Bei Trauma: Abschiebung

Ihre Freundin auf der Straße zu küssen, war für Kyabangi Onyango lange unvorstellbar. In ihrem Heimatland Uganda steht auf Homosexualität lebenslange Haft. Die deutschen Behörden wollen die lesbische Frau trotzdem dorthin abschieben

Die Worte, die Kyabangi Onyango ins Gefängnis bringen könnten, klingen biblisch. „Fleischliche Kenntnis einer anderen Person gegen die Ordnung der Natur“, Artikel 145a, Strafe: lebenslange Haft. „Versuch, widernatürliche Delikte zu begehen“, Artikel 146, Strafe: sieben Jahre Haft.

  Es sind Worte aus dem ugandischen Strafgesetzbuch, sie haben Onyango, 35, bunt gestreifter Pulli, Jeans, raspelkurze Haare, aus ihrem Land getrieben. Jetzt sitzt sie mit einigen anderen Frauen in der Bar der Münchner Lesbenberatung Letra, in jeder Hinsicht ziemlich weit entfernt von einem ugandischen Gericht. Bier und Fritz-Cola auf den Tischen, Lounge-Musik. Onyango, deren echter Name zu ihrem Schutz nicht in der Zeitung stehen soll, begrüßt andere Frauen mit Umarmungen, „lange nicht gesehen“, sagt sie auf Deutsch. Was hier passiert, das hätte Onyango sich früher nicht vorstellen können: Dass sich hier lesbische Frauen treffen, nicht heimlich, sondern ganz offen. Dass sie sich nicht schämen für ihre Liebe. Dass sie sich auf der Straße küssen, wenn sie wollen. Und dass sie dafür nicht verhaftet, nicht verprügelt, nicht vergewaltigt werden.

  In Onyangos Heimatland Uganda ist Homosexualität strafbar, Gewalt gegen Lesben und Schwule alltäglich. Das deutsche Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) und das Bayerische Verwaltungsgericht wollen Onyango dorthin abschieben. Sie haben ihren Asylantrag abgelehnt, schon in zweiter Instanz.

  Während vorne in der Letra-Bar die Musik lauter wird, versucht Onyango in einem Hinterzimmer ihre Geschichte zu erzählen … Weiterlesen auf sueddeutsche.de

Süddeutsche Zeitung, 19.5.2015

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Bei Trauma: Abschiebung

Im Krieg der Worte und der Bilder

In Zeiten von Facebook und Twitter wird Krieg nicht nur mit Gewehren geführt, sondern auch mit drastischen Fotos und Legenden. Drei Reporter erzählen

Die Fotos zeigen verschreckte Kinder, verstümmelte Flüchtlinge, sie zeigen Blut, Gewalt und Tod. Sie tauchen in der Facebook- oder Twitter-Timeline auf, wir sind empört, klicken auf “Teilen“ – und schon sind wir unfreiwillig Teil einer Propagandamaschinerie geworden.

Ob die Bilder echt sind, ob sie zur angegebenen Zeit am angegebenen Ort aufgenommen wurden, ob sie also zeigen, was sie zu zeigen behaupten – diese Fragen geraten im ersten Entsetzen oft ins Hintertreffen.

Seit es Krieg gibt, wird gelogen und getäuscht, werden eigene Kämpfer zu Helden und gegnerische zu Bestien gemacht. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Propaganda über das Radio und das Kino verbreitet. Ab dem Vietnamkrieg kam das Fernsehen dazu, seit dem Kosovokrieg bedienen sich die Kriegsparteien auch des Internets.

Berüchtigt ist etwa der Fall der 15-jährigen Nayirah im Irakkrieg 1990. Sie behauptete, irakische Soldaten hätten in einem kuwaitischen Spital Babys aus ihren Brutkästen genommen und sterben lassen. Später kam heraus: Die Geschichte war die Erfindung einer PR-Agentur, Nayirah die Tochter von Kuwaits Botschafter in den USA.

Dank der neuen Medien können wir heute so schnell wie nie zuvor herausfinden, was auf hunderte Kilometer entfernten Kriegsschauplätzen gerade geschieht. Wir können durch sie aber auch besonders leicht beeinflusst werden. In Syrien, der Ukraine und Gaza zeigt sich das deutlich.

Als in Syrien der Aufstand begann, der in den Bürgerkrieg mündete, kämpfte man medial um die Bewertung der Revolutionäre: Waren es liberale Demokraten oder doch islamistische Terroristen?

Ähnlich die Situation in der Ukraine: Die Maidan-Aktivisten – westlich denkende Progressive oder Faschisten? Die Separatisten im Osten – Freiheitskämpfer oder Putin-Söldner? Die russische Regierung soll hunderte Mitarbeiter dafür bezahlt haben, in sozialen Netzwerken und auf Nachrichtenseiten die öffentliche Meinung durch eine Flut von Kommentaren zu manipulieren.

Und der Nahostkonflikt ist von jeher auch ein Kampf um die öffentliche Meinung. Derzeit werden etwa unter dem Twitter-Hashtag #GazaUnderAttack grauenhafte Fotos geteilt und retweetet, also weiterverbreitet. Eine Analyse der BBC ergab, dass viele von ihnen mehrere Jahre alt sind oder aus Syrien oder dem Irak stammen.

Seriöse Medien sehen ihre Aufgabe darin, aus diesem Wirrwarr die Wahrheit herauszufiltern – oder zumindest etwas, was ihr nahekommt. Aber selbst für sie gilt: Die Dinge sind oft schwierig. Auch sorgfältig recherchierende Journalisten sind nicht davor gefeit, durch Propaganda instrumentalisiert zu werden. Drei von ihnen haben dem Falter von ihren Erfahrungen erzählt.

 

Richard C. Schneider
leitet das Tel Aviver Büro der ARD

Wenn ich “in real time“ wissen will, was passiert, ist meine Quelle heute Twitter, nicht mehr die Nachrichtenagenturen. Twitter ist allerdings ein schreckliches Propagandamedium geworden. Auch ausländische Journalisten retweeten grauenvolle Bilder, die manchmal gar nicht aus Gaza, sondern aus Syrien stammen. Ich tweete deswegen grundsätzlich keine Bilder außer solchen, die ich oder mein Team selbst aufgenommen haben.

Trotz aller Vorsicht beteiligt man sich letztlich indirekt am Propagandakrieg: Wenn etwas häufig behauptet wird, wird man verführt, es für bare Münze zu nehmen. Und weil man schnell reagieren muss – der Wettbewerb, wer der Schnellste mit der allerneuesten Nachricht ist, wird ja immer wahnsinniger -, ist eine Verifizierung fast nicht mehr möglich.

Eine Zeitlang hat uns die ARD aus Sicherheitsgründen angewiesen, nicht nach Gaza hineinzugehen. Wir hatten als Informationsquelle zwar noch mein Team dort, auf dessen Informationen ich mich verlassen kann – aber das Team kann mir nur erzählen, was es mit eigenen Augen sieht, was also räumlich in der Nähe passiert.

Vor etwa zwei Wochen kam dann ein Tweet, dass Gaza-Stadt bombardiert wird. Ich habe das sofort retweetet, weil es von einer unabhängigen NGO kam, der man erst mal Glauben schenkt. Ich war ganz erschrocken, weil ich dachte, oh Gott, jetzt bekommt der Krieg eine völlig neue Qualität. Innerhalb von ein paar Minuten kam die Meldung auch von verschiedenen anderen Seiten, vor allem von palästinensischen Tweetern, die ich aber nicht retweetete.

Ich rief dann mein Team in Gaza an und sagte: Bitte dreht sofort dieses Bombardement, so nah ihr halt herankommen könnt, ohne euch zu gefährden. Und mein Mitarbeiter sagte mir: Wovon redest du? Der Vorort Sadschaija wird – wie schon seit Tagen – bombardiert, aber Gaza-Stadt nicht. Dann sah ich auch schon, dass ich in der Zwischenzeit eine Twitter-Direktnachricht von einem Kollegen bekommen hatte, den ich persönlich kenne: “Richard, vertrau dieser NGO nicht, hinter diesem Twitter-Account steckt die Hamas“.

 

Cathrin Kahlweit
ist Korrespondentin der Süddeutschen Zeitung

Am 2. Mai starben im ukrainischen Odessa bei einem Brand des Gewerkschaftshauses mehr als 40 Menschen. Wer trug die Schuld an der Katastrophe?

Die Faktenlage: Eine proukrainische Demonstration wurde von prorussischen Aktivisten angegriffen, beide Seite waren bewaffnet. Die Separatisten flüchteten ins Gewerkschaftshaus, Molotowcocktails flogen, das Haus fing Feuer. Ich war damals in Kiew und recherchierte aus 500 Kilometern Entfernung – ein Ding der Unmöglichkeit in diesem Propagandakrieg. Eine Kollegin reiste nach Odessa.

Wer konnte, mochte uns objektiv Auskunft geben? Die Polizei? Hatte sich zu eindeutig zurückgehalten. Der ukrainische Geheimdienst? Ist Partei. Augenzeugen, Reporter, Menschenrechtler? Überfordert von der chaotischen Lage und permanenter Desinformation.

Aus dem Moskauer Außenministerium hieß es, Kiew stecke “bis zu den Ellenbögen“ in Blut; Russia Today berichtete, ukrainische Faschisten hätten ihre Mitbürger angezündet und an der Flucht aus dem brennenden Haus gehindert. In Kiew war man weniger schnell mit Erklärungen bei der Hand, weil offenbar tatsächlich Nationalisten Molotowcocktails in das Haus geworfen hatten. Aber es wurde so argumentiert: Die Feinde der Ukraine hätten die Eskalation provoziert, Brandsätze seien von beiden Seiten – aus dem Haus und in das Haus – geworfen worden, dabei hätten Fehlwürfe Gardinen in Brand gesetzt. Später hätten Ukrainer ihre Mitbürger heldenhaft aus dem brennenden Haus gerettet.

Es folgte eine Flut ekliger, mutmaßlich manipulierter Bilder, fragwürdiger Analysen und gruseliger Verschwörungstheorien. Ich bekam E-Mails von Unbekannten, die anhand von Fotos und Lageplänen “bewiesen“, dass die Toten gar nicht verkohlt oder erstickt seien. Nur die Köpfe seien von Flammen zerstört gewesen, die Körper intakt. Oder: Die Opfer seien im Gewerkschaftshaus drapiert, aber anderswo getötet worden.

Auf V-Kontakte, dem russischen Facebook-Pendant, wimmelte es von grauenhaften Fotos – Photoshop? Eine Schwangere sei, so hieß es, im Gewerkschaftshaus mit einem Kabel erdrosselt worden. In den ukrainischen sozialen Netzwerken der Gegenangriff: Die Schwangere war 59, nicht schwanger, wurde nicht erdrosselt.

Was in Odessa wirklich geschah, ging in einer Welle von gegenseitigen Beschuldigungen und manipulierten Beweisen unter. Die UN haben am 15. Juni einen Bericht dazu vorgelegt, der eine traumatische Eskalation, aber keine Gräueltaten dokumentiert. Doch die Propagandamaschine, sie läuft weiter.

 

Wolfgang Bauer
berichtet als Reporter der Zeit aus Krisengebieten

Im Frühsommer 2006 recherchierte ich eine Reportage über die UN-Mission Monuc im Ostkongo. Ich bin in der festen Überzeugung hingefahren, dass da eine großartige Mission der UN gegen vergewaltigende, mordende Milizen antritt und die Menschenrechte durchsetzt.

Mitten in der Recherche musste ich mein Wertungssteuer herumreißen. Ich war bei einer pakistanischen Einheit “embedded“, konnte mich aber immer wieder von ihr lösen. Durch Zufall traf ich Vertreterinnen einer Frauen-NGO. Sie erzählten, dass die reguläre kongolesische Armee, die im Windschatten der UN-Truppen kämpfte, der Bevölkerung ein Ultimatum gesetzt hatte: Wer nicht innerhalb von vier Tagen aus dem Busch zur Hauptstraße kam, würde als Feind behandelt werden. Ich bin mit den Frauen in den Busch gegangen, wo sie die Menschen gesucht haben, um sie zu warnen – ein Wettlauf gegen die Zeit, weil die kongolesischen Soldaten betrunken und unter Drogen sind und wie wild vergewaltigen.

Da habe ich die Arbeit der Monuc plötzlich aus einer ganz anderen Perspektive gesehen: Sie war nicht Heilsbringer, sondern Helfershelfer einer grausamen, tyrannischen Armee. Wir haben dann auch von einer Racheaktion der UN-Truppen an einem Dorf erfahren, in dem sie Kämpfer der Milizen vermuteten. Sie griffen das Dorf an einem Markttag, als es voller Menschen war, mit schweren Waffen und Panzern an. Viele Unbeteiligte wurden getötet.

Natürlich hat man da einen Beharrungsinstinkt, man will bei seiner ursprünglichen These bleiben. Mein Fotograf war lange embedded – dabei verwächst man mit den Soldaten, weil sie einen ja schützen. Er hat den Perspektivenwechsel zuerst als Verrat empfunden, erst nach langen Diskussionen hat sich auch bei ihm der Schalter umgelegt.

Das ist ein Beispiel für eine sehr unspektakuläre, komplizierte Form der Propaganda: Der Konflikt ist im toten Winkel der Wahrnehmung, es gibt nur wenige Reporter dort. Also sind wir auf Agenturmeldungen angewiesen, aber die Kollegen der Agenturen sitzen auch nur in der Hauptstadt und gehen zu Pressekonferenzen der Monuc. Deren Führungsoffiziere sind ebenfalls nicht mit den Stiefeln am Boden, sondern verlassen sich auf die Berichte der pakistanischen Kommandeure vor Ort. Und die machen Propaganda in eigener Sache – sie haben keine politische Agenda, sondern sind einfach auf die Militärbürokratie getrimmt und wollen in ihrem Heimatland als Helden gefeiert werden.

Falter, 13.8.2014

Im Krieg der Worte und der Bilder

Loan offers hope for Libyan students in Australia

The Australian government is providing a loan to help ease the plight of Libyan students in Australia.

As the Gaddafi regime has crumbled in recent weeks, hundreds of Libyan students in Australia have been watching with mixed emotions. Many are supportive of the rebels who have been fighting to bring down the government of Colonel Muammar Gaddafi. But the turmoil in Libya has also meant difficulties for them in Australia. There’s some hope now that those difficulties will be alleviated by a decision by the Australian government to support them. Ruth Eisenreich reports.

SBS Radio World News, 02/09/2011

Loan offers hope for Libyan students in Australia

„Die Kenianer lachen, wenn plötzlich Weiße durch ihr Dorf laufen“

Zum Interview kommt Wolfgang Kreuzbauer im Laufschritt. „Jetzt haben Sie mich sofort erkannt“, grinst er. Seit sieben Jahren läuft der HNO-Arzt beim Vienna City Marathon und betreut im Medical Center ehrenamtlich andere Läufer. Zum Trainieren fliegt er regelmäßig nach Kenia. Dem Falter erzählt er von seinen Erfahrungen mit den Kenianern und dem Stellenwert des Laufens in Afrika.

Herr Kreuzbauer, warum gewinnen immer Kenianer den Marathon?

Die Europäer behaupten immer, das liegt an den Genen. Aber das ist eine Ausrede. Die haben dort ein tolles System der Selektion. Es gibt viele Talentsucher und Manager, die schauen schon bei Kindern im frühesten Schulalter, wie sie laufen, sieben immer wieder die Talente heraus und fördern die dann in Schulen. Wir haben dem St. Patrick’s College in Iten einen Besuch abgestattet. Das ist ein College, wo die Kinder eine Schulbildung kriegen, aber gleichzeitig nach tollen Trainingsplänen laufen. Es steckt ein ganz beinhartes Training dahinter. Lustigerweise stammen die harten Trainingspläne eigentlich aus Europa. In den 70er oder 80er Jahren haben die Kenianer begonnen, deutsche Trainingspläne zu adaptieren.

Die Europäer trainieren heute anders?

Soweit ich weiß, trainieren die Profis ähnlich. Wahrscheinlich mit mehr wissenschaftlichen Methoden als die Kenianer, mit viel Labormedizin. Aber sie trainieren ja auch im Ausland und schauen sich die Trainingspläne der Afrikaner an. Ich glaube, es ist irrsinnig schwer, in Wohlstandsländern Leute dazu zu bringen, jahrelang konsequent zu trainieren. Man muss die Leute zwar sorgsam, aber doch forciert aufbauen für das Marathonlaufen. In Kenia ist das eine der wenigen Möglichkeiten, wohlhabend, aber auch berühmt zu werden, wenn man nicht einer politischen Familie zugehörig ist. Und in Afrika hat Laufen einen ganz anderen Stellenwert als bei uns.

Hat die Bedeutung des Laufens nur mit den Aufstiegschancen zu tun oder auch mit dem Mangel an anderen Fortbewegungsmitteln?

Das hat schon auch mit den Fortbewegungsmitteln zu tun. Man sieht die Leute unglaublich viel zu Fuß gehen, auch auf den Landstraßen wird gegangen. Wenn wir dort laufen, laufen oft kilometerlang zwei-, dreijährige Kinder mit, bloßfüßig. Die laufen irrsinnig schön, weil sie ganz natürliche Bewegungsabläufe haben. Die Kinder laufen kilometerweit in die Schule, die Bewegung ist üblich. Wahrscheinlich war das bei uns früher auch so.

Zieht sich das Laufen durch alle Gesellschaftsschichten, laufen auch die wenigen Reichen?

Ich glaube nicht, dass die laufen. Das ist die Normalbevölkerung, aus den ärmsten Verhältnissen.

Wie sind Sie dazu gekommen, in Kenia zu trainieren?

Ich bin durch Zufall zum Marathon gekommen. Ich habe aus dem Stand einen Marathon begonnen, um meinen Bruder zu begleiten, bin ohne Training durchgelaufen und draufgekommen, dass ich Läuferbeine habe. Dann hat ein Freund mich mit Dagmar Rabensteiner verbunden, weil die das nicht glauben konnte. Sie ist Internistin, Sportmedizinerin und war die beste Marathonläuferin in Österreich, die jahrelang den Rekord gehalten hat. Sie hat mit ihrem Mann immer in Kenia trainiert, die kennen sich dort aus und organisieren dort irrsinnig tolle Trainingscamps. Ich bin zu ihr in die Ordi gegangen, und wir haben uns so gut verstanden, dass wir nach einer Stunde gesagt haben, wir fahren gemeinsam auf Trainingscamp. Seitdem bin ich immer wieder mitgefahren.

Wie laufen diese Trainingscamps ab?

Beim letzten Mal waren wir ungefähr zwanzig aus allen Bereichen zusammengewürfelte Laufnarrische mit ganz verschiedenen Leistungslevels. Wir trainieren immer im Februar im Hochland, machen Höhentraining, um die Blutkörperchen auf natürliche Art anzureichern. Die Rabensteiners organisieren dankenswerterweise alles. Wir wohnen natürlich luxuriös dort, in Hotels, weil man als Läufer Regenerationsräume braucht. Wir fahren drei bis vier Stützpunkte an, wo Trainingszentren, Stadien sind, wo man auch Laufbahntraining machen kann. Dort können wir mit den ganzen Kenianern trainieren. Die sind überhaupt nicht arrogant. Wenn ich in Europa mit so einer Gruppe irgendwo hinkomme und sage, wir wollen dort trainieren, würden alle Sportstättenverwalter sagen, wir sind wahnsinnig. Dort überhaupt nicht. Die sind extrem freundlich zu uns, grüßen uns, kommen zum Essen vorbei, wir können mit den Trainern sprechen. Und wir werden überhaupt nicht ausgespottet, wenn wir unter ferner liefen laufen.

Sie trainieren gemeinsam mit den Kenianern?

Nein, die nehmen keine Rücksicht auf uns. Wir schauen uns nur ab, was die dort machen: Trainings am Sportplatz, Crossings – Läufe quer über den Platz mit Beschleunigung –, Techniktrainings, die wir sonst nie gemacht hätten. Wir nützen die Erfahrungswerte der Kenianer für unsere Trainingspläne.

Bekommen die Kenianer eine Gegenleistung dafür?

Nein, das ist völlig uneigennützig von der kenianischen Seite. Ich hatte nie das Gefühl, dass wir als Europäer willkommen sind, damit man von uns etwas hat. Wir sind niemals um irgendwelche Gegenleistungen gefragt worden.

Eigentlich erstaunlich, oder?

Ja, das stimmt, bei dem Wohlstandsgefälle, das da herrscht. Ich stelle mir die Frage, ob das nicht auch mit Sport insgesamt zu tun hat. Ich glaube, die Freude an der Bewegung, an der Leistung – auch wenn wer anderer eine gute Leistung bringt – verbindet in irgendeiner Weise.

Sie sind nie in unangenehme Situationen gekommen wegen des Wohlstandsgefälles?

Naja, durch die Kinder schon. Weiße Leute, Europäer, werden natürlich als reich angesehen, und die Kinder laufen einem nach und betteln. Eine der ersten Sachen, die auf Englisch gehen, ist offensichtlich „Gimme money“. Das irritiert am Anfang schon, aber daran gewöhnt man sich mit der Zeit. Am Anfang habe ich versucht, ihnen zu erklären, dass man sich gern unterhalten würde und dass man auch gar nichts kriegt, wenn man nur bettelt. Wenn man dort durch das Hochland läuft, hat man wenig Geld eingesteckt. Manche haben auch gesagt, „Gimme your shoes“. Die sind so arm, dass das schon wieder verständlich ist. Wenn man das Leben dort sieht, wird man sehr geerdet. Da sieht man, in was für wahnsinnigen Verhältnissen wir hier leben.

Hat sich für Sie durch diese Erfahrung etwas verändert?

Die Wertigkeit der Sachen hat sich schon gewaltig verändert. Mir hat das gut getan, zu sehen, was wirklich wichtig ist im Leben: Gesundheit, ein Dach über dem Kopf, Wasser, das man trinken kann. In Wien kann man sich in die Dusche stellen, den Kopf zurückneigen und Hochquellwasser trinken. Das kann sich ein Kenianer nicht vorstellen, für den ist das wie das Paradies. Es bringt einem wahnsinnig viel, wenn man dort hinfährt, sich das anschaut und sich darauf einlässt. Es ist teilweise hart, es geht an die Nieren, zu sehen, in welchen Verhältnissen Leute leben. Das ist jetzt nicht so pseudo-ethisch dahergesagt, das ist wirklich so. Man möchte helfen und weiß eh ganz genau, dass die Hilfe dort einfach versandet.

Versuchen Sie es trotzdem?

Wir lassen viele Sachen dort. Laufschuhe, Laufuhren, Leiberln, Sportgeräte, Bälle, Spielzeug. Wir haben jungen Sportlern gebrauchte Schuhe ausgehändigt, oder Schuhe, die uns nicht gepasst haben. Die wirklichen Profis, die Weltklasse-Athleten, sind modernst ausgestattet. Aber die Landbevölkerung hat sogar mit getragenen Laufschuhen eine unglaubliche Freude.

Wie gehen die Kenianer mit Ihnen um?

Kenia gilt nicht als so wahnsinnig sicheres Land, aber wir sind immer freundlich, mit extrem großen Interesse und in keinster Weise feindlich aufgenommen worden. Wir laufen in Gebieten, wo wenig Touristen sind. Wir sind in Safariparks gelaufen mit Giraffen, Wasserbüffeln und all dem Getier, das man sonst nur aus dem Auto sieht. Aber man läuft auch durch Ortschaften, kleine Städtchen durch. Die Leute haben uns mit viel Lachen begleitet, und ich habe nicht das Gefühl gehabt, dass sie uns auslachen, sondern dass sie es einfach lustig finden, wenn dort plötzlich zwanzig Wohlstandsweiße durch ein Dorf laufen, das vielleicht keine betonierte Straße hat. Manchmal schon ein bisschen mit Argwohn. Die Kinder haben offensichtlich teilweise ein bisschen Angst vor weißen Leuten. Das mag mit den Erzählungen zu tun haben, mit der Geschichte, der Kolonialisierung. Aber feindliche Aktionen haben wir nie erlebt.

Haben Sie auch engere Beziehungen zu Kenianern geknüpft?

Freundschaftlicher Kontakt ist für mich nicht entstanden. Das ist vielleicht ein Mangel, wenn man dort öfters hinfährt. Das wäre schon spannend gewesen, war aber nicht die Zielsetzung und ist bis dato nicht passiert. Vielleicht, weil wir selber zwei Mal am Tag trainieren und zu kurz dort sind. Es ist sprachlich oft schwierig – sie lernen zwar alle Englisch, aber das Englisch ist sehr rudimentär –, und ein gewisses Misstrauen, eine gewisse Vorsicht ist schon da. Sie sind sehr zurückhaltend, dass man ihnen nicht zu persönlich nah kommt. Es wird über sachliche Themen gesprochen, über das Laufen und das Leben allgemein. Der Abstand zwischen den Gesellschaftsschichten ist einfach riesengroß.

Falter, 13.4.2011

„Die Kenianer lachen, wenn plötzlich Weiße durch ihr Dorf laufen“