Eisern beim Vorhang

Gebete murmeln, rituelle Fußwaschungen: Nicht an der Hamburger Uni. Ein Verhaltenskodex zur Religionsausübung macht strenge Auflagen – und eine knifflige Lage erst richtig schwierig.

Womöglich hätte es nur eine Mail gebraucht, ein kurzes Gespräch und ein paar geänderte Worte in einem Dokument. Dann hätten die sechs Seiten Text, die die Uni Hamburg Mitte Oktober veröffentlichte, ihren Zweck erfüllt: zukünftige Konflikte lösen oder gar nicht erst entstehen lassen.

Stattdessen fühlen sich Studierende diskriminiert, die AfD ist besorgt, die Hochschulgemeinden sind sauer. Statt Konflikte zu lösen, hat Uni-Präsident Dieter Lenzen mit einer guten Idee neue erzeugt. Weiterlesen auf Zeit Online

Die Zeit, 2. November 2017

 

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Der Gazakrieg in Bischofshofen

Bei einem Fußballmatch stürmen Jugendliche das Spielfeld und attackieren israelische Kicker. Was ist los mit den Austrotürken?

Seit Ende Juli kennt man die Salzburger Kleinstadt Bischofshofen sogar bei BBC und CNN. Das verdankt sie einem Match am örtlichen Fußballplatz: Der OSC Lille führt gerade 2:0 gegen Maccabi Haifa, als plötzlich eine Gruppe Jugendlicher mit Palästinaflaggen aufs Feld stürmt und sich mit den israelischen Spielern prügelt. Es sind keine Neonazis, sondern Teenager mit türkischen Wurzeln. Read More »

Österreicher im Syrien-Konflikt: Heirat, Kampf und Nasenbohren

Es war eine wilde Mischung aus wienerischer Teenagersprache mit bosnischen Einsprengseln und religiösen arabischen Formeln, in der die beiden Mädchen auf dem Internetportal ask.fm kommunizierten. Letzte Woche sollen die bosnischstämmigen Wienerinnen Samra, 16, und Sabina, 15, ihren Eltern Abschiedsbriefe hinterlassen haben (“Wir gehen nach Syrien, kämpfen für den Islam”) und in die Türkei geflogen sein. Seither wird nach ihnen gesucht. Auf ask.fm posteten sie – oder wer immer sich als sie ausgab – Fotos von Waffen und fanatische Parolen und erklärten, sie hätten geheiratet. Inzwischen wurde das Profil deaktiviert. Read More »

Kalifatsfantasien und Geschlechtertrennung vor der US-Botschaft

Demonstration gegen die Beleidigung des Propheten Mohammed (Foto: Ruth Eisenreich)

Das Kalifat ist die Lösung“, steht auf einem Transparent, auf einem zweiten prangt eine saudi-arabische Flagge, auf einem dritten steht mit rotem Filzstift “Wir lieben Allah und unseren Propheten mehr als alles andere“. Männer und Frauen marschieren streng getrennt, immer wieder ertönt der Ruf “Allahu akbar“. Read More »

Lösen wir das ohne den Strafrichter – Kommentar

Man kann gegen die Beschneidung von Buben kämpfen, ohne gleich nach Verboten rufen zu müssen

Der Tonfall der seit Wochen in Österreich schwelenden Beschneidungsdebatte ist wohl kaum anders zu bezeichnen als hysterisch. Da beschuldigt die eine Seite die andere der “Vergewaltigung der Religionsfreiheit“ und behauptet, die männliche Beschneidung sei mit der weiblichen Genitalverstümmelung vergleichbar (mit einer Praxis also, deren Zweck einzig darin besteht, Frauen jegliche sexuelle Lust zu nehmen, und die ihnen Regelblutung, Sex und Geburt zur Hölle macht); auf der anderen Seite feiert die Reductio ad Hitlerum fröhliche Urständ’, wenn Beschneidungskritiker mit hochrangigen Nazis verglichen und ein Beschneidungsverbot als “der Versuch einer neuen Shoah“ bezeichnet wird.

Im Falter schrieb die Rechtsanwältin Eva Plaz vergangene Woche, dass die Beschneidung von Buben ohne medizinische Gründe “unrecht“ sei und gesetzlich verboten gehöre.

Interessanterweise vertreten dies vor allem Nichtbetroffene, also Christen und Atheisten. Diejenigen, denen in ihrer Kindheit eine rituelle Beschneidung “angetan“ wurde, sprechen sich fast durchgehend gegen ein Verbot aus; unter ihnen sind nicht nur religiöse Fanatiker, sondern auch säkulare Juden und Muslime. Aber die Nichtbetroffenen sind überzeugt zu wissen, was das Beste für die anderen ist – für jene, die die Beschneidung sicher nur deshalb verteidigen, weil sie sich ihre eigene tiefe Traumatisierung nicht eingestehen können. Read More »

Ist Saudi-Arabien ein guter Partner, Herr Patzelt? Telefonkolumne

Der Nationalrat hat letzte Woche mit den Stimmen von SPÖ, ÖVP und BZÖ ein Abkommen zur  Errichtung des von Saudi-Arabien gesponserten “König Abdullah Zentrums für interreligiösen und interkulturellen Dialog“ genehmigt. Im November soll das Zentrum seine Arbeit aufnehmen. Heinz Patzelt, Generalsekretär von Amnesty International Österreich, findet die Kooperation “irritierend“. Read More »

“Das Kopftuch ist wie ein Piercing”

Unterdrückt, ungebildet, unterwürfig: So stellt man sich eine Frau mit Kopftuch vor. Die Realität sieht anders aus

von Ruth Eisenreich und Nermin Ismail

Wien – Montag, 18 Uhr, vor der Haupt-Uni. Eine Gruppe Studenten unterhält sich angeregt. Durch ihr energisches, selbstbewusstes Auftreten fällt eine von ihnen besonders auf: Asma Aiad, 22-jährige Politikwissenschaftsstudentin. Sie trägt weiße Sneakers, Jeans, eine beige Tunika, eine extravagante Brille – und ein pinkes Kopftuch. Dem Klischee eines unterdrückten “Kopftuchmädchens” entspricht sie ganz und gar nicht. “Als muslimische Frau mit dunkler Hautfarbe musste ich mich doppelt und dreifach behaupten”, erzählt Aiad. Das habe ihr Selbstvertrauen gestärkt.

Ähnlich geht es der 23-jährigen Germanistikstudentin Gülsüm Namaldi. “Was soll an mir – einer berufstätigen Mutter und politisch aktiven Studentin – unterdrückt sein?”, fragt sich die SPÖ-Politikerin. Bei den Wiener Gemeinderatswahlen hat Namaldi einen erfolgreichen Vorzugsstimmenwahlkampf geführt. Ihre Religion sei Teil ihrer Persönlichkeit, erklärt sie. Der Koran schreibe das Tragen eines Kopftuchs vor. Es müsse aber jeder Mensch selbst entscheiden, wie weit er seine Religion praktizieren wolle. “Ich persönlich habe mich bewusst dazu entschlossen, ein Kopftuch zu tragen”, sagt sie. Die Kopfbedeckung sei kein Instrument der Unterdrückung. Vielmehr würden alle Frauen, muslimische wie nichtmuslimische, im Alltag unter Benachteiligungen leiden, beispielsweise unter geringeren Löhnen.

Dudu Kücükgöl sieht das ähnlich. Sie hat Wirtschaftspädagogik studiert und arbeitet als Projektmanagerin in einem internationalen Konzern. “Ich bin Feministin”, sagt sie, “und ich bemühe mich, den Islam zu leben. Man kann ja religiös und progressiv zugleich sein.” Bei der islamischen Bekleidung gehe es “darum, dass der Körper Privatsache ist” – und zwar sowohl bei Männern als auch bei Frauen. Kücükgöls Alltag unterscheidet sich kaum von dem anderer berufstätiger Frauen, erzählt sie – “außer vielleicht beim Essen und Trinken”: Sie gehe arbeiten, treffe sich mit Freunden und Familie, gehe ins Kino, mache Sport und engagiere sich ehrenamtlich.

Mit Kopftuch auf die Party

Auch Partys sind für kopftuchtragende Frauen kein Tabu. “Es hängt von der Art der Party ab”, sagt Filiz Türkmen. Spaß zu haben und gläubig zu sein ist für sie kein Widerspruch – genauso wenig wie Glaube und Bildung. Der Koran schreibe Weiterbildung sogar vor, erklärt Türkmen. Auch deswegen habe ihr Vater sie immer gefördert: “Mit 15 wollte ich die Schule schmeißen, aber mein Vater hat mich angespornt.” Heute ist Türkmen 23 und studiert Publizistik.

Mit Lehrenden und Studienkollegen komme sie gut aus. “Manche Leute gehen im ersten Moment davon aus, dass du keine Ahnung hast, dass du kein Deutsch sprichst”, erzählt sie. Erfahrungsgemäß ließen sich diese Vorurteile aber schnell abbauen. Das bestätigt auch Kücükgöl: “Das Kopftuch ist zwar auf den ersten Blick sichtbar, tritt aber in den Hintergrund, sobald die Zusammenarbeit beginnt.” Von ihrem Arbeitsumfeld diskriminiert fühlt sich keine der Frauen.

“Das Kopftuch ist wie ein Piercing”, sagt Kücükgöl: Es falle sofort auf, weil es von der Norm abweiche. Über die Persönlichkeit eines Menschen sage es jedoch nichts aus, auch nicht über sein Selbstbewusstsein. Aiad: “Die selbstbewusste muslimische Frau ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel.”

Der Standard, 12.11.2010