Die Stadt Wien braucht neue Lehrer, aber sie will sie nicht

Lehramtsstudenten, die schon vor dem Uniabschluss an Schulen eingestellt werden, Exlehrer, die zum Unterrichten aus der Pension zurückgeholt werden: Immer wieder war im letzten Schuljahr vom Lehrermangel die Rede. Doch als ein Wiener vergangene Woche beim Stadtschulrat vorstellig wurde, um sich als AHS-Lehrer zu bewerben, wurde er abgewiesen: Bewerbungen seien nur im April und Mai des Jahres möglich gewesen.

Eine eigenartige Antwort – sollte die Stadt nicht über jeden qualifizierten und willigen Lehrer froh sein? Einem im Juli erschienenen Rechnungshofbericht zufolge werden in Wien im demnächst beginnenden Schuljahr 743 Bundeslehrer – also Lehrer an Gymnasien und berufsbildenden mittleren und höheren Schulen – fehlen. Beim Wiener Stadtschulrat und im Unterrichtsministerium bestreitet man den Lehrermangel allerdings vehement: Wie viele Lehrer genau gebraucht würden, werde erst nach den Nachprüfungen Anfang September feststehen, heißt es. Und in einer Aussendung Ende August erläuterte Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl die Behauptung, es gebe keinen Lehrermangel, damit, dass im kommenden Jahr “mit einer deutlich geringeren Zahl an eingesetzten Studenten zu rechnen“ sei.

Abgesehen davon seien Bewerbungen als Bundeslehrer sehr wohl jederzeit möglich, sagen die Sprecher von Stadtschulratspräsidentin Brandsteidl und Unterrichtsministerin Claudia Schmied (beide SPÖ) einstimmig. Jene Lehrer, die sich innerhalb der offiziellen Frist beworben haben, hätten einfach nur Vorrang bei der Stellenbesetzung.

Auf der Bewerbungswebsite des Wiener Stadtschulrats klingt das allerdings ganz anders. Unter “Bewerbung für eine Anstellung als Lehrerin oder als Lehrer an einer mittleren oder höheren Schule“ heißt es da: “Die Bewerbungsfrist für das Schuljahr 2013/14 ist mit 27. April bis 13. Mai 2013 festgesetzt. Bewerbungen, die außerhalb der Bewerbungsfrist einlangen, gelten per Gesetz als nicht eingebracht und können daher nicht berücksichtigt werden.“

Die Bewerbungswebsite des Stadtschulrats (Screenshot: R.E.)
Die Bewerbungswebsite des Stadtschulrats (Screenshot: R.E.)

Falter, 4.9.2013

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Die Stadt Wien braucht neue Lehrer, aber sie will sie nicht

Kann das Bundesheer Doktortitel kaufen, Herr Mayer? – Telefonkolumne

Die künftigen Absolventen des Generalstabslehrgangs des Bundesheers dürfen sich Doktor nennen. Für den PhD-Lehrgang in Kooperation mit der Juridischen Fakultät der Uni Wien zahlt der Generalstab 500.000 Euro. Kein Titelkauf, sagt Heinz Mayer, Dekan der Fakultät.

Herr Dekan, was müssen die angehenden Generäle für ihren Doktor leisten?

Sie müssen ein Doktoratsstudium mit Lehrveranstaltungen wie “Humanitäres Völkerrecht“ und “Ethik des Militärischen“ leisten und eine Dissertation schreiben wie unsere Doktoranden auch. Der einzige Unterschied ist, dass das Vorstudium und auch das PhD-Studium nicht rein juristisch sind.

Was wird von den 500.000 Euro gezahlt?

Eine vollausgestattete Professur. Ein Kollege wird das PhD-Studium hauptamtlich betreuen und auch Mitarbeiter zur Verfügung haben.

Gibt es weitere solche Kooperationen?

An der Rechtswissenschaftlichen Fakultät nicht, in anderen Bereichen kann ich es nicht ausschließen. Viele unserer Professoren unterrichten an Fachhochschulen, an der Sicherheitsakademie des Innenministeriums. Ich glaube, auch dort strebt man eine Kooperation mit einer Universität an.

Laut Verteidigungsministerium ist die Kooperation rechtswidrig. Sie sind ja selbst Jurist …

Von unserer Seite aus ist es sicher rechtskonform, weil es zu Aufgaben der Universität gehört, in die Gesellschaft hineinzuwirken. Dank Autonomie können wir solche Vereinbarungen schließen. Wie weit das von seiner Seite rechtskonform ist, muss das Ministerium beurteilen, aber ich habe da überhaupt keine Bedenken.

Mehrere Medien schrieben “Bundesheer kauft Doktorlehrgang“. Schadet das nicht dem Ansehen der Uni Wien?

Die Formulierung ist eine bösartige Unterstellung. Da gibt es nichts zu kaufen, das ist eine normale Kooperation zwischen zwei Bildungseinrichtungen, die beiden etwas nützt.

Falter, 26.6.2013

Kann das Bundesheer Doktortitel kaufen, Herr Mayer? – Telefonkolumne

Die rosa Antikapitalisten und ihre Feinde

Die Aufregung um das Café Rosa wirft Licht auf die Probleme der Österreichischen Hochschülerschaft

So viel Aufregung gibt es selten, wenn ein Café seine Öffnungszeiten ändert. Sämtliche großen Tageszeitungen und der ORF berichten, die FPÖ verfasst gar eigens eine leicht skurrile Presseaussendung.Was ist passiert? Die grün-rot-kommunistisch regierte ÖH Uni Wien hat 443.000 Euro – ein Viertel ihres Jahresbudgets – in ein Caféinvestiert, das sich nach weniger als einem Jahr als unwirtschaftlich erwiesen hat.Bei 91.000 Studenten der Uni Wien macht das knapp fünf Euro pro Student. Zum Vergleich: Im Jahresvoranschlag 2011/12 der Bundes-ÖH waren 272.000 für Tutorien und 239.000 Euro für die Unterstützung von Studierenden in finanziellen Notlagen eingeplant.

Die Ansprüche an das Café Rosa in der Währinger Straße, nur wenige Minuten von der Uni entfernt, waren hoch: Es sollte nicht nur ein Raum sein, in dem Studierende sich ohne Konsumzwang zu Referatsbesprechungen treffen können, sondern auch als Veranstaltungsort dienen, barrierefrei sein, billige und “ökologisch nachhaltig produzierte“ Speisen und günstigen Fair-Trade-Kaffee anbieten und den Mitarbeitern hohe Löhne zahlen.

Das klingt nach der Quadratur des Kreises, und wenig überraschend ist die der ÖH nicht gelungen. Anfang März wurde bekannt, dass das Café finanzielle Schwierigkeiten hat. Die Umsätze waren niedriger als geplant, unter anderem, weil eine Schanigarten- und eine Küchengenehmigung, mit der die ÖH gerechnet hatte, doch nicht erteilt wurden; dazu kamen unerwartete Ausgaben und Organisationsprobleme.

Das Café wird nun von ehrenamtlichen Mitarbeiten mit verkürzten Öffnungszeiten betrieben, in Zukunft soll es als Kooperation mit einem Gastronomen weitergeführt werden. Die ÖH soll dann inhaltlich mitreden können, sich aber nicht mehr um die Wirtschaftlichkeit des Cafés kümmern müssen, erklärt Jakob Zerbes, der in der ÖH Uni Wien für das Café Rosa zuständig ist. Wie genau diese Kooperation funktionieren soll, will man nicht erklären, “um die Verhandlungen nicht zu stören“. Es gäbe aber bereits mehrere Interessenten.

Dass das Café Rosa mit Rücklagen der ÖH Uni Wien unterstützt wurde, die sich durch Beiträge der Studenten – 16,50 Euro pro Semester – finanziert, hat für Ärger bei der Opposition gesorgt. “Vergeudet“ für “rot-grün-kommunistische Politpropaganda“ sei das Geld worden, kritisieren die ÖVP-nahe Aktionsgemeinschaft (AG) und der Ring Freiheitlicher Studenten (RFS), die ihre Prophezeiungen, das Café werde nicht funktionieren, erfüllt sehen.

Ein weiterer Kritikpunkt: Als Betreiber des Cafés Rosa fungiert der Verein zur Förderung der Emanzipation von Studierenden, den die ÖH Uni Wien eigens zu diesem Zweck gegründet hat – für Julia Kraus vom ÖH-Uni-Wien-Vorsitzteam aus politischen, juristischen und steuerrechtlichen Gründen die bestmögliche Konstruktion, für die AG eine “Verschleierungstaktik“.

Der RFS hat nun eine Anzeige wegen Untreue gegen zwei der Verantwortlichen eingebracht. Die ÖH Uni Wien versteht die Vorwürfe nicht: Man habe der Opposition mehrmals angeboten, dem Verein beizutreten und so Einblick in die Finanzen zu bekommen.

Die ÖH Uni Wien hat nun ihre Ausgaben für das Café Rosa offengelegt. 165.000 Euro zahlte sie für die Ablöse des Lokals inklusive Einrichtung, 80.000 Euro für den barrierefreien Umbau – für nachhaltige Investitionen also. 125.000 Euro wurden für Personalkosten, Wareneinkauf und Ähnliches ausgegeben, der Rest für Miete, Strom, Gas, Gebühren und Maklerprovision. Verloren sei das Geld nicht, sagt die ÖH, man wolle das Café ja weiterführen.

Mindestens ebenso sehr wie die finanziellen Probleme scheinen viele Kritiker jedoch die politischen Grundsätze des Cafés zu empören: Als “antisexistisch, progressiv, antirassistisch, antifaschistisch, antiklerikal, antiheteronormativ, antikapitalistisch“ definiert sich dieses unter anderem. Für AG, Junge Liberale und RFS von Anfang an ein Grund für Häme: Von “ideologischen Zugangsbeschränkungen für Besucher“ spricht die AG.

Die Affäre sagt daher nicht nur über die wirtschaftliche Kompetenz der linken ÖH-Wien-Exekutive einiges aus, sondern auch über die ideologischen Grabenkämpfe in der ÖH. Zwei Lager stehen sich hier gegenüber: Das eine sieht die ÖH als reine Serviceeinrichtung, das andere will auch – linke – Gesellschaftspolitik machen.

Die Fronten sind verhärtet, beide Seiten beschuldigen einander, ihre Arbeit nicht ernst zu nehmen. Die Grünen und Alternativen Studentinnen würden in den Sitzungen häkeln, heißt es; die AG-Mandatare würden währenddessen lautstark über das Aussehen der ÖH-Frauen diskutieren.

Die Probleme des Cafés Rosa sind nun Wasser auf die Mühlen derer, die die ÖH angesichts der Grabenkämpfe und niedrigen Wahlbeteiligungen immer schon als “Politkindergarten“ verhöhnen, ihre Verdienste ignorieren und eine Abschaffung der ÖH oder der verpflichtenden Mitgliedschaft verlangen. Die im europäischen Vergleich mächtige ÖH wird dadurch geschwächt. Das schadet allen Studenten.

Falter, 21.3.2012
Die rosa Antikapitalisten und ihre Feinde

Ausgesondert

Experten fordern die Abschaffung der Sonderschulen. Ist das wirklich ein Fortschritt?

Petra Scerba ist ein Elefant. Mit der rechten Hand berührt das Mädchen im roten Jäckchen seine Nase, den linken Arm hat es als Rüssel durch die rechte Armbeuge gestreckt. “Elefanten, Elefanten / sanfte Riesen grau in grau / tanzen gerne nur zur Trommel / hören jeden Ton genau“, singt der Musiktherapeut, und Petra und ihre Mitschüler gehen im Takt im Kreis, klatschen, drehen sich und schwingen ihre Rüssel. Nicht alle tun das von alleine: Eine Betreuerin bewegt die Hände eines Buben, die andere versucht, einen zweiten zum Aufstehen zu bewegen. Plötzlich läuft ein dritter Bub zur Tür, öffnet sie, die Betreuerin stürzt ihm nach, auf dem Gang fängt sie ihn ein. Sechs Kinder halten drei Erwachsene auf Trab: Alltag in der ersten Klasse der Sonderschule Leopoldsgasse.

Solche Szenen könnten in Zukunft seltener werden. Politiker wie ÖVP-Behindertensprecher Franz-Joseph Huainigg fordern eine Abschaffung der Sonderschule; Kinder wie Petra sollen dann ausnahmslos in Integrationsklassen kommen, wo sie gemeinsam mit nichtbehinderten Kindern unterrichtet werden. Derzeit können Eltern wählen, ob ihre Kinder Sonderschulen oder Integrationsklassen besuchen. Die Forderungen stützen sich auf die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung, die für Behinderte den “Zugang zu einem inklusiven, hochwertigen und unentgeltlichen Unterricht“ verlangt. Die wesentlichen Inhalte der Konvention seien in Österreich erfüllt, sagte Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) im Jänner. Und tatsächlich ist in der Konvention nicht explizit von einer Abschaffung der Sonderschule die Rede, bestätigt Behindertenanwalt Erwin Buchinger, der sie 2008 als Sozialminister unterschrieben hat.

Buchinger will wie Huainigg trotzdem langfristig die völlige Abschaffung der Sonderschule – auch im Fall von schwer psychiatrisch gestörten Schülern oder mehrfachbehinderten Kindern, die weder gehen noch sprechen können. Eine “Integration um jeden Preis“ halten unter Sonderschullehrern, -direktoren und Eltern aber nur wenige für sinnvoll, und auch Kritiker Schmieds wie der grüne Bildungssprecher Harald Walser und Germain Weber, Präsident der Lebenshilfe, lehnen sie ab. Ihnen ist jedoch wichtig, dass der gemeinsame Unterricht zum Normalfall wird, der getrennte zur Ausnahme – dass etwa Migrantenkinder nicht mehr wegen mangelnder Sprachkenntnisse in Sonderschulen geschickt werden. Derzeit kommen sie noch eineinhalb Mal so oft in die Sonderschule wie deutschsprachige Kinder.

Die Vorteile der Integration sind inzwischen unumstritten. Sie gewöhnt Behinderte und Nichtbehinderte von klein auf an den Umgang miteinander; und sie erspart Menschen mit leichten Behinderungen oder Lernschwächen das Stigma des Sonderschulzeugnisses und erleichtert ihnen so den Berufseinstieg. Die Zahlen zeugen von ihrer Beliebtheit: Gab es in Wien 1986 erst eine Integrationsklasse, sind es heuer schon 682. Der größte Anstieg erfolgte jedoch in den ersten Jahren, seit 2000 gab es kaum Veränderung.

Doch auch Sonderschulen sind nicht mehr die tristen Verwahrungsstätten für behinderte und schwierige Kinder, die sie einmal waren. Viele bieten kleine Gruppen, engagierte Lehrer und eine Ausstattung, von der andere Schulen nur träumen können.

Petra Scerba ist acht und hat “umfassende Entwicklungsrückstände“. Sie war zuerst in einer Integrationsklasse, doch da habe es Therapien, auf die das Kind Anspruch habe, nicht gegeben, sagt ihre Mutter Karin; und der Lehrer habe Petra, die wegen einer Nierenkrankheit viel trinken muss, zum Wassertrinken bewegen wollen, indem er ihr Lieblingsgetränk – einen Saft aus der Apotheke – weggeleert habe.

Die fehlende Sensibilität einzelner Lehrer ist ein Grund, warum manche Eltern sich gegen Integrationsklassen entscheiden. Dort lehren ein Volks- und ein Sonderschullehrer im Team, was oft funktioniert, aber nicht immer – manche Volksschullehrer fühlen sich für die behinderten Kinder nicht zuständig, schieben sie gar mitsamt dem Sonderschullehrer in einen Nebenraum ab. In ihrer Ausbildung erfahren Volksschul-, Hauptschul- und AHS-Lehrer nichts über Sonderpädagogik. Soll der gemeinsame Unterricht gefördert werden, braucht es wohl zunächst eine Reform der Lehrerausbildung.

Ein weiterer Punkt: Gemeinsamer Unterricht ist nur bis zum neunten Schuljahr möglich. Will ein behinderter Jugendlicher danach weiter in die Schule gehen, ist er erst recht auf Sonderschulen angewiesen, wo es Berufsvorbereitungslehrgänge gibt. Dort trainiert er Kompetenzen wie Pünktlichkeit und absolviert Praktika – das Konzept wäre auch für nichtbehinderte Kinder geeignet, findet ein Coach.

Auch müsste für gemeinsamen Unterricht mehr Geld zur Verfügung stehen, wenn dieser gefördert werden soll. Denn zurzeit wird viel Geld in die Sonderschulen gesteckt, wenig in Integration. Die Schüler der Leopoldsgasse haben Räume für Bewegungs- und Sprachtherapie, spezielle Musikinstrumente und einen “Snoezelen-Raum“ mit Lavalampen, Wasserbett und entspannender Musik zu ihrer Verfügung – noch ein Grund für Eltern, sich für Sonderschulen zu entscheiden.

Einen Kompromiss bietet die “umgekehrte Integration“, die in der Leopoldsgasse gelebt wird. Hier wurden an einer Sonderschule – nicht, wie üblich, an einer Volksschule – Integrationsklassen eingerichtet. Behinderte und nichtbehinderte Kinder haben so Kontakt zueinander, und alle können die Einrichtungen der Sonderschule nützen. Monika Graner hat ihre drei nichtbehinderten Kinder in Integrationsklassen in der Sonderschule für Sehbehinderte in der Zinckgasse geschickt, um deren soziale Kompetenz zu fördern. “Für meine drei sind Kinder mit Handicaps etwas ganz Selbstverständliches, sie schauen hin und helfen“, sagt sie. Auch von den kleineren Klassen haben Graners Kinder profitiert, und ihre Zeugnisse wurden von einer Volksschule ausgestellt, mit der die Zinckgasse zusammenarbeitet.

Das Unterrichtsministerium hat übrigens inzwischen umgeschwenkt – in einem Arbeitspapier schlägt es nun vor, in einzelnen Regionen “Sonderschulen schrittweise zu inklusiven Bildungseinrichtungen“ umzuwandeln, bis 2020 österreichweit “eine Aufnahme in Sondereinrichtungen nicht mehr erforderlich sein“ wird.

Petras Musiktherapiestunde ist vorbei. Während ihre Mitschüler das Begrüßen üben, hat Petra Sprachtherapie. “Der Rock ist schmutzig. Mama gibt ihn in die Waschmaschine“, übt sie. Sprachtherapie könnte Petra übrigens auch in einer Volksschule bekommen – drei Betreuer für sechs Kinder gäbe es dort wohl nicht.

Falter, 29.2.2012

Ausgesondert

Die Akademie der Verdrängenden Künste

Nationalsozialisten als Ehrenmitglieder, die Büste eines Nazi-Dichters vor dem Gebäude, Hakenkreuze am Boden der Aula: Hat die Akademie der Bildenden Künste ihre Rolle im Nationalsozialismus ausreichend aufgearbeitet?

„Die kommissarische Führung der Akademie hat zu ihrem größten Befremden wahrgenommen, daß der Schillerplatz als Aufenthaltsort für die Juden freigegeben wurde. Ausgerechnet unter unserem Schillerdenkmal, welches jeden volksbewußten Deutschen mit Ehrfurcht vor unserem größten Dichter gemahnt, sitzen jetzt tagsüber auf den Bänken dichtgedrängt die unliebsamen Fremden.“. Das schreibt die Leitung der Akademie der Bildenden Künste im Dezember 1938 an Hanns Blaschke, Wiener Vizebürgermeister und Leiter des Kulturamts, und fordert: „Schillerplatz soll judenfrei werden.“.

Wie viele andere Institutionen auch hat sich die Akademie der Bildenden Künste in der Zeit des Nationalsozialismus nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Schon in den Jahren vor 1938 war der Antisemitismus verbreitet, nach dem „Anschluss“ wurden jüdische Lehrende und Studierende vertrieben. Auch die Zeit nach 1945 verlief an der Akademie wie überall sonst: Nach einer oberflächlichen Entnazifizierung prägten Verdrängung, Opfermythos und personelle Kontinuitäten zur Naziz-Zeit die Akademie, Rückkehrgesuche von vertriebenen Lehrenden wurden abgelehnt. In den späten 60er- Jahren versuchten Studierende, diese Zustände zu verändern – erfolglos, erinnert sich der Maler Robert Lettner, der damals an der Akademie studierte und bis vor kurzem an der Universität für Angewandte Kunst lehrt: „Man konnte die Obernazis nicht wegbringen.“.

Anders als vergleichbare Institutionen soll die Akademie der Bildenden Künste ihre Geschichte jedoch bis heute nicht korrekt aufgearbeitet haben und eine solche Aufarbeitung weiterhin verweigern. Das sagt jedenfalls die Plattform Geschichtspolitik, eine Gruppe von Studierenden und jungen Lehrenden, die sich im Rahmen einer Lehrveranstaltung und in ihrer Freizeit kritisch-künstlerisch mit der Geschichte der Akademie auseinandersetzt.

Die konkreten Vorwürfe: Unter den Ehrenmitgliedern der Akademie befänden sich bis heute Nationalsozialisten; die von den Nazis vertriebenen Lehrenden und Studierenden hätten von der Akademie nie ein Wort der Anerkennung oder des Bedauerns gehört; in der offiziellen Selbstdarstellung der Akademie werde die Nazizeit unter den Tisch gekehrt; und im Besitz der Akademie befänden sich möglicherweise arisierte Objekte. Die Akademie weigere sich, ihre Herkunft untersuchen zu lassen.

Letzteres bestreitet Stephan Schmidt- Wulffen, seit 2002 Rektor der Akademie der Bildenden Künste. In den Sammlungen der Akademie habe es in zwischen 1933 und 1948 gar keine Zugänge gegeben, sagt Schmidt-Wulffen. Seit dem Jahr 2005 habe die Bibliothekarin – eine habilitierte Historikerin – sämtliche Akten im Verwaltungsarchiv der Akademie durchsucht; seit 2010 forsche eine freie Mitarbeiterin auch in anderen Wiener Archiven.

Der Plattform Geschichtspolitik reicht das nicht. Sie fordern eine eigene Stelle für Provenienzforschung. Das lehnt der Rektor jedoch mit Verweis auf das knappe Budget der Akademie ab: „Wir haben in mehrjähriger Arbeit keine Indikatoren für Restitutionsfälle gefunden“, sagt er. „Da fällt es uns natürlich schwer zu sagen: Wir haben zwar nichts gefunden, aber jetzt schaffen wir auf Kosten von Lehre und Forschung trotzdem eine Stelle.“.

An der Frage der Provenienzforschung hat sich ein heftiger, von beiden Seiten nicht ohne Untergriffe geführter Streit zwischen dem Rektor und der Plattform Geschichtspolitik entzündet. Unter anderem geht es dabei um einen Tisch, der Gerüchten zufolge arisiert wurde, laut Schmidt-Wulffen jedoch bereits seit dem 19. Jahrhundert im Besitz der Akademie ist. Im November 2010 zerlegten Mitglieder der Plattform den Tisch, schlichteten aus seinen Bestandteilen ein „Denkmal der Forderung nach Provenienzforschung und Restitution“ auf und blockierten damit die Tür des Rektorats.

Auch für andere Forderungen der Plattform hat Rektor Schmidt-Wulffen wenig Verständnis. Für die nach einer verspäteten Anerkennung der Vertriebenen etwa. „Mir ist rechtlich nicht klar, wie man das macht“, sagt er. „Schreibt man den Enkeln, dass es einem leid tut? Ich weiß nicht, ob das ein sinnvoller Akt ist.“ Die Forderung nach einer Umgestaltung der Aula, auf deren Boden umgekehrte Hakenkreuze prangen, hält er für unsinnig: Die Aula stehe unter Denkmalschutz, und der Boden stamme noch vom „völlig unverdächtigen“ Erbauer der Akademie, Theophil Hansen (1813– -1891), der „das Symbol aus rein ornamentalen Gründen genommen“ habe. Auch die Kritik der Plattform an der verharmlosenden Darstellung der Nazi-Jahre in der Zeittafel der Akademie kann Schmidt-Wulffen nicht ganz nachvollziehen.

Einig sind sich Plattform und Rektorat darin, dass das Denkmal des Nazi- Dichters Josef Weinheber am Schillerplatz vor dem Akademiegebäude ein inakzeptabler brauner Fleck ist. Beide haben sich bei der Stadt Wien für eine Entfernung oder Umgestaltung der Büste eingesetzt. Dass Weinheber bis heute Ehrenmitglied der Akademie ist, führt Rektor Schmidt-Wulffen darauf zurück, dass die Tradition der Ehrenmitgliedschaften über Jahrzehnte geruht habe (laut Website der Akademie hingegen wurden nur zwischen 2000 und 2010 keine neuen Ehrenmitglieder ernannt). Weinhebers Ehrenmitgliedschaft sei daher erst vor einem Jahr bekannt geworden, und zurz Zeit befinde sich die Universität Akademie wegen der Rektorswahl – ab Oktober wird Eva Blimlinger Schmidt-Wulffens Stelle einnehmen – im „Ausnahmezustand“. Die Aberkennung werde jedoch bald stattfinden, sagt Schmidt- Wulffen, auch wenn sie ihm als ein „relativ koketter Akt“ erschiene: „Zu meinen, damit sei irgendwas in Ordnung gebracht, ist komisch.“

Dass die Akademie der Bildenden Künste mit der Aufarbeitung insgesamt gar so spät dran war, liegt laut Schmidt-Wulffen hauptsächlich an der internen Organisation: Vor ihm habe sich niemand für „das große Ganze, für die Akademie als gesellschaftliche Institution“ zuständig gefühlt; außerdem habe eine UniversitätAkademie, „die sich immer als Schule der zeitgenössischen Avantgarde verstanden hat, mit der historischen Auseinandersetzung per definitionem Probleme“. Als Avantgarde aber sehen die Kritiker die Akademie nicht gerade: Das Argument „Kunst ist unpolitisch und unschuldig, Kunst hat mit diesen Prozessen nichts zu tun“ werde dort immer noch häufig vorgebracht, sagt Eduard Freudmann von der Plattform Geschichtspolitik. Und für den Maler Robert Lettner war die Akademie immer schon die rückschrittlichste Kunstschule Österreichs: „Der konservative Mief ist nie rausgegangen.“.

Vielleicht wird sich das ja mit der neuen Rektorin Eva Blimlinger ändern, die im Oktober ihr Amt antreten soll. Die Plattform Geschichtspolitik setzt jedenfalls große Hoffnungen in sie: Die Historikerin ist seit 2008 stellvertretende Vorsitzende des Kunstrückgabebeirates und wissenschaftliche Koordinatorin der Kommission für Provenienzforschung des Kulturministeriums.

NU 2/2011

Die Akademie der Verdrängenden Künste

Loan offers hope for Libyan students in Australia

The Australian government is providing a loan to help ease the plight of Libyan students in Australia.

As the Gaddafi regime has crumbled in recent weeks, hundreds of Libyan students in Australia have been watching with mixed emotions. Many are supportive of the rebels who have been fighting to bring down the government of Colonel Muammar Gaddafi. But the turmoil in Libya has also meant difficulties for them in Australia. There’s some hope now that those difficulties will be alleviated by a decision by the Australian government to support them. Ruth Eisenreich reports.

SBS Radio World News, 02/09/2011

Loan offers hope for Libyan students in Australia

Die verschwundenen 726 Euro

Seit Wissenschaftsministerin Beatrix Karl (ÖVP) ihr Drei-Säulen-Modell zur Studienfinanzierung präsentiert hat, ist die Debatte um die Studiengebühren neu entbrannt: Karls Modell sieht ihre Wiedereinführung vor. „Die SPÖ hat die unsozialen Studiengebühren mit gutem Grund abgeschafft“, sagt SPÖ-Bundesgeschäftsführerin Laura Rudas dazu, und laut dem Wissenschaftssprecher der Grünen, Kurt Grünewald, „löst die Wiedereinführung von Studiengebühren die finanziellen Probleme der Universitäten nicht“. BZÖ-Wissenschaftssprecher Rainer Widmann hingegen unterstützt Karl: „Wenn nicht sofort wieder Studiengebühren eingeführt werden, drohen den heimischen Studierenden massive Nachteile“, fürchtet er.

Was haben all diese Politiker gemeinsam? Ob sie der Regierung oder der Opposition angehören, ob sie für oder gegen ein kostenpflichtiges Studium sind: Einstimmig behaupten sie, dass es in Österreich zur Zeit keine Studiengebühren gibt.

Nicht wenige Studenten werden sich bei solchen Aussagen wundern. Auf ihren Kontoauszügen scheinen jedes Jahr Abbuchungen von 726€ auf, Verwendungszweck: „Studiengebühren“. Wie kann das sein, wenn so etwas doch gar nicht existiert?

Die Lösung des Rätsels ist einfach: Die österreichischen Politiker sagen nicht die Wahrheit, wenn sie behaupten, die Studiengebühren wären 2008 abgeschafft worden. Die Gebühren wurden nur EU-Bürgern erlassen, die ein ordentliches Studium an einer Universität betreiben und die Mindeststudienzeit nicht um mehr als zwei Semester überschreiten. Die meisten der 36.000 Fachhochschul-Studenten zahlen weiterhin (einige wenige beziehen Studienbeihilfe und sind daher befreit), ebenso an den Universitäten 18.000 außerordentliche Studierende und 17.000 ordentliche Studenten ohne EU-Staatsbürgerschaft.

Dazu kommen noch all jene, die „zu langsam“ studieren – wobei sich die Definition von „langsam“ in den letzten Jahren vollkommen geändert hat. Die Mindeststudienzeit hat ihren Namen nicht ohne Grund: Sie war ursprünglich als die Zeit definiert, die für ein Grundverständnis des jeweiligen Faches mindestens nötig war. Doch nun wird die Mindeststudienzeit immer häufiger fälschlich als „Regelstudienzeit“ bezeichnet, die nicht überschritten werden darf. Bis zu zwei „Toleranzsemester“ länger darf ein Student gnädigerweise  brauchen, danach verliert er alle staatlichen Beihilfen und muss wieder Studiengebühren zahlen. Jeden dritten ordentlich an einer Universität studierenden EU-Bürger betrifft das: 80.000 Menschen.

Von den 310.000 Studierenden in Österreich müssen also insgesamt etwa 145.000 nach wie vor für ihr Studium zahlen – das ist beinahe jeder Zweite. Über die Sinnhaftigkeit von Studienbeiträgen lässt sich streiten. Aber zumindest was die Fakten betrifft, wäre in dieser Diskussion ein klein wenig Ehrlichkeit angebracht: Karl, Rudas und Co. mögen bitte aufhören, zu behaupten, es gäbe keine Studiengebühren – oder aber den 145.000 Betroffenen ihr Geld zurücküberweisen.

Die verschwundenen 726 Euro