Von Bukarest in den Stadtpark

In Wien sind immer mehr Obdachlose zu sehen. Ist die Armutseinwanderung aus dem Osten schuld?

Die Linzer Caritas hat ihre Türen geschlossen. Ab 1. November dürfen Menschen aus den osteuropäischen EU-Ländern nicht mehr in die “Wärmestube”, ein Tageszentrum für Obdachlose. Selbst Kinder sollen abgewiesen werden.

“Wir können einfach nicht mehr”, rechtfertigt die Leiterin Michaela Haunold diesen Schritt: Seit zwei Jahren steige die Zahl der Menschen aus den neuen EU-Ländern, die die Wärmestube aufsuchen, massiv. Auf 60 von der Landesregierung geförderte Plätze kämen oft 200 Besucher pro Tag. Alle anderen Linzer Einrichtungen würden Osteuropäer schon seit langem abweisen, und in der Wärmestube sei man “nur mehr damit beschäftigt, Eskalationen zu verhindern”.

Nicht nur in Linz, auch in Wien sind die Obdachloseneinrichtungen voll ausgelastet. Die Übergangswohnheime, Notquartiere und Tageszentren des von der Stadt betriebenen Fonds Soziales Wien besuchten im Jahr 2011 etwa 8300 Menschen, im Jahr 2012 waren es schon über 9000. Auch die “sichtbare Obdachlosigkeit” – also die deutlich kleinere Zahl der Menschen, die auf der Straße, in Parks oder U-Bahn-Passagen übernachten – scheint zu steigen. Manch Wiener fühlt sich schon an die Zustände erinnert, die der Journalist Max Winter um 1900 in seinen Sozialreportagen beschrieb.

Mitte Oktober hat die Polizei eine Gruppe Obdachloser aus dem Stadtpark vertrieben, auf der Grundlage der Kampierverordnung von 1985, die das Benützen von Schlafsäcken im Freien verbietet und deren Änderung die Caritas nun fordert. Viele der Vertriebenen sollen Osteuropäer sein. “Es gibt in Wien kaum obdachlose Wiener”, sagt Hedwig Klima, Obfrau der Notschlafstelle VinziBett: “Denn für die wird gesorgt.” Ausländer hingegen – auch jene aus der EU – werden in Wiener Obdachloseneinrichtungen nicht aufgenommen, mit Ausnahme des VinziBett und der “Zweiten Gruft” der Caritas. So kommt es, dass man oft ungarische, rumänische oder slawische Wortfetzen hört, wenn in Wiener Parks ein Grüppchen Obdachloser beisammensitzt.

Die EU-Osterweiterung, vor allem aber der Beitritt Rumäniens und Bulgariens, lösten in Westeuropa Ängste nicht nur vor Lohndumping, sondern auch vor dem “Sozialtourismus” aus. Menschen aus armen EU-Ländern – vor allem Roma – würden die Grenzen stürmen, um im reichen Westen Sozialhilfe zu beantragen, warnten Boulevardzeitungen. Auch die hochseriöse Zeit berichtete über das “Roma-Haus”, ein ausschließlich von Rumänen und Bulgaren bewohntes Hochhaus in Duisburg, das immer mehr verkomme. Frankreich schob im Jahr 2010 tausende Roma nach Bulgarien und Rumänien ab, ein Verstoß gegen das EU-Recht. Und im April beklagten Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) und ihre deutschen, niederländischen und britischen Kollegen in einem gemeinsamen Brief an die EU-Ratspräsidentschaft die Armutseinwanderung und forderten schärfere Maßnahmen dagegen.

Bald darauf gestand Mikl-Leitner allerdings in einem Kurier-Interview ein, dass das österreichische Sozialsystem gar keine derartigen Probleme habe. Denn entgegen einer weitverbreiteten Annahme haben EU-Ausländer in Österreich nicht automatisch Anspruch auf Sozialleistungen. Wer nicht schon eine gewisse Zeit in Österreich gearbeitet hat, bekommt auch keine Sozialleistungen, erklärt der Caritas-Migrationsexperte Georg Atzwanger.

Das Beratungsunternehmen ICF GHK hat vor zwei Wochen eine im Auftrag der Europäischen Kommission durchgeführte EU-weite Studie zum Thema veröffentlicht. Ihr zufolge sind die Ängste vor “Sozialtourismus” großteils unbegründet: Die meisten EU-Migranten wandern wegen Arbeit, Ausbildung oder Familie aus. Und auch wenn Migranten häufiger arbeitslos sind als Einheimische, nehmen sie weniger oft Sozialleistungen in Anspruch. In Österreich fallen 41 Prozent der Inländer, aber nur 33 Prozent der EU-Ausländer in die Gruppe der “nicht aktiven” Menschen, zu denen neben Arbeitslosen auch Studenten, Pensionisten und Hausfrauen zählen. Und: Von den derzeit “nicht-aktiven” EU-Migranten haben 54 Prozent bereits eine Zeitlang in Österreich gearbeitet, EU-weit sind es sogar zwei Drittel.

Das entspricht den Erfahrungen von Hedwig Klima. “In Österreich kann man nicht ins Sozialsystem einwandern”, sagt sie. Das sei auch nicht das Ziel ihrer Klienten – sie kämen, um Arbeit zu finden. Doch wenn das nicht gelinge, blieben sie trotzdem hier: “Die Menschen denken: besser in Wien obdachlos als in Budapest.” Die ungarische Regierung hat bekanntlich das Übernachten auf der Straße verboten, Obdachlosen drohen Geld-und Gefängnisstrafen.

Was also tun mit den osteuropäischen Obdachlosen? Auch Hilfsorganisationen haben auf diese Frage keine Antwort. Würde man allen EU-Bürgern die Mindestsicherung gewähren, lägen weniger Menschen auf unseren Straßen – aber selbst die NGOs befürchten, dass das den Staat allzu viel kosten würde. Und so bleibt ihnen nichts anderes übrig, als die schlimmsten Symptome des Problems zu behandeln: Im Winter dürfen auch Ausländer in den Wiener Notschlafstellen übernachten, wenn nötig in Zusatzbetten. Damit zumindest niemand auf Wiens Straßen erfrieren muss.

Falter, 30.10.2013
Mitarbeit: Nina Horaczek

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Von Bukarest in den Stadtpark

Sparen auf die Artischocken

Undine Zimmer wuchs in einer Hartz-IV-Familie auf und erklärt, warum Armut nicht nur ein Geldproblem ist

Wie leben Menschen, die trotz aller Bemühungen keinen fixen Job finden? Wie bringen sie mit wenigen hundert Euro im Monat ihre Familie durch? Und was passiert mit Kindern, die in solchen Verhältnissen aufwachsen?

Die Öffentlichkeit diskutiert gern über Armut, über Langzeitarbeitslosigkeit und darüber, ob Beihilfen wie die österreichische Mindestsicherung und das deutsche Hartz IV zu lax oder zu strikt gehandhabt werden. Aber die, die diskutieren, sind Politiker und Sozialforscher. Nur selten kommen Betroffene zu Wort, und so bleibt deren Lebenswelt für den Rest der Gesellschaft ein fremdes Universum voller Stereotypen.

Undine Zimmer hat dieses Universum hinter sich gelassen. Die Eltern langzeitarbeitslos und Hartz-IV-Bezieher, die 1979 geborene Tochter hat studiert und war 2012 mit ihrem Text “Meine Hartz-IV-Familie”, entstanden während eines Praktikums beim Zeit Magazin, für den renommierten Henri-Nannen-Preis nominiert. Jetzt hat sie aus dem Essay ein Buch gemacht. Es ist ein sehr persönliches Buch.

“Heute weiß ich, dass der Satz ‘Wir haben kein Geld’ das ganze Leben und Denken bestimmen kann”, schreibt die Autorin: “Denn letztendlich geht es dabei gar nicht nur um Geld, sondern um Identität und Selbstbewusstsein.” Und so beschreibt Zimmer nicht nur die materiellen Einschränkungen ihrer Kindheit und Jugend, sie analysiert auch deren Auswirkungen auf ihr Denken und Fühlen und das ihrer Eltern.

Sie verzichtet darauf, den Leser mit allzu emotionaler Sprache bewegen zu wollen. Auch wo sie ihre eigene Gefühlswelt und die ihrer Eltern seziert, bleiben ihre Sätze meist angenehm schlicht und sachlich. Das bewahrt ihr Buch davor, weinerlich zu klingen, wie jene Art von Bekenntnisliteratur, die vor allem der Therapie des Autors dient.

Denn über weite Strecken ist “Nicht von schlechten Eltern” vor allem Autobiografie und Aufarbeitung einer Eltern-Kind-Beziehung – den Untertitel sollte man eher mit Betonung auf “meine Familie” lesen als auf “Hartz IV” -, und Zimmer tendiert dazu, die Ursache für alle Probleme, auch für normale Pubertätswirren, in der Armut zu suchen.

Sie habe “andere bewundert, ohne auch nur im Geringsten zu verstehen, dass die Souveränität, Schönheit und Unbeschwertheit, um die ich meine Freundinnen so beneidet habe, sich auch den unterschiedlichen finanziellen Lebensumständen verdankten”, schreibt sie und scheint nicht auf die Idee zu kommen, dass die Freundinnen vielleicht auch an sich selbst zweifelten und weniger souverän und unbeschwert waren, als der Teenager Zimmer sie wahrnahm.

Die Stärke des Buches sind jene Stellen, die Einblicke in die sozialen und psychologischen Mechanismen geben, die den Alltag armer Menschen prägen. Die genaue Planung aller Einkäufe etwa – in knappen Monaten müssen nicht nur die eingelegten Artischocken, die Zimmer so gern isst, im Supermarktregal liegen bleiben, sondern auch die 59-Cent-Schokolade – und der Drang, sich gelegentlich doch etwas zu gönnen. Die Scham, von der Mutter der Schulfreundin auf ein Eis eingeladen zu werden. Die Hoffnungsschimmer und Niederlagen bei der Arbeitssuche und die schwierige Kommunikation mit den wohlmeinenden, aber weltfremden Mitarbeitern des Arbeitsamts.

Eines der besten Kapitel ist jenes, in dem Zimmer fast kommentarlos das Arbeitssuche-Tagebuch ihres Vaters wiedergibt. “Was Armut in Deutschland ausmacht, ist Armut im Sozialen, fehlender Glaube an Bildungs- und Aufstiegschancen, an langfristige Investitionen und an sich selbst”, schreibt Zimmer. “Ironischerweise fehlt es genau an den Dingen, die bei uns wenig kosten: Zugang zu Informationen, Internet, Büchern, Wissen, Zeit und Platz für Kinder, damit sie sich austoben und entfalten können.”

In Kapiteln wie jenem, in dem die Autorin langatmig all ihre Verwandten vorstellt, hätten ein paar Kürzungen dem Buch nicht geschadet. Aber Undine Zimmer gelingt es, einen Einblick in das Universum ihrer Eltern zu gewähren und abseits von Schuldund Opferstereotypen, das heißt differenziert zu vermitteln, was Armut in einem reichen Land heute bedeutet.

Undine Zimmer: Nicht von schlechten Eltern. Meine Hartz-IV-Familie. S. Fischer, 256 S., € 19,60

Falter-Buchbeilage, 9.10.2013

Sparen auf die Artischocken

40 Stunden Arbeit, 869 Euro Lohn

Jeder zwanzigste Erwachsene in Österreich ist trotz Berufstätigkeit arm. Sind gesetzliche Mindestlöhne die Lösung?

Anna A. ist 32, hat zwei Kinder und lebt in einem Dorf irgendwo in Österreich. Trotz Matura hat sie hier keinen passenden Job gefunden, also arbeitet sie als Verkäuferin – Teilzeit, denn der Kindergarten im Ort ist nur halbtags offen. Anna A. und ihr Mann verdienen zusammen 24.000 Euro netto im Jahr. An Urlaub ist seit der Geburt der Kinder nicht zu denken, und der alte Computer wird noch eine Weile halten müssen.

Anna A. gibt es nicht – aber es gibt viele wie sie in Österreich. 198.000 Menschen, gut jeder zwanzigste arbeitende Erwachsene, waren im Jahr 2011 trotz Job armutsgefährdet; in ihren Haushalten lebten auch 171.000 Kinder. Geht es nach den Grünen, werden diese Menschen nun zum Wahlkampfthema: Am Tag der Arbeit forderte Grünenchefin Eva Glawischnig einen gesetzlichen Mindestlohn von 1.450 Euro brutto für Vollzeitjobs. 20 von 27 EU-Ländern haben bereits Mindestlöhne, Deutschland wird wohl bald einen einführen. Sollte Österreich nachziehen? Wie kann gesichert werden, dass auch Familien wie die von Anna A. von ihren Jobs leben können?

Gesetzliche Mindestlöhne in Europa 2013
Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Die EU-Studie „Community Statistics on Income and Living Conditions“ (SILC) definiert „Working Poor“ als Menschen, die mindestens das halbe Jahr erwerbstätig sind und deren „äquivalisiertes Haushaltseinkommen“ – eine Maßzahl, mit der verschieden große Haushalte verglichen werden können – netto inklusive Sozialleistungen trotzdem unter der Armutsgrenze liegt. Für eine alleinlebende Person lag diese Grenze 2011 bei 12.791 Euro im Jahr, für eine Familie mit zwei Kindern bei 26.861 Euro.

Dass ein Haushalt unter diese Grenze fällt, kann viele Gründe haben. Bei Anna A. liegt es an der unfreiwilligen Teilzeitarbeit. Brigitte B. steht für einen anderen Typ von Working Poor: Sie hat mit 53 Jahren ihre Stelle verloren und pendelt nun zwischen Arbeitslosigkeit und schlecht bezahlten Jobs bei Leiharbeitsfirmen hin und her. Christian C. wiederum schlägt sich als Neuer Selbständiger mit Werkverträgen und Freien Dienstverträgen durch; Selbständige werden öfter arm als Unselbständige. Aber Christian C. ist jung und gebildet – mit etwas Glück wird er bald mehr verdienen.

Wenig überraschend werden neben schlecht ausgebildeten Menschen und Migranten am häufigsten jene Menschen trotz Arbeit arm, die Teilzeit arbeiten oder sich von einem befristeten Job zum nächsten hanteln,. Aber fast die Hälfte aller Working Poor sind ganzjährig vollzeitbeschäftigt. Sie sind Alleinerzieher, haben viele Kinder oder einen arbeitslosen Partner – oder aber sie bekommen besonders niedrige Stundenlöhne. Nicht armutsgefährdete Menschen verdienen im Durchschnitt 13 Euro brutto pro Stunde, Working Poor nur neun Euro.

International steht Österreich bei Working Poor – wie bei der Arbeitslosenrate – relativ gut da. 2011 waren im EU-Schnitt 8,9 Prozent der Erwerbstätigen arm, in Österreich nur 5,4 Prozent. Die Zahl ist in den letzten Jahren sogar leicht geschrumpft – aber nicht wegen höherer Löhne, sondern weil Menschen mit prekären Jobs in die Arbeitslosigkeit abgerutscht sind.

Viel höher wäre die Zahl der Working Poor allerdings, wenn Sozialleistungen nicht eingerechnet würden. Die helfen vielen Haushalten über die Armutsgrenze – oft bedeutet das aber auch, dass „der Staat Firmengewinne subventioniert“, sagt Sabine Oberhauser, Vizepräsidentin des Österreichischen Gewerkschaftsbunds (ÖGB).

Würde ein gesetzlicher Mindestlohn den Working Poor nun helfen? Nein, sagen beide Regierungsparteien, die Wirtschaftskammer und der ÖGB in seltener Einigkeit. Neben den Grünen fordert nur das BZÖ einen gesetzlichen Mindestlohn. Denn im Gegensatz zu Deutschland funktionieren in Österreich die Lohnverhandlungen durch die Sozialpartner relativ gut, 95 Prozent aller Arbeitnehmer sind von einem Kollektivvertrag erfasst.

Trotzdem gibt es auch hier Branchen mit extrem niedrigen Löhnen: Rechtsanwaltsgehilfen etwa verdienen in Wien anfangs 1.024 Euro brutto – 869 Euro netto – und liegen damit auch mit Vollzeitarbeit unter der Armutsgrenze. Für sie würde der von den Grünen geforderte Mindestlohn eine Verbesserung bringen, ebenso für Kellner, Verkäufer, Friseure und Floristen.

Mit dem wirtschaftsliberalen Argument, dass Mindestlöhne Arbeitsplätze gefährden, kann die Grüne Arbeitnehmersprecherin Birgit Schatz wenig anfangen: „Leute mit wenig Einkommen geben all ihr Geld aus“, sagt sie, „höhere Mindestlöhne gehen eins zu eins in die Kaufkraft und bringen wirtschaftliche Impulse“.

Im Gegensatz zu Deutschland sind hierzulande aber auch die Gewerkschaften gegen gesetzliche Mindestlöhne. Berichte, wonach der ÖGB in dieser Frage schwanke, dementiert Vizepräsidentin Oberhauser. Der ÖGB hofft, wie auch SPÖ-Sozialminister Rudolf Hundstorfer, durch KV-Verhandlungen statt durch Gesetze einen Mindestlohn von 1.500 Euro zu erreichen.

Aber was stört SPÖ und Gewerkschaft an gesetzlichen Mindestlöhnen, die ja auch nach Vorstellung der Grünen die Kollektivverträge nicht ersetzen, sondern nur nach unten absichern sollen? „Wir glauben nicht, dass so etwas hält, wenn Regierungen wechseln“, sagt Oberhauser, „Wenn Schwarz-Blau-Stronach kommt, gehen die sofort auf 1.000 Euro runter“. In Griechenland wurde der Mindestlohn tatsächlich im Rahmen eines Sparpakets von 4,34 Euro auf 3,35 Euro pro Stunde gekürzt.

Das Risiko, dass so etwas auch in Österreich passieren könnte, ist für die Grüne Birgit Schatz aber vernachlässigbar: „In einer totalen Krise würden die KV-Löhne auch nicht halten“, sagt sie, „aber wenn es einmal einen gesellschaftlichen Konsens gibt, dass man von einem Vollzeitlohn leben können muss, kann man den nicht so leicht wieder aufbrechen“.

Falter, 15.5.2013

40 Stunden Arbeit, 869 Euro Lohn

Die Frau im Tor

Mit 16 hat Susanne Peter die Gruft mitgegründet. 26 Jahre später kämpft sie immer noch für Obdachlose

Wären die Schmalzbrote nicht gewesen, wäre Susanne Peter heute wohl Nonne. Gläubige Katholikin, Ministrantin, in der Pfarrjugend engagiert – sie hatte die besten Voraussetzungen für ihren Traumberuf. Aber da waren die Schmalzbrote, da war der Tee, und da war der Keller unter der Barnabitenkirche. Deshalb ist Susanne Peter, 42, heute keine Nonne, sondern eine Institution der Wiener Obdachlosenhilfe.

Während einer Religionsstunde im Amerlinggymnasium im Herbst 1986 beschließen ein paar Schüler, den Grundsatz der christlichen Nächstenliebe in die Tat umzusetzen. Sie eröffnen unter der Kirche an der Mariahilfer Straße eine Wärmestube, sechsmal pro Woche von 14 bis 16 Uhr geben sie gratis Schmalzbrote und Tee an Obdachlose aus. So beginnt die Geschichte der Gruft, die heute 24 Stunden am Tag für Obdachlose geöffnet ist, wo sie schlafen, essen, duschen und ihre Wäsche waschen können.

“Die Susi war von Anfang an eine der eifrigsten“, sagt Pater Albert Gabriel, der Religionslehrer, in dessen Unterricht die Gruft entstand. Es hat ihn nicht überrascht, dass sie als einzige Schülerin nach der Matura weitermachte. Was für andere ein Schulprojekt war, wurde für Susanne Peter zur Lebensaufgabe.

Die Gruft verbirgt sich hinter einer schlichten Tür an der Seite der Barnabitenkirche, ein paar Stufen unter dem Straßenniveau; wer nicht nach ihr sucht, nimmt sie nicht wahr. So unauffällig wie der Eingang zur Gruft ist auch ihre dienstälteste Mitarbeiterin. In hellen Jeans und lila Sweatweste, eine selbstgebastelte Kette um den Hals, sitzt Susanne Peter an ihrem Schreibtisch – eine resch wirkende Frau mit einer unerwartet sanften Stimme. Über dem Tisch hängen Bilder von Delfinen, eine Rapid-Autogrammkarte und Babyfotos.

Nein, das Baby ist nicht ihres, aber es hat Susanne Peter wohl einiges zu verdanken. Seine Eltern hat Peter in einem Gebüsch auf der Donauinsel kennengelernt. Sie hatten seit Jahren keine Wohnung, kein Einkommen, keine Dokumente, dann wurde die Frau schwanger. Susanne Peter verhalf ihnen zu einer Wohnmöglichkeit, das Baby kam gesund zur Welt, nun will das Paar heiraten.

Susanne Peter hat viele solche Geschichten auf Lager, doch sie wird immer wieder unterbrochen. Ein Mann mit einem Stapel Brotscheiben in der Hand will die Termine der Rechtsberatung wissen, ein Kollege ruft an wegen eines schwierigen Klienten, ein Junkie bittet um einen Spitzer – ja, tatsächlich um einen Spitzer -, eine Frau im Pelzmantel bringt Schuhe und Pullover vorbei; ein Mann mit schwarzen Zähnen braucht Hilfe beim Ausfüllen seines Mindestsicherungsantrags und erzählt von seinem neuen Freund; ein Bursche in einer Armyjacke brüllt, man habe ihm seine Zigaretten geklaut. Susanne Peter beantwortet alle Fragen, dankt der Spenderin, beruhigt den Bestohlenen. Die meisten Klienten kennt sie mit Namen, sie kennt ihre Lebensgeschichten, ihre Meldeorte und ihre Krankheiten. Mit manchen hat sie seit Jahrzehnten zu tun; die Hoffnung, dass sie irgendwann keine Hilfe mehr brauchen werden, gibt sie trotzdem nicht auf. Rückfälle heißen bei ihr nicht Rückfälle, sondern “Ausflüge ins Gewohnte“. Obwohl sie die längstdienende Mitarbeiterin der Gruft ist, ist Susanne Peter nie deren Chefin geworden – sie wollte die direkte Arbeit mit den Klienten nicht aufgeben.

Kollegen und Vorgesetzte beschreiben Peter als “Arbeitsviech“, als praktischen Menschen, der zupackt, statt zu reden; sie loben ihre Empathie und ihr Durchhaltevermögen in einem Job, den kaum jemand länger als fünf Jahre lang aushält. Immer noch geht Peter regelmäßig in die Kirche; die Religion sei “das Grundwasser ihrer Persönlichkeit“, sagt Pater Gabriel. Aber ihr Theologiestudium brach sie bald ab: zu theoretisch. Stattdessen machte sie eine Ausbildung zur Sozialarbeiterin, später noch eine zur Psychotherapeutin.

Was hat sich verändert in den 26 Jahren, in denen Susanne Peter sich nun um Obdachlose kümmert? Vor allem ihre Klientel. “Den Rauschebartobdachlosen“, sagt Peter, “gibt es kaum noch.“ Dafür viele ehemalige Selbstständige, psychisch Kranke: “Die Depressionen werden immer mehr, das hat mit der Leistungsgesellschaft zu tun.“

Den gepflegten Mann mit der eckigen Brille, der sich jetzt auf den Sessel neben Peters Schreibtisch wirft, könnte man für einen ihrer Kollegen halten. Aber er ist ein Klient, Alkoholiker, nach zehn Jahren hat er sich zu einer Therapie durchgerungen. Peter bespricht mit ihm geeignete Wohnmöglichkeiten. “Kommst du morgen zum Fußball?“, fragt sie dann. “Ja.“

Seit fast 20 Jahren hält Peter in einer Kagraner Sporthalle jeden Samstag ein Fußballtraining für ihre Klienten ab – für die Obdachlosen eine Ablenkung, für Peter ein Weg, sie besser kennenzulernen. Über das Gruft-Team hat sie auch privat den Fußball für sich entdeckt. Ihre Position: Torfrau. Wenn alle anderen ihr Bestes gegeben haben und das Unglück trotzdem nicht aufhalten konnten, dann macht Susanne Peter noch einen letzten Versuch, die Partie zu retten. Ganz so wie im echten Leben.

Falter 13.2.2013

Die Frau im Tor

Der Aufstand der Massen im Namen des Guten

Die Webgemeinschaft bläst zum Angriff, weil ein Obdachloser rüde aus einem Bierlokal geworfen wurde. Angeblich

Bericht: Ruth Eisenreich, Joseph Gepp

Es ist eine empörende Geschichte, die der Informatiker Andreas Marek, 30, von seinem Besuch in einem Bierlokal im Alten AKH erzählt. Eine Geschichte von der Demütigung eines ohnehin Schwachen in der Stiegl-Ambulanz, einer Gaststätte am Uni-Campus, die auf etwas schicker macht als die sie umgebenden Lokale.

Ende April sei ihr Sohn dort zu Gast gewesen, berichtet Mareks Mutter in einem E-Mail. Die Bedienung habe einen Augustin-Verkäufer, etwa 60, rüde des Lokals verweisen wollen. Marek fand die Behandlung derart unerhört, dass er den Obdachlosen auf ein Getränk einlud. Daraufhin kam der Restaurantleiter und wies dem Verkäufer erneut die Tür. Die Situation schaukelte sich auf, schreibt Frau Marek, als eine zweite Kellnerin für den Obdachlosen Partei ergriff – der Chef entließ sie. “Na“, soll er zu Marek gesagt haben, “sind Sie stolz, dass sie Ihretwegen ihren Job verliert?“

Derartige Mails über große und kleine Ungerechtigkeiten erreichen Redaktionen tagtäglich. Viele versanden, manche lösen Skandale aus.

Mareks Erlebnis im Beisl hatte im Internet einen Sturm der Entrüstung von bisher selten gekannten Dimensionen zur Folge. Nachdem die Online-Ausgabe des Standard über den Fall berichtet hatte, artikulierten Tausende in Webforen, auf Twitter und Facebook ihren Unmut. Sie bliesen zur “Hetze auf die Hetzer“, wie ein User schreibt. Schnell ging die allgemeine Wut über den konkreten Vorfall hinaus: In Postings sprachen Empörte von langen Wartezeiten in der Stiegl-Ambulanz und davon, dass das Bier dort “wie Seifenwasser“ schmecke. Sie forderten die Schließung des Lokals, orteten Rassismus, durchleuchteten angebliche private Geldsorgen der Geschäftsführerin und unterstellten gar der Salzburger Stiegl-Brauerei eine Nähe zu “deutschnationalen Ideen“ – obwohl diese nur als Verpächter der Ambulanz fungiert.

Der Vorfall in der Stiegl-Ambulanz wirft nicht nur die Frage auf, wie Straßenzeitungsverkäufer in Lokalen behandelt werden. Er zeigt auch, wie rasch sich in Plattformen wie Facebook und Twitter – unterstützt durch schnellen Internetjournalismus – die Masse im Namen des Guten emotionalisiert.

“Ohne Social Networks hätte der Fall nicht so viel Aufsehen erregt“, sagt Axel Maireder vom Publizistikinstitut der Uni Wien. “Über Facebook verteilte Nachrichten erwecken besonderes Interesse, weil sie von Menschen kommen, die wir kennen.“ Eine “sehr niederschwellige Aktivität“ – das “Liken“ oder Kommentieren einer Seite – reiche aus, um die Nachricht in seinem Umfeld zu verbreiten.

Auch der Falter hat vor drei Wochen Andreas Mareks E-Mail erhalten – und die Stiegl-Ambulanz um eine Stellungnahme gebeten. Restaurantleiter Hans Peter Fasching verstrickte sich daraufhin in Widersprüche und drohte dem Falter schließlich mit dem Anwalt. Auf weiteres Insistieren präsentierte Geschäftsführerin Manuela Nagl eine andere Version der Geschichte als Andreas Marek: Augustin-Verkäufer seien grundsätzlich willkommen, sagte sie – der Betreffende aber habe keinen Verkäuferausweis gehabt, außerdem sei er stark alkoholisiert und verwahrlost gewesen. Dass eine Kellnerin gefeuert worden sei, weist Nagl vehement zurück.

Der Falter wollte den Fall daraufhin genauer prüfen – doch welche Version richtig ist, ließ sich nicht feststellen. Andreas Marek war trotz tagelanger Versuche nicht erreichbar; unbeteiligte Zeugen des Vorfalls fanden sich nicht; der betroffene Verkäufer tauchte in der Augustin-Redaktion niemals auf. Und Manuela Nagl wollte nach dem Aufruhr im Web kein weiteres Mal mit Medien sprechen. Per Aussendung lud sie alle Wiener Augustin-Verkäufer auf ein Kesselgulasch in die Stiegl-Ambulanz ein.

Was bleibt, ist eine widersprüchliche Geschichte, die eine Massenempörung hervorrief. “Nur eine Stunde nachdem der Artikel im Online-Standard erschienen war, hatten sich schon hunderte im Internet zu Wort gemeldet“, erzählt der Wiener PR-Manager Stefan Bachleitner, der “aus Empörung“ mittwitterte. “Es war eine große Dynamik. Aber als sich noch am selben Abend Stiegl-Ambulanz und Stiegl-Brauerei vom Fall distanzierten, dachte ich mir: Damit hat sich die Sache jetzt langsam.“ Bachleitner sollte Unrecht behalten.

Falter, 11.5.2011

Der Aufstand der Massen im Namen des Guten

Prekariat und Spaßgesellschaft: Die MayDay-Parade

Der Nachmittag des 1. Mai. Während am Ring längst wieder Straßenbahnen fahren und im Prater Line Dance vorgeführt wird, machen sich am Wallensteinplatz im 20. Bezirk Familien mit Kinderwägen und junge Menschen in bunter Kleidung ihren eigenen Maiaufmarsch. Zur MayDay-Parade versammeln sich seit zehn Jahren in ganz Europa Neue Selbständige, Projekt- und Leiharbeiter – all jene, die sich von der klassischen Arbeiterbewegung nicht vertreten fühlen.

Konkrete Änderungen bewirken würde die Parade wohl nicht, sagt eine Ökologiestudentin im Clownskostüm, aber sie wolle „ein Zeichen setzen“. Sie fürchtet, nach ihrem Abschluss selbst im Prekariat zu landen. Doch nicht alle Besucher sind wegen solcher Überlegungen gekommen. „Ich geh auf jede Demo“, sagt ein Mädchen mit Krone am Kopf, und ein junger Mann hat sich „wegen Japan“ als Sensenmann verkleidet. Was hat denn Japan mit dem Prekariat zu tun? „Dort sind jetzt auch alle arbeitslos. Zahlst mir ein Bier?“.

Falter, 4.5.2011

Prekariat und Spaßgesellschaft: Die MayDay-Parade

„Die Kenianer lachen, wenn plötzlich Weiße durch ihr Dorf laufen“

Zum Interview kommt Wolfgang Kreuzbauer im Laufschritt. „Jetzt haben Sie mich sofort erkannt“, grinst er. Seit sieben Jahren läuft der HNO-Arzt beim Vienna City Marathon und betreut im Medical Center ehrenamtlich andere Läufer. Zum Trainieren fliegt er regelmäßig nach Kenia. Dem Falter erzählt er von seinen Erfahrungen mit den Kenianern und dem Stellenwert des Laufens in Afrika.

Herr Kreuzbauer, warum gewinnen immer Kenianer den Marathon?

Die Europäer behaupten immer, das liegt an den Genen. Aber das ist eine Ausrede. Die haben dort ein tolles System der Selektion. Es gibt viele Talentsucher und Manager, die schauen schon bei Kindern im frühesten Schulalter, wie sie laufen, sieben immer wieder die Talente heraus und fördern die dann in Schulen. Wir haben dem St. Patrick’s College in Iten einen Besuch abgestattet. Das ist ein College, wo die Kinder eine Schulbildung kriegen, aber gleichzeitig nach tollen Trainingsplänen laufen. Es steckt ein ganz beinhartes Training dahinter. Lustigerweise stammen die harten Trainingspläne eigentlich aus Europa. In den 70er oder 80er Jahren haben die Kenianer begonnen, deutsche Trainingspläne zu adaptieren.

Die Europäer trainieren heute anders?

Soweit ich weiß, trainieren die Profis ähnlich. Wahrscheinlich mit mehr wissenschaftlichen Methoden als die Kenianer, mit viel Labormedizin. Aber sie trainieren ja auch im Ausland und schauen sich die Trainingspläne der Afrikaner an. Ich glaube, es ist irrsinnig schwer, in Wohlstandsländern Leute dazu zu bringen, jahrelang konsequent zu trainieren. Man muss die Leute zwar sorgsam, aber doch forciert aufbauen für das Marathonlaufen. In Kenia ist das eine der wenigen Möglichkeiten, wohlhabend, aber auch berühmt zu werden, wenn man nicht einer politischen Familie zugehörig ist. Und in Afrika hat Laufen einen ganz anderen Stellenwert als bei uns.

Hat die Bedeutung des Laufens nur mit den Aufstiegschancen zu tun oder auch mit dem Mangel an anderen Fortbewegungsmitteln?

Das hat schon auch mit den Fortbewegungsmitteln zu tun. Man sieht die Leute unglaublich viel zu Fuß gehen, auch auf den Landstraßen wird gegangen. Wenn wir dort laufen, laufen oft kilometerlang zwei-, dreijährige Kinder mit, bloßfüßig. Die laufen irrsinnig schön, weil sie ganz natürliche Bewegungsabläufe haben. Die Kinder laufen kilometerweit in die Schule, die Bewegung ist üblich. Wahrscheinlich war das bei uns früher auch so.

Zieht sich das Laufen durch alle Gesellschaftsschichten, laufen auch die wenigen Reichen?

Ich glaube nicht, dass die laufen. Das ist die Normalbevölkerung, aus den ärmsten Verhältnissen.

Wie sind Sie dazu gekommen, in Kenia zu trainieren?

Ich bin durch Zufall zum Marathon gekommen. Ich habe aus dem Stand einen Marathon begonnen, um meinen Bruder zu begleiten, bin ohne Training durchgelaufen und draufgekommen, dass ich Läuferbeine habe. Dann hat ein Freund mich mit Dagmar Rabensteiner verbunden, weil die das nicht glauben konnte. Sie ist Internistin, Sportmedizinerin und war die beste Marathonläuferin in Österreich, die jahrelang den Rekord gehalten hat. Sie hat mit ihrem Mann immer in Kenia trainiert, die kennen sich dort aus und organisieren dort irrsinnig tolle Trainingscamps. Ich bin zu ihr in die Ordi gegangen, und wir haben uns so gut verstanden, dass wir nach einer Stunde gesagt haben, wir fahren gemeinsam auf Trainingscamp. Seitdem bin ich immer wieder mitgefahren.

Wie laufen diese Trainingscamps ab?

Beim letzten Mal waren wir ungefähr zwanzig aus allen Bereichen zusammengewürfelte Laufnarrische mit ganz verschiedenen Leistungslevels. Wir trainieren immer im Februar im Hochland, machen Höhentraining, um die Blutkörperchen auf natürliche Art anzureichern. Die Rabensteiners organisieren dankenswerterweise alles. Wir wohnen natürlich luxuriös dort, in Hotels, weil man als Läufer Regenerationsräume braucht. Wir fahren drei bis vier Stützpunkte an, wo Trainingszentren, Stadien sind, wo man auch Laufbahntraining machen kann. Dort können wir mit den ganzen Kenianern trainieren. Die sind überhaupt nicht arrogant. Wenn ich in Europa mit so einer Gruppe irgendwo hinkomme und sage, wir wollen dort trainieren, würden alle Sportstättenverwalter sagen, wir sind wahnsinnig. Dort überhaupt nicht. Die sind extrem freundlich zu uns, grüßen uns, kommen zum Essen vorbei, wir können mit den Trainern sprechen. Und wir werden überhaupt nicht ausgespottet, wenn wir unter ferner liefen laufen.

Sie trainieren gemeinsam mit den Kenianern?

Nein, die nehmen keine Rücksicht auf uns. Wir schauen uns nur ab, was die dort machen: Trainings am Sportplatz, Crossings – Läufe quer über den Platz mit Beschleunigung –, Techniktrainings, die wir sonst nie gemacht hätten. Wir nützen die Erfahrungswerte der Kenianer für unsere Trainingspläne.

Bekommen die Kenianer eine Gegenleistung dafür?

Nein, das ist völlig uneigennützig von der kenianischen Seite. Ich hatte nie das Gefühl, dass wir als Europäer willkommen sind, damit man von uns etwas hat. Wir sind niemals um irgendwelche Gegenleistungen gefragt worden.

Eigentlich erstaunlich, oder?

Ja, das stimmt, bei dem Wohlstandsgefälle, das da herrscht. Ich stelle mir die Frage, ob das nicht auch mit Sport insgesamt zu tun hat. Ich glaube, die Freude an der Bewegung, an der Leistung – auch wenn wer anderer eine gute Leistung bringt – verbindet in irgendeiner Weise.

Sie sind nie in unangenehme Situationen gekommen wegen des Wohlstandsgefälles?

Naja, durch die Kinder schon. Weiße Leute, Europäer, werden natürlich als reich angesehen, und die Kinder laufen einem nach und betteln. Eine der ersten Sachen, die auf Englisch gehen, ist offensichtlich „Gimme money“. Das irritiert am Anfang schon, aber daran gewöhnt man sich mit der Zeit. Am Anfang habe ich versucht, ihnen zu erklären, dass man sich gern unterhalten würde und dass man auch gar nichts kriegt, wenn man nur bettelt. Wenn man dort durch das Hochland läuft, hat man wenig Geld eingesteckt. Manche haben auch gesagt, „Gimme your shoes“. Die sind so arm, dass das schon wieder verständlich ist. Wenn man das Leben dort sieht, wird man sehr geerdet. Da sieht man, in was für wahnsinnigen Verhältnissen wir hier leben.

Hat sich für Sie durch diese Erfahrung etwas verändert?

Die Wertigkeit der Sachen hat sich schon gewaltig verändert. Mir hat das gut getan, zu sehen, was wirklich wichtig ist im Leben: Gesundheit, ein Dach über dem Kopf, Wasser, das man trinken kann. In Wien kann man sich in die Dusche stellen, den Kopf zurückneigen und Hochquellwasser trinken. Das kann sich ein Kenianer nicht vorstellen, für den ist das wie das Paradies. Es bringt einem wahnsinnig viel, wenn man dort hinfährt, sich das anschaut und sich darauf einlässt. Es ist teilweise hart, es geht an die Nieren, zu sehen, in welchen Verhältnissen Leute leben. Das ist jetzt nicht so pseudo-ethisch dahergesagt, das ist wirklich so. Man möchte helfen und weiß eh ganz genau, dass die Hilfe dort einfach versandet.

Versuchen Sie es trotzdem?

Wir lassen viele Sachen dort. Laufschuhe, Laufuhren, Leiberln, Sportgeräte, Bälle, Spielzeug. Wir haben jungen Sportlern gebrauchte Schuhe ausgehändigt, oder Schuhe, die uns nicht gepasst haben. Die wirklichen Profis, die Weltklasse-Athleten, sind modernst ausgestattet. Aber die Landbevölkerung hat sogar mit getragenen Laufschuhen eine unglaubliche Freude.

Wie gehen die Kenianer mit Ihnen um?

Kenia gilt nicht als so wahnsinnig sicheres Land, aber wir sind immer freundlich, mit extrem großen Interesse und in keinster Weise feindlich aufgenommen worden. Wir laufen in Gebieten, wo wenig Touristen sind. Wir sind in Safariparks gelaufen mit Giraffen, Wasserbüffeln und all dem Getier, das man sonst nur aus dem Auto sieht. Aber man läuft auch durch Ortschaften, kleine Städtchen durch. Die Leute haben uns mit viel Lachen begleitet, und ich habe nicht das Gefühl gehabt, dass sie uns auslachen, sondern dass sie es einfach lustig finden, wenn dort plötzlich zwanzig Wohlstandsweiße durch ein Dorf laufen, das vielleicht keine betonierte Straße hat. Manchmal schon ein bisschen mit Argwohn. Die Kinder haben offensichtlich teilweise ein bisschen Angst vor weißen Leuten. Das mag mit den Erzählungen zu tun haben, mit der Geschichte, der Kolonialisierung. Aber feindliche Aktionen haben wir nie erlebt.

Haben Sie auch engere Beziehungen zu Kenianern geknüpft?

Freundschaftlicher Kontakt ist für mich nicht entstanden. Das ist vielleicht ein Mangel, wenn man dort öfters hinfährt. Das wäre schon spannend gewesen, war aber nicht die Zielsetzung und ist bis dato nicht passiert. Vielleicht, weil wir selber zwei Mal am Tag trainieren und zu kurz dort sind. Es ist sprachlich oft schwierig – sie lernen zwar alle Englisch, aber das Englisch ist sehr rudimentär –, und ein gewisses Misstrauen, eine gewisse Vorsicht ist schon da. Sie sind sehr zurückhaltend, dass man ihnen nicht zu persönlich nah kommt. Es wird über sachliche Themen gesprochen, über das Laufen und das Leben allgemein. Der Abstand zwischen den Gesellschaftsschichten ist einfach riesengroß.

Falter, 13.4.2011

„Die Kenianer lachen, wenn plötzlich Weiße durch ihr Dorf laufen“