Der Gazakrieg in Bischofshofen

Bei einem Fußballmatch stürmen Jugendliche das Spielfeld und attackieren israelische Kicker. Was ist los mit den Austrotürken?

Seit Ende Juli kennt man die Salzburger Kleinstadt Bischofshofen sogar bei BBC und CNN. Das verdankt sie einem Match am örtlichen Fußballplatz: Der OSC Lille führt gerade 2:0 gegen Maccabi Haifa, als plötzlich eine Gruppe Jugendlicher mit Palästinaflaggen aufs Feld stürmt und sich mit den israelischen Spielern prügelt. Es sind keine Neonazis, sondern Teenager mit türkischen Wurzeln.

Screenshot BBC (Quelle: http://www.bbc.com/news/world-europe-28457215)
Screenshot BBC (Quelle: http://www.bbc.com/news/world-europe-28457215), aufgenommen am 21.9.2014

Wenige Tage zuvor protestieren in Wien 11.000 Menschen gegen den Gaza-Krieg. Neben “Freiheit für Palästina” und “Gaza muss leben” sind auch Transparente zu sehen, die weit über Kritik an der israelischen Politik hinausgehen: Demonstranten rufen zur Intifada auf, der Davidstern wird mit dem Hakenkreuz gleichgesetzt, eine Fotomontage des israelischen Premiers Benjamin Netanjahu spielt auf die Ritualmordlegende an, derzufolge Juden das Blut nichtjüdischer Kinder trinken würden. Der Organisator der Demo: die Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD).

Hat die türkischstämmige Community in Österreich ein Antisemitismusproblem? Wenn ja, woher kommt es?

Dass in ganz Europa neben Israelkritik auch antisemitische Ressentiments hochkommen, wenn der Nahostkonflikt wieder einmal eskaliert, ist kein neues Phänomen. Ebenso wenig der “muslimische Antisemitismus”; bisher kannte man ihn allerdings von Arabern, nicht von Austrotürken.

Was nun in Wien und Bischofshofen passiert, hat seine Wurzeln in der türkischen Innenpolitik, sagen viele Beobachter. Die Türkei pflegte lange gute Beziehungen zu Israel. Zuletzt änderte sich das: Im Jahr 2009 gerieten der türkische Premier Recep Tayyip Erdoğan und der damalige israelische Präsident Schimon Peres bei einer Diskussion in Davos in heftigen Streit über den vorangegangenen Gaza-Krieg, Erdoğan stürmte vom Podium. Als dann 2010 beim israelischen Angriff auf das Schiff Mavi Marmara, das die Blockade des Gazastreifens brechen wollte, neun türkische Aktivisten getötet wurden, war es endgültig aus mit der Freundschaft. Ende Juli 2014 warf Erdoğan den Israelis vor, sie hätten “Hitler in Sachen Barbarei übertroffen“.

Solche Aussagen seien im Kontext des türkischen Präsidentschaftswahlkampfs zu sehen, sagt Cengiz Günay vom Österreichischen Institut für Internationale Politik. Erdoğan, der religiöse Sohn einer Arbeiterfamilie, saß in der laizistischen Türkei im Gefängnis und brachte es dann zum Premier. Nun stilisiert er sich zum Vertreter der diskriminierten religiösen Muslime. Der Gaza-Krieg komme ihm da gerade recht, sagt Günay: Er sei für Erdoğan ein willkommenes Symbol für die Unterdrückung und Erniedrigung der Muslime an sich.

Weil der Nahostkonflikt in der türkischen Öffentlichkeit lange keine große Rolle gespielt habe, sei wenig Wissen um dessen Hintergründe vorhanden, sagt Günay. Das mache es leicht, mit drastischen Fotos aus dem Gazastreifen, wie sie derzeit überall in den sozialen Netzwerken kursieren, Zorn zu erzeugen. Dazu komme noch das Gefühl, der in der globalisierten Welt dominante Westen bleibe beim humanitären Drama in Gaza untätig – da sei man schnell bei der Theorie von der Israel-Lobby.

Was hat all das nun mit Bischofshofen zu tun? Erstmals durften letzte Woche auch Auslandstürken wählen. Über ihre inoffizielle Vorfeldorganisation UETD, die auch Erdoğans Wien-Besuch im Juni organisierte, versuchte Erdoğans Partei AKP die Wähler im Ausland zu mobilisieren – mit denselben Methoden wie im Inland.

Eine zentrale Figur dabei ist UETD-Chef Abdurrahman Karayazili. Offiziell spricht er sich gegen Antisemitismus aus. Nachdem er wütend aus dem Studio einer ORF-Diskussion gestürmt war, schrieb er jedoch auf Facebook, der zuständige Redakteur sei “von der israelischen Lobby gesteuert”. Gegen die Moderatorin brach ein Shitstorm los.

Screenshot von Abdurrahman Karayazilis Facebook-Profil (aufgenommen am 21.9.2014)
Screenshot von Abdurrahman Karayazilis Facebook-Profil (aufgenommen am 21.9.2014)

Ob Karayazili wirklich an diese Verschwörungstheorie glaubt? Der Falter hätte gern mit ihm gesprochen und hat ihn mehrfach telefonisch, per E-Mail und via Twitter kontaktiert. Karayazili reagierte nicht.

Viele türkischstämmige Jugendliche in Österreich “bilden sich ihre Meinung auf der Grundlage von Erdogans Propaganda-Krieg gegen Israel, von Bildern toter Menschen ausschließlich aus Gaza und des Protestaufrufs der UETD”, sagt Ercan Nik Nafs, langjähriger Leiter eines Favoritner Jugendzentrums und nun Wiener Kinder-und Jugendanwalt. Bei “als antisemitisch abzulehnenden” Vorfällen wie dem in Bischofshofen komme wohl jugendliche Freude an der Rebellion dazu.

Ein Interview, das Sahin K., einer der Jugendlichen, dem Magazin News gab, stützt diese Thesen. “Für mich sind Hitler und der eine aus Israel genau das Gleiche”, sagte er etwa und meinte mit “der eine” Netanjahu. “Die ganze Zeit bombardiert nur Israel Palästina. Nur gibt es jetzt halt die Hamas-Truppe und die machen jetzt halt ein bisschen was”, wird er gleich danach zitiert – dass die Hamas seit über 20 Jahren Anschläge auf Israel verübt, weiß er offensichtlich nicht.

Es wäre jedoch ein Fehler, Vorfälle wie den in Bischofshofen als Problem “der Türken” abzutun. “Türkeistämmige Menschen und auch die UETD-Anhänger sind keine homogenen Gruppen”, sagt Alev Çakır, Politologin an der Uni Wien.

Sahin K. ist laut News in Österreich zur Schule gegangen. Er weiß wohl nicht mehr und nicht weniger über den Nahostkonflikt als jeder andere 19-jährige österreichische Malerlehrling. Erst auf dem Boden der österreichischen Unbildung gedeiht die giftige Saat der Erdoğan’schen Agitation.

Falter, 6.8.2014

Der Gazakrieg in Bischofshofen

Österreicher im Syrien-Konflikt: Heirat, Kampf und Nasenbohren

Es war eine wilde Mischung aus wienerischer Teenagersprache mit bosnischen Einsprengseln und religiösen arabischen Formeln, in der die beiden Mädchen auf dem Internetportal ask.fm kommunizierten. Letzte Woche sollen die bosnischstämmigen Wienerinnen Samra, 16, und Sabina, 15, ihren Eltern Abschiedsbriefe hinterlassen haben (“Wir gehen nach Syrien, kämpfen für den Islam”) und in die Türkei geflogen sein. Seither wird nach ihnen gesucht. Auf ask.fm posteten sie – oder wer immer sich als sie ausgab – Fotos von Waffen und fanatische Parolen und erklärten, sie hätten geheiratet. Inzwischen wurde das Profil deaktiviert.

Eine hohe zweistellige Zahl an Österreichern soll in den letzten Jahren zum Kämpfen nach Syrien gegangen sein, meist junge Männer. “Mit Fortdauer des Konflikts steigt die Wahrscheinlichkeit, dass jemand die Schwelle überschreitet und tatsächlich hinfliegt”, sagt Karl-Heinz Grundböck, Sprecher des Innenministeriums. Das Ministerium will noch dieses Jahr eine Anlaufstelle für Angehörige einrichten, für Familien wie die von Samra und Sabina. Noch ist aber unklar, wo die Stelle angesiedelt sein soll. “Das Um und Auf ist Glaubwürdigkeit”, warnt Tarafa Baghajati von der Islamischen Religionsgemeinschaft Wien: Eine Anlaufstelle bei der Polizei sei sinnlos.

Baghajati kennt viele Geschichten wie die von Samra und Sabina. Viele Betroffene seien Tschetschenen, die in Syrien einen Stellvertreterkrieg gegen Russland führten, sagt er; bosnischstämmige Kämpfer seien untypisch.

Dass die beiden Mädchen laut Medienberichten vor ihrer Abreise nie als religiös aufgefallen sind, dass sie sich westlich gekleidet und Beziehungen gehabt haben sollen, überrascht Baghajati hingegen nicht: Vor allem leicht beeinflussbare Persönlichkeiten, die kaum etwas über Religion, Sprache und Kultur wüssten, fühlten sich von extremistischen Gruppen angezogen. “Halbwegs psychisch stabile Leute über 30 lassen sich kaum mehr rekrutieren. Es ist also eine Überlebensstrategie dieser Gruppen, immer jüngere Menschen anzusprechen.” Das werde sich nicht ändern, solange der Syrien-Konflikt nicht gelöst sei.

Baghajati plädiert daher dafür, Jugendliche wie Samra und Sabina nicht zu kriminalisieren. “Sie brauchen eine Diskussion”, sagt er, “und zwar nicht nur aus der Antiterror-, sondern auch aus der islamischen Perspektive.”

Eine kleine Beruhigung hat Baghajati immerhin für die Familien von Samra und Sabina: “Kein Mensch braucht Jugendliche im Kampfgebiet. Wahrscheinlich sitzen sie nahe der Grenze auf türkischem Gebiet und bohren in der Nase.”

Falter, 23.4.2014

Österreicher im Syrien-Konflikt: Heirat, Kampf und Nasenbohren

Kalifatsfantasien und Geschlechtertrennung vor der US-Botschaft

Demonstration gegen die Beleidigung des Propheten Mohammed (Foto: Ruth Eisenreich)

Das Kalifat ist die Lösung“, steht auf einem Transparent, auf einem zweiten prangt eine saudi-arabische Flagge, auf einem dritten steht mit rotem Filzstift “Wir lieben Allah und unseren Propheten mehr als alles andere“. Männer und Frauen marschieren streng getrennt, immer wieder ertönt der Ruf “Allahu akbar“. Demonstration gegen die Beleidigung des Propheten Mohammed (Foto: Ruth Eisenreich)

Wir befinden uns weder in Libyen noch in einem FPÖ-Wahlkampfspot, sondern im neunten Bezirk, wo hunderte Muslime gegen islamfeindliche Filme und Karikaturen protestieren.

“Wenn man Juden beleidigt, ist es Antisemitismus, bei Schwarzen Rassismus“, sagt ein junger Mann. “Warum nennt man es bei uns Meinungsäußerung?“ Sein Freund fügt Demonstration gegen die Beleidigung des Propheten Mohammed (Foto: Ruth Eisenreich)hinzu: “Aber die Medien gehören ja alle den Juden, dem Dichand zum Beispiel.“

Initiiert hat die Kundgebung ein Österreicher tunesischer Herkunft, der sich schon an Aktionen radikaler Salafisten beteiligt haben soll. Diverse muslimische Organisationen haben sich von der Demo distanziert.

Falter, 26.9.2012

Kalifatsfantasien und Geschlechtertrennung vor der US-Botschaft

Lösen wir das ohne den Strafrichter – Kommentar

Man kann gegen die Beschneidung von Buben kämpfen, ohne gleich nach Verboten rufen zu müssen

Der Tonfall der seit Wochen in Österreich schwelenden Beschneidungsdebatte ist wohl kaum anders zu bezeichnen als hysterisch. Da beschuldigt die eine Seite die andere der “Vergewaltigung der Religionsfreiheit“ und behauptet, die männliche Beschneidung sei mit der weiblichen Genitalverstümmelung vergleichbar (mit einer Praxis also, deren Zweck einzig darin besteht, Frauen jegliche sexuelle Lust zu nehmen, und die ihnen Regelblutung, Sex und Geburt zur Hölle macht); auf der anderen Seite feiert die Reductio ad Hitlerum fröhliche Urständ’, wenn Beschneidungskritiker mit hochrangigen Nazis verglichen und ein Beschneidungsverbot als “der Versuch einer neuen Shoah“ bezeichnet wird.

Im Falter schrieb die Rechtsanwältin Eva Plaz vergangene Woche, dass die Beschneidung von Buben ohne medizinische Gründe “unrecht“ sei und gesetzlich verboten gehöre.

Interessanterweise vertreten dies vor allem Nichtbetroffene, also Christen und Atheisten. Diejenigen, denen in ihrer Kindheit eine rituelle Beschneidung “angetan“ wurde, sprechen sich fast durchgehend gegen ein Verbot aus; unter ihnen sind nicht nur religiöse Fanatiker, sondern auch säkulare Juden und Muslime. Aber die Nichtbetroffenen sind überzeugt zu wissen, was das Beste für die anderen ist – für jene, die die Beschneidung sicher nur deshalb verteidigen, weil sie sich ihre eigene tiefe Traumatisierung nicht eingestehen können.

Von dieser eigenartigen Dynamik einmal abgesehen, sind die Einwände gegen die Beschneidung von Kindern durchaus berechtigt. Was die körperlichen, die sexuellen, die psychischen Folgen des Eingriffs betrifft, sind sich selbst Experten nicht einig: Für jede Studie, die der Beschneidung Harmlosigkeit bescheinigt, findet sich auch eine, die von Traumata spricht, und umgekehrt. Dem Argument aber, dass es grundsätzlich sinnvoll wäre, wenn jeder Mann selbst als Erwachsener entscheiden könnte, was mit seinem Penis geschieht, kann man wenig entgegensetzen.

Allerdings werden in der Debatte nicht nur permanent verschiedenste Ebenen – die physische, die psychische, die sexuelle, die religiöse, die moralische, die juristische – gegeneinander aufgerechnet; es wird auch die Frage nach dem Sinn der Beschneidung mit jener nach dem gesetzlichen Beschneidungsverbot vermischt, ganz so, als stünden wir vor der Wahl zwischen einem Beschneidungsverbot und der Zwangsbeschneidung jedes österreichischen Kindes. Dabei kann man durchaus gegen die Beschneidung von Kindern sein, ohne gleich lautstark nach Verboten und Strafen zu rufen.

Denn erstens handelt es sich hier um ein Ritual, das zwei Minderheiten als fundamental für ihre Religionsausübung erachten – ohne das sie, wie sie sagen, ihre Religion nicht leben können. Das kann man gut finden oder nicht, aber man kann es nicht einfach unter den Teppich kehren. Auch ohne in jedem Beschneidungsgegner gleich einen heimlichen Antisemiten und Islamhasser zu orten, muss man anerkennen, dass ein Beschneidungsverbot für Juden und Muslime ein Problem wäre. Eine strafrechtliche Verfolgung der Beschneidung würde dazu führen, dass beide Gruppen sich in Österreich weniger wohl fühlen; es wäre ein Rückschlag für das Zusammenleben.

Zweitens würde ein Verbot nicht zwangsläufig das Ende dieser Praxis bedeuten. Eben weil die Beschneidung für Juden und Muslime so wichtig ist, könnte es vielmehr dazu führen, dass Eltern das Ritual statt im Krankenhaus heimlich von einem Beschneider vornehmen lassen, dafür ins Ausland fahren oder sich von einem befreundeten Arzt die medizinische Notwendigkeit des Eingriffs attestieren lassen; und wie jeder Brauch, den eine Minderheit gegen Widerstände aus der Mehrheit am Leben erhält, könnte die Beschneidung durch das Verbot eine noch größere symbolische Bedeutung für die jüdische und muslimische Identität gewinnen.

Drittens hat bisher noch keiner der Beschneidungsgegner die Frage nach den Strafen bei einem Verstoß gegen ein eventuelles Beschneidungsverbot angesprochen. Will irgendjemand wirklich, dass Eltern, die ihre Söhne trotz Verbots beschneiden lassen, dann monatelang ins Gefängnis wandern? Im Sinne des in dieser Debatte so häufig bemühten Kindeswohls wäre das wohl kaum.

Und viertens leben wir – glücklicherweise – in einem Staat, in dem nicht alles, was verpönt ist, auch strafbar ist.

Um nicht noch einmal die leidigen Tauf- und Ohrloch-Vergleiche zu bemühen: Wir wissen, dass es Kindern körperlich schadet, wenn die Mutter in der Schwangerschaft trinkt, wenn der Vater neben dem Gitterbett raucht. Wir versuchen, die Mutter zu überreden, neun Monate lang auf ihr Bier zu verzichten. Wir versuchen den Vater dazu zu bringen, zum Rauchen vor die Tür zu gehen. Aber wir sperren sie nicht dafür ins Gefängnis.

Jene, denen die Vorhäute jüdischer und muslimischer Buben so am Herzen liegen, können auf verschiedensten Wegen gegen die Beschneidung von Kindern kämpfen: Sie können mit werdenden Eltern über das Thema sprechen. Sie können ihnen – wenn’s geht, ohne sie als sadistische Kinderschänder zu brandmarken – erklären, warum sie die Entscheidung ihren Söhnen überlassen sollen. Sie können versuchen, liberale Rabbiner und Imame auf ihre Seite zu ziehen, mit ihnen symbolische Alternativen zur Beschneidung zu suchen.

Aber bei einem derart heiklen Thema gleich nach dem Strafrichter zu rufen, schadet mehr, als es nützt.

Falter, 8.8.2012

Lösen wir das ohne den Strafrichter – Kommentar

Ist Saudi-Arabien ein guter Partner, Herr Patzelt? Telefonkolumne

Der Nationalrat hat letzte Woche mit den Stimmen von SPÖ, ÖVP und BZÖ ein Abkommen zur  Errichtung des von Saudi-Arabien gesponserten “König Abdullah Zentrums für interreligiösen und interkulturellen Dialog“ genehmigt. Im November soll das Zentrum seine Arbeit aufnehmen. Heinz Patzelt, Generalsekretär von Amnesty International Österreich, findet die Kooperation “irritierend“.

Herr Patzelt, ist interreligiöser und interkultureller Dialog nicht zu begrüßen?

Österreich ist als multikulturelles und multireligiöses Land gut beraten, hier etwas zu tun. Aber es ist nicht nachvollziehbar, dass Österreich dabei mit einem Staat kooperiert, der die Religionsfreiheit missachtet und dessen Machthaber eine katastrophale Menschenrechtssituation ganz stark religiös begründen.

Wie sieht diese Menschenrechtssituation aus?

Der Umgang mit Frauenrechten ist katastrophal. Ich darf als Frau dort nicht einmal ein Auto lenken – Autofahren ist nicht der Kern aller menschenrechtlichen Selbstverwirklichung, aber da zeigt sich das Spannungsverhältnis zu Österreich, wo Autofahren selbstverständlich ist. Saudi-Arabien wendet Folter an und ist bei der Todesstrafe immer unter den Hardcore-Staaten. Allein 2011 wurden dort mehr als 80 Menschen hingerichtet.

Und die Religionsfreiheit?

Es ist ausschließlich eine bestimmte, fundamentalistische Form des Islam zugelassen, der Wahhabismus. Die öffentliche Ausübung oder auch nur das öffentliche Bekenntnis zu einer anderen Ausrichtung ist schlichtweg unmöglich und lebensgefährdend.

Was haben die beiden Länder von der Kooperation?

Saudi-Arabien will seine Vorstellungen exportieren. Aber ich weiß nicht, was Österreich gewinnen will, wenn man dieses Verständnis von Religionsfreiheit hierherholt. Es bleibt eigentlich nur das Motiv Geld übrig. Das wäre allerdings der schlechteste Grund.

Falter, 11.7.2012

Ist Saudi-Arabien ein guter Partner, Herr Patzelt? Telefonkolumne

“Das Kopftuch ist wie ein Piercing”

Unterdrückt, ungebildet, unterwürfig: So stellt man sich eine Frau mit Kopftuch vor. Die Realität sieht anders aus

von Ruth Eisenreich und Nermin Ismail

Wien – Montag, 18 Uhr, vor der Haupt-Uni. Eine Gruppe Studenten unterhält sich angeregt. Durch ihr energisches, selbstbewusstes Auftreten fällt eine von ihnen besonders auf: Asma Aiad, 22-jährige Politikwissenschaftsstudentin. Sie trägt weiße Sneakers, Jeans, eine beige Tunika, eine extravagante Brille – und ein pinkes Kopftuch. Dem Klischee eines unterdrückten “Kopftuchmädchens” entspricht sie ganz und gar nicht. “Als muslimische Frau mit dunkler Hautfarbe musste ich mich doppelt und dreifach behaupten”, erzählt Aiad. Das habe ihr Selbstvertrauen gestärkt.

Ähnlich geht es der 23-jährigen Germanistikstudentin Gülsüm Namaldi. “Was soll an mir – einer berufstätigen Mutter und politisch aktiven Studentin – unterdrückt sein?”, fragt sich die SPÖ-Politikerin. Bei den Wiener Gemeinderatswahlen hat Namaldi einen erfolgreichen Vorzugsstimmenwahlkampf geführt. Ihre Religion sei Teil ihrer Persönlichkeit, erklärt sie. Der Koran schreibe das Tragen eines Kopftuchs vor. Es müsse aber jeder Mensch selbst entscheiden, wie weit er seine Religion praktizieren wolle. “Ich persönlich habe mich bewusst dazu entschlossen, ein Kopftuch zu tragen”, sagt sie. Die Kopfbedeckung sei kein Instrument der Unterdrückung. Vielmehr würden alle Frauen, muslimische wie nichtmuslimische, im Alltag unter Benachteiligungen leiden, beispielsweise unter geringeren Löhnen.

Dudu Kücükgöl sieht das ähnlich. Sie hat Wirtschaftspädagogik studiert und arbeitet als Projektmanagerin in einem internationalen Konzern. “Ich bin Feministin”, sagt sie, “und ich bemühe mich, den Islam zu leben. Man kann ja religiös und progressiv zugleich sein.” Bei der islamischen Bekleidung gehe es “darum, dass der Körper Privatsache ist” – und zwar sowohl bei Männern als auch bei Frauen. Kücükgöls Alltag unterscheidet sich kaum von dem anderer berufstätiger Frauen, erzählt sie – “außer vielleicht beim Essen und Trinken”: Sie gehe arbeiten, treffe sich mit Freunden und Familie, gehe ins Kino, mache Sport und engagiere sich ehrenamtlich.

Mit Kopftuch auf die Party

Auch Partys sind für kopftuchtragende Frauen kein Tabu. “Es hängt von der Art der Party ab”, sagt Filiz Türkmen. Spaß zu haben und gläubig zu sein ist für sie kein Widerspruch – genauso wenig wie Glaube und Bildung. Der Koran schreibe Weiterbildung sogar vor, erklärt Türkmen. Auch deswegen habe ihr Vater sie immer gefördert: “Mit 15 wollte ich die Schule schmeißen, aber mein Vater hat mich angespornt.” Heute ist Türkmen 23 und studiert Publizistik.

Mit Lehrenden und Studienkollegen komme sie gut aus. “Manche Leute gehen im ersten Moment davon aus, dass du keine Ahnung hast, dass du kein Deutsch sprichst”, erzählt sie. Erfahrungsgemäß ließen sich diese Vorurteile aber schnell abbauen. Das bestätigt auch Kücükgöl: “Das Kopftuch ist zwar auf den ersten Blick sichtbar, tritt aber in den Hintergrund, sobald die Zusammenarbeit beginnt.” Von ihrem Arbeitsumfeld diskriminiert fühlt sich keine der Frauen.

“Das Kopftuch ist wie ein Piercing”, sagt Kücükgöl: Es falle sofort auf, weil es von der Norm abweiche. Über die Persönlichkeit eines Menschen sage es jedoch nichts aus, auch nicht über sein Selbstbewusstsein. Aiad: “Die selbstbewusste muslimische Frau ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel.”

Der Standard, 12.11.2010

“Das Kopftuch ist wie ein Piercing”