Der Zeit voraus

In Kärnten waren die Rechtspopulisten schon groß, als sie im übrigen Europa noch klein waren. Heute lassen sich in Österreichs Süden ihre Hinterlassenschaften studieren: Schulden, Skandale – und die Verehrung für den toten Jörg Haider

An der Stelle, an der vor acht Jahren der Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider mit 142 Kilometern pro Stunde und 1,8 Promille Alkohol im Blut gegen eine Gartenmauer raste, brennen heute noch Kerzen. Auf dem Pflasterboden stehen im Halbkreis sieben nur leicht verblasste Fotos des Toten, in einer Vase lassen weiße Rosen ihre Köpfe hängen. Autos brausen vorbei, durch ihren Lärm hindurch schreit eine Stimme von der anderen Straßenseite: „Viva Haider!“ Sie gehört einem Mann im mittleren Alter, Kurzarmhemd über dem runden Bauch, verschwommene Tätowierungen auf beiden Armen. Seinen Namen will er nicht nennen. Ja, mag schon sein, dass Jörg Haider seit acht Jahren tot ist, sagt er. „Aber“, der Mann klopft sich mit der rechten Hand auf die linke Brust: „In unseren Herzen lebt er für immer.“

  In halb Europa erstarken rechtspopulistische Parteien. Selbst in Deutschland, das lange immun schien gegen diese Art der Versuchung, erobert die AfD ein Landesparlament nach dem anderen. Wer in dieser Situation wissen will, wie rechtspopulistische Politik funktioniert und wie es mit einem Land weitergehen kann, in dem die Rechtspopulisten es einmal zur stärksten Kraft geschafft haben, der kann seinen Blick auf Kärnten richten. Das südlichste Bundesland Österreichs ist so etwas wie das Epizentrum des europäischen Rechtspopulismus, eine Art historisches Laboratorium. Aus heutiger Sicht könnte man sagen: Kärnten war seiner Zeit voraus. Die Kärntner wählten Jörg Haider zum Regierungschef, als es im Rest Europas noch eine Art Naturgesetz war, dass Sozialdemokraten und Konservative sich abwechseln an der Macht. Haiders Partei, die FPÖ, sowie deren Abspaltungen BZÖ und FPK regierten hier von 1989 bis 1991 und von 1999 bis 2013.

  Dass das gerade hier, an der Grenze zu Slowenien, so früh passierte, hat viele Gründe: Kärnten ist ländlich geprägt; es ist protestantischer als andere österreichische Bundesländer, weswegen die katholische ÖVP hier nie wirklich stark war; und es hat eine slowenische Minderheit, die zwar schon seit Jahrhunderten in Kärnten lebt, aber von vielen Deutschkärntnern trotzdem als „fremd“ empfunden wird. Der wichtigste Grund aber war Jörg Haider selbst: Ein Charismatiker, der die FPÖ auch bundesweit von fünf auf bis zu 27 Prozent trieb.

  Im Rest Österreichs löste er in seiner Regierungszeit häufig Empörung aus, etwa als er Asylbewerber unter miserablen Bedingungen auf 1200 Meter Seehöhe auf der entlegenen Saualm unterbrachte. In Kärnten jedoch wurde er verehrt.

 Er habe jedem Kärntner mindestens einmal die Hand geschüttelt, heißt es, und sich nach Jahren noch an jeden Namen erinnert. Haider führte in Kärnten ein „Babygeld“ und eine „Mütterpension“ ein, drückte Bürgern höchstpersönlich 100-Euro-Scheine in die Hand. In der Landeshauptstadt Klagenfurt ließ er eine Seebühne für 2000 Besucher in den Wörthersee hineinbauen – für ihn ein Prestigeprojekt, für das Land ein Millionengrab.

  Haider habe den Kärntnern Selbstbewusstsein gegeben, sagen heute Freunde wie Feinde. Aber das kostete. Weiterlesen auf sueddeutsche.de (€)

Süddeutsche Zeitung, 17.10.2016

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