Warum AKH-Ärzte darum kämpfen, 60 Stunden pro Woche arbeiten zu dürfen

Es ist ein Arbeitskampf der ungewöhnlichen Art: Auf der einen Seite ein Arbeitgeber, der die Dienstzeiten seiner Mitarbeiter verkürzen will, auf der anderen ein Betriebsrat, der kürzere Dienste auf keinen Fall akzeptieren will. Gestritten wird um die Überstunden der Ärzte am Wiener Allgemeinen Krankenhaus.

Ende Juni läuft dort eine Betriebsvereinbarung aus, die die verlängerten Dienste der Ärzte regelt: Laut Gesetz dürften sie höchstens 13 Stunden pro Tag und 48 Stunden pro Woche arbeiten, in einzelnen Wochen bis zu 60 Stunden. Die Betriebsvereinbarung erlaubt, dass Ärzte bis zu 49 Stunden am Stück im AKH verbringen. Das ist anstrengend, aber für das Gehalt der Ärzte wichtig: Etwa 3000 Euro brutto verdient ein junger Arzt am AKH – pro Journaldienst, wie die Nachtschichten intern heißen, gibt es mehrere hundert Euro extra.

Nun wankt dieses System. Denn der Betriebsrat und Wolfgang Schütz, Rektor der Medizinischen Universität, bei der die AKH-Ärzte angestellt sind, können sich nicht auf eine Verlängerung der Betriebsvereinbarung einigen. Schütz will die Dienstzeiten der Ärzte umstellen: Statt acht Stunden Tag-, 16 Stunden Nacht- und wieder acht Stunden Tagschicht sollen die Ärzte in Zukunft 13 Stunden Tag-, elf Stunden Nacht- und noch einmal drei Stunden Tagschicht machen.

Warum wehren sich die Ärzte dagegen, “nur“ 27 statt 32 Stunden durcharbeiten zu müssen? Sie würden dadurch 150 Euro pro Nachtschicht verlieren, der Rektor will so sechs Millionen Euro einsparen. “Es geht ihm nur ums Geld“, sagt Betriebsratschef Thomas Perkmann, “die Uni kann von ihm aus ruiniert werden.“

Nach dem Modell des Rektors stünden jeden Vormittag 170 Ärzte weniger für die Patientenversorgung zur Verfügung, sagt Perkmann: “Wenn es bis 30. Juni kein Ergebnis gibt, bricht das Haus zusammen. Wir sind personell nicht so aufgestellt, dass wir uns den Luxus leisten können, weniger als 60 Stunden pro Woche zu arbeiten.“ Viele Kollegen würden bereits eine Kündigung erwägen.

Das Rektorat wollte dazu keine Stellung nehmen, da bei Redaktionsschluss am Montagabend eine Einigung in Sicht war.

Falter, 26.6.2013

Warum AKH-Ärzte darum kämpfen, 60 Stunden pro Woche arbeiten zu dürfen

Doping für die Baustelle

Nach der Alpine-Pleite will der Staat die Bauwirtschaft ankurbeln. Aber bringt das etwas?

Bericht: Ruth Eisenreich, Joseph Gepp

Zweieinhalb Milliarden Euro Schulden, 6800 gefährdete Jobs, 1400 betroffene Zulieferfirmen: Die Insolvenz des Baukonzerns Alpine vergangene Woche war die größte Firmenpleite der Zweiten Republik.

Zu retten ist die Alpine wohl nicht mehr. Die Barmittel des Konzerns belaufen sich laut Masseverwalter nur auf knapp sechs Millionen Euro – wenig bei einem Tagesbedarf von drei Millionen. Der Mutterkonzern der Alpine, das spanische Firmenkonglomerat FCC, will die Alpine nicht stützen, auch der Versuch einer Übernahme durch andere österreichische Bauunternehmen ist gescheitert. Am Montag beantragte der Masseverwalter die Schließung des Konzerns.

Politiker und Bauwirtschaft verhandeln nun hektisch über Übergangslösungen, Rettungspakete und die Weiterführung von Baustellen. Denn die Alpine-Pleite könnte, so fürchten die Verhandler, auch eine Art Dominoeffekt am Bausektor auslösen. Von rund 1.400 heimischen Zulieferfirmen, die mit der Alpine in Geschäftsverbindung standen, sollen etwa 80 ebenfalls vom Konkurs bedroht sein.

Kein Wunder also, dass SPÖ wie ÖVP – auch wenn sie noch über Details streiten – im Gleichklang nach einem Konjunkturpaket für die Bauwirtschaft rufen. Aber bringt das etwas? Unter welchen Voraussetzungen kann ein derartiger Eingriff in den Markt funktionieren? Gibt es Vorbilder? Oder ist gar alles nur Wahlkampfgetöse?

Um zu verstehen, warum die Bauwirtschaft der Politik so wichtig ist, reicht ein Blick auf die Arbeitskräftestatistik: Millionen Arbeitsplätze in Europa hängen an ihr und an abhängigen Branchen, vom Innenarchitekten bis zum Leitungsinstallateur.

In Österreich beispielsweise arbeiteten laut Statistik Austria im ersten Quartal 2013 rund 346.000 unselbstständig Beschäftigte im Bausektor – das sind 8,4 Prozent der Erwerbstätigen. Damit ist die Branche die viertgrößte hinter der Warenherstellung, dem Handel und dem Gesundheitswesen.

Wenn so ein Sektor kriselt, sorgen sich die Politiker. Genau das ist in der Bauwirtschaft der Fall. “Seit Jahren schrumpft sie in Europa oder stagniert bestenfalls“, sagt die Bauexpertin Andrea Kunert vom Institut für Wirtschaftsforschung (Wifo). Eine Erhebung von Forschungseinrichtungen in 19 europäischen Ländern ergab für das Jahr 2012 einen Rückgang des gesamten Bauvolumens um 4,7 Prozent; für 2013 sind minus 1,6 Prozent prognostiziert.

Wichtigste Ursache der Entwicklung: Vor dem Beginn der Wirtschaftskrise 2008 hatten eine hohe Nachfrage und schnelle Kredite zu einem Boom in vielen europäischen Bausektoren geführt – eine Situation, die sich während der Krise ins Gegenteil verkehrte, in einen umso schlimmeren Nachfrageeinbruch und Preisverfall. In Spanien beispielsweise kamen vor der Krise im Schnitt 20 Baubewilligungen auf 1.000 Einwohner, in Österreich sind es seit eh und je gerade einmal circa fünf.

Österreich hält sich zwar verhältnismäßig stabil, große Rückgänge gibt es vor allem in Südeuropa und Irland. Trotzdem wird es auch hier immer schwieriger, Arbeitsplätze in der Bauwirtschaft zu halten. Heimische Baufirmen bekamen die Krise vor allem wegen ihres massiven Engagements in Osteuropa zu spüren. So schrumpft etwa der Baumarkt in Ungarn seit 2009 um rund ein Zehntel pro Jahr.

Um der Krise entgegenzutreten und Arbeitsplätze zu retten, beschloss Österreichs Regierung 2009 ein Konjunkturpaket bisher ungekannten Ausmaßes. Insgesamt 1,4 Milliarden Euro investierte der Staat in den Bausektor – hauptsächlich über die ÖBB, die Bundesimmobiliengesellschaft und die Förderung thermischer Sanierung.

Den Erfolg dieser Maßnahmen schätzte eine Arbeitsgruppe rund um die Wifo-Budgetexpertin Margit Schratzenstaller positiv ein: Ohne die Konjunkturpakete gegen die Krise wäre das BIP um zusätzliche 2,1 Prozent eingebrochen, heißt es; 41.500 Arbeitsplätze seien gesichert worden.

Kein Wunder also, dass nach der Alpine-Pleite erneut Rufe nach einem Konjunkturpaket laut werden. “Die Bauwirtschaft ist der Motor und Multiplikator der österreichischen Wirtschaft“, sagt beispielsweise Hans-Werner Frömmel, Chef der Bundesinnung Bau. “Wenn wir sie ankurbeln, bewahren wir tausende Arbeitsplätze.“

Im Gespräch sind derzeit vor allem vorgezogene Investitionen in Bereiche, in die der Staat ohnehin bereits Geld stecken wollte – zum Beispiel in den sozialen Wohnbau, den Hochwasserschutz oder den Ausbau von Kindergartenplätzen. “Solche strukturellen Investitionen haben Sinn“, urteilt der Wirtschaftsforscher Marcus Scheiblecker. “Sie verhindern eine Gefahr, die oft bei Konjunkturprogrammen auftritt – dass man Branchen oder Betriebe fördert, die eigentlich bereits todgeweiht sind.“

Die Frage ist nur: Woher soll das Geld kommen? Für große Sprünge wie im Jahr 2009 reicht es heute nicht mehr. Dies nämlich würde die Staatsverschuldung in die Höhe treiben – und damit Österreichs Kreditwürdigkeit gefährden und zu hohen Zinszahlungen führen. Deswegen suchen die Politiker nun verbissen nach Wegen, die Bauwirtschaft zu fördern, ohne zusätzliche Schulden zu machen.

Eine halbe Milliarde Euro versprach Bundeskanzler Werner Faymann beim Parteitag seiner SPÖ in Villach vergangenen Samstag. Wie viel davon budgetwirksam wäre, sich also als Defizit im Budget niederschlagen würde, das kann die Partei auf Falter-Nachfrage jedoch nicht beantworten.

Beim Koalitionspartner ÖVP hat man sich indes eine Finte ausgedacht: 100 Millionen Euro für den Bausektor sollen vor allem aus Reserven der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) kommen. Weil es sich bei der BIG um ein ausgegliedertes Unternehmen handelt, scheint diese Ausgabe nicht im Budget auf.

Bei Falter-Redaktionsschluss verhandelten die Parteien noch über das endgültige Unterstützungspaket, das in den kommenden Tagen verkündet werden soll.

Falter, 26.6.2013

Doping für die Baustelle

40 Stunden Arbeit, 869 Euro Lohn

Jeder zwanzigste Erwachsene in Österreich ist trotz Berufstätigkeit arm. Sind gesetzliche Mindestlöhne die Lösung?

Anna A. ist 32, hat zwei Kinder und lebt in einem Dorf irgendwo in Österreich. Trotz Matura hat sie hier keinen passenden Job gefunden, also arbeitet sie als Verkäuferin – Teilzeit, denn der Kindergarten im Ort ist nur halbtags offen. Anna A. und ihr Mann verdienen zusammen 24.000 Euro netto im Jahr. An Urlaub ist seit der Geburt der Kinder nicht zu denken, und der alte Computer wird noch eine Weile halten müssen.

Anna A. gibt es nicht – aber es gibt viele wie sie in Österreich. 198.000 Menschen, gut jeder zwanzigste arbeitende Erwachsene, waren im Jahr 2011 trotz Job armutsgefährdet; in ihren Haushalten lebten auch 171.000 Kinder. Geht es nach den Grünen, werden diese Menschen nun zum Wahlkampfthema: Am Tag der Arbeit forderte Grünenchefin Eva Glawischnig einen gesetzlichen Mindestlohn von 1.450 Euro brutto für Vollzeitjobs. 20 von 27 EU-Ländern haben bereits Mindestlöhne, Deutschland wird wohl bald einen einführen. Sollte Österreich nachziehen? Wie kann gesichert werden, dass auch Familien wie die von Anna A. von ihren Jobs leben können?

Gesetzliche Mindestlöhne in Europa 2013
Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Die EU-Studie „Community Statistics on Income and Living Conditions“ (SILC) definiert „Working Poor“ als Menschen, die mindestens das halbe Jahr erwerbstätig sind und deren „äquivalisiertes Haushaltseinkommen“ – eine Maßzahl, mit der verschieden große Haushalte verglichen werden können – netto inklusive Sozialleistungen trotzdem unter der Armutsgrenze liegt. Für eine alleinlebende Person lag diese Grenze 2011 bei 12.791 Euro im Jahr, für eine Familie mit zwei Kindern bei 26.861 Euro.

Dass ein Haushalt unter diese Grenze fällt, kann viele Gründe haben. Bei Anna A. liegt es an der unfreiwilligen Teilzeitarbeit. Brigitte B. steht für einen anderen Typ von Working Poor: Sie hat mit 53 Jahren ihre Stelle verloren und pendelt nun zwischen Arbeitslosigkeit und schlecht bezahlten Jobs bei Leiharbeitsfirmen hin und her. Christian C. wiederum schlägt sich als Neuer Selbständiger mit Werkverträgen und Freien Dienstverträgen durch; Selbständige werden öfter arm als Unselbständige. Aber Christian C. ist jung und gebildet – mit etwas Glück wird er bald mehr verdienen.

Wenig überraschend werden neben schlecht ausgebildeten Menschen und Migranten am häufigsten jene Menschen trotz Arbeit arm, die Teilzeit arbeiten oder sich von einem befristeten Job zum nächsten hanteln,. Aber fast die Hälfte aller Working Poor sind ganzjährig vollzeitbeschäftigt. Sie sind Alleinerzieher, haben viele Kinder oder einen arbeitslosen Partner – oder aber sie bekommen besonders niedrige Stundenlöhne. Nicht armutsgefährdete Menschen verdienen im Durchschnitt 13 Euro brutto pro Stunde, Working Poor nur neun Euro.

International steht Österreich bei Working Poor – wie bei der Arbeitslosenrate – relativ gut da. 2011 waren im EU-Schnitt 8,9 Prozent der Erwerbstätigen arm, in Österreich nur 5,4 Prozent. Die Zahl ist in den letzten Jahren sogar leicht geschrumpft – aber nicht wegen höherer Löhne, sondern weil Menschen mit prekären Jobs in die Arbeitslosigkeit abgerutscht sind.

Viel höher wäre die Zahl der Working Poor allerdings, wenn Sozialleistungen nicht eingerechnet würden. Die helfen vielen Haushalten über die Armutsgrenze – oft bedeutet das aber auch, dass „der Staat Firmengewinne subventioniert“, sagt Sabine Oberhauser, Vizepräsidentin des Österreichischen Gewerkschaftsbunds (ÖGB).

Würde ein gesetzlicher Mindestlohn den Working Poor nun helfen? Nein, sagen beide Regierungsparteien, die Wirtschaftskammer und der ÖGB in seltener Einigkeit. Neben den Grünen fordert nur das BZÖ einen gesetzlichen Mindestlohn. Denn im Gegensatz zu Deutschland funktionieren in Österreich die Lohnverhandlungen durch die Sozialpartner relativ gut, 95 Prozent aller Arbeitnehmer sind von einem Kollektivvertrag erfasst.

Trotzdem gibt es auch hier Branchen mit extrem niedrigen Löhnen: Rechtsanwaltsgehilfen etwa verdienen in Wien anfangs 1.024 Euro brutto – 869 Euro netto – und liegen damit auch mit Vollzeitarbeit unter der Armutsgrenze. Für sie würde der von den Grünen geforderte Mindestlohn eine Verbesserung bringen, ebenso für Kellner, Verkäufer, Friseure und Floristen.

Mit dem wirtschaftsliberalen Argument, dass Mindestlöhne Arbeitsplätze gefährden, kann die Grüne Arbeitnehmersprecherin Birgit Schatz wenig anfangen: „Leute mit wenig Einkommen geben all ihr Geld aus“, sagt sie, „höhere Mindestlöhne gehen eins zu eins in die Kaufkraft und bringen wirtschaftliche Impulse“.

Im Gegensatz zu Deutschland sind hierzulande aber auch die Gewerkschaften gegen gesetzliche Mindestlöhne. Berichte, wonach der ÖGB in dieser Frage schwanke, dementiert Vizepräsidentin Oberhauser. Der ÖGB hofft, wie auch SPÖ-Sozialminister Rudolf Hundstorfer, durch KV-Verhandlungen statt durch Gesetze einen Mindestlohn von 1.500 Euro zu erreichen.

Aber was stört SPÖ und Gewerkschaft an gesetzlichen Mindestlöhnen, die ja auch nach Vorstellung der Grünen die Kollektivverträge nicht ersetzen, sondern nur nach unten absichern sollen? „Wir glauben nicht, dass so etwas hält, wenn Regierungen wechseln“, sagt Oberhauser, „Wenn Schwarz-Blau-Stronach kommt, gehen die sofort auf 1.000 Euro runter“. In Griechenland wurde der Mindestlohn tatsächlich im Rahmen eines Sparpakets von 4,34 Euro auf 3,35 Euro pro Stunde gekürzt.

Das Risiko, dass so etwas auch in Österreich passieren könnte, ist für die Grüne Birgit Schatz aber vernachlässigbar: „In einer totalen Krise würden die KV-Löhne auch nicht halten“, sagt sie, „aber wenn es einmal einen gesellschaftlichen Konsens gibt, dass man von einem Vollzeitlohn leben können muss, kann man den nicht so leicht wieder aufbrechen“.

Falter, 15.5.2013

40 Stunden Arbeit, 869 Euro Lohn

Rutsch ins Büro

Frauen wollen nicht länger nur Mütter sein. Väter nicht bis spät nachts schuften. Österreichs Unternehmen müssen familienfreundlicher werden. Aber wie? Eine Recherche bei Wiens innovativsten Betrieben

Bericht: Ruth Eisenreich, Wolfgang Zwander

Thomas Lutz nimmt kurzen Anlauf und saust die Rutsche hinab. Die Rutschpartie vom zweiten in den ersten Stock ist der letzte Punkt einer Führung durch die Wiener Zentrale von Microsoft. Lutz, Mitglied der Geschäftsführung, ist es gewohnt, dass man ihn an dieser Stelle fragend anschaut. Er sagt: “Wir betrachten die Rutsche als Symbol dafür, dass man die ganz normalen Dinge zumindest einmal pro Tag anders machen soll.“

Die normalen Dinge anders machen – wenn es nur so leicht wäre. Viele Unternehmen sind in alten Strukturen gefangen, während sich Gesellschaft und Arbeitswelt rasant verändern.

Früher kümmerten sich Frauen um Kinder und Haushalt, Männer um das Geld; Unternehmer sahen Arbeiter und Angestellte vor allem als Kostenfaktor, Arbeiter und Angestellte verkauften unwillig einen großen Teil ihrer Lebenszeit an die Unternehmer.

Heute sind arbeitende Frauen die Norm, und Jahr für Jahr werden es mehr. Viele von ihnen arbeiten Teilzeit, mittlerweile betrifft das 70 Prozent der Frauen zwischen 25 und 49 Jahren. Es gibt immer weniger Fixanstellungen und stattdessen mehr freie, oft prekär beschäftigte Dienstnehmer; täglich gründen sich neue sogenannte Ein-Personen-Unternehmen, bei deren Betreibern Selbstverwirklichung und Selbstausbeutung oft Hand in Hand gehen. Work-Life-Balance ist zum Modewort geworden.

Hinzu kommt die digitale Revolution, die trotz IT- und Dotcom-Blasen noch lange kein Ende finden wird. Laut einer EU-Studie werden bereits im Jahr 2015 80 Prozent aller Arbeitsplätze in Europa auf digitale Informationsverarbeitung gestützt sein. Schwierig wird das vor allem für niedrig qualifizierte Arbeitskräfte, denn Jobs, bei denen man sein Geld allein mit seinen Händen verdienen kann, werden immer knapper.

Auch die Banken- und Finanzkrise spukt in den Köpfen der Menschen herum und schafft Angst und Unbehagen, obwohl sie noch gar nicht wirklich auf dem Arbeitsmarkt in Österreich angekommen ist.

Parallel zur ökonomischen Unsicherheit steigen aber auch die Ansprüche der Arbeitnehmer an ihren Arbeitsplatz, wie die jüngste europäische Wertestudie aus dem Jahr 2008 zeigt. Im Vergleich zu 1990 legen deutlich mehr Arbeitnehmer wert auf “nicht zu viel Stress“ und “günstige Arbeitszeiten“, wollen aber gleichzeitig auch eine “interessante Tätigkeit“ und eine “gute Bezahlung“.

All diese Entwicklungen bedeuten aber nicht automatisch eine Schwierigkeit für Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Es gibt Unternehmen, die die veränderte Lage schon lange erkannt und innovativ reagiert haben.

Eines davon ist Microsoft. IT-Unternehmen gelten seit jeher als Vorreiter einer neuen Arbeitskultur; Google etwa soll seinen Angestellten jeden Luxus bis hin zu Sportanlagen und Swimmingpools anbieten. Ganz so weit geht Microsoft Österreich nicht, dem progressiven Ruf der IT-Branche wird es trotzdem gerecht.

An der Wand gleich neben der Rezeption der Zentrale in Meidling wuchern viele verschiedene Pflanzen. Überhaupt findet sich im ganzen Haus jede Menge Grünzeug. “Es dämmt Gesprächslärm, spendet Feuchtigkeit und ist ästhetisch sehr ansehnlich“, sagt Lutz.

Rund 300 Menschen, fast alle angestellt nach IT- oder Handelskollektivvertrag, arbeiten auf drei Stockwerken in einer Büroanlage, in der es keine Büros mehr gibt. Jeder arbeitet, wie und wo er will. In der Cafeteria im Erdgeschoß gibt es gratis Getränke, zwei Stockwerke darüber wird Tischfußball gespielt. Es gibt in dem Gebäude fast keine Wände außer den tragenden, und niemand, auch nicht der Chef, hat ein eigenes Büro. Einzelne Unternehmensabteilungen haben zwar “gewidmete“ Flächen, aber die müssen von niemandem eingehalten werden.

Das Gebäude besteht aus vier Kategorien von Räumen: C steht für Call, das sind kleine Boxen, die Platz für externe Kommunikation bieten; M wie Meet steht für Besprechungszimmer, von denen es insgesamt 60 gibt, die alle unterschiedlich aussehen; T bedeutet Think und bezeichnet bequeme Rückzugsgebiete, in denen jeder Mitarbeiter seine Ruhe finden kann; und in W wie Work-Zonen sind offene Schreibtischflächen zu finden.

Hinzu kommt das Home-Office, also das Arbeiten von zu Hause, bei dem man bei Bedarf über eine Kamera Videokonferenzen mit den Kollegen führen kann. Bei Microsoft gibt es weder Gleitzeit noch Kernzeit oder irgendeine andere Anwesenheitspflicht, sondern “das Vertrauen, dass Dinge gemacht werden“, sagt Lutz.

Für Mitarbeiter mit kleinen Kindern ist das ideal, weil sie große Teile der Arbeit von zu Hause aus erledigen können, andererseits aber auch Platz im Büro finden, wenn sie einmal Ruhe von den Kindern brauchen. Jeder frisch gewordene Vater im Unternehmen erhält zwei Wochen bezahlten “Papaurlaub“, für alle Mitarbeiter in Karenz gibt es einmal pro Monat ein “Stay together Breakfast“ mit der Geschäftsführung, damit die Entfremdung vom Betrieb nicht zu groß wird.

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist eines der großen Problemfelder der heutigen Arbeitswelt. Vier Knackpunkte sieht Ingrid Moritz, Leiterin der Abteilung Frauen und Familie der Arbeiterkammer Wien, in diesem Bereich: den Wiedereinstieg in den Beruf nach der Karenz, die Elternteilzeit, das Aufbrechen tradierter Rollenmuster und die Gleichstellung von Patchworkfamilien. In den meisten dieser Bereiche gehe immerhin langsam etwas weiter, sagt Moritz, nur bei den Rollenmustern hapere es noch: “Bei Familienfreundlichkeit denken die meisten an Frauen.“

Beinahe jede zweite Frau, aber nicht einmal jeder zehnte Mann arbeitet weniger als 35 Stunden pro Woche. Bei vier von fünf Paaren, die Elternteilzeit in Anspruch nehmen, verringert nur die Frau ihre Arbeitszeit. Doch auch wenn Teilzeitarbeit gerade für Eltern von kleinen Kindern äußerst sinnvoll sein kann – sie kann nach einer Trennung vom Partner oder in der Pension auch in die Armut führen.

Die ungleiche Verteilung der Arbeitszeit ist aber nicht nur für viele Frauen, sondern auch volkswirtschaftlich gesehen ein Nachteil: Das Sozialforschungsinstitut Sora hat herausgefunden, dass Arbeitnehmer bei 30 bis 32 Stunden Wochenarbeitszeit am produktivsten sind – dass aber 15 von 16 Österreichern entweder deutlich mehr oder deutlich weniger arbeiten.

Vor zwei Wochen wurde der Staatspreis “Familienfreundlichster Betrieb“ vergeben, den das Wirtschafts- und Familienministerium seit 1999 organisiert. Die einzige Wiener Firma unter den 15 diesjährigen Nominierten ist das auf Technologie spezialisierte Marktforschungs-und Beratungsunternehmen Brimatech.

Mit nur acht Mitarbeitern ist es das Gegenbeispiel zur oft gehörten Behauptung, dass sich nur große Konzerne wie Microsoft familienfreundliche Strukturen leisten könnten. “Gerade weil wir so klein sind, fällt es uns leicht“, erklärt Johanna Berndorfer, die die Firma gemeinsam mit zwei anderen Frauen und einem Mann gegründet hat, als sie selbst gerade schwanger war. “Wir haben nicht über Familienfreundlichkeit nachgedacht, die war einfach da.“

Bei Brimatech sind flexible Arbeitszeiten und Arbeiten von zu Hause aus kein Problem; Mitarbeiter bleiben auch während der Karenz ins Unternehmen integriert; die Geschäftsführerin arbeitet zurzeit wegen ihres eineinhalbjährigen Sohns Teilzeit. Im hellen Altbaubüro gleich beim Schwarzenbergplatz sind auch Kinder willkommen. Im Besprechungszimmer liegt ein grüner Spielteppich auf dem Boden, es gibt Buntstifte, Buntpapier und Bauklötze. Bald wird an zwei Vormittagen pro Woche eine ausgebildete Kindergärtnerin zu Brimatech kommen und sich direkt vor Ort um ihre einjährige Tochter kümmern, erzählt Berndorfer.

Bei Brimatech sind an jedem Projekt mindestens zwei Mitarbeiter beteiligt, erklärt die Co-Geschäftsführerin Andrea Kurz. So könne immer ein Kollege einspringen, wenn jemand ausfällt.

Auch wenn Berndorfer nicht glaubt, dass sich ihr Modell eins zu eins auf jede andere Firma übertragen lässt: Bei der Verleihung des Staatspreises war sie enttäuscht. “Ich habe mir ganz tolle Sachen erwartet, aber in Österreich gilt es schon als tolle Leistung, wenn ein Betrieb Gleitzeit anbietet und Frauen in der Karenz ein bisschen einbindet“, sagt sie, “das finde ich traurig.“

Eine Branche, in der es mit der Arbeitnehmerfreundlichkeit nicht so weit her zu sein scheint, ist der Handel. Eine Sprecherin der Gewerkschaft der Privatangestellten muss auf die Frage nach Best-Practice-Beispielen eingestehen: “Ich habe alle zuständigen Kollegen befragt, aber niemandem ist etwas eingefallen.“

Eines der wenigen Handelsunternehmen, die ein gutes Image in puncto Arbeitsklima haben, ist der Großdrogist DM. Während Mitbewerber wie die seit kurzem insolvente Kette Schlecker vor allem durch die Bekämpfung von Betriebsräten auf sich aufmerksam machten, war der Anthroposoph und DM-Gründer Götz Werner seiner Zeit voraus, als er das Unternehmen 1973 gründete. Sein Credo lautet: “Jeder Mitarbeiter soll den Sinn seiner Arbeit spüren.“

In Deutschland bekommen DM-Lehrlinge sogar Theaterunterricht, in Österreich allerdings nicht. Trotzdem gibt es für 200 bis 300 Lehrplätze pro Jahr mehr als 4000 Bewerbungen. Von den 165 Lehrlingen, die 2010 die Lehrabschlussprüfung bestanden haben, haben 139 ein fixes Dienstverhältnis bei DM begonnen. Rund 95 Prozent davon sind weiblich. Damit die Work-Life-Balance stimmt, gibt es ein “Ampelsystem“, bei dem man bereits Wochen im Voraus festlegt, wann man gar nicht (rot), eher nicht (orange) oder gut (grün) arbeiten kann.

Warum DM in Mitarbeitern mehr sieht als Kostenfaktoren? Warum Brimatech seinen Angestellten bei der Arbeit jede Freiheit lässt? Warum Microsoft Rutschen baut? “Ganz einfach, weil es eine Eins-zu-eins-Beziehung zwischen Produktivität und der Zufriedenheit der Mitarbeiter gibt“, sagt Thomas Lutz von Microsoft, als er von der Rutsche steigt.

Falter, 30.5.2012

Rutsch ins Büro

Mit einem Kopf voller Ideen und leeren Taschen

Eine Gruppe junger Journalisten will die Medienlandschaft aufpeppen und sagt schlechten Arbeitsbedingungen den Kampf an

Zuerst der offene Brief, dann das Onlinemagazin, nun die Podiumsdiskussion: Seit Wochen sorgt das Team von Paroli überall, wo Journalisten zusammenkommen, für hitzige Debatten. Die jungen Journalisten wollen die prekären Arbeitsbedingungen in der Branche – gegen die sich im Jänner auch die freien Mitarbeiter des ORF auflehnten – nicht länger hinnehmen und protestieren lautstark.

Wie der Falter berichtete, werden viele Journalisten jahrelang nicht angestellt, obwohl sie fixer Bestandteil ihrer Redaktionen sind; Onlineredakteure werden oft nicht nach dem Journalisten-Kollektivvertrag bezahlt, sondern nach deutlich schlechteren, wie dem für IT oder den Handel.

In einem offenen Brief an Herausgeber und andere Verantwortliche forderte das Paroli-Team Anfang März ein Ende dieser Zustände und eine faire Entlohnung von Journalisten; fast 700 Menschen unterschrieben den Brief, die Journalistengewerkschaft und die Arbeitgebervertretung, der Verband Österreichischer Zeitungen (VÖZ), sahen sich gezwungen zu reagieren.

Die Fronten in den KV-Verhandlungen sind seit Jahren verhärtet. Das zeigte sich auch bei der Podiumsdiskussion, zu der Paroli letzte Woche lud. Die Medien hätten Geldprobleme, daher müssten etablierte Journalisten zurückstecken, argumentierte VÖZ-Verhandler Hermann Petz, der mit seinen Aussagen mehrmals für Unverständnis im Saal sorgte.

Gewerkschaftsvertreter Franz C. Bauer hielt dagegen: Die Unternehmer dürften die Arbeitnehmer nicht mit der Aussage “Hier ist der Kuchen, verteilt ihn selbst“ gegeneinander ausspielen. Bauer fühlt sich vom VÖZ “verarscht“, weil einige der Probleme bereits vor Jahren kollektivvertraglich geregelt worden seien, die Arbeitgeber den KV aber umgingen.

Auch Bauer musste Kritik einstecken – viele Freie fühlen sich von ihm nicht vertreten. Die Gewerkschaft stehe hinter ihnen und versuche zu helfen, sagte Bauer, “aber wehren muss sich der, dem man auf die Zehen tritt“.

“Dahinter stehen ist super, Taten setzen wäre superer“, antwortete ihm Paroli-Sprecherin Sahel Zarinfard. Man dürfe die Verantwortung nicht auf den Einzelnen abwälzen, “das ist ein System-, kein Individualproblem“.

Das Paroli-Team protestiert aber nicht nur: Es hat sein eigenes Onlinemagazin gegründet. “Wir fanden die Medienlandschaft in Österreich langweilig, die Onlinemedien schöpfen die Möglichkeiten des Internets nicht aus“, erklärt Zarinfard dem Falter. Diese Lücke will Paroli füllen.

Die bunt gestaltete Website verzichtet auf eine Ressorteinteilung und arbeitet stattdessen mit “Formaten“: Unter “Dargestellt“ finden sich Porträts, Reportagen und Interviews in Text- und Videoform, unter “Aus den Augen“ Informationen zu Themen, die aus dem Fokus der Medien geraten sind, unter “Mæp’tekst“ skurrile Situationen aus dem Alltag. Dazu kommen Infografiken und wöchentliche Blogs aus Berlin, Moskau und Istanbul.

Bisher finden sich auf www.paroli-magazin.at etwa Interviews mit Rudi Fußi und Ute Bock, eine Reportage über irreguläre Migranten in der spanischen Exklave Ceuta und eine Entgegnung auf die letztwöchige Falter-Kolumne von Doris Knecht.

Bei vielen der Texte nennt das Team seine Quellen – um seine “lückenlose Recherche unter Beweis zu stellen“.

Geld hat das Paroli-Team bisher weder für die monatelange Arbeit an Konzept und Website noch für Beiträge bekommen. Man denke über Verdienstmodelle nach, sagt Zarinfard, ohne Förderungen und Verlag im Hintergrund sei es aber schwer: “Paroli wurde mit einem Kopf voll Ideen und leeren Taschen gegründet“.

Falter, 28.3.2012

Mit einem Kopf voller Ideen und leeren Taschen

Der lange Dienst des Doktor Jung

Wie lange kann ein Mensch arbeiten? Die Ärzte am AKH sind bis zu 49 Stunden im Einsatz. Sie retten Leben und brennen dabei aus. Eine Schicht mit einem Chirurgen

Wie gekreuzigt liegt der alte Mann auf dem OP-Bett, mit seitlich weggestreckten Armen, von der Hüfte abwärts mit einem Tuch bedeckt. Sein Bauch ist aufgebläht, der Darmdurchbruch 24 Stunden her, seine Überlebenschance beträgt zehn Prozent. Eine Ärztin bestreicht den Bauch des Mannes mit orangem Desinfektionsmittel, dann setzt Christoph Jung den ersten Schnitt.

Es ist 22.20 Uhr. Christoph Jung ist seit mehr als 15 Stunden im Einsatz. Um sieben Uhr morgens hat er zu arbeiten begonnen, erst am nächsten Tag, um 16.15 Uhr, wird Jung nach Hause gehen. 33 Stunden wird sein Dienst dauern.

Christoph Jung ist Chirurg am Wiener Allgemeinen Krankenhaus (AKH), dem größten Spital der Stadt. Jeder Wiener kennt diese Gesundheitsfabrik am Gürtel. Doch nur wenige haben Einblick in die Bedingungen, unter denen die Ärzte hier arbeiten. Die meisten, die diesen Einblick bieten können, wollen nur anonym mit uns reden; sie fürchten um ihre Jobs. Auch Christoph Jung heißt in Wirklichkeit anders.

Was für einen normalen Büromenschen unvorstellbar ist, ist für Doktor Jung Routine. Wie die meisten AKH-Ärzte bleibt er ein- bis zweimal pro Woche zwischen zwei Tagschichten im Spital, einmal im Monat hat er Wochenenddienst. Der dauert 49 Stunden, von Samstag früh bis Montag früh. Dafür ist dann der restliche Montag frei.

Dass die Ärzte des AKH an der Belastungsgrenze arbeiten, ist in letzter Zeit verstärkt ins öffentliche Bewusstsein gedrungen: Im Herbst hatten die AKH-Ärzte mit massiven Protesten Einsparungen bei den Nachtdiensten verhindert. Vor wenigen Wochen gerieten die prekären Zustände des Spitals erneut in die Schlagzeilen: Eine Schwangere wurde trotz Blutungen nach Hause geschickt und verlor ihr Kind.

Heute weiß man, dass die Ärzte das Baby nicht retten hätten können. Dennoch wirft der Fall ein Schlaglicht auf ein Problem. Denn Thomas Szekeres, Betriebsratsvorsitzender der AKH-Ärzte, sagte damals, die Frau sei wohl auch aufgrund der Überlastung der Ärzte abgewiesen worden. Und so stellt sich, abseits der Schlagzeilen, eine ganz grundsätzliche Frage: Warum haben ausgerechnet Spitalsärzte – eine Berufsgruppe mit extrem hoher Verantwortung – so lange Arbeitszeiten? Was bedeutet es, 33 Stunden am Stück zu arbeiten? Und: Ist das eigentlich legal?

Das Krankenanstalten-Arbeitszeitgesetz erlaubt Zustände, die Gewerkschaften normalerweise wütend bekämpfen würden. Während die meisten Arbeitnehmer nur in Ausnahmefällen bis zu zwölf Stunden pro Tag und bis zu 60 pro Woche arbeiten dürfen, sind 60 Wochenstunden für AKH-Ärzte ganz normal. In einzelnen Wochen dürfen sie bis zu 72 Stunden arbeiten, und selbst diese Höchstgrenze hat 2010 laut eigener Aussage gut jeder zweite Wiener Spitalsarzt mindestens einmal gebrochen.

Immerhin: Es gibt ein Arbeitszeitgesetz – vor 15 Jahren war das noch nicht der Fall -, und Wolfgang Schütz, Chef der gut 1500 AKH-Ärzte, musste schon einmal für Verstöße 45.000 Euro Strafe zahlen. Seitdem hat sich die Situation gebessert, sagen die Ärzte. Davor waren 14 Nachtdienste im Monat keine Seltenheit, in einer Woche arbeiteten die Ärzte bis zu 120 Stunden – Forschung nicht mit eingerechnet.

Heute hält sich das AKH offiziell strikt an das Arbeitszeitgesetz, in den elektronischen Dienstplanmanager können Ärzte nicht mehr Dienste eintragen als erlaubt. Wann sie aber ihren Dienst beginnen und wann sie wieder nach Hause gehen, das kontrolliert das Programm nicht. Immer wieder habe es Vorschläge gegeben, auch dies zu erfassen, erzählt ein Arzt – von oben habe es dann geheißen, das sei “technisch nicht möglich“.

Es ist sieben Uhr früh. Christoph Jungs Tag beginnt. In 30 Minuten startet seine Morgenbesprechung. Da berichtet der “Hauptdienst“ seinen Kollegen von den Ereignissen der letzten Nacht, dann wird der kommende Tag besprochen. An den glänzenden blassrosa Wänden des Besprechungsraums hängen Ölporträts von bedeutenden Ärzten. 30 Menschen in Weiß sitzen einander auf Plastiksesseln gegenüber, darunter fünf Frauen. Von “bidirektionaler Peristaltik“ ist hier die Rede, von “Rezidivnarbenhernien“, vom “intraabdominellen Compartmentsyndrom“ und vom “präoperativen progressiven Pneumoperitoneum“.

Das AKH ist eine Universitätsklinik. Seine Ärzte sind nicht direkt am Krankenhaus beschäftigt, sondern bei der Medizinuniversität Wien (MUW). Diese Doppelstruktur bringt Probleme. Für MUW-Rektor Wolfgang Schütz sind Forschung und Lehre die Hauptaufgabe der AKH-Ärzte.

Die meisten Ärzte sehen das anders. “Ich kann ja nicht weggehen und Forschung machen, wenn da ein blutender Patient liegt“, sagt einer. Doch vor allem junge Ärzte bekommen oft nur dann Vertragsverlängerungen, wenn sie genug geforscht haben.

Die Forschung wird daher in der Freizeit erledigt, außerhalb der bis zu 72 Stunden dauernden offiziellen Arbeitszeit. “Jeder Junge, der was erreichen will, ist länger da“, sagt die Oberärztin Monika Ferlitsch. Ein Assistenzarzt Ende 20 bestätigt das. Er komme inklusive Forschung in extremen Wochen auf 100 Stunden Arbeitszeit. “Aber wir machen das ja gern“, sagt er, “da haben wir alle einen gewissen Vogel.“

Der junge Arzt will nur anonym zitiert werden; sein Job ist prekär genug. Er hantelt sich von Mutterschutz- zu Forschungsstelle, 13 Dienstverträge hatte er in den letzten zwei Jahren. “Ich mache mir keine Sorgen, dass ich langzeitarbeitslos werde“, sagt er, “aber es ist zermürbend, wenn man nie weiß, wie es in vier Wochen weitergeht.“

Die Morgenbesprechung ist vorbei, Christoph Jungs erste Operation steht an. Rotes Bettenhaus, Ebene 9, OP-Gruppe V. Blassrosa Wände, oranger Boden, orange Türen, Neonlicht. Zweieinhalb Stunden dauert der Eingriff: Nach einer Leberoperation hat sich bei dem Patienten eine neun Zentimeter große Lücke in der Bauchdecke gebildet, Narbenbruch nennen Ärzte das. Mit einem Kollegen setzt Jung ein Kunststoffnetz ein. Während der nächste Patient vorbereitet wird, hat er Pause. Im Supermarkt in der Eingangshalle kauft er eine Orange und einen Joghurtdrink, das in Plastik abgepackte Weckerl nimmt er fast ohne hinzuschauen aus dem Korb. Bis spätabends wird es seine einzige Mahlzeit sein.

Christoph Jung mag seinen Job, wie die meisten seiner Kollegen. Sie schätzen die Abwechslung am AKH, die Herausforderung der komplexen Fälle. “Wir haben ja gewusst, worauf wir uns einlassen“, sagen sie, wenn man sie auf ihre Arbeitszeiten anspricht. Und sie haben Strategien entwickelt, um damit umzugehen. Sie widmen den zweiten Tag eher der Wissenschaft als den Patienten; und wer am Ende ist, geht nach Hause. Das ist allerdings selten.

Es ist 16.33 Uhr. Die zweite Operation ist vorüber, Christoph Jung begutachtet CT-Bilder, bespricht sich mit Kollegen, stürzt zwei Gläser Wasser hinunter. “Viel Wasser trinken ist das Wichtigste“, sagt er, “sonst wird man schnell müde.“

Die Gallenblasenentzündung eines Patienten ist schlimmer geworden, er muss operiert werden. Eine Patientin hat einen Erguss in der Lunge, mit einer millimeterdicken Nadel saugt Jung einen Liter rosa Flüssigkeit heraus.

Auch den Ärzten geht es nicht gut. Die langen Schichten haben Nebenwirkungen. Psychische Erkrankungen und Alkoholismus seien häufig, erzählt ein Chirurg, er selbst habe mit knapp 40 drei mittelschwere Burn-outs hinter sich. Sechs von zehn Wiener Ärzten leiden laut einer Studie von 2011 unter Burn-out-Symptomen, einer von acht unter einem schweren Burn-out. “Ich bin nach jedem Nachtdienst zwei Tage krank“, sagt ein Arzt um die 50, “Schlafstörungen, Schwindelattacken, Verdauungsprobleme.“

20.17 Uhr. Notfallambulanz, Rotes Bettenhaus, Ebene 6, blassrosa Wände, roter Boden, rote Türen, Neonlicht. Ein Mann ist Tage nach der Beinamputation auf seinen Stumpf gefallen. Er muss noch einmal operiert werden. “Ich bin nicht begeistert“, jammert der Patient. “Ich auch nicht, das können Sie mir glauben“, sagt Jung.

Jetzt hinauf auf die Station, jemand hat eine Wurstplatte mitgebracht. Ebene 21, blassrosa Wände, grüner Boden, grüne Türen, Faschingsgirlanden, Neonlicht. Gerade hat sich Jung ein paar Scheiben Wurst auf den Teller gehäuft, da geht sein Piepser. Wieder einmal. Im Lift lehnt Jung den Kopf nach hinten gegen die Wand, schließt die Augen, fährt sich mit den Händen durchs Gesicht. Unten warten ein Mann mit einer Hämorrhoide, die sich als perianale Thrombose entpuppt, einer mit einem eitrigen Finger und eine kotzende Frau.

Eigentlich ist das AKH als Uniklinik für die ganz schwierigen Fälle da. Hier arbeiten die Spezialisten, hier gibt es teures medizinisches Gerät. Doch weil es das größte und bekannteste Krankenhaus Wiens ist, kommen viele Patienten nächtens auch wegen Lappalien hierher. Und weil in Wien kaum geregelt ist, welches Spital für welche Patienten zuständig ist, liefert auch die Rettung Patienten gerne im AKH ab. Das macht die Nachtdienste nicht einfacher.

Es ist kurz nach Mitternacht. Im OP hat sich Kotgeruch ausgebreitet. Er stammt vom Dickdarm des Darmdurchbruchspatienten, der vor kurzem auf einem grünen Tuch ausgebreitet war und von drei Ärzten begutachtet wurde. Christoph Jung steht noch immer am OP-Tisch, gemeinsam mit einer Kollegin näht er den Bauch des alten Mannes zu. Die Operation geht zu Ende, eine Schwester und ein Arzt zählen schon die Instrumente ab. Eine andere sitzt auf einem Drehsessel, die Augen geschlossen, ihr Kopf ist nach vorne gefallen. Auf dem blauen Linoleumboden eine Blutlache.

7.46 Uhr. 24 Stunden Dienst sind um. Wieder das Grüne Bettenhaus, wieder das Zimmer mit den Ölporträts, wieder eine Morgenbesprechung. Diesmal ist es Jung, der von der Nacht berichtet. Gleich nach dem Darmdurchbruch hat er noch einen Darmverschluss operiert, die Galle hat ein Kollege übernommen. Es war eine anstrengende Nacht, aber alles ist gut gegangen.

Keiner der Ärzte, mit denen wir reden, will je aus Müdigkeit einen groben Fehler gemacht haben. Aber dass die Leistungsfähigkeit sinkt, bestätigen sie alle. “Einmal habe ich nach einer Nacht ohne Schlaf eine Patientin dreimal gefragt, wo es ihr wehtut. Ich konnte es mir einfach nicht mehr merken“, sagt etwa der Chirurg Peter Dubsky, einer der wenigen Ärzte, die unter Nennung ihres Namens sprechen.

Ein anderer Arzt erzählt, er sei einmal in einem stressigen Dienst nach einer halben Stunde Schlaf geweckt worden und habe minutenlang nicht gewusst, wie er heiße.

Als Christoph Jung die vierte Operation des Tages beendet hat, war es drei Uhr früh; seit Beginn seiner Tagschicht waren 20 Stunden vergangen. Jetzt konnte er sich schlafen legen, für drei Stunden. Immerhin. In manchen Nächten arbeitet er durch.

20 Stunden ohne Schlaf. Was bedeutet das eigentlich? Eine Studie zeigte, dass die Leistungsfähigkeit eines Menschen so sinkt, als hätte er 0,5 Promille Alkohol im Blut. Ein Auto darf man in diesem Zustand nicht mehr lenken, operieren schon.

8.12 Uhr. Nach der Morgenbesprechung gibt es Frühstück. Kipferl, Kaffee, CT-Bilder eines Lebertumors. Ein neuer Patient ist gekommen, Jung versucht, ein Bett aufzutreiben. Zwischen Patientenbesuchen telefoniert er. “Ist bei euch noch ein Bett frei? Aha.“ “Habt ihr noch Platz für -? Ok.“ Jung fährt sich mit den Händen übers Gesicht.

Nach gut einer Stunde ist ein Bett gefunden. Könnte so etwas nicht auch eine Sekretärin erledigen? Könnte sie. Etwa ein Drittel ihrer Arbeitszeit verbringen Spitalsärzte mit Verwaltungstätigkeiten. Vier von fünf Ärzten fühlen sich davon “eher“ oder “sehr“ belastet – der höchste Wert unter allen Belastungsfaktoren. Bei jungen Ärzten kommen zu den Verwaltungs- auch noch Routinetätigkeiten hinzu, die an vielen anderen Spitälern Schwestern übernehmen. “Ich habe einmal an einem Tag 48 Blutabnahmen gemacht“, erzählt ein Turnusarzt, “das war wie Fließbandarbeit.“

15.03 Uhr. In einer halben Stunde ist Christoph Jungs Dienst zu Ende. Bei einer Leberoperation hat er noch assistiert, dann eine weitere Visite absolviert. Jetzt bespricht er sich mit den Schwestern und einem Kollegen, der heute Nachtdienst hat. Bei welchem Patienten gibt es Schwierigkeiten, wessen Blutbild hat sich verändert, wer soll welches Medikament bekommen?

Die Übergaben sind ein Grund, warum nicht alle Ärzte für kürzere Arbeitszeiten eintreten. Jeder zusätzliche Dienstwechsel vergrößere die Gefahr, dass bei der Übergabe Informationen verlorengehen, sagen sie, und die Patienten wollen nicht ständig mit neuen Ärzten konfrontiert werden.

Stefan Kriwanek, Chirurg am Donauspital, kann nach dem Nachtdienst um neun Uhr nach Hause gehen; als er jung war, musste er bis zum Nachmittag bleiben. Er kennt also beide Systeme und versteht die Bedenken der Kollegen am AKH. Mit einer guten Übergabetechnik lasse sich das Problem aber lösen, sagt Kriwanek, und es rechtfertige keine Schichten über 25 Stunden.

Neben der Übergabe ist es vor allem das Geld, das die Ärzte so lange arbeiten lässt. Etwa 3000 Euro brutto verdient ein junger Arzt am AKH, pro Nachtdienst kommen etwa 300 Euro dazu. Kürzere Dienste könnten auch weniger Gehalt bedeuten. Die Bereitschaft der Ärzte, aktiv für kürzere Arbeitszeiten zu kämpfen, hält sich also in Grenzen. Ihren Chefs kann das nur recht sein. Und so werden die Ärzte weiterhin auf Kosten ihrer eigenen Gesundheit in Eineinhalbtageschichten Menschen heilen.

16 Uhr. Die Frau mit den Strähnchen im Haar weiß nicht, dass Christoph Jung seit einer halben Stunde außer Dienst ist. Ihre Mutter soll demnächst operiert werden, doch ihre Leberwerte sind schlecht. Die Frau stellt dieselben Fragen immer wieder. Jung beantwortet sie geduldig, zweimal, dreimal. Schließlich ist die Frau beruhigt.

In seinem Dienstzimmer auf Ebene 7, blassrosa Wände, blauer Boden, blaue Türen, Neonlicht, zieht Christoph Jung sich um. Nach 33 Stunden raus aus der weißen Hose und den weißen Schuhen. Hinein in Jeans, Hemd, V-Pullover. Zu Hause wird er erst einmal eine Runde schlafen.

Der Patient mit dem Darmdurchbruch lebt noch.

Falter, 22.2.2012
Der lange Dienst des Doktor Jung

Prekariat und Spaßgesellschaft: Die MayDay-Parade

Der Nachmittag des 1. Mai. Während am Ring längst wieder Straßenbahnen fahren und im Prater Line Dance vorgeführt wird, machen sich am Wallensteinplatz im 20. Bezirk Familien mit Kinderwägen und junge Menschen in bunter Kleidung ihren eigenen Maiaufmarsch. Zur MayDay-Parade versammeln sich seit zehn Jahren in ganz Europa Neue Selbständige, Projekt- und Leiharbeiter – all jene, die sich von der klassischen Arbeiterbewegung nicht vertreten fühlen.

Konkrete Änderungen bewirken würde die Parade wohl nicht, sagt eine Ökologiestudentin im Clownskostüm, aber sie wolle „ein Zeichen setzen“. Sie fürchtet, nach ihrem Abschluss selbst im Prekariat zu landen. Doch nicht alle Besucher sind wegen solcher Überlegungen gekommen. „Ich geh auf jede Demo“, sagt ein Mädchen mit Krone am Kopf, und ein junger Mann hat sich „wegen Japan“ als Sensenmann verkleidet. Was hat denn Japan mit dem Prekariat zu tun? „Dort sind jetzt auch alle arbeitslos. Zahlst mir ein Bier?“.

Falter, 4.5.2011

Prekariat und Spaßgesellschaft: Die MayDay-Parade