“Wer wegläuft, ist schuldig“: Warum uns Asylwerber so egal sind

Dreckige Klos, dicke grüne Schimmelschichten, verdorbenes Essen: Beinahe im Wochentakt erfahren wir von Menschen, die so hausen. Nicht in einem Schwellenland, sondern mitten in Österreich: im burgenländischen Sieggraben, im Kärntner Wernberg und auf der berüchtigten Saualm.

Ein Stück hinter der Grenze ist die Situation noch schlimmer: In griechischen Flüchtlingslagern schwappen dem Ex-UN-Beauftragten für Folter zufolge Fäkalien in Matratzenlager, wo Mütter mit Babys schlafen; in Ungarn werden jugendliche Asylwerber laut Profil an Leinen gelegt und mit Schlafmitteln ruhiggestellt.

Das Innenministerium und die Länder wollen jetzt erstmals seit 2004 die Bezahlung für Flüchtlingsheimbetreiber erhöhen; man kann hoffen, dass das die hiesige Situation ein wenig entschärfen wird.

Im Großen und Ganzen aber ist die Reaktion auf die unfassbaren Zustände immer gleich: Ein paar NGO-Vertreter schreien auf, Politik und Zivilgesellschaft zucken mit den Schultern. Wie kommt das?

Dass es uns so egal ist, wenn in Österreich selbst Kinder unter unwürdigen Bedingungen leben müssen, wenn mitten in Europa offen Menschenrechte verletzt werden, das lässt sich nicht mit Fremdenhass alleine begründen. Es hat auch mit einem verdrehten Gerechtigkeitssinn zu tun.

Den bewies etwa eine Frau, die neben einem Flüchtlingsheim wohnte und überzeugt war, dass keiner der dort untergebrachten jungen Männer ein “echter“ Flüchtling sei – denn: “Wieso sollte irgendjemand einen 17-Jährigen verfolgen?“

Wer nach 1945 in Österreich aufgewachsen ist, der hat nie etwas anderes erlebt als einen (mehr oder weniger gut funktionierenden) Rechtsstaat. Er hat gelernt, dass Bestrafung nur jenen droht, die etwas angestellt haben – und dass, wer vor der Polizei wegläuft, sich noch verdächtiger macht.

Er folgert daraus: Wer in ein fremdes Land flieht, der muss wohl irgendetwas angestellt haben und hat somit Strafe verdient. Dass das in vielen Ländern nicht zutrifft, dass dortige Behörden oder Milizen durchaus 17-Jährige verfolgen – weil ihre Eltern sich politisch engagiert haben etwa oder weil sie schmalere Augen haben als die Mehrheit -, das kann sich der Österreicher nicht vorstellen.

Um anzuerkennen, dass Asylwerber keine Verbrecher sind (selbst die haben übrigens Menschenrechte), muss man zunächst anerkennen, dass auf dieser Welt ungerechte, widerwärtige, grausame Dinge geschehen. Davor aber verschließen wir lieber die Augen – und machen Menschen ihr Leben noch mehr zur Hölle.

Falter, 1.8.2012

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“Wer wegläuft, ist schuldig“: Warum uns Asylwerber so egal sind

Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?

Nach 13 Jahren kehrt Ute Bock in die Zohmanngasse zurück. Eine Gruppe von Nachbarn fürchtet sich vor den Flüchtlingen, die sie mitbringt

Neger“, brüllt der kleine alte Mann im grauen Anzug, als Alseny D. an ihm vorbeigeht. “Dich brauchen wir hier nicht.“ Es ist Alseny D.s erster Eindruck von seiner neuen Gegend, gerade ist er zum ersten Mal auf dem Weg zu dem Haus, in dem er ab Anfang Mai wohnen wird.Seine neuen Nachbarn kennt er noch nicht, aber sie wissen schon jetzt: Sie wollen Leute wie ihn hier nicht. Seit Monaten kampagnisieren sie, sammeln Unterschriften und schreiben Protestbriefe.Denn das Haus in der Zohmanngasse im zehnten Bezirk, in das Alseny D. einziehen wird, hat eine Vorgeschichte. Früher war es ein Gesellenheim der Stadt Wien, bis 1999 hieß die Heimleiterin Ute Bock. Sie nahm hier Menschen auf, die sonst niemand wollte, darunter mehr und mehr Flüchtlinge.

Unter den Bewohnern waren auch Dealer. Irgendwann, so berichten Anwohner, nahm das Drogenproblem überhand, auf der Straße sollen Spritzen herumgelegen sein. Die Polizei führte eine Razzia durch, die Operation Spring (siehe Marginalspalte), verhaftete dutzende Heimbewohner und stellte sackerlweise Drogen sicher.

Ute Bock wurde suspendiert; sie begann, ihr Leben Asylwerbern und Flüchtlingen zu widmen. In ihrem Vereinslokal im zweiten Bezirk betreuten sie und ihre Mitarbeiter Hilfesuchende; wer keine feste Unterkunft hatte, konnte sich bei ihr melden lassen und seine Post von ihr abholen.

Jetzt kehrt Bock in die Zohmanngasse zurück. Der Mäzen, Strabag-Boss und Ex-LiF-Politiker Hans Peter Haselsteiner hat das ehemalige Lehrlingsheim gekauft und wird es Bock zur Verfügung stellen. Anfang Mai werden Bock und ihre Beratungsstelle in das frischrenovierte und knallorange gestrichene Haus einziehen, nach und nach werden 75 Flüchtlinge folgen.

Maria Wabl ist eine jener, die den Protest gegen das Ute-Bock-Haus anführen. Sie wohnt direkt nebenan, in einem Haus mit dünnen Wänden; wer am Abend durchs Stiegenhaus geht, hört mehrere Fernseher auf einmal. Wabls Wohnzimmer ist in Altrosa gehalten, an der Wand hängt eine Pendeluhr, am Boden spielt Wabls Enkel.

“Wir sind traumatisiert, aber echt“, sagt Maria Wabl, wenn sie an die Zeit vor der Operation Spring denkt. “Einmal hast du die Buschtrommel gehört, einmal den Muezzin – und alles in Praterlautstärke.“

Ihren richtigen Namen will die Frau mit der grauen Kurzhaarfrisur nicht in der Zeitung lesen, aus Angst, dass ihr “die Asylanten“ sonst was antun könnten: “Von den Tschetschenen hat jeder ein Messer, und der Großteil geht einbrechen“, sagt sie.

Es klopft an der Tür, ein Nachbar kommt zu Besuch. Auch er will anonym bleiben, auch er fürchtet sich. Vor den “Negern“, die kriminell seien und die man noch so oft abschieben könne, “die kommen immer wieder – wie die Läuse“.

Ute Bock weiß, dass sie bei manchen ihrer neuen Nachbarn unbeliebt ist. Zweimal hat sie die Anrainer schon zu Informationsveranstaltungen geladen. Viel ist dabei nicht herausgekommen – weil die Protestierer Bock gar nicht erst zu Wort kommen ließen, sondern sie niederschrien, wie sie selbst erzählen.

Lieber hören die Menschen hier der FPÖ zu. Die war, wie so oft bei Ausländerthemen, auch in Favoriten schnell zur Stelle. Mitte April veranstaltete sie im Wirtshaus Zum Nepomuk ein paar Gassen weiter einen gutbesuchten Stammtisch, Funktionäre sprechen von “Asylanten in Designeranzügen“ und davon, dass Ute Bock “das Vergiften unserer Kinder“ akzeptiere.

Aber Alseny D. vergiftet gar keine Kinder. Der 27-Jährige lernt lieber Deutsch, ab Herbst will er an der Universität Wien Politikwissenschaft studieren. Doch für Menschen wie Maria Wabl macht das wenig Unterschied. Ihnen missfällt, dass ihre Heimat sich verändert hat.

Favoriten war immer ein ärmlicher Bezirk. Nicht weit von der Zohmanngasse ist der Wienerberg, hier arbeiteten im 19. Jahrhundert unter katastrophalen Bedingungen die “Ziegelbehm“, arme Arbeiter aus den Kronländern. Heute gibt es ein paar Blocks weiter einen Kebabstand und einen türkischen Supermarkt. Solche Veränderungen beschwören in Menschen wie Wabl Ängste hervor. Die FPÖ spricht diese Ängste gezielt an und profitiert davon: 2010 wählte jeder dritte Favoritner blau.

Wo sich vor 120 Jahren der Arzt Viktor Adler, der Begründer der österreichischen Sozialdemokratie, für osteuropäische Arbeiter einsetzte, kümmert sich heute Ute Bock um Flüchtlinge.

In ihr neues Haus werden vor allem Tschetschenen, Afghanen und Afrikaner einziehen. Ein Drittel anerkannte Flüchtlinge, zwei Drittel Asylwerber wie Alseny D. Viele von ihnen sind aus der Grundversorgung gefallen – weil ihr Asylantrag abgelehnt wurde oder auch, weil sie in ein anderes Bundesland gezogen sind.

Von jenen, die wie Alseny D. Grundversorgung bekommen, will Ute Bock 110 Euro Miete verlangen und an Hausbesitzer Hans Peter Haselsteiner weiterleiten. Das ist jene Summe, die in privaten Unterkünften lebende Asylwerber als Mietzuschuss bekommen. Dazu erhalten sie noch 180 Euro für Verpflegung, arbeiten dürfen sie nicht.

Alseny D. wohnt zurzeit im niederösterreichischen Winzendorf und fährt fünf Mal pro Woche eineinhalb Stunden lang zum Deutschkurs nach Wien. Von den 290 Euro vom Staat, ohne finanzielle Unterstützung von Ute Bock, könnte er sich die täglichen Fahrten nicht leisten. Der Umzug ins Ute-Bock-Haus ist für ihn eine Erleichterung.

D. musste seine Heimat Guinea verlassen, so erzählt er, weil er sich für eine Oppositionspartei engagierte. Seit zwei Jahren ist er in Österreich, aber sein Asylantrag ist noch nicht entschieden.

Die Vorurteile, die Menschen wie Wabl gegen ihn haben, kann Alseny D. nicht nachvollziehen. Als er als Kind das erste Mal einen Weißen sah, sei er davongelaufen, erzählt er; seine Mutter habe ihm dann erklärt, dass der Weiße auch ein Mensch sei. “Hier sagen Eltern ihren Kindern, sie sollen aufpassen“, sagt er, “die Leute schauen mich an wie ein Monster, wie ein gefährliches Tier.“

Im neuen Ute-Bock-Haus werden ausschließlich alleinstehende Männer leben – weil bei ihr sonst immer Familien bevorzugt würden, erklärt Ute Bock. Dutzende teils traumatisierte Männer in einer ungewissen Lebenssituation, die nicht arbeiten dürfen und daher den ganzen Tag kaum etwas zu tun haben, auf engstem Raum – fordert das nicht Konflikte heraus?

In Wien gebe es noch größere solche Einrichtungen, beruhigt Iraides Franz vom Fonds Soziales Wien (FSW), der für die Grundversorgung von Asylwerbern zuständig ist. Die Größe sei kein Problem, das Flüchtlingshaus Neu Albern der Diakonie etwa, in dem 128 Männer leben, funktioniere gut. “Eine Herausforderung für die Betreuung“ sei ein solches Heim dennoch.

Für die Bewohner des Ute-Bock-Hauses soll neben Bock rund um die Uhr ein zweiter Betreuer da sein. Das Betreuungsverhältnis entspricht damit etwa dem der FSW-Einrichtungen: Dort muss es mindestens einen Betreuer pro 55 Personen geben, ab 30 Bewohnern auch einen Nachtdienst.

Renate Swoboda steht auf dem Balkon ihrer Gemeindebauwohnung, raucht und schaut hinüber zum orangen Gebäude auf der anderen Straßenseite. Laut sei es früher schon oft gewesen, sagt sie. Trotzdem hat Swoboda, die wie Wabl ihren richtigen Namen nicht nennen will, nichts gegen Ute Bocks Wiederkehr.

Nach Bocks Abgang blieb das Lehrlingsheim bis 2006 bestehen, danach wurde es als Ausweichquartier für andere Einrichtungen genützt. Da sei es viel schlimmer zugegangen als unter Ute Bock, erzählt Swoboda.

“Für die ist das nur ein Vorwand, sich wichtig zu machen“, sagt sie über Wabl und ihre Mitstreiter.

Polizei und Politik nehmen die Protestierenden trotzdem ernst. Die Polizei will zumindest am Anfang verstärkt auf Streife gehen, obwohl Polizeisprecher Roman Hahslinger nicht mit einem Anstieg der Kriminalität rechnet. Das nächste Kommissariat ist sowieso nur zwei Blocks vom Ute-Bock-Haus entfernt.

Und die rot-grüne Stadtregierung will beim Abbau von Konflikten helfen, indem sie das Ute-Bock-Haus in ihr Bürgerbeteiligungsprojekt “Wiener Charta“ aufnimmt, bei dem die Wiener Regeln für ihr Zusammenleben erarbeiten sollen.

Auf dem rot-grün gestrichenen Klettergerüst im Hof des Gemeindebaus, in dem Renate Swoboda wohnt, spielen ein paar kleine Kinder, Frauen mit Kopftuch passen auf sie auf. Viele der meist älteren Leute, die hier ihre Hunde spazieren führen, denken wie Maria Wabl. “Eine Katastrophe ist das“, sagt eine blonde Frau mit Terrier. Andere, meist jüngere, wollen wie Renate Swoboda einfach abwarten. “Ich habe vor niemandem Angst“, sagt eine Frau mit Dauerwelle und Husky und hofft, dass sich die neuen Nachbarn “anständig benehmen“ werden.

Ute Bock weiß, dass nicht alle Bewohner der Zohmanngasse so unproblematisch sind wie Alseny D.: “Das sind halt Menschen“, sagt Bock, “da gibt’s nicht nur Gute.“ Aber Bock ist sicher, dass sie und ihre Mitarbeiter die weniger Guten unter Kontrolle haben werden. “Wenn die so einen Wirbel machen, dass man nicht schlafen kann, kann ja auch ich nicht schlafen“, sagt sie, “dann wehre ich mich schon.“ Und wenn jemand dealt? “Dann schmeiße ich ihn raus und zeige ihn an“, sagt Bock.

Alseny D. steht in einem kleinen Zimmer mit weißen Wänden. Mitten im Raum steht ein Kühlschrank, in der Ecke liegt eine noch in Plastik verpackte Matratze, an der Wand ein Waschbecken, ein Spiegel. In ein solches Zimmer wird D. bald einziehen. Das Haus gefällt ihm, beteuert er, aber er sieht nicht glücklich aus. Die Begegnung mit dem alten Mann geht ihm noch im Kopf herum.

“Wir werden es denen nicht leichtmachen“, hat einer der Männer im Nachbarhaus angekündigt.

Falter, 25.4.2012

Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?

Der Superintegrator

Seit einem Jahr gibt es in Österreich ein Integrationsstaatssekretariat. Was hat es bewirkt?

Beiger Linoleumboden, weiße Wände, Neonlampen: Sebastian Kurz’ Büro strahlt wenig von dem Prunk aus, den man sonst aus Ministerbüros kennt. Man habe Kurz durchaus einen Raum im “imperialen“ Teil des Ministeriums angeboten, sagt sein Pressesprecher, aber er habe sich bewusst für die “Beamtenburg“ entschieden: denn hier, hoch oben über dem Minoritenplatz, arbeite auch die Integrationsabteilung des Innenministeriums.

Bodennah, unprätentiös, einer, dem effiziente Arbeit wichtiger ist als Repräsentation: So versucht sich der Integrationsstaatssekretär zu präsentieren und damit seinem alten Schnöselimage zu entkommen.

Genau ein Jahr ist Sebastian Kurz, 25, nun Teil der Regierung, seit April 2011 gibt es das Integrationsstaatssekretariat. Österreich war reichlich spät dran: In Deutschland gibt es einen vergleichbaren Posten seit 2005, in Dänemark schon seit 2001. NGOs und Migrantenorganisationen hatten auch hierzulande schon lange nach einem Integrationsstaatssekretariat gerufen; als es dann kam, waren sie bitter enttäuscht.

Kein altgedienter Integrationsexperte sollte für die komplizierte Querschnittsmaterie zuständig sein, sondern ein Jungspund, der als Obmann der Jungen ÖVP vor allem mit seinem “Geilomobil“ samt Slogan “Schwarz macht geil“ im Wiener Wahlkampf aufgefallen war und keinerlei Erfahrung im Bereich Integration hatte. Als “Superpraktikant“ wurde Kurz bezeichnet, 27.000 Usern gefiel die Facebook-Gruppe “Ich mach den Integrationsstaatssekretär bei Humboldt“.

Aber nicht nur die Person Kurz sorgte für Unmut; auch dass das Integrationsstaatssekretariat ausgerechnet im Innenministerium angesiedelt wurde, mit dem man gemeinhin Themen wie Sicherheit und Kriminalität verbindet, wurde vielfach kritisiert.

Ein Jahr später ist Sebastian Kurz vom Spottobjekt zum Liebkind der Medien geworden. Ist seine neue Beliebtheit berechtigt? Was hat Kurz wirklich weitergebracht? War die Schaffung des Integrationsstaatssekretariats eine Wende in der österreichischen Fremdenpolitik?

Fest steht: Sebastian Kurz hat seine Sache besser gemacht, als viele vor einem Jahr erwarteten. “Er hat sich gut eingearbeitet und kommt rüber, als ob er was will“, gesteht ihm selbst Cornelia Kogoj, Generalsekretärin der Initiative Minderheiten zu, die seine Bestellung damals noch als “Verhöhnung all unserer Forderungen“ bezeichnete.

Im Falter-Gespräch definiert Kurz seine Rolle als die einer “Plattform für alle im Integrationsbereich Aktiven und Betroffenen“ – und tatsächlich sprechen ihm NGOs und selbst politische Konkurrenten Gesprächswillen und Offenheit für neue Ideen zu.

Kurz versucht, den öffentlichen Diskurs zum Thema Migration zu versachlichen. “Er hat es geschafft, zur Entspannung, zur Enthysterisierung beizutragen“, sagt der Integrationsexperte Kenan Güngör. Erstmals seit Jahren habe die FPÖ die Deutungshoheit über das Thema verloren.

Während andere Minister sich im Möglichst-nicht-Auffallen zu üben scheinen, prescht Kurz beinahe im Wochentakt mit neuen Vorschlägen vor. Der Integrationsstaatssekretär setzt sich für die einfachere Anerkennung ausländischer Qualifikationen und für ein zweites Gratiskindergartenjahr für Kinder mit schlechten Deutschkenntnissen ein, er hat ein “Dialogforum Islam“ ins Leben gerufen, er fördert Kurse und Beratungsstellen.

Hundert erfolgreiche Migranten hat er zu “Integrationsbotschaftern“ ernannt, mit denen er Schulen besucht. Für die sprachliche Frühförderung im Kindergarten konnte er 15 Millionen Euro herausschlagen, das hält Kurz für seine wichtigste Leistung. Bei der Bildung sei bisher “zu viel Geld ins Reparieren geflossen und zu wenig in die Frühförderung“, findet der Integrationsstaatssekretär. Sein jüngstes Projekt: Mitarbeiter mit Migrationshintergrund sollen Familien aus der gleichen Community zu Hause besuchen und sie bei der Förderung ihrer Kinder unterstützen.

Nicht alle Initiativen, mit denen Kurz sich schmückt, sind auf seinem Mist gewachsen. Das Hausbesuchsprojekt etwa wurde in den 1970er-Jahren in Israel erfunden und mittlerweile in verschiedenen Ländern übernommen. Auch in Wien führt ein Verein das Programm schon länger durch. Anerkennung bekommt Kurz für die Übernahme solcher Ideen trotzdem: “Er hat eine gute Hand dafür, sinnvolle Projekte zu erkennen und zu stärken, darüber bin ich froh“, sagt Michael Landau, Direktor der Wiener Caritas.

Aber die Begeisterung für Kurz ist nicht ungetrübt. Er lege zu wenig Gewicht auf Rassismusbekämpfung, heißt es, er mache viel Marketing, gehe große Themen aber nicht an. Auch seine Forderung nach höheren Strafen für Schulpflichtverletzungen kam nicht überall gut an.

Für Kritik sorgt, dass der Staatssekretär sich aus Themen wie Asyl, Zuwanderung und Fremdenrecht völlig heraushält. Seine Arbeit beginne erst, sobald “jemand legal in Österreich ist und mittel- bis langfristig hierbleiben möchte“, sagt Kurz; was zuvor passiert, sei Sache der Innenministerin. Die Zurückhaltung verwundert insofern, als Kurz sonst durchaus in anderen Ressorts wildert: sei es im Unterrichtsministerium, wenn er höhere Strafen für Schulpflichtverletzungen fordert, sei es im Finanzministerium, wenn er die Bürger über die Verwendung von zehn Prozent ihrer Lohnsteuern selbst entscheiden lassen will.

Dass Sebastian Kurz sich nie gegen das Fremdenrecht aussprechen wird, wie Flüchtlingsorganisationen es sich so sehnlich wünschen, liegt nicht nur daran, dass er der Innenministerin nicht dreinreden will. Kurz hat gar kein Problem mit den Fremdengesetzen. Die seit dem Fremdenrechtspaket von 2011 verkürzte Frist fürs Deutschlernen etwa findet er ebenso angemessen wie die Hürden auf dem Weg zur Staatsbürgerschaft: Die sei eben “ein hohes Gut“, wer sie erreichen will, müsse dafür auch etwas leisten.

Leisten, das ist das Lieblingswort der ÖVP und auch das des Integrationsstaatssekretärs. Mit seinem Slogan “Integration durch Leistung“ können aber nicht alle etwas anfangen. “Das heißt, Migranten müssen beweisen, dass sie es wert sind, hier als gleichwertige Menschen leben zu dürfen“, sagt etwa Alexander Pollak von SOS Mitmensch.

Kurz will das nicht so verstanden wissen: “Ich habe einen weiten Leistungsbegriff“, sagt er, es gehe nicht um Höchstleistung, sondern um Anstrengung. Auch Caritas-Direktor Landau mag den Slogan nicht. Um “Integration durch Respekt und gleiche Chancen“ sollte es gehen, findet er.

Nicht nur an der Person Kurz gibt es Kritik. Die Ansiedelung im Innenministerium, wo immer noch eine restriktive Haltung in Migrationsfragen vorherrscht, sorgt heute wie vor einem Jahr für Unmut; ebenso der begrenzte Handlungsspielraum des Staatssekretärs.

Kurz räumt ein, dass er in vielen Bereichen auf die Zusammenarbeit mit den Ministerien angewiesen ist. Die funktioniere aber gut, sagt er, denn alle hätten ein Interesse daran, bei der Integration etwas weiterzubringen. Cornelia Kogoj von der Initiative Minderheiten zweifelt daran: “Wenn man ernsthaft etwas machen will, braucht man ein anderes Ministerium, mehr Kompetenzen und mehr Budget.“

Trotz allem: Seit einem Jahr gibt es hierzulande eine klare Zuständigkeit für das Thema Integration, bei dem früher “organisierte Unverantwortlichkeit“ (Kenan Güngör) herrschte; vor einem Jahr ist die Erkenntnis, dass die Zuwanderer nicht wieder weggehen werden, in Österreich angekommen. Für hiesige Verhältnisse ist das ein Meilenstein.

Falter, 11.4.2012

Der Superintegrator

Frau Rosenberger, sind alle Österreicher Rassisten? Telefonkolumne

Die Österreicher sind die größten Fremdenfeinde Europas“: So beschrieben diverse Medien das Resultat der Europäischen Wertestudie 2011. Sieglinde Rosenberger, Autorin der Studie, hält das für eine Verkürzung.

Frau Rosenberger, sind Sie mit der Berichterstattung über Ihre Studie zufrieden?

Ja, mit einer Einschränkung: Die Österreicher zeigen keine stärkere Antipathie gegenüber Migranten, sondern der Anteil derer, die Ausländer ablehnen – 23 Prozent – ist größer als in anderen Ländern. 77 Prozent zeigen keine Antipathie.

Mehrere EU-Länder – zum Beispiel Tschechien, Estland und Malta – haben noch höhere Antipathiewerte als Österreich.

Unser Vergleich bezog sich auf die etablierten Demokratien, das sind Länder, die zumindest seit 1945 demokratische Systeme haben. Wir haben die Transformationsländer nicht berücksichtigt, weil die politischen Strukturen nicht vergleichbar sind.

Österreich hat nicht nur die höchsten Werte Westeuropas, sie sind auch seit der letzten Studie 1999 stark gestiegen. Warum?

Die Umfrage hat in der Zeit des Wahlkampfs 2008 stattgefunden. Politische Reden in so einer Wettbewerbssituation prägen die Bevölkerungsmeinung. Studien zufolge waren die Wahlkämpfe 2006 und 2008 stärker gegen Migranten gerichtet als frühere Wahlkämpfe.

Fremdenfeindliche Wahlkämpfe gibt es auch in anderen Ländern.

Ja, aber dort existiert parallel zum restriktiven, ablehnenden Diskurs über Migranten auch ein liberaler, positiver und toleranter. In Österreich ist seit 2000 das Restriktive deutlich gewachsen, das Liberale hingegen ist weggefallen.

Die Studie hat nicht nur Fremdenfeindlichkeit abgefragt. Welches andere Ergebnis hat Sie am meisten überrascht?

Nationale Gefühle haben in Österreich im Vergleich zu europäischen an Bedeutung gewonnen. Es gibt eine Fokussierung auf das Nationale in einer zunehmend globalisierten Welt.

Falter, 25.1.2012

Frau Rosenberger, sind alle Österreicher Rassisten? Telefonkolumne