Was den nächsten Aylan Kurdi retten könnte

Lässt sich das Sterben auf dem Mittelmeer denn gar nicht verhindern? Ansätze, das Problem zumindest zu lindern, gibt es sehr wohl.

Das Foto hat sich eingebrannt: Ein kleiner Junge am Strand, auf dem Bauch liegend, halb im Wasser, die Arme verdreht. Aylan Kurdi, drei Jahre alt, Syrer, gestorben beim Versuch, in einem Boot von der Türkei nach Griechenland überzusetzen. Einer von 2700 Flüchtlingen und Migranten, die der Internationalen Organisation für Migration zufolge allein seit Anfang des Jahres im Mittelmeer ertrunken sind; in den Jahren 2000 bis 2014 waren es mindestens 22 400.

Betroffen und ohnmächtig reagieren die meisten Menschen auf solche Zahlen, solche Bilder. Was kann der Einzelne schon tun? Auch Angela Merkel, François Hollande und ihre Kollegen in den Regierungsbüros der EU-Staaten geben sich betroffen und ohnmächtig; wer ihnen zuhört, muss es fast für ein Naturgesetz halten, dass Flüchtlinge und Migranten im Mittelmeer ertrinken. Dabei hätten die Mächtigen in der EU durchaus Möglichkeiten, den Tod vieler weiterer Aylan Kurdis zu verhindern. Weiterlesen auf sueddeutsche.de

sueddeutsche.de, 9.9.2015

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Was den nächsten Aylan Kurdi retten könnte

Bei Trauma: Abschiebung

Ihre Freundin auf der Straße zu küssen, war für Kyabangi Onyango lange unvorstellbar. In ihrem Heimatland Uganda steht auf Homosexualität lebenslange Haft. Die deutschen Behörden wollen die lesbische Frau trotzdem dorthin abschieben

Die Worte, die Kyabangi Onyango ins Gefängnis bringen könnten, klingen biblisch. „Fleischliche Kenntnis einer anderen Person gegen die Ordnung der Natur“, Artikel 145a, Strafe: lebenslange Haft. „Versuch, widernatürliche Delikte zu begehen“, Artikel 146, Strafe: sieben Jahre Haft.

  Es sind Worte aus dem ugandischen Strafgesetzbuch, sie haben Onyango, 35, bunt gestreifter Pulli, Jeans, raspelkurze Haare, aus ihrem Land getrieben. Jetzt sitzt sie mit einigen anderen Frauen in der Bar der Münchner Lesbenberatung Letra, in jeder Hinsicht ziemlich weit entfernt von einem ugandischen Gericht. Bier und Fritz-Cola auf den Tischen, Lounge-Musik. Onyango, deren echter Name zu ihrem Schutz nicht in der Zeitung stehen soll, begrüßt andere Frauen mit Umarmungen, „lange nicht gesehen“, sagt sie auf Deutsch. Was hier passiert, das hätte Onyango sich früher nicht vorstellen können: Dass sich hier lesbische Frauen treffen, nicht heimlich, sondern ganz offen. Dass sie sich nicht schämen für ihre Liebe. Dass sie sich auf der Straße küssen, wenn sie wollen. Und dass sie dafür nicht verhaftet, nicht verprügelt, nicht vergewaltigt werden.

  In Onyangos Heimatland Uganda ist Homosexualität strafbar, Gewalt gegen Lesben und Schwule alltäglich. Das deutsche Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) und das Bayerische Verwaltungsgericht wollen Onyango dorthin abschieben. Sie haben ihren Asylantrag abgelehnt, schon in zweiter Instanz. Weiterlesen auf sueddeutsche.de

Süddeutsche Zeitung, 19.5.2015

Bei Trauma: Abschiebung

Der Deutsche auf dem Flüchtlingsboot

Der deutsche Reporter Wolfgang Bauer hat Syrer auf ihrem Weg über das Mittelmeer begleitet – und landete in Innsbruck in U-Haft. Ich habe für meine letzte Falter-Ausgabe mit Bauer gesprochen, hier eine Langversion des Falter-Textes.

Schulter an Schulter liegen die Menschen auf dem kalten Betonboden des ägyptischen Gefängnisses, Männer, Frauen, Kinder, das Jüngste fünf Jahre alt, aus den Nebenräumen dringen die Schreie von Gefolterten. Mittendrin liegt Wolfgang Bauer, 43, Journalist aus dem beschaulichen süddeutschen Städtchen Reutlingen. Es ist der Endpunkt einer Reise, wie sie Europäer sonst höchstens aus Erzählungen kennen. Neun Tage später wird Bauer von Ägypten nach Deutschland abgeschoben.

Täglich kommen derzeit neue Asylwerber in Europa an, viele tausend sind in den letzten Jahren im Mittelmeer ertrunken. Wir kennen die Fotos von überfüllten Booten, von Särgen. Wir diskutieren darüber, welcher Staat, welches Bundesland wie viele Asylwerber aufnehmen soll, wie sie versorgt werden sollen. Aber was passiert, bevor diese Menschen bei uns landen – wie sie auf ihre Boote kommen, wie ihre Reise verläuft, welche Gefahren ihnen drohen – das weiß kaum jemand.

Wolfgang Bauer, Reporter der deutschen Wochenzeitung Die Zeit, hat es gemeinsam mit dem tschechischen Fotografen Stanislav Krupar ausprobiert. Continue reading “Der Deutsche auf dem Flüchtlingsboot”

Der Deutsche auf dem Flüchtlingsboot

Europas Kampf gegen seine Flüchtlinge

Die italienische Marine rettet 1900 Menschen aus dem Mittelmeer. Die österreichische Polizei greift in einem Reisezug 57 Eritreer und einen Syrer auf und verfrachtet sie über den Brenner. Im Flüchtlingslager Traiskirchen gilt wegen angeblicher Überlastung ein Aufnahmestopp: Nur einige von Dutzenden Meldungen zum Thema Flüchtlinge, die in den letzten Wochen auf uns eingeprasselt sind. Es ist leicht, da den Überblick zu verlieren. Eine Orientierungshilfe.

Jetzt streiten die Länder wieder um die Verteilung von Asylwerbern. Laut Krone kam zuletzt eine Rekordzahl von Flüchtlingen nach Österreich. Stimmt das?

Nicht wirklich. Im ersten Halbjahr 2014 haben 8395 Menschen in Österreich Asyl beantragt. Das ist aufs Jahr gerechnet weniger als zu Beginn der Nullerjahre, aber mehr als von 2006 bis 2011. In den letzten beiden Jahren gab es je etwa 17.500 Anträge, etwa so viele dürften es auch heuer werden. Continue reading “Europas Kampf gegen seine Flüchtlinge”

Europas Kampf gegen seine Flüchtlinge

Syrienflüchtlinge: Mit dem Asylbescheid alleine ist es nicht getan – Kommentar

Super, dass die Republik Syrienflüchtlinge aktiv nach Österreich holt. Super, dass sie einigen hundert unter den Millionen Menschen, die aus dem Bürgerkriegsland geflohen sind und in dessen Nachbarstaaten festsitzen, eine Perspektive bietet, dass sie ihnen die gefährliche Reise über das Mittelmeer und das zermürbende Asylverfahren erspart.

Super, dass sie nach der 2013 verkündeten ersten “Humanitären Aktion“ für 500 Syrer (bis Ende Mai waren 361 angekommen) nun eine zweite für weitere 1000 startet. Und super, dass sie aus der Kritik am ersten Programm (siehe Falter 23/14) zumindest ein klitzekleines bisschen gelernt hat: Continue reading “Syrienflüchtlinge: Mit dem Asylbescheid alleine ist es nicht getan – Kommentar”

Syrienflüchtlinge: Mit dem Asylbescheid alleine ist es nicht getan – Kommentar

Spindis Liste

Die Regierung holt 1500 syrische Flüchtlinge nach Österreich. Aber die Auswahl ist intransparent, und die Neuankömmlinge werden sich selbst überlassen

Es war ein Frühlingstag im Jahr 2013, als Georg Ephraim auf seinem kleinen Acker in der syrischen Stadt Qamishli einer Gruppe bewaffneter Männer gegenüberstand. “Verschwinde”, sagten die Männer und entsicherten ihre Gewehre: “Das ist die letzte Warnung. Wenn du dich noch einmal hier blicken lässt, erschießen wir dich.” Continue reading “Spindis Liste”

Spindis Liste

Leben im letzten Loch

Die alte Kaserne an der Augsburger Calmbergstraße gilt als das schlimmste Asylbewerberheim Bayerns. Seit Jahren wird über eine Schließung diskutiert, doch geschehen ist nichts. Ein Besuch.

Ein Backsteinklotz an einer sechsspurigen Ausfallstraße in Augsburg. Die Fenster sind von innen mit weißer Farbe bemalt, mit Holzplatten verbarrikadiert oder mit Stoff verhängt. Erklänge da nicht arabische Musik, man würde das Gebäude für unbewohnt halten.

Kaputte Decke im Gang des Heims Calmbergstraße. Foto: Dossier
Kaputte Decke im Gang des Heims Calmbergstraße. Foto: Dossier

Tatsächlich leben hier, in der ehemaligen Hindenburgkaserne an der Calmbergstraße, 145 Asylbewerber – viele schon seit Jahren. “Die größte Bruchbude, die Sie in Bayern finden können”, nennt Alexander Thal vom bayerischen Flüchtlingsrat das Gebäude. Nicht nur Hilfsorganisationen fordern schon lange seine Auflassung: Bereits 2010 verabschiedete der Augsburger Stadtrat einstimmig, aber folgenlos eine Resolution, wonach für das Heim “nur eine Schließung als Perspektive gesehen werden kann”.

Dusche im Heim Calmbergstraße. Foto: Dossier
Dusche im Heim Calmbergstraße. Foto: Dossier

Und auch in einer neuen Untersuchung der Wiener Investigativ- und Datenjournalismusplattform Dossier schneidet die Unterkunft katastrophal ab. Das Dossier-Team hat dutzende Asylbewerberheime in Österreich und Bayern besucht und mithilfe eines Kriterienkatalogs bewertet. In der Auswertung liegt die Calmbergstraße auf Platz 64 von 82 Heimen (die anderen drei besuchten bayerischen Heime liegen im Mittelfeld: Böbrach auf Platz 38, Schongau auf 42, Aholfing auf 44). In den Kategorie “Gebäude” sei die Calmbergstraße unter den allerschlimmsten Heimen, sagt Peter Sim von Dossier: “Es ist baufällig, dreckig und heruntergekommen, und die Bewohner haben kaum Privatsphäre.” Gäbe es nicht Pluspunkte für die städtische Lage, stünde das Heim noch schlechter da.

Waschbecken im Heim Calmbergstraße. Foto: Dossier
Waschbecken im Heim Calmbergstraße. Foto: Dossier

Wer durch die unauffällige weiße Tür ohne Türschild tritt und die Treppen in den ersten Stock emporsteigt, den empfängt ein Geruch nach Bahnhofsklo. In den Fluren bröckelt der Putz ab, Leitungen hängen quer über den Gang. In der Küche: weiße Fliesen, eine metallene Arbeitsfläche, zwei Spülbecken ohne Seife, zwei Elektroherde mit verkrusteten Kochplatten. “Scheiße” sei es hier, sagt Karim, 24, … Weiterlesen auf sueddeutsche.de

Süddeutsche Zeitung, 16.1.2014

Disclaimer: Ich habe mit einigen der Kollegen von Dossier studiert und bin auch privat mit ihnen befreundet.

Leben im letzten Loch