“Menschen wie Sie haben keine Ahnung!”

Die Sexarbeiterin Josefa Nereus ist wütend: Sie findet das seit einem Jahr geltende Prostituiertenschutzgesetz verlogen. Der Hamburger Bundestagsabgeordnete Marcus Weinberg hat es mit auf den Weg gebracht. Er hält es für notwendig. Ein Streitgespräch.

Von Ruth Eisenreich und Luisa Hommerich

Vor einem Jahr ist das umstrittene Prostituiertenschutzgesetz in Kraft getreten. Marcus Weinberg, der frauenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, hat das Gesetz mit entwickelt, die Sexarbeiterin Josefa Nereus ist davon direkt betroffen. Weiterlesen auf Zeit Online

Die Zeit, 5. Juli 2018

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Reicht nicht mehr

Ursula Fligge hat gearbeitet und privat vorgesorgt. Jetzt ist sie Rentnerin und weiß nicht, wie lange sie ihre Miete noch zahlen kann.

Eigentlich hat sie alles richtig gemacht. Sie hat alles getan, was man Menschen rät, damit sie nicht in Armut abrutschen. Hat eine Ausbildung gemacht, danach noch studiert. Hat die letzten 49 Jahre fast durchgehend gearbeitet, auch während des Studiums, auch als ihre Tochter noch klein war. Hat in eine private Rentenversicherung eingezahlt, selbst in Jahren, in denen es knapp war. Hat Geld gespart. Jetzt ist sie 66, seit Kurzem in Rente, und weiß nicht, wie sie in zwei, in drei, in fünf Jahren noch ihre Wohnung bezahlen soll.

Die Wohnung, in der sie ihr halbes Leben verbracht hat, hochschwanger ist sie im Sommer 1984 eingezogen. Auf dem Schreibtisch liegt ein grauer Ordner, den sie vor Kurzem für den Termin bei der Mieterberatung zusammengestellt hat, darin ein Brief: Nettokaltmiete bisher 594 Euro, Nettokaltmiete in Zukunft 654 Euro. Warm soll sie bald 815 Euro zahlen, dazu noch Wasser und Strom. Der Rat des Mietervereins? Mal die Hausverwaltung fragen, ob man die Summe nicht ein bisschen reduzieren könne, auf die vielen Wasserschäden hinweisen. Mehr lässt sich nicht tun, denn die Mieterhöhung ist im gesetzlich erlaubten Rahmen geblieben: 15 Prozent in drei Jahren. Weiterlesen auf Zeit Online

Die Zeit, 22. März 2018

Wie antisemitisch ist Deutschland?

Hass auf Juden gibt es hier nicht mehr. So dachten viele. Dann verbrannte in Berlin eine Israel-Flagge. Haben die Flüchtlinge einen neuen Antisemitismus ins Land gebracht? Oder war er nie weg? Juden und Nichtjuden erzählen.

Von , , , und Ruth Eisenreich

Dies alles sind Nachrichten aus Deutschland vom Januar 2018: Die Union fordert die Ausweisung von Zuwanderern, die antisemitischen Hass verbreiten. Die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli von der SPD, Tochter palästinensischer Flüchtlinge, verlangt, alle Menschen, die in Deutschland leben, auch Asylbewerber, müssten eine KZ-Gedenkstätte besuchen. Winfried Kretschmann, der baden-württembergische Ministerpräsident von den Grünen, erklärt: “Die Landesregierung wird auch weiterhin für die Sicherheit jüdischen Lebens in unserer Mitte bürgen.” Der Bundestag fordert die Regierung mit großer Mehrheit auf, einen eigenen Antisemitismusbeauftragten einzusetzen.

Dies alles sind politische Notfallmaßnahmen. Sie sollen ein Signal aussenden, wenige Wochen nachdem sich etwa 1.200 Demonstranten vor dem Brandenburger Tor versammelt hatten. Weiterlesen auf Zeit Online

Die Zeit, 1. Februar 2018

Die Männinnen

Eine jahrhundertealte Tradition erlaubt es albanischen Frauen, sich für ein Leben als Mann zu entscheiden. Mit allen Rechten und Pflichten, mit vielen Freiheiten – aber ohne Liebe.

Die Bäume an den Berghängen um das Dorf Xhuxhë leuchteten rot und golden, als Nushe Vorfi ihrer Cousine eine Schere in die Hand drückte. Die zögerte, weigerte sich: Vorfis Haare waren so schön, so lang, sie reichten der jungen Frau bis zu den Ellenbogen. Doch dann gab die Cousine nach. Eine erste braune Strähne fiel auf die Terrasse vor dem Haus, dann noch eine und noch eine. Als auf dem Kopf nur noch wenige Zentimeter übrig waren, trug Vorfi ihre, nein, seine abgeschnittenen Haare auf ein nahes Feld und verbrannte sie. Die Cousine hatte Vorfi an diesem Nachmittag zum Mann gemacht.

Nush Vorfi ist klein, 1,60 Meter vielleicht. Das karierte Kurzarmhemd flattert um einen flachen Oberkörper, darunter leicht taillierte Jeans mit künstlich abgewetzten Stellen, die Füße in schwarzen Plastikschlappen. Ein kantiges, sonnengebräuntes Gesicht, kurze Haare und breite Schultern. Dazu kräftige Hände, die Fingernägel sind sehr weit zurückgeschnitten. Vorfi ist 38, aber er wirkt mindestens zehn Jahre älter, sein faltiger, zerfurchter Hals könnte einem 90-Jährigen gehören. Vorfi spricht nur ungern über seine Gefühle, ein albanischer Mann tut das nicht. Aber was er in dem Moment empfunden hatte, in dem seine Haare fielen, auf der Terrasse an einem Herbstnachmittag des Jahres 1994, das weiß er heute noch: Erleichterung. Und Befreiung. Weiterlesen auf sueddeutsche.de

Süddeutsche Zeitung, 27.1.2018

587 Euro für ein halbes Zimmer

Seit dem 1. Januar kosten städtische Unterkünfte für Flüchtlinge das Vierfache. Wie kann das sein?

Es war kurz nach Weihnachten, als Familie A. in ihrem Briefkasten ein Infoblatt fand. 587 Euro pro Person pro Monat, stand darauf, werde ihre Unterkunft ab 1. Januar 2018 kosten. Macht insgesamt 4.109 Euro für die siebenköpfige Familie. Dabei bewohnt Familie A. keine Luxusvilla, im Gegenteil: Sie lebt in einem 70-Quadratmeter-Containermodul mit Möbeln vom Flohmarkt, ohne Internet, ohne Handyempfang. So schildert es die Flüchtlingshelferin Kerstin Heuer, die die Familie betreut.

Der Absender des Infoblatts, das Familie A. und fast 30.000 andere Menschen in Hamburg rund um Weihnachten in ihren Briefkästen fanden, war kein skrupelloser Miethai, sondern das städtische Unternehmen Fördern und Wohnen. Weiterlesen auf Zeit Online

Die Zeit, 11. Januar 2018

Sie wollen nicht beißen, nur rauchen

Seit Kurzem regiert in Österreich die rechte FPÖ – und gibt sich ungewohnt handzahm. Hat sich die Partei geändert?

Von Ruth Eisenreich und Matthias Krupa

Von Hunden, die bellen, heißt es, sie würden nicht beißen. Heinz-Christian Strache hat nun sogar das Bellen eingestellt. Seit feststeht, dass der Vorsitzende der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) zum Vizekanzler aufsteigt, säuselt er nur noch: vom Brückenbauen und von “gemeinsamen Wegen”, von “gelebter Verantwortung” und der Freiheit für Raucher. Die Rücknahme des geplanten Rauchverbots in Gaststätten gilt als sichtbarste Veränderung, die Strache und seine Partei ihrem staunenden Land bescheren. Ihre Botschaft: Wir beißen nicht, wir wollen nur rauchen!

Wer den Regierungswechsel in Wien verfolgt, wundert sich. Noch vor einem Jahr herrschte in Österreich eine Art Ausnahmezustand. Die Aussicht, die extrem rechte FPÖ könnte künftig den Bundespräsidenten stellen, spaltete das Land und mobilisierte Linke und Liberale. Auch in Europa galt die Entscheidung als Menetekel. Der Kandidat der Freiheitlichen, Norbert Hofer, hatte den Austritt Österreichs aus der Europäischen Union ins Spiel gebracht. Damals verlor er knapp, seit dem vergangenem Montag ist Hofer Minister. Die FPÖ regiert – und nur ein paar Unentwegte regen sich noch darüber auf.

Hat sich die FPÖ gemäßigt, oder hat man sich nur an sie gewöhnt? Weiterlesen auf Zeit Online

Die Zeit, 20. Dezember 2017

Könnte später werden

Pendler leiden, Urlauber sind genervt: Seit einem Jahr fahren die Züge nach Sylt verzögert oder gar nicht. Wieso kriegt die Bahn das nicht hin?

Um 6.12 Uhr ist die Hotelangestellte Martina Schulz noch zuversichtlich. Es ist kalt und finster auf dem Bahnsteig von Langenhorn in Schleswig-Holstein, aber dass ihr Handy noch nicht gepiepst hat, ist ein gutes Zeichen: Heute könnte der dritte Tag in Folge sein, an dem sie pünktlich zur Arbeit kommt. Im letzten Jahr hat sie das nur selten geschafft. Martina Schulz zündet sich noch schnell eine Zigarette an. Dann schallt eine abgehackte Frauenstimme über den Bahnsteig. Weiterlesen auf Zeit Online

Die Zeit, 7. Dezember 2017