Weit gegangen

Sie durchquerte halb Europa zu Fuß. Heute singt die Syrerin Heva Osman in einem Chor der Elbphilharmonie. Wie hat sie es geschafft, hier anzukommen?

Während die Felder und Dörfer Norddeutschlands vor dem Zugfenster vorbeifliegen, fragt sich Heva Osman, was sie wohl erwarten wird nachher im Schloss Bellevue. Wird sie etwas sagen müssen vor dem Bundespräsidenten? Das wäre “voll peinlich”, sagt sie. Wird sie singen dürfen für ihn? Das wäre “das Coolste, was man machen kann”.

Drei Jahre und einen Monat ist es an diesem Tag Ende Juni her, dass Norddeutschland zum allerersten Mal an Heva Osman vorbeiflog. Damals hatte sie keine Einladung mit goldgeprägtem Bundesadler in der Handtasche, sondern vom tagelangen Gehen völlig zerfetzte Turnschuhe an den Füßen. Und sie sah nichts von Norddeutschland, nicht die Felder, nicht die Wäldchen, nicht die Backsteinhäuser. Sie war vor Erschöpfung eingeschlafen, kaum dass sie in München im Zug saß. Weiterlesen auf Zeit Online

Zeit Magazin Hamburg, Herbst 2018

 

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Selbst in der Psychiatrie nicht mehr sicher

Sogar seelisch kranke Migranten werden abgeschoben, weil die Ansprüche an die Atteste so hoch sind.

Ein Mann soll abgeschoben werden. Er legt ein Attest vor, wonach er wegen psychischer Probleme in Behandlung ist. Er wird trotzdem abgeschoben, in Begleitung eines Arztes, dem keine Besonderheiten auffallen. Bald nach seiner Ankunft in Kabul nimmt sich der Mann, sein Name ist Jamal Nasser M., das Leben. Mitte Juli machte dieser Fall Schlagzeilen, auch weil der Betroffene einer jener 69 Afghanen war, über deren Abschiebung Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) kurz zuvor gewitzelt hatte.

Ein anderer dieser 69 wurde laut seinen Unterstützern direkt aus der Psychiatrie abgeholt und zum Flughafen gebracht. Schon zuvor wurde immer wieder von Abschiebungen psychisch schwer kranker Menschen berichtet, etwa von einem Afghanen, der im Januar 2017 kurz nach seiner Entlassung aus einer bayerischen Psychiatrie nach Kabul geschickt wurde; von einer Albanerin, die Bayern im August 2017 abschob, obwohl sie für eine stationäre psychiatrische Behandlung vorgesehen war; und von einem im Kosovokrieg traumatisierten Rom, den die Behörden im März 2017 aus einer Gießener Psychiatrie gelockt und dann abgeschoben haben sollen. Der Klinik zufolge hatten die Behörden den Mann aufgefordert, ins Landratsamt zu kommen, um eine Geldfrage zu klären. Dort sei er dann festgenommen worden.

Schiebt Deutschland systematisch Menschen ab, die dafür eigentlich zu krank sind? Weiterlesen auf Zeit Online

Die Zeit, 2. August 2018

Ein einsamer Tod

Horst Seehofer witzelt darüber, dass 69 Afghanen an seinem 69. Geburtstag abgeschoben wurden. Wenig später wird bekannt: Einer von ihnen hat sich in Kabul erhängt. Wer war Jamal Nasser M., der acht Jahre lang in Hamburg lebte?

Von Ruth Eisenreich und Sebastian Kempkens

Vom Tod seines Bruders erfuhr er aus den Fernsehnachrichten. Ein junger Mann habe sich nach seiner Abschiebung aus Deutschland in Kabul erhängt, sagte der Sprecher. Die Informationen, die über den Bildschirm flimmerten, passten zusammen. Das Alter: 23 Jahre. Die Stadt: Hamburg. Der junge Mann, von dem die Rede war, das war Jamal.

Am vergangenen Freitag setzte sich die Familie ins Auto und fuhr die gut 400 Kilometer von Masar-i-Sharif im Norden Afghanistans in die Hauptstadt Kabul, um Jamals Leichnam abzuholen und ihn zurückzubringen, in jene Stadt, aus der Jamal acht Jahre zuvor aufgebrochen war. Am Samstag beerdigten sie ihn.

Er sitze gerade an Jamals Grab, sagt der Bruder, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, am Sonntag am Telefon. Weiterlesen auf Zeit Online

Die Zeit, 19. Juli 2018

587 Euro für ein halbes Zimmer

Seit dem 1. Januar kosten städtische Unterkünfte für Flüchtlinge das Vierfache. Wie kann das sein?

Es war kurz nach Weihnachten, als Familie A. in ihrem Briefkasten ein Infoblatt fand. 587 Euro pro Person pro Monat, stand darauf, werde ihre Unterkunft ab 1. Januar 2018 kosten. Macht insgesamt 4.109 Euro für die siebenköpfige Familie. Dabei bewohnt Familie A. keine Luxusvilla, im Gegenteil: Sie lebt in einem 70-Quadratmeter-Containermodul mit Möbeln vom Flohmarkt, ohne Internet, ohne Handyempfang. So schildert es die Flüchtlingshelferin Kerstin Heuer, die die Familie betreut.

Der Absender des Infoblatts, das Familie A. und fast 30.000 andere Menschen in Hamburg rund um Weihnachten in ihren Briefkästen fanden, war kein skrupelloser Miethai, sondern das städtische Unternehmen Fördern und Wohnen. Weiterlesen auf Zeit Online

Die Zeit, 11. Januar 2018

Bei Krankheit Abschiebung

Hunderttausende Migranten leben ohne Papiere in Deutschland. Werden Sie krank, trauen sie sich kaum zum Arzt – und gehen dabei ein hohes gesundheitliches Risiko ein.

Da war zum Beispiel der 13-Jährige, der einfach verschwand. Tagelang hatte er Bauchschmerzen und Fieber, die Familie versuchte es mit Wärmflasche und Schmerztabletten, dann endlich brachte der Vater ihn ins Krankenhaus, erzählt der Kinderarzt Alex Rosen. Diagnose: Schwere Blinddarmentzündung. Der Junge wurde notoperiert. “Nach der Operation kann einiges schiefgehen”, sagt Rosen, “deshalb liegt man noch ein paar Tage im Krankenhaus und bekommt Antibiotika.” Aber einen Tag später war der Junge weg. “Er hatte wohl Angst, dass am nächsten Tag die Polizei mit Stempelkissen für die Fingerabdrücke vor der Tür steht”, sagt Rosen. “In anderen Krankenhäusern kommt das vor.”

Dann hätte der ganzen Familie die Abschiebung gedroht. Denn der Junge war ein undokumentierter Migrant. So nennt man Menschen, die ohne Wissen der Behörden in Deutschland leben – weil sie heimlich eingereist sind, weil sie bleiben, wenn ihr Visum abläuft oder weil ihr Asylantrag abgelehnt wurde. Hunderttausende Menschen ohne Papiere leben Schätzungen zufolge in Deutschland, darunter bis zu 30 000 Kinder, manche sind hier geboren. Weiterlesen auf sueddeutsche.de

Süddeutsche Zeitung, 13.5.2016

“Wichtig ist, ob der Schlepper seinen Job macht”

Schlepper sind gewissenlose Kriminelle, die für ihren Profit Flüchtlinge in Gefahr bringen – so heißt es häufig. Sie werden verantwortlich dafür gemacht, dass Menschen im Mittelmeer ertrinken oder in Lastwagen ersticken. Doch wird das dem Handeln der Schlepper gerecht?

Bei der provokativ als “Internationale Schlepper- und Schleusertagung” (ISS) betitelten Veranstaltung des Bayerischen Flüchtlingsrats in den Münchner Kammerspielen wurde ein anderes Bild gezeichnet. Die Tagungsteilnehmer haben sieben – diskussionswürdige – Thesen aufgestellt. Weiterlesen auf sueddeutsche.de

sueddeutsche.de, 20.10.2015

 

Was Merkel übersehen hat

Angela Merkel gibt sich erstaunt über die dramatische Lage der syrischen Flüchtlinge im Nahen Osten. Dabei hätte es durchaus ein paar Hinweise gegeben. Eine Chronologie in Zitaten.

Naiv oder dreist? Angela Merkel und Sigmar Gabriel wirkten schockiert. “Manche Familien muss man eigentlich hier herausholen”, sagte der Vizekanzler Ende September nach einem Besuch im jordanischen Flüchtlingslager Zaatari: “Es gibt keine Chance für die, hier am Leben zu bleiben.” Und die Bundeskanzlerin erklärte: “Hier haben wir alle miteinander, und ich schließe mich da ein, nicht gesehen, dass die internationalen Programme nicht ausreichend finanziert sind.” Die EU will nun eine Milliarde Euro für syrische Flüchtlinge im Nahen Osten zur Verfügung stellen. Aber kann es sein, dass Kanzlerin und Vizekanzler wirklich erst jetzt den Ernst der Lage begriffen haben? Und wer ist eigentlich mit “wir alle” gemeint? Weiterlesen auf sueddeutsche.de

sueddeutsche.de, 24.9.2015