie eine andere Flüchtlingspolitik. Wie könnte die aussehen?

Dublin III muss abgeschafft werden. Die Syrer sollten, wie die Bosnier in den 90er Jahren, automatisch Asyl bekommen, solange sie keiner terroristischen Gruppe angehören und sich verpflichten, zurückzukehren, wenn die Situation sich gebessert hat. Fast alle wollen sowieso zurück. Mit den Afrikanern ist es schwieriger: Man kann nicht alle aufnehmen. Aber so, wie es jetzt läuft, mit dieser menschenunwürdigen Behandlung, geht es nicht. In dieser Abwehrschlacht verroht Europa und verrät sich selbst.

Es gibt die berühmte, aber umstrittene Maxime, dass ein Journalist „sich mit keiner Sache gemein machen soll, auch nicht mit einer guten“. Davon halten Sie offenbar wenig?

Wenn ich jemandem das Leben retten kann, ist mir der Journalismus relativ egal. Man muss es eben transparent machen – deswegen habe ich das Buch in der Ich-Form erzählt. Ich glaube, man kann kein guter Journalist sein, wenn man ein Arschloch ist.

Wie geht es „Ihren“ drei Flüchtlingen heute?

Amar geht es gut. Er ist anerkannter politischer Flüchtling in Deutschland, jetzt versucht er, seine Familie nachzuholen. Alaa und Hussan haben es nach Schweden geschafft. Aber vor kurzem haben sie erfahren, dass ihr Bruder Mohammed ums Leben gekommen ist. Sein Schiff ist im Mittelmeer gesunken.

Die kürzere Version dieses Textes erschien am 1.10.2014 im Falter

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