Gute Nachrichten zu Pavillon 15

Im Mai 2013 habe ich im Falter die bis in die 1980er Jahre andauernde Misshandlung und Vernachlässigung von behinderten Kindern im Pavillon 15 des Wiener Krankenhauses am Steinhof (des heutigen Otto-Wagner-Spitals) publik gemacht. Nach viel Verzögern und Verharmlosen und einem fragwürdigen internen Bericht hat Sozialstadträtin Sonja Wehsely (SPÖ) jetzt eine echte Aufarbeitung in Auftrag gegeben, durchgeführt vom renommierten Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie und budgetiert mit 210.000 Euro. Yeah!

Alle Texte zum Pavillon 15 gibt es hier nachzulesen.

Gute Nachrichten zu Pavillon 15

“Hauptsache, man hat die Behinderten nicht gesehen”

Bis in die 1980er-Jahre wurden in Wien behinderte Kinder gequält. Der Zeitzeuge und Psychiater Ernst Berger sucht nach Erklärungen

Behinderte Kinder wurden geschlagen, in Zwangsjacken gesteckt, mit Beruhigungsmitteln niedergespritzt, im eigenen Kot liegengelassen: Im Pavillon 15 am Steinhof, dem heutigen Otto-Wagner-Spital, war das bis in die 1980er-Jahre hinein Alltag. Nachdem die Krankenschwester Elisabeth Pohl im Falter von diesen Zuständen erzählt hatte, untersuchte eine Arbeitsgruppe der Stadt Wien die Vorwürfe. Doch ihr Untersuchungsbericht bleibt geheim. Der Kinderpsychiater Ernst Berger erklärt, wie es zu Situationen wie der im Pavillon 15 kommen konnte.

Falter: Herr Berger, im Bericht der Arbeitsgruppe steht, im Pavillon 15 hätten die damals “üblichen Betreuungsund Behandlungsmethoden” geherrscht. Sie haben in den 1970er-Jahren in der Kinderpsychiatrie des AKH gearbeitet. Wie sah es dort aus?

Ernst Berger: Universitätskliniken unterscheiden sich von der städtischen Standardversorgung immer durch eine höhere Personaldichte und ein höheres Reflexionsniveau, das ist auch heute noch so. Wir sind 1974 ins neue AKH übersiedelt. Dort gab es zwei Stationen mit je 16 psychisch kranken oder behinderten Kindern. Es gab Dreibettzimmer und auf jeder Station neben dem leitenden Oberarzt einen Assistenten, zumindest eine Psychologin, dazu Pädagogen, Pflegepersonal, Logopädinnen, Physiotherapie. Und wir hatten eine andere Betreuungsideologie.

Wie haben die Kinder dort den Tag verbracht?

Tagsüber sind sie direkt auf der Station in die Heilstättenschule gegangen. Wenn sie nicht in der Schule waren, wurden sie von Pflegemitarbeiterinnen und Pädagoginnen gemeinsam betreut. Sie hatten Psychotherapie, haben Besuche von ihren Eltern bekommen und konnten aus dem Haus hinausgehen.

Waren Sie je im Pavillon 15?

Ich war einmal dort zu Besuch, 1974 oder 75. Ich habe dort geflieste Räume gesehen, in denen schwerbehinderte Kinder auf dem Boden gelegen sind. Betreuungspersonal gab es drinnen nicht, die Kinder wurden aufbewahrt. Die Räume waren gefliest, damit man zum Reinigen einfach mit dem Schlauch hineinspritzen konnte. Das waren unmenschliche Bedingungen, ein meilenweiter Unterschied zum AKH.

Wer trug die Verantwortung für diese Zustände? Der ärztliche Direktor Wilhelm Solms? Gesundheitsstadtrat Alois Stacher?

Man kann die Verantwortung nicht personell festzumachen. Der Herr Solms ist bei der Reform dieses Systems nicht gerade an der Spitze gestanden. Der Loisl Stacher hatte mit der Psychiatrie nichts am Hut, aber als in den 70er-Jahren dieser Umdenkprozess begonnen hat, hat er das Thema sehr rasch aufgegriffen und im Gemeinderat den Beschluss zur Psychiatriereform durchgebracht. Das ist ihm hoch anzurechnen, denn es war nicht so, dass ihm alle applaudiert hätten. Er ist auf viele Widerstände gestoßen.

Wenn nicht die handelnden Personen das Problem waren – was war es dann?

Die Vorstellungen und Realitäten von Betreuung und Behandlung hilfsbedürftiger Menschen waren damals tatsächlich völlig anders als heute. Der Steinhof war nicht als Spital, sondern als “Heil- und Pflegeanstalt” definiert und hat deshalb viel niedrigere Tagsätze bekommen. Er war massiv unterfinanziert. Auch der Personalschlüssel für Pflegeanstalten war viel schlechter als der für Krankenhäuser. Insofern hat die Frau Stadträtin schon recht, wenn sie sagt, dass Steinhof keine Ausnahme war – aber “Das war überall so” ist eine flapsige Verniedlichung, die absolut fehl am Platz ist.

Wurden die Zustände in Behinderteneinrichtungen in den 1970er und 80er Jahren öffentlich diskutiert?

Das hat niemanden interessiert. Behinderte Menschen wurden damals noch aus dem öffentlichen Leben abgeschoben, Hauptsache, man hat sie nicht gesehen. Ich bin in den 60er Jahren in Kagran aufgewachsen, in meinem Lebensumfeld gab es nur einen einzigen behinderten Menschen. Das war ein geistig behinderter junger Mann, den ich beim Fenster oben herauswinken gesehen habe, wenn ich mit meiner Mutter einkaufen war. Die Behinderten waren alle in Institutionen.

Woher kam dieses Desinteresse?

Das Grundmodell, das der Psychiatrie in der NS-Zeit – aber auch schon zuvor, das war keine Erfindung der Nazis – zugrunde lag, hat fortgewirkt: das biologistische Denken, also die Annahme, dass biologische Faktoren das Entscheidende im menschlichen Dasein sind. Wenn man so denkt, ist es nicht sehr weit zu dieser Art von Behandlung. Das Problem ist, dass 1945 zwar das politische System geändert, aber dieser Diskurs nicht geführt wurde.

Wieweit gab es am Steinhof personelle Kontinuitäten zur NS-Zeit?

Neben dem NS-Arzt Heinrich Gross, der kurze Zeit außer Dienst gestellt wurde und dann Primar geworden ist, gab es auch bei den Pflegemitarbeiterinnen Kontinuitäten, genauso wie im Jugendamt. Vor allem aber hat sich das Denken der Menschen über Behinderte ja nicht 1945 geändert. Die Mehrheit in dieser Stadt fand es ja bis 1945 richtig, dass man die umgebracht hat.

Zur Person:
Ernst Berger ist Kinderpsychiater. Von 1990 bis 2007 war er Primar im Krankenhaus Rosenhügel

Falter, 24.09.2014

“Hauptsache, man hat die Behinderten nicht gesehen”

Geheimsache Steinhof

Noch in den 1980er-Jahren wurden in Wien behinderte Kinder misshandelt. Die Stadt dilettiert bei der Klärung schwerster Vorwürfe. Nun bricht eine zweite Krankenschwester ihr Schweigen

Recherche: Ruth Eisenreich, Florian Klenk

Transparenz hatte die rot-grüne Stadtregierung versprochen. Doch jetzt, wo es unangenehm wird, wird das Versprechen gebrochen. Der elf Seiten starke “Schlussbericht” des städtischen Krankenanstaltenverbunds (KAV), betreffend die Behandlung behinderter Kinder am Steinhof, wird nicht veröffentlicht, zum Wohle der Patienten, wie es heißt.

Das ist eine Ausrede. In dem Endbericht sind gar keine persönlichen Patientendaten enthalten, wie der Falter recherchierte. Die Geheimniskrämerei schützt bloß die Interessen der Stadt Wien, die offenbar keine neue Debatte über Misshandlungen in städtischen Einrichtungen führen will.

Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely (SPÖ) zeigt sich zwar “berührt”, da die Behandlung der Kinder noch von der NS-Zeit geprägt gewesen sei. Aber sie hält auch fest: Alles sei rechtens gewesen, damals in den 1980er-Jahren. Niemand habe sich strafbar gemacht.

Diese Conclusio ist erstaunlich. Denn die Krankenschwester Elisabeth Pohl hatte völlig andere Details zu Protokoll gegeben. Als die Stadt vor zwei Jahren die Geschichte misshandelter Kinder am Wilhelminenberg mustergültig aufarbeitete, erzählte die heute 54-Jährige dem Falter ihre Geschichte. Sie ereignete sich nur ein paar Gassen vom Wilhelminenberg entfernt, im Pavillon 15 des Otto-Wagner-Spitals.

Dort oben, am Steinhof, sperrte die Stadt schwer behinderte Kinder noch bis in die 1980er-Jahre hinein aufgrund der kakanischen “Entmündigungsordnung” ein, weil sie als “nicht förderbar”,”nicht bildungsfähig” oder “störend” galten, wie die Patientenakten vermerken. Es waren Menschen, deren Anblick der Öffentlichkeit erspart werden sollte, weil sie anders aussahen, weil sie ständig schrien oder auch nur aus dem Mund “saftelten”, wie es in einem Protokoll heißt.

Was geschah mit diesen Kindern? Welche Verantwortung trugen jene Psychiaterinnen und Psychiater, die heute noch leben und zum Teil als Koryphäen der Stadt gelten? Warum reagierte das Rote Wien nicht? Darüber ist wenig bekannt.

Erst Elisabeth Pohl brach das Schweigen. Sie berichtete von Kindern, die mit Leintüchern zu Bündeln verschnürt wurden oder nackt und ohne Bettzeug im eigenen Kot und Erbrochenen in Netzbetten lagen. Vom Niederspritzen mit Beruhigungsmitteln und von Personal, das mit Gleichgültigkeit oder roher Gewalt regierte.

Nicht nur Pohl sprach mit dem Falter: Eine weitere Zeugin, die in den 1970er-Jahren am Steinhof arbeitete, gab an, Schwestern hätten die Zöglinge mit nassen Fetzen geschlagen, um keine Spuren zu hinterlassen. Kinder hätten aus dem Klo getrunken, um nicht zu verdursten. Die Autoritäten von damals – darunter der renommierte spätere Leiter des Psychosozialen Dienstes, Stephan Rudas – hätten nicht reagiert. Der Eindruck der Zeitzeugin: “Es war wie im tiefsten Mittelalter.”

Sonja Wehsely versprach volle Transparenz. Die SPÖ-Gesundheitsstadträtin ist sensibilisiert. Als erste Politikerin überreichte sie dem vom NS-Arzt Heinrich Gross am Steinhof gequälten Friedrich Zawrel einen Orden. Sie weiß zu gut, was Wiens Psychiater angerichtet haben. Sie sorgte dafür, dass behinderte Kinder nicht mehr in Pflegeheimen landen, sondern in WGs gefördert werden.

Umso erstaunlicher ist Wehselys Umgang mit Pohls Vorwürfen. Die Stadträtin setzte, wie Behindertenverbände und die Opposition kritisierten, kein unabhängiges Team ein, sondern beauftragte den KAV mit einem ersten Bericht. Jene Institution, die für den Steinhof verantwortlich ist, untersuchte sich also selbst, und das auch noch fernab öffentlicher Kontrolle. Entsprechend liest sich jetzt das Ergebnis.

Es habe in den Patientenakten “keinerlei Anhaltspunkte” für strafbares (wenn auch verjährtes) Verhalten gegeben, so das Ergebnis des Berichts. Die Kinder seien damals katastrophal, aber “dem Stand der Medizin” entsprechend behandelt worden. Und Pohls Aussagen? Warum sind sie keine “Anhaltspunkte”, die nähere Recherchen verdienen würden? Wurde ihren Angaben überhaupt akribisch nachgegangen?

Die traurige Antwort: nein. Der KAV-Bericht ist eine oberflächliche und halbherzige Auseinandersetzung mit der jüngeren Vergangenheit der Stadt. Zwar wurden Akten von etwa 30 Kindern durchforstet, zehn davon genau, aber neue Zeugen, etwa Schwestern und Ärzte, wurden nicht beharrlich ausgeforscht, Sachverhalte nicht penibel rekonstruiert, eine systematische Aufarbeitung oder Dokumentation erfolgte nicht.

Das Büro Wehsely gibt sich mit dem “Schlussbericht” des KAV, der schon seit März fertig ist, offenbar auch nicht zufrieden. Er sei, so die offizielle Sprachregelung, “nur ein erster Schritt” für ein großes wissenschaftliches Forschungsprojekt, das die Schattenseiten der Wiener Psychiatrie der Nachkriegszeit ausleuchten soll. Ein entsprechender Projektentwurf liegt dem Falter vor.

Der “geheime” Bericht des Krankenanstaltenverbunds übt zwar Kritik am damaligen System und einigen “medizinischen” Maßnahmen. Er streut den Ärzten und dem Pflegepersonal aber auch Komplimente. Sie hätten “Außerordentliches” geleistet, so die befremdliche Conclusio des KAV. Nur das System sei halt leider überkommen gewesen.

Krankenschwester Pohl, die die Lage kritischer sieht, wird nach drei Interviews mit dem KAV (die ebenfalls nicht veröffentlicht werden) nur mehr als “angebliche Aufdeckerin” bezeichnet, ihre detailreichen Aussagen sind im Schlussbericht nur in groben Zügen dokumentiert, ihre strafrechtlich relevanten Vorwürfe (Schläge, Kinder im Kot, unnötiger Freiheitsentzug) finden sich gar nicht mehr im O-Ton.

Der KAV hält immerhin fest, dass Kinder, die sich selbst “beschädigt” hätten, entweder mit Bändern ans Bett gebunden oder mit starken Medikamenten sediert worden seien, weil sie “nicht brav” gewesen seien, wie es damals hieß. Auch Valium, so wird zugegeben, sei “undifferenziert” verabreicht worden, ohne die Nebenwirkungen zu beachten. Hin und wieder habe es auch Ohrfeigen gegeben. Strafrechtswidrig sei das alles aber nicht gewesen. Die Kinderpsychiatrie sei, so die rechtlich nicht näher ausgeführte Analyse des KAV-Berichts, ein “rechtsfreier Raum” gewesen.

“Kein Missbrauch am Steinhof” titelten da ORF und Kurier. Nicht nur Pohl ist enttäuscht, nun wollen auch andere Zeitzeugen nicht mehr schweigen. Ilse Walch, 59, etwa. Ab 1976 hat sie als “Lernschwester” am Steinhof gearbeitet und wurde “auf den gefürchteten Pavillon 15 versetzt”, wie sie dem Falter erzählt.

Sie bestätigt nicht nur Pohls Angaben, sondern widerspricht energisch der Einschätzung des KAV und der Stadträtin, wonach das Verhalten der Mitarbeiterinnen “den üblichen Betreuungs-und Behandlungsmethoden entsprochen habe”. Die “unwürdigen Zustände” seien schon damals skandalös gewesen, sagt sie. Ärzte anderer Stationen seien beim Anblick des Pavillon 15 schockiert gewesen.

“Wir reden hier bitte von der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts”, sagt Ilse Walch: “Da war es nicht mehr allgemein üblich, pflegebedürftige Kinder unterernährt, demobilisiert und nur in geschlossenen Räumen aufzubewahren.” Hätten Eltern damals ihre Kinder so behandelt, wie es die Stadt Wien tat, wären sie ihnen sofort abgenommen worden: “In meinem persönlichen Umfeld hat mir niemand geglaubt, wie krass das war.”

Der Pavillon 15 sei in den späten 1970er-Jahren “die Hölle” gewesen, sagt Walch. Richtige Pflege habe es ebenso wenig gegeben wie Zahnbürsten, Spielzeug oder ordentliche Kleidung.

Andere Patienten, sogenannte Hausarbeiter, hätten den Kindern “in einer Wanne mit einer Brühe voll Kot die Exkremente abgewischt”. Dann seien die Kinder “im Akkord gewindelt”, angezogen und entweder in ein mit Matratzen ausgelegtes abgesperrtes Saaleck oder in ihr Netzbett “verfrachtet” worden. Die Schwestern hätten den Kindern das Essen “brutal reingespachtelt”, schildert Walch, manche seien dabei schlicht “übersehen” worden. Die Unterernährung der Kinder sei jedem aufgefallen, der sie gesehen habe.

Niemand habe sich um die Kinder gekümmert, niemand mit ihnen gesprochen, Schläge seien “normal” gewesen. Dass die Schwestern “wie Fleischhacker” agiert hätten, sei dank des “extremen Personalmangels” nicht verwunderlich gewesen. Walch sagt: “Auch ich habe Kinder geschlagen.” Wie Pohl fordert auch sie eine Entschädigung der Kinder von Pavillon 15.

Wie es nun weitergeht? Der Falter stellte einen Antrag auf Herausgabe des elfseitigen Schlussberichts. Die Stadt Wien ist dazu verpflichtet. Die grüne Behindertensprecherin Birgit Hebein will den Bericht ebenso wie die Volks- und die Patientenanwaltschaft, auch ihnen wurde er verweigert.

Vielleicht zieht das Rathaus ja doch noch die Mitarbeiter jener Kommission zurate, die einst hochprofessionell unter Leitung der Richterin Barbara Helige die Zustände am Wilhelminenberg erforschte. Sie tat es ohne Abwertung der Zeitzeugen und vor allem ohne Geheimniskrämerei. Die Opfer wurden entschädigt, der Bürgermeister entschuldigte sich.

Chronologie der Ereignisse
Mai 2013: Die Krankenschwester Elisabeth Pohl meldet sich beim Falter und schildert die Misshandlungen behinderter Kinder, die sie in den 80er-Jahren im Pavillon 15 erlebte
Juni 2013: Der KAV beauftragt eine interne Arbeitsgruppe, die Vorwürfe aufzuarbeiten. Ein ÖVP-Antrag auf eine unabhängige Kommission wird im Gemeinderat abgelehnt
Oktober 2013: Man sei am Recherchieren, heißt es von der Arbeitsgruppe. Ausführliche Gespräche mit Pohl gibt es jedoch erst nach weiterem Druck von außen
Mai 2014: Der Bericht ist fertig und liegt im Stadtratsbüro. Er werde in drei Wochen veröffentlicht, heißt es dort
September 2014: Auf Nachfrage erhält der Falter eine dürre, knapp zwei A4-Seiten lange “Presseinfo”. Wie sich herausstellt ist der KAV-Bericht nur sehr oberflächlich. Nun meldet sich eine dritte Zeugin zu Wort

Falter, 17.9.2014

Alle Texte zum Pavillon 15 gibt es hier nachzulesen.

Geheimsache Steinhof

Pavillon 15: keine Entschuldigung, keine Entschädigung

Bis in die 80er-Jahre wurden in Wiens Psychiatrie behinderte Kinder misshandelt. Ein Untersuchungsbericht dazu bleibt geheim

Die Akten und Zeitzeugengespräche schockierten sogar die Profis: “Ich war immer wieder erschüttert”, sagt Susanne Drapalik, Ärztin und Bereichsleiterin im Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV), über ihre Recherchen zum Umgang mit behinderten Kindern und Jugendlichen in Wien von den 1960ern bis in die 1980er.

Es war im Mai 2013, da meldete sich die Krankenschwester Elisabeth Pohl beim Falter. Ab 1981 hatte sie im Pavillon 15 des heutigen Otto-Wagner-Spitals gearbeitet, wo 40 Jahre zuvor die Nazis 800 Kinder ermordet hatten, und grausige Missstände erlebt: Behinderte Kinder und Jugendliche wurden mit starken Medikamenten ruhig gestellt oder lagen den ganzen Tag, nackt und ohne Bettzeug, gefesselt in ihrem eigenen Kot und Erbrochenen. Manche kamen jahrelang nicht ins Freie. “Ich hab damals oft gedacht: Wenn ich gezwungen wäre, mein Kind hier abzugeben, ich würde es mit dem Polster ersticken”, sagte Pohl.

Nach Erscheinen des Falter-Artikels setzte der KAV eine interne Arbeitsgruppe um Drapalik ein, um das Thema aufzuarbeiten. Einen Antrag der ÖVP, eine unabhängige Kommission einzusetzen, lehnte der Gemeinderat ab. Die Kommission sichtete nach eigenen Aussagen historische Quellen und sprach mit Pohl und etwa zehn weiteren Zeitzeugen. Die Recherche sei nicht einfach gewesen, sagt Drapalik: Viele Unterlagen seien nicht mehr vorhanden, viele Fällen nur fragmentarisch dokumentiert worden.

Anfang 2014 übermittelte die Arbeitsgruppe ihren Bericht Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely (SPÖ). Aus Datenschutzgründen könne der Falter den Bericht jedoch nicht bekommen, heißt es aus deren Büro. Stattdessen kam nun nach mehreren Nachfragen eine kurze Presseinfo, die vor allem die Verbesserungen seit der Psychiatriereform der 1980er-Jahre betont.

Man habe “keine Anhaltspunkte für vorsätzliche, strafrechtliche (wenn auch bereits verjährte) Vorgehensweisen finden” können, heißt es in dem Bericht: “Das Verhalten der MitarbeiterInnen entsprach den in den 1960ern bis 1980ern üblichen Betreuungs-und Behandlungsmethoden, die mit den heute üblichen state of the art-Methoden in keinster Weise vergleichbar sind”.

Ihre Recherchen hätten Pohls Schilderungen bestätigt, sagt Drapalik: “Nur war das damals, so schrecklich das für uns heute ist, überall so.” Pohl widerspricht: In vielen Einrichtungen sei es ähnlich zugegangen wie in Pavillon 15, in anderen aber seien “die Kinder wie Menschen behandelt worden”.

Stadträtin Wehsely zeigt sich in einer Stellungnahme gegenüber dem Falter “tief berührt” von den Vorfällen: “Die damaligen Behandlungsmethoden sind für uns heute unvorstellbar und waren noch stark vom Naziregime geprägt”, schreibt sie. Ab Herbst soll ein Forschungsprojekt Missstände in den Psychiatrien der Stadt Wien historisch aufarbeiten. Wichtig sei ihr, dass die Kinder von Pavillon 15 heute in betreuten Wohngruppen der Stadt “ein Leben in Würde führen können”, schreibt Wehsely weiter.

Elisabeth Pohl reicht das nicht. “Mit misshandelten behinderten Kindern darf man nicht anders umgehen als mit nichtbehinderten”, sagt sie und wünscht sich daher Entschädigungen für die Opfer. Dieser Wunsch dürfte sich nicht erfüllen: “Auf Basis des jetzigen Wissensstandes sind Entschädigungszahlungen nicht geplant” heißt es aus dem Stadtratsbüro.

Falter, 10.9.2014

Pavillon 15: keine Entschuldigung, keine Entschädigung

Pavillon 15, ein Jahr danach: Die Stadträtin prüft einen Bericht

Exakt ein Jahr ist es her, dass die Krankenschwester Elisabeth Pohl dem Falter von ihren Erlebnissen im Kinderpavillon am Steinhof erzählte: Im Pavillon 15, wo der NS-Arzt Heinrich Gross Menschenexperimente angestellt hatte, wurden ihr zufolge noch in den frühen 1980er-Jahren behinderte Kinder misshandelt, mit Medikamenten niedergespritzt und nackt und ohne Bettzeug in ihrem eigenen Kot liegengelassen.

Als Reaktion auf den Falter-Bericht setzte der Wiener Krankenanstaltenverbund eine Arbeitsgruppe ein. Ihre Mitglieder unterstanden der Stadt Wien; die von der ÖVP erhobene Forderung nach einer externen Expertenkommission wurde im Gemeinderat abgelehnt. Es sollte Monate und weitere Falter-Berichte dauern, bis die Arbeitsgruppe Elisabeth Pohl endlich näher befragte. Jetzt aber ist ihr Bericht für Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely (SPÖ) fertig. “Der Bericht liegt vor und wird derzeit geprüft”, heißt es aus dem Stadtratsbüro.

Falter, 28.5.2014

Pavillon 15, ein Jahr danach: Die Stadträtin prüft einen Bericht

Pavillon 15: Wie die Stadt Wien die Aufarbeitung schwerster Vorwürfe unterlässt

Netzbetten, Zwangsjacken, Medikamente im Brei: Ende Mai berichtete die ehemalige Mitarbeiterin Elisabeth Pohl im Falter, wie am Steinhof noch in den 1980er-Jahren behinderte Kinder vernachlässigt und gequält wurden. Aus dem Büro von Sozialstadträtin Sonja Wehsely (SPÖ) hieß es damals, man wisse nichts von den Ereignissen im Pavillon 15 des heutigen Otto-Wagner-Spitals, werde sich aber um eine Aufarbeitung bemühen. Tatsächlich richtete der zuständige Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV) bald eine Arbeitsgruppe ein. Eine interne allerdings, was die Stadtopposition misstrauisch machte: Die ÖVP forderte – erfolglos – eine unabhängige Expertenkommission.

Vier Monate sind inzwischen vergangen – was hat die Arbeitsgruppe weitergebracht? Bisher gebe es “keinen Anhaltspunkt oder Hinweis darauf, dass der Umgang mit den Patientinnen damals nicht den medizinischen und pflegerischen Standards entsprochen hat – immer den damaligen gesellschaftlichen und rechtlichen Hintergrund vor Augen habend“, heißt es in einer Stellungnahme des KAV an den Falter. Dass noch in den 1980ern die Grundrechte behinderter Menschen in Österreich generell oft missachtet wurden, hatte Pohl dem Falter bereits im Mai geschildert.

In der Stellungnahme des KAV heißt es weiters, es seien bisher vier E-Mails und drei Anrufe zu dem Thema eingelangt, die meisten Absender hätten eine Einladung zu einem Gespräch dann aber nicht angenommen. Man bemühe sich trotzdem weiterhin um Aussagen von Zeitzeugen und recherchiere in den Archiven des KAV. Auch mit Elisabeth Pohl habe man “ein ausführliches Gespräch geführt“.

Davon weiß Pohl selbst jedoch nichts. Nachdem die Arbeitsgruppe sie zunächst nicht kontaktiert habe, sagt Pohl, habe sie sich aus eigenem Antrieb gemeldet und erklärt, ihre Erlebnisse zu schildern, Namen weiterer Zeitzeugen zu nennen und Hinweise auf Krankengeschichten zu geben. “Das war’s dann“, sagt Pohl: “Was ich damals dort erzählt habe, wurde von niemandem mitgeschrieben.“ Man habe ihr angekündigt, sich noch einmal bei ihr zu melden, jedoch: “Bis heute hat das niemand getan. Meine Mails blieben unbeantwortet.“

Falter, 9.10.2013

Pavillon 15: Wie die Stadt Wien die Aufarbeitung schwerster Vorwürfe unterlässt

Pavillon 15: Prüft die Stadt sich selbst?

Seit kurzem gibt es eine interne Arbeitsgruppe zum Steinhof. Der ÖVP Wien genügt das nicht

Können Angestellte der Stadt Wien Fehler der Stadt Wien aufklären? Nein, findet die Wiener ÖVP.

Nachdem eine Krankenschwester im Falter über bis in die 1980er-Jahre andauernde Misshandlungen behinderter Kinder am Pavillon 15 des Steinhofs berichtet hatte, setzte der Krankenanstaltenverbund (KAV) eine Arbeitsgruppe dazu ein. Sie besteht aus den Leiterinnen des Medizinmanagements und der Stabsstelle Recht im KAV und aus dem Chefarzt des Psychosozialen Dienstes (PSD). Sowohl KAV als auch PSD gehören zur Stadt Wien.

Die ÖVP hat nun im Gemeinderat eine unabhängige Expertenkommission gefordert (abgestimmt wurde am Dienstag, nach Falter-Redaktionsschluss): “Eine Untersuchung durch eine Arbeitsgruppe, die aus Mitarbeitern der Stadt Wien besteht, ist auf keinen Fall als objektiv einzustufen.“

Die Antwort des KAV: Die Arbeitsgruppe ziehe “bei Bedarf unabhängige Fachexperten zurate“, somit würden “sowohl Experten der Stadt Wien als auch Experten aus den unterschiedlichsten Fachrichtungen“ die Geschehnisse aufarbeiten.

Zur Sichtung der vorhandenen Unterlagen sei eine interne Arbeitsgruppe sinnvoll, sagt die grüne Patientenanwältin Sigrid Pilz, die die Psychiatrieuntersuchungskommission im Jahr 2008 initiiert hat. Geht es um die Bewertung und eventuelle Entschädigungsansprüche, sei aber eine externe Beurteilung nötig: “Eine interne Arbeitsgruppe ist kein falscher Schritt – aber wenn sich herausstellt, dass es tatsächlich Misshandlungen gab, darf es nicht der einzige Schritt sein.“

Falter, 26.6.2013

Alle Texte zum Pavillon 15 gibt es hier nachzulesen.

Pavillon 15: Prüft die Stadt sich selbst?