Reicht nicht mehr

Ursula Fligge hat gearbeitet und privat vorgesorgt. Jetzt ist sie Rentnerin und weiß nicht, wie lange sie ihre Miete noch zahlen kann.

Eigentlich hat sie alles richtig gemacht. Sie hat alles getan, was man Menschen rät, damit sie nicht in Armut abrutschen. Hat eine Ausbildung gemacht, danach noch studiert. Hat die letzten 49 Jahre fast durchgehend gearbeitet, auch während des Studiums, auch als ihre Tochter noch klein war. Hat in eine private Rentenversicherung eingezahlt, selbst in Jahren, in denen es knapp war. Hat Geld gespart. Jetzt ist sie 66, seit Kurzem in Rente, und weiß nicht, wie sie in zwei, in drei, in fünf Jahren noch ihre Wohnung bezahlen soll.

Die Wohnung, in der sie ihr halbes Leben verbracht hat, hochschwanger ist sie im Sommer 1984 eingezogen. Auf dem Schreibtisch liegt ein grauer Ordner, den sie vor Kurzem für den Termin bei der Mieterberatung zusammengestellt hat, darin ein Brief: Nettokaltmiete bisher 594 Euro, Nettokaltmiete in Zukunft 654 Euro. Warm soll sie bald 815 Euro zahlen, dazu noch Wasser und Strom. Der Rat des Mietervereins? Mal die Hausverwaltung fragen, ob man die Summe nicht ein bisschen reduzieren könne, auf die vielen Wasserschäden hinweisen. Mehr lässt sich nicht tun, denn die Mieterhöhung ist im gesetzlich erlaubten Rahmen geblieben: 15 Prozent in drei Jahren. Weiterlesen auf Zeit Online

Die Zeit, 22. März 2018

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Reicht nicht mehr

Wie antisemitisch ist Deutschland?

Hass auf Juden gibt es hier nicht mehr. So dachten viele. Dann verbrannte in Berlin eine Israel-Flagge. Haben die Flüchtlinge einen neuen Antisemitismus ins Land gebracht? Oder war er nie weg? Juden und Nichtjuden erzählen.

Von , , , und Ruth Eisenreich

Dies alles sind Nachrichten aus Deutschland vom Januar 2018: Die Union fordert die Ausweisung von Zuwanderern, die antisemitischen Hass verbreiten. Die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli von der SPD, Tochter palästinensischer Flüchtlinge, verlangt, alle Menschen, die in Deutschland leben, auch Asylbewerber, müssten eine KZ-Gedenkstätte besuchen. Winfried Kretschmann, der baden-württembergische Ministerpräsident von den Grünen, erklärt: “Die Landesregierung wird auch weiterhin für die Sicherheit jüdischen Lebens in unserer Mitte bürgen.” Der Bundestag fordert die Regierung mit großer Mehrheit auf, einen eigenen Antisemitismusbeauftragten einzusetzen.

Dies alles sind politische Notfallmaßnahmen. Sie sollen ein Signal aussenden, wenige Wochen nachdem sich etwa 1.200 Demonstranten vor dem Brandenburger Tor versammelt hatten. Weiterlesen auf Zeit Online

Die Zeit, 1. Februar 2018

Wie antisemitisch ist Deutschland?

587 Euro für ein halbes Zimmer

Seit dem 1. Januar kosten städtische Unterkünfte für Flüchtlinge das Vierfache. Wie kann das sein?

Es war kurz nach Weihnachten, als Familie A. in ihrem Briefkasten ein Infoblatt fand. 587 Euro pro Person pro Monat, stand darauf, werde ihre Unterkunft ab 1. Januar 2018 kosten. Macht insgesamt 4.109 Euro für die siebenköpfige Familie. Dabei bewohnt Familie A. keine Luxusvilla, im Gegenteil: Sie lebt in einem 70-Quadratmeter-Containermodul mit Möbeln vom Flohmarkt, ohne Internet, ohne Handyempfang. So schildert es die Flüchtlingshelferin Kerstin Heuer, die die Familie betreut.

Der Absender des Infoblatts, das Familie A. und fast 30.000 andere Menschen in Hamburg rund um Weihnachten in ihren Briefkästen fanden, war kein skrupelloser Miethai, sondern das städtische Unternehmen Fördern und Wohnen. Weiterlesen auf Zeit Online

Die Zeit, 11. Januar 2018

587 Euro für ein halbes Zimmer

Könnte später werden

Pendler leiden, Urlauber sind genervt: Seit einem Jahr fahren die Züge nach Sylt verzögert oder gar nicht. Wieso kriegt die Bahn das nicht hin?

Um 6.12 Uhr ist die Hotelangestellte Martina Schulz noch zuversichtlich. Es ist kalt und finster auf dem Bahnsteig von Langenhorn in Schleswig-Holstein, aber dass ihr Handy noch nicht gepiepst hat, ist ein gutes Zeichen: Heute könnte der dritte Tag in Folge sein, an dem sie pünktlich zur Arbeit kommt. Im letzten Jahr hat sie das nur selten geschafft. Martina Schulz zündet sich noch schnell eine Zigarette an. Dann schallt eine abgehackte Frauenstimme über den Bahnsteig. Weiterlesen auf Zeit Online

Die Zeit, 7. Dezember 2017

 

Könnte später werden

Wo bleibt denn die Pflegerin?

Zeitmangel und Personalnot: Die Klagen über die Zustände in Hamburger Kliniken häufen sich. Wie geht es dort wirklich zu? Elf Mitarbeiter erzählen aus ihrem Alltag.

“Ich muss immer wieder Patienten in ihrem Stuhlgang liegen lassen. Medikamente werden vertauscht oder vergessen. Patienten bekommen Druckgeschwüre, weil sie falsch gelagert werden.” Pflegekraft im Poolteam in einem Krankenhaus eines Konzerns

“Ein Patient ist sturzgefährdet, also sagt man ihm, er solle nicht allein zur Toilette gehen. Dann muss er zur Toilette, er klingelt und klingelt, aber niemand hat Zeit. Dann geht er eben doch allein.” Pflegekraft auf der Überwachungsstation eines Konzern-Krankenhauses

“Ich persönlich habe Angst davor, irgendwann krank und auf Pflege angewiesen zu sein.” Pflegekraft auf der Intensivstation eines Konzern-Krankenhauses

Die Beschwerden über die Zustände in Hamburger Kliniken häufen sich: Gewerkschaften veranstalten Aktionen, um auf die Personalnot aufmerksam zu machen. Leser berichten der ZEIT von erschreckenden Erlebnissen. Was ist los an den Hamburger Krankenhäusern? Wir haben elf Pflegekräfte – sechs Frauen, fünf Männer – gebeten, uns aus ihrem Alltag zu erzählen. Sie sind 24 bis 62 Jahre alt. Sieben arbeiten bei großen Konzernen, eine in einem kirchlichen Krankenhaus, eine bei einer Stiftung, eine in einem öffentlichen Krankenhaus und eine in einem Zeitarbeitsunternehmen. Drei leiten ihre jeweilige Abteilung. Weiterlesen auf Zeit Online

Die Zeit, 16. November 2017

Gemeinsam mit meinem Kollegen Frank Drieschner habe ich einige Wochen später die Hamburger Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks zur Situation in den Krankenhäusern interviewt. Zum Interview

 

Wo bleibt denn die Pflegerin?

Eisern beim Vorhang

Gebete murmeln, rituelle Fußwaschungen: Nicht an der Hamburger Uni. Ein Verhaltenskodex zur Religionsausübung macht strenge Auflagen – und eine knifflige Lage erst richtig schwierig.

Womöglich hätte es nur eine Mail gebraucht, ein kurzes Gespräch und ein paar geänderte Worte in einem Dokument. Dann hätten die sechs Seiten Text, die die Uni Hamburg Mitte Oktober veröffentlichte, ihren Zweck erfüllt: zukünftige Konflikte lösen oder gar nicht erst entstehen lassen.

Stattdessen fühlen sich Studierende diskriminiert, die AfD ist besorgt, die Hochschulgemeinden sind sauer. Statt Konflikte zu lösen, hat Uni-Präsident Dieter Lenzen mit einer guten Idee neue erzeugt. Weiterlesen auf Zeit Online

Die Zeit, 2. November 2017

 

Eisern beim Vorhang

Den Rechten nicht auch noch Recht geben – Kommentar

Deutschland ist da angekommen, wo Österreich seit 30 Jahren ist: Eine rechte Partei sitzt im Parlament. Die Bundesrepublik sollte aus den Fehlern der Nachbarn lernen. Ein Kommentar

Deutschland vollzieht eine Entwicklung nach, die in Österreich schon vor 30 Jahren einsetzte. Viele Wähler haben ihre Stimme einer rechten, teils rechtsextremen Partei gegeben – und der Rest des Landes ist ratlos, wie man damit umgehen soll. In Österreich war das damals die FPÖ, in Deutschland ist es heute die AfD. Deutschland sollte aus den Fehlern lernen, die das Nachbarland im Umgang mit den Freiheitlichen gemacht hat.

Eine gängige Erklärung für das starke Abschneiden der AfD lautet, die Mitte-Parteien – vor allem Angela Merkels CDU – seien den AfD-Wählern nicht genug entgegengekommen. Soll die Union also nach rechts rücken, wie es jetzt etwa CSU-Chef Horst Seehofer fordert? In Österreich war es bisher meistens so: Wer Wähler von den Rechten zurückgewinnen will, indem er nach rechts rückt, nützt vor allem den Rechten. Weiterlesen auf Zeit Online

Zeit Online, 11. Oktober 2017

 

Den Rechten nicht auch noch Recht geben – Kommentar