Lösen wir das ohne den Strafrichter – Kommentar

Man kann gegen die Beschneidung von Buben kämpfen, ohne gleich nach Verboten rufen zu müssen

Der Tonfall der seit Wochen in Österreich schwelenden Beschneidungsdebatte ist wohl kaum anders zu bezeichnen als hysterisch. Da beschuldigt die eine Seite die andere der “Vergewaltigung der Religionsfreiheit“ und behauptet, die männliche Beschneidung sei mit der weiblichen Genitalverstümmelung vergleichbar (mit einer Praxis also, deren Zweck einzig darin besteht, Frauen jegliche sexuelle Lust zu nehmen, und die ihnen Regelblutung, Sex und Geburt zur Hölle macht); auf der anderen Seite feiert die Reductio ad Hitlerum fröhliche Urständ’, wenn Beschneidungskritiker mit hochrangigen Nazis verglichen und ein Beschneidungsverbot als “der Versuch einer neuen Shoah“ bezeichnet wird.

Im Falter schrieb die Rechtsanwältin Eva Plaz vergangene Woche, dass die Beschneidung von Buben ohne medizinische Gründe “unrecht“ sei und gesetzlich verboten gehöre.

Interessanterweise vertreten dies vor allem Nichtbetroffene, also Christen und Atheisten. Diejenigen, denen in ihrer Kindheit eine rituelle Beschneidung “angetan“ wurde, sprechen sich fast durchgehend gegen ein Verbot aus; unter ihnen sind nicht nur religiöse Fanatiker, sondern auch säkulare Juden und Muslime. Aber die Nichtbetroffenen sind überzeugt zu wissen, was das Beste für die anderen ist – für jene, die die Beschneidung sicher nur deshalb verteidigen, weil sie sich ihre eigene tiefe Traumatisierung nicht eingestehen können.

Von dieser eigenartigen Dynamik einmal abgesehen, sind die Einwände gegen die Beschneidung von Kindern durchaus berechtigt. Was die körperlichen, die sexuellen, die psychischen Folgen des Eingriffs betrifft, sind sich selbst Experten nicht einig: Für jede Studie, die der Beschneidung Harmlosigkeit bescheinigt, findet sich auch eine, die von Traumata spricht, und umgekehrt. Dem Argument aber, dass es grundsätzlich sinnvoll wäre, wenn jeder Mann selbst als Erwachsener entscheiden könnte, was mit seinem Penis geschieht, kann man wenig entgegensetzen.

Allerdings werden in der Debatte nicht nur permanent verschiedenste Ebenen – die physische, die psychische, die sexuelle, die religiöse, die moralische, die juristische – gegeneinander aufgerechnet; es wird auch die Frage nach dem Sinn der Beschneidung mit jener nach dem gesetzlichen Beschneidungsverbot vermischt, ganz so, als stünden wir vor der Wahl zwischen einem Beschneidungsverbot und der Zwangsbeschneidung jedes österreichischen Kindes. Dabei kann man durchaus gegen die Beschneidung von Kindern sein, ohne gleich lautstark nach Verboten und Strafen zu rufen.

Denn erstens handelt es sich hier um ein Ritual, das zwei Minderheiten als fundamental für ihre Religionsausübung erachten – ohne das sie, wie sie sagen, ihre Religion nicht leben können. Das kann man gut finden oder nicht, aber man kann es nicht einfach unter den Teppich kehren. Auch ohne in jedem Beschneidungsgegner gleich einen heimlichen Antisemiten und Islamhasser zu orten, muss man anerkennen, dass ein Beschneidungsverbot für Juden und Muslime ein Problem wäre. Eine strafrechtliche Verfolgung der Beschneidung würde dazu führen, dass beide Gruppen sich in Österreich weniger wohl fühlen; es wäre ein Rückschlag für das Zusammenleben.

Zweitens würde ein Verbot nicht zwangsläufig das Ende dieser Praxis bedeuten. Eben weil die Beschneidung für Juden und Muslime so wichtig ist, könnte es vielmehr dazu führen, dass Eltern das Ritual statt im Krankenhaus heimlich von einem Beschneider vornehmen lassen, dafür ins Ausland fahren oder sich von einem befreundeten Arzt die medizinische Notwendigkeit des Eingriffs attestieren lassen; und wie jeder Brauch, den eine Minderheit gegen Widerstände aus der Mehrheit am Leben erhält, könnte die Beschneidung durch das Verbot eine noch größere symbolische Bedeutung für die jüdische und muslimische Identität gewinnen.

Drittens hat bisher noch keiner der Beschneidungsgegner die Frage nach den Strafen bei einem Verstoß gegen ein eventuelles Beschneidungsverbot angesprochen. Will irgendjemand wirklich, dass Eltern, die ihre Söhne trotz Verbots beschneiden lassen, dann monatelang ins Gefängnis wandern? Im Sinne des in dieser Debatte so häufig bemühten Kindeswohls wäre das wohl kaum.

Und viertens leben wir – glücklicherweise – in einem Staat, in dem nicht alles, was verpönt ist, auch strafbar ist.

Um nicht noch einmal die leidigen Tauf- und Ohrloch-Vergleiche zu bemühen: Wir wissen, dass es Kindern körperlich schadet, wenn die Mutter in der Schwangerschaft trinkt, wenn der Vater neben dem Gitterbett raucht. Wir versuchen, die Mutter zu überreden, neun Monate lang auf ihr Bier zu verzichten. Wir versuchen den Vater dazu zu bringen, zum Rauchen vor die Tür zu gehen. Aber wir sperren sie nicht dafür ins Gefängnis.

Jene, denen die Vorhäute jüdischer und muslimischer Buben so am Herzen liegen, können auf verschiedensten Wegen gegen die Beschneidung von Kindern kämpfen: Sie können mit werdenden Eltern über das Thema sprechen. Sie können ihnen – wenn’s geht, ohne sie als sadistische Kinderschänder zu brandmarken – erklären, warum sie die Entscheidung ihren Söhnen überlassen sollen. Sie können versuchen, liberale Rabbiner und Imame auf ihre Seite zu ziehen, mit ihnen symbolische Alternativen zur Beschneidung zu suchen.

Aber bei einem derart heiklen Thema gleich nach dem Strafrichter zu rufen, schadet mehr, als es nützt.

Falter, 8.8.2012

Lösen wir das ohne den Strafrichter – Kommentar

“Das Wort ‘Jude’ wurde nie verwendet”

In ihrem Debütroman „Spaltkopf“ erzählte Julya Rabinowich die Lebensgeschichte einer russisch-jüdischen Emigrantin in Wien. Gerade ist ihr zweites Buch, die „Herznovelle“, erschienen. Mit NU sprach Rabinowich über den Antisemitismus in Russland und ihre jüdische Identität.

NU: Frau Rabinowich, die Identität spielt eine wichtige Rolle in Ihrem autobiografisch gefärbten Roman „Spaltkopf“. Das Judentum der Protagonistin kommt allerdings nur am Rande vor. Warum?

Rabinowich: Weil das für mich lange Zeit kein Thema gewesen ist. Es ist zwar unterschwellig total wirkend, aber eben sehr unterschwellig. Ich habe keine besonders firme jüdische Identität. Die Juden waren in Russland eine verfolgte Minderheit, die keinerlei Bräuche haben konnte; insofern war diese Identität hauptsächlich negativ besetzt. Es wurde auch das Wort „Jude“ nie verwendet. Was jetzt in Russland völlig anders wäre: Da gibt es Tendenzen dazu, in jeder Religion relativ extrem zu werden – als Gegenreaktion auf die Religionsverbote und die erzwungene Personenverehrung der kommunistischen Diktatur.

Ist die Episode mit dem Buben Schenya im „Spaltkopf“ (siehe Artikel “Von Köpfen und Herzen”) Ihnen passiert?

Die Episode nicht, die habe ich hineingebaut. Aber ich bin so wie im „Spaltkopf“ draufgekommen, dass ich jüdisch bin. Ich habe im Fernsehen das Wörtchen „Jude“ gehört und meine Mutter gefragt, wer die sind – ich hätte sie im Fernsehen gesehen und die hätten so geschlitzte Augen gehabt. Ich habe sie offensichtlich mit Japanern verwechselt. Worauf meine Mutter gesagt hat: „Nein, mein Schatz, die Juden, das sind wir.“. Das war die Situation, auf der aufbauend ich diese Szene entwickelt habe. Die Geschichte meiner Mutter ist eine ähnliche. Und zwar hat man nicht gesagt „Er ist ein Jude“, sondern „Er ist ein Angehöriger“, ein „Dazugehöriger“. Meine Mutter hat immer gehört: Der ist ein Dazugehöriger. Ist dieser ein Dazugehöriger? Ja, dieser ist ein Dazugehöriger. Nein, dieser ist nicht … Irgendwann hat sie gefragt, wer denn diese Angehörigen seien, und man wollte es ihr nicht sagen, und dann hat sie einen Tobsuchtsanfall gekriegt und gemeint: „Ihr braucht es mir nicht zu erklären, ich weiß es schon. Ein Angehöriger ist ein gebildeter, angenehmer Mensch.“ Das waren halt die Menschen, die sie genannt haben – die waren ihr sympathisch. Die anderen hat sie ja nicht kennen gelernt. Die Tradition der Verschleierung ist also alt.

Ist das heute noch so? Den Antisemitismus gibt es ja noch.

Den gibt es natürlich noch immer. Nur, ich glaube, dass sehr viele von den Strenggläubigen nach Israel ausgewandert sind. Ob sie dort zu den angenehmsten Mitbürgern gehören, weiß ich nicht. Ich habe mich mit meiner Cousine entsetzlich in die Haare gekriegt. Sie ist nach Israel emigriert und hat uns in Wien besucht. Irgendwann ist das Gespräch auf den Nahostkonflikt gekommen, und sie hat allen Ernstes gemeint, sie würde am liebsten eine Atombombe auf die Palästinenser werfen. Bist du blöd? Das ist direkt bei dir um’s Eck! Und sie: Das ist egal. Sie war damals jung und blöd – ob sie immer noch so dumme Ansichten hat, weiß ich nicht. Natürlich sehen die Verwandten in Israel den Nahostkonflikt mit völlig anderen Augen als ich, die ich als Unbeteiligte hier sitze und schön moralisieren kann.

Waren Sie schon einmal in Israel?

Ja. Es war sehr eigenartig. Einerseits war ich von der Schönheit des Landes, dieser Stärke, der Urtümlichkeit und dieser biblischen Kraft überwältigt. Andererseits war die starke Aggression zwischen dem arabischen und dem jüdischen Teil für mich unerträglich. Das war knapp vor Beginn der Intifada, und ich habe die ganze Zeit eine Bedrohung wahrgenommen, die ich nicht festmachen konnte. Diese Selbstverständlichkeit, mit der meine Familie schlecht über Palästinenser geredet hat, war für mich schwer zu verwinden. Und mit genau der gleichen Selbstverständlichkeit haben uns die Araber beschimpft, nachdem sie mitgekriegt haben, dass wir zu denen gehören und keine Touristen sind. Ich habe es von beiden Seiten erlebt und mir gedacht: Leute, ihr seid‘s alle deppert. Dann, am Ende der Woche, wollte mein damaliger Mann zurück, und ich war kurz am Überlegen, ob ich nicht einfach bleibe. Es war auf eine Art so vertraut – mit teilweise unerträglichen Macken –, dass ich mir das wirklich hätte vorstellen können.

Sie sind aber nicht geblieben.

Es war dann für mich klar: Nein, ich fahre zurück. Aber es war zumindest der Gedanke da, und das ist mir in keinem anderen Land der Welt so gegangen. Dann sind wir gefahren, und es vergingen keine zwei Wochen und ein Bus ist in die Luft geflogen. Das war die erste Bombe seit langer Zeit, und es war der Bus von dort, wo meine Verwandten wohnten, nach Jerusalem. Da habe ich mir gedacht: Ich fahre nie wieder hin. Und dabei ist es geblieben. Aber ich hätte niemals auf Israel hin ein solches Gefühl entwickelt, wenn das Judentum nicht ein Thema wäre. Ich habe auch mit jüdischen Männern sofort eine ganz andere Ebene als mit nichtjüdischen. Eine familiärere komischerweise, auf eine nicht greifbare Art.

Sind Sie in irgendeiner Form religiös?

Ich kann mit Religiosität wenig anfangen, sobald das beginnt, zwanghaft zu werden – was in jeder Art von Leidenschaft recht schnell passieren kann. Ich bedaure sehr, nicht religiös zu sein. Ich wünsche mir manchmal, es wäre möglich, an etwas in dieser Art zu glauben. Vor allem, weil es mich vor der fürchterlichen Todesangst bewahren würde. Aber es geht nicht, ich würde mich bescheißen. Weder kann ich mir vorstellen, dass da ein Busch gebrannt hat, aus dem Gott gesprochen hat, noch dass es ein süßes Jenseits gibt, ein jüngstes Gericht. Ich glaube, dass die Energien der Welt anders laufen. Man kann sie manchmal spüren, dann kriegt man entweder Ehrfurcht oder Angst. Aber das ist für mich nicht das, was in einem Buch drinsteht und was zwischen den Deckeln eines Buches Platz hätte – auch wenn man sagt, es sei heilig.

Haben Sie eine Verbindung zur jüdischen Gemeinde?

Nein, das ist unter anderem von den Erfahrungen meiner Eltern geprägt. Mein Vater war zuerst durchaus interessiert, Kontakt zu finden, hat sich aber von oben herab behandelt und überhaupt nicht angenommen gefühlt. Ich weiß nicht, was da genau passiert ist, aber ich erinnere mich an seine Kränkung. Dann hat er sich zurückgezogen, und ich habe von mir aus auch nicht mehr Kontakte geknüpft.

Es ist also nur ein diffuses Zugehörigkeitsgefühl zum Judentum.

Ja. Was ich zum Beispiel am Doron [Rabinovici], am Vladimir Vertlib und an der Susanne Scholl wahrnehme, ist etwas ganz bestimmtes Gemeinsames, was ich schwer festlegen könnte. Es ist zu einem großen Teil der Humor, die Witze; es ist vielleicht auch die Bereitschaft, sich für den Humanismus, für die Bildung, für eine bestimmte Art von Wahrnehmung einzusetzen. Und die Zuneigung zu den Kindern. Ich war oft entsetzt darüber, wie unfreundlich Österreicher zu ihren Kindern sind. Der durchschnittliche Österreicher lobt nicht gern. Fast alle Juden, die ich kenne, loben ihre Kinder sehr.

Sie halten das für etwas spezifisch Jüdisches?

Das weiß ich nicht, vielleicht ist es auch etwas Slawisches. Aber ich habe das Gefühl, dass viele jüdische Freunde ihre Kinder besonders liebevoll behandeln. Als Geschenk. Vielleicht kann man das daran festmachen, dass manche Religionen von Anfang an ein Gefühl von Schuld vermitteln. Das vermittelt das Judentum auch – aber durch die Mutter und nicht durch die Religion. Von der Mutter verurteilt zu sein, aber nicht von Gott, ist doch ein besseres Gefühl im Leben. Das mit der Mutter kann man vielleicht irgendwie klären, aber das mit Gott? Schwer. Abgesehen davon ist eine Religion, die Sex gut findet, ja grundsätzlich mal eine recht entspannte Sache. Was auch in den Beziehungen Niederschlag findet. Was da auch in nicht ausgeprägt katholischen nichtjüdischen Familien noch an Schutt von Generationen nachgerollt ist, eine Feindlichkeit der Sexualität gegenüber, war für mich teilweise sehr bedrückend.

Ist Ihre Familiengeschichte trotz allem vom Judentum – vielleicht auch von der Zuschreibung von außen – geprägt?

Ich hatte das Gefühl, dass meine Eltern einen großen Komplex hatten, was Geld anbelangte. Dass es ihnen sehr peinlich war, gerechte Bezahlung zu fordern. Weil sie so eine Panik hatten, sie würden sonst als geldgierige Juden dastehen, ließen sie sich ständig über‘s Ohr hauen. Es war für mich ein langwieriger Lernprozess, darauf zu bestehen, dass das, was ich leiste, einen ganz bestimmten Wert hat.

War der Antisemitismus in Russland ein Grund dafür, dass Ihre Familie emigriert ist?

Ja, natürlich. Den Antisemitismus habe ich auch als Kind mitbekommen und mich geschämt. Wenn sie sagen „Juden sind Sozialschmarotzer, böse und hinterlistig“ und die Eltern gleichzeitig verschämt schweigen, dann kommt bei einem Kind nicht recht Freude auf, eine Jüdin zu sein. Diese Abwertung löste keinen Trotz aus, kein „Ich lebe das umso intensiver“, denn da gab es nichts zu leben, keine Kultur, die das getragen hätte. Bis auf die Tradition der Bildung. Keine Feiertage, keine Routine, keine täglichen Bräuche, gar nichts außer einem Nachnamen und eventuell einem Aussehen. Im Pass – ich habe noch ein Foto davon – hat es fünf Zeilen gegeben: Name, Vatersname, Nachname, Geburtsort und Nationalität. Die Tataren waren die Tataren, die Tschetschenen die Tschetschenen, die Russen Russen und bei jüdischen Bürgern stand darin: Israel. Das die nie im Leben gesehen haben. Es war zwar kein Judenstern, aber durchaus etwas Ähnliches. Sobald man den Pass gezückt hat, war man das Arschloch vom Dienst. Juden waren quasi in einem Boot mit den bösen Kapitalisten und somit für alles Unbill im Lande verantwortlich – davon gab es ja genug. In Russland gibt es diesen Witz, der das sehr genau umreißt: Lange Warteschlange vor dem Wodkakiosk. Eiskalter russischer Winter. Nach einer Stunde Wartezeit ruft der Verkäufer: „Es wird nicht genug Wodka für alle geliefert werden, Juden bekommen nichts.“ Die Juden murren und gehen. Nach einer weiteren Stunde ruft der Verkäufer: „Heute wird gar nichts geliefert, alle sollen heimgehen.“ Tumult, wüste Schreierei. Schließlich der wuterfüllte Brüller: „Na super, die Juden haben es wieder mal besser gehabt!“

Julya Rabinowich
wurde 1970 in St. Petersburg in eine jüdische Künstlerfamilie geboren. 1977 emigrierte die Familie nach Wien. Rabinowich studierte Dolmetschen und Malerei, arbeitete unter anderem als Dolmetscherin bei Psychotherapiesitzungen von Flüchtlingen, verlegte sich dann aber auf die Literatur. Ihre Theaterstücke wurden unter anderem im Schauspielhaus und im Volkstheater uraufgeführt, für ihren ersten Roman „Spaltkopf“ bekam sie 2009 den Rauriser Literaturpreis.

NU 2/2011

“Das Wort ‘Jude’ wurde nie verwendet”

Von Köpfen und Herzen

Schenya schüttelt den Kopf. „Ich darf nicht mit Juden spielen“, sagt er. (…) „Wer sind Juden eigentlich?“, frage ich und streiche lustvoll über die nach Farben geordneten Buntstifte. „Ich glaube, ich hab sie mal im Fernsehen gesehen. Die singen und tanzen sehr lustig und haben so geschlitzte Augen, oder?“ Meine Mutter legt den Pinsel weg und setzt sich sehr gerade auf. „Nein, mein Schatz“, sagt sie bestimmt. „Juden, das sind wir.“

Nicht dass diese Entdeckung Mischka, die Protagonistin von Julya Rabinowichs autobiografisch gefärbten Debütroman Spaltkopf, besonders beeindrucken würde. Viel wichtiger für sie sind: ihre Familie und deren alte Geheimnisse, ihr Gefühl der Entwurzelung nach der überraschenden Flucht aus Russland, ihre Suche nach der eigenen Identität. In achronologisch angeordneten, oft beinahe filmisch wirkenden Momentaufnahmen und einem lapidaren Tonfall schildert Rabinowich das Leben Mischkas von der frühen Kindheit bis ins Erwachsenenalter. Die erwachsene Erzählerin verschmilzt mit dem erlebenden Kind und sieht selbstironisch auf eine Zeit zurück, in der ihr vieles rätselhaft erschien. Weitere Stimmen schalten sich ein und erzählen von Mischkas Familiengeschichte und dem titelgebenden Spaltkopf, einer Gestalt aus dem russischen Mythos, die die Gedanken ungehorsamer Kinder fressen und deren Seelen aussaugen kann – und die Julya Rabinowich selbst erfunden hat.

Mit der Herznovelle wollte sich Julya Rabinowich aus den beiden „Schutzhüllen der Migrationsliteratur und der jüdischen autobiografischen Geschichte“ befreien, sagt sie im Interview mit NU: „Für mich war ganz wichtig, ein Thema anzupacken, das mich komplett ausliefert. Die Vergötterung eines Arztes ist ein sehr gehasstes und verachtetes Thema in der Literatur.“

Die Herznovelle erzählt die Geschichte einer namenlosen Frau mittleren Alters, die sich nach einer Herzoperation in den Arzt verliebt, der im wahrsten Sinne des Wortes ihr Herz berührt hat. Sie beginnt, ihn zu stalken und bringt sich sogar in Lebensgefahr, um ihn wiedersehen zu können – ein verzweifelter Versuch, aus ihrem biederen Hausfrauenleben auszubrechen. „Ich denke, dass sehr viele Frauen nach wie vor in einer solchen Situation leben“, sagt Rabinowich im NU-Interview über ihre Protagonistin. „Das kriegt man nach außen hin nicht so mit. Diese Frauen haben gelernt, dieses äußerst veraltete und verstaubte System so zu präsentieren, dass es moderner wirkt, als es ist. Wenn man Desperate Housewives cool findet, dann ist auf eine erschreckende Art und Weise das Verstaubte im Coolen angekommen.“ In knapper Sprache, die immer wieder von lyrischen Passagen durchbrochen wird, schildert Rabinowich in der Herznovelle den Liebeswahn ihrer Protagonistin, in dem sich schließlich Traum und Realität nicht mehr unterscheiden lassen. Die Ironie, die den Spaltkopf auszeichnet, schimmert auch hier selbst in den hysterischsten Phasen der Protagonistin durch: „Ich übe mich im Herzjagen. Er ist leider schneller.“

Rabinowichs nächster Roman Erdfresserin soll 2012 erscheinen. Die Themen sind laut der Autorin „Illegalität, Reisen, eine moderne Odyssee“. Danach ist ein Theaterstück mit Aussagen von Politikern zum Thema Integration geplant. Im Juli 2011 wird Julya Rabinowich beim Bachmannpreis lesen.

Julya Rabinowich
Spaltkopf
Neuauflage im Deuticke Verlag
erscheint im Juli 2011
208 Seiten
17,90 Euro

Julya Rabinowich
Herznovelle
Deuticke, Wien 2011
157 Seiten
15,90 Euro

NU 2/2011

Von Köpfen und Herzen

“Gläubig, aber mit dem Bodenpersonal nicht zufrieden”

Im letzten Teil der Reihe „Erzählen Sie mir“ spricht Gertrude Laufer über ihre Arbeit für die Amerikaner, staubsaugende Männer und den Sinn des Militärdienstes.

NU: Frau Laufer, Sie waren von 1939 bis 1947 im Exil in Shanghai. Wie war die erste Zeit zurück in Wien?

Laufer: Wir haben vier Monate lang in einem Hotel im zweiten Bezirk gewohnt, bis meine Eltern ihre Wohnung zurückbekommen haben. Ein Jahr später haben sie auch ihr Geschäft, ein Parfümeriegeschäft, zurückbekommen.

Was haben Sie in dieser Zeit gemacht?

Ich habe in Shanghai Friseurin gelernt und habe dann gleich ums Eck von unserem Hotel einen Posten als Maniküre gefunden. Dann habe ich eine Schulkollegin aus Shanghai getroffen, die mir gesagt hat: Du kannst doch Englisch, stell dich bei den Amerikanern vor, die suchen. Heute sprechen ja viele Leute Englisch, nicht? Aber damals, im Jahr ’47, war das nicht so. Und da hab ich mich vorgestellt bei der Armee. Ich hatte von Büroarbeit überhaupt keine Ahnung. Da war ein junger Lieutenant, der hat gesagt: Ihr Englisch ist perfekt, aber versprechen Sie mir, dass Sie einen Schreibmaschinenkurs und einen Stenografiekurs machen, dann nehm ich Sie. Und das hab ich gemacht.

Und dann haben Sie dort als Sekretärin gearbeitet?

Als Schreibkraft, ja. Der erste Posten war bei der Bahn. Die ganzen Bahnhöfe waren ja im Arbeitsbereich der Amerikaner, und da hab ich als Bürokraft begonnen. Nach vier, fünf Monaten bin ich dann in den Hernals Motor Pool (den Fuhrpark der Amerikaner, Anm.). Dort habe ich zweieinhalb Jahre lang gearbeitet und Arbeitsaufträge übersetzt. Das wurde dann aufgelöst und ich habe einen Posten im Hauptquartier bekommen. Dort habe ich bis ’58 gearbeitet. Inzwischen habe ich mit einem Jugendfreund von mir in Palästina – das war damals noch Palästina – korrespondiert und bin dann ausgewandert.

Wegen dieses Jugendfreunds?

Ja, wegen der Heirat. Ich habe sehr gute Zeugnisse gehabt und Empfehlungen von der amerikanischen Botschaft in Wien und habe in Tel Aviv sofort einen Posten bekommen. Wir sind dann ’65 zurück – mein Mann war auch Wiener – und ich habe in Wien meinen alten Posten in der Botschaft wiederbekommen und dort bis zur Pension gearbeitet. Im Ganzen 33 Jahre.

Was hat Ihr Mann gemacht?

In Tel Aviv hat er einen sehr guten Posten gehabt, da war er Chauffeur vom britischen Botschafter. In Wien hat er als Vertreter in der Textilbranche gearbeitet. Dann hab ich ihm in der Botschaft einen Posten verschafft, Englisch hat er ja sehr gut können. Er hat beim U.S. Information Service gearbeitet. Die Amerikaner haben ja in den Oststaaten Propaganda gemacht, in Ungarn, in Tschechien, in Rumänien. Da hat er den Versand gemacht.

Wie war das Leben in Israel?

Naja, ich bin keine große Politikerin. Es war alles in Ordnung. Die Kriege, die waren ja erst nach ’65, als wir schon wieder zurück in Wien waren. Ich erinnere mich nur, dass man damals gesammelt hat und wir 5000 Schilling gespendet haben. Das war viel Geld.

Erinnern Sie sich an die Gründung des Staates im Jahr 1948?

Nein, eigentlich nicht. Schauen Sie, ich war damals jung. Wahrscheinlich war ich verliebt, da habe ich andere Sorgen gehabt als Politik.

Warum haben Sie Israel verlassen?

Ich habe dort eine Allergie bekommen, einen Heuschnupfen, das war furchtbar arg. Dann war ich zu Besuch bei meiner Mutter in Wien, da war die Nase gut. Das hat uns bewogen, wieder zurückzukommen.

Wie ist die österreichische Gesellschaft mit Ihnen als Jüdin umgegangen?

Ich habe hier schon Antisemitismus erlebt. Auch bei den Amerikanern, da waren ja viele österreichische Angestellte. Als der israelisch-arabische Krieg war, habe ich zum Beispiel eine Kollegin gehabt, die ist ins Büro gekommen und hat vor allen gesagt: Mein Mann hat mir erklärt, wie die Araber die Juden ins Meer treiben werden.

Wusste sie, dass Sie jüdisch sind? Sind Sie damit offen umgegangen?

Das wussten alle, natürlich! Deshalb hat sie‘s ja gesagt.

Haben Sie das Gefühl, dass sich die Einstellung der Österreicher zum Judentum in den letzten 60 Jahren geändert hat?

Ich kann das eigentlich gar nicht sagen. Seit ich im Heim bin, habe ich ja hauptsächlich mit Juden zu tun. Mein Mann und ich haben nicht nur jüdische Gesellschaft gehabt, aber sehr viel. Meine besten Freunde sind Iraner, Schiiten. Die haben über mir gewohnt und wir sind seit über 20 Jahren befreundet.

Da gab es nie Spannungen?

Nein, nie. Ich muss ihnen ehrlich sagen: Wir haben nie darüber geredet, ob wir Juden sind oder nicht.

Würden Sie sich als gläubige Jüdin bezeichnen?

Ich bin gläubig, aber mit dem Bodenpersonal nicht ganz zufrieden. Ich halte Vieles nicht, was man vielleicht halten sollte. Vieles ist mir zu streng, und ich bin nicht der Meinung, dass das von Gott kommt. Ich bin nicht koscher. Aber ich glaube an Gott.

Wie war das Leben als Frau in Österreich in den späten Vierziger-, Fünfzigerjahren?

Schauen Sie, ich möchte Ihnen was sagen. Ich bin eine Feministin, aber ich glaube nicht, dass eine Frau einen Posten so ausfüllen kann wie ein Mann. Weil sie Kinder bekommt. Sie ist dann in Karenz, sie kommt aus ihrem Beruf raus.

Der Mann könnte ja auch in Karenz gehen.

Davon halte ich nicht viel.

Sie haben selber Ihr Leben lang gearbeitet.

Ja, ich habe aber keine Kinder. Ich war immer eine Karrierefrau. Außerdem habe ich erst mit 31 geheiratet. Heute ist das nichts, aber damals war das für eine Frau spät. Ich war schon in meinem Beruf.

Was hat Ihr Mann dazu gesagt, dass Sie gearbeitet haben?

Ich hab ja sehr gut verdient, das hat ihm gefallen.

Ihrer Meinung nach kann eine Frau also entweder Kinder bekommen oder Karriere machen, aber nicht beides?

Sie kann, aber es ist sehr schwer. Man kann halt im Leben nicht alles haben. Sind die Männer heute so häuslich, dass sie zuhause helfen?

Die meisten schon, glaube ich. Wie war das denn damals?

Mein Mann hat mir immer geholfen. Aber das hat Gründe gehabt. Mein Mann war ein Langschläfer, und ich habe immer am Samstag eine Bedienerin gehabt, und da musste er zeitig raus. Das hat ihm nicht so gepasst und da hat er gesagt: Wir brauchen keine Bedienerin, ich helfe dir. Und das hat er auch wirklich gemacht.

Wie hat er im Haushalt geholfen?

Also gekocht habe ich. Und er hat dann am Wochenende Bad und Klo gewaschen und auch gesaugt. Immerhin.

War das ungewöhnlich?

Ich würde sagen, ja.

Hatte die Frauenbewegung eine Bedeutung für Sie?

Das hat mich nicht mehr interessiert, da war ich schon zu alt für diese Sachen. Solche Ausdrücke wie Einzelhandelskauffrau versteh ich nicht. Für mich ist eine Verkäuferin eine Verkäuferin, aber keine Einzelhandelskauffrau. So was ist ja komisch. Früher hat man Kaufmännin gesagt, das finde ich schöner als „Kauffrau“.

Hat es in Israel eine Frauenbewegung gegeben?

Davon weiß ich nichts. Aber die Frauen in Israel waren viel selbständiger und selbstbewusster als hier. Vielleicht, weil sie auch Soldatinnen waren. Dass sie eine Militärausbildung machen mussten, habe ich gut gefunden.

Wären Sie auch dafür, dass in Österreich Frauen zum Militär gehen müssen?

Das würde ich auch gut finden, ja. Ich finde, das erleichtert den Einstieg ins Berufsleben. Sie haben einen Chef, müssen machen, was der Chef sagt. So wie die Zivildiener hier im Heim: Das sind junge Burschen, die schon irgendwie in einen Beruf hineinriechen. Sie müssen pünktlich sein, sie müssen hier die Leute bedienen und so. Sie kommen dann eher in ein Berufsleben hinein.

Gertrude Laufer
wurde 1926 in Wien geboren. 1939 floh die Familie nach Shanghai, kehrte 1947 nach Wien zurück. Laufer arbeitete 33 Jahre lang für die Amerikaner, sieben Jahre davon in Tel Aviv, wo sie einen Jugendfreund heiratete. Seit 2004 wohnt sie im Maimonides-Heim.

In der Serie „Erzählen Sie mir“ baten wir betagte Jüdinnen, über ihre Erfahrungen nach 1945 zu sprechen. Die Gespräche führte unsere Mitarbeiterin Ruth Eisenreich, die beinahe drei Generationen jünger ist. Aus dieser Konstellation ergaben sich neue Perspektiven – für beide Seiten.

NU 1/2011

“Gläubig, aber mit dem Bodenpersonal nicht zufrieden”

“Es gibt wenige gute Menschen”

In Teil drei der Reihe „Erzählen Sie mir“ erzählt Susanne Guttmann von Glauben, Tradition und dem Unterschied zwischen Männern und Frauen.

NU: Sie sind 1939 nach Shanghai geflüchtet. Wie haben Sie dort gelebt?

Guttmann: Wir hatten nicht die Absicht zu bleiben. Wir haben ein Affidavit nach Amerika eingereicht – aktuell ist das im 1953er-Jahr geworden! Wir sind in ein internation camp gekommen. Ich habe das als Achtjährige nicht als so furchtbar empfunden. Ich habe geglaubt, das gehört so, dass man keine Schuhe und keine Toilette hat. Ich habe immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich das mit dem vergleiche, was mein Mann in Auschwitz mitgemacht hat. Es ist niemand verhungert oder körperlich angegriffen worden. Wir haben eine Zeitung gehabt, eine Schule, ein Theater. Man hat an ein Leben danach geglaubt.

War es eine schwere Entscheidung zurückzukehren?

Mein Vater wollte nicht nach Wien. Man hat uns ja im wahrsten Sinne des Wortes rausgeschmissen – nachdem Hitler einmarschiert ist, ist das Dienstmädchen gekommen: „Ich muss morgen die Wohnung arisieren.“ Zionist war er auch nicht. Als Israel gegründet wurde, sind wir auf der Straße herumgehüpft, haben getanzt und waren ganz glücklich und euphorisch. Aber mein Vater wollte nicht hinziehen. Im Jahr ’49 sind wir zur Ausreise gezwungen worden. Also sind wir zurückgekommen.

Wie war es, wieder hier zu sein?

Der Bürgermeister hat uns am Bahnhof empfangen. Entschuldigt hat er sich nicht. Man hat uns wieder in ein Lager gebracht, da waren 18 Leute in einem Zimmer, furchtbar. Wir haben zehn oder zwanzig Euro bekommen, damit man sich verköstigen konnte. Dann sind wir in ein Zimmer im zweiten Bezirk gezogen. Ich habe in einem Kaufhaus auf der Mariahilfer Straße gearbeitet.

Was haben Sie dort gemacht?

Strümpfe verkauft. Aber nicht lang. Die haben mich rausgeschmissen, weil ich die G’scherten aus der Provinz nicht verstanden habe. In Shanghai haben wir in der Schule für jedes deutsches Wort Strafe zahlen müssen. Ich kann deutsche Grammatik überhaupt nicht. Dafür bin ich am allerbösesten: Ich habe keine Bildung. Ich bin eineinhalb Jahre in die Volksschule gegangen. Ich habe nichts gelernt, kein Gymnasium. Ich wollte an die Angewandte, Malen lernen: „Kommen Sie wieder mit der Matura!“ Dann habe ich geheiratet, drei Kinder gehabt. Wir haben aufgebaut. Diese Wohnung war im Jahre ’55 eine Ruine. Ein Bekannter war Anstreicher, Elektriker, er hat alles gekonnt und hat die Wohnung wohnfähig gemacht. Dann haben wir langsam die Möbel gekauft. Man hat keinen Kredit gehabt, man hat sich jedes Stückl erspart, mit dem Börsel: „Hab ich genug? Nein, noch ein Monat.“ Das waren schwere Jahre, aber auch schöne.

Inwiefern?

Es war eine andere Welt. Die Leute waren mit weniger zufrieden. Ich glaube, die Kinder waren glücklicher. Wenn man zehn Deka Zuckerl oder ein Buch geschenkt gekriegt hat, das war etwas. Meine Enkel wachsen ganz anders auf. Ich kann heute noch kein Brot wegschmeißen. Ich kaufe kiloweise ein, weil die Angst noch in mir sitzt, dass es nichts mehr gibt. Wir haben einen Riesensprung gemacht – das ist euch gar nicht bewusst. Ich komme mir wie in einer fremden Welt vor. Die Menschen sind die gleichen: ungut. Es gibt wenige gute Menschen. Erst komm ich, dann noch fünf Mal ich, und dann kommt vielleicht – wenn sie glauben – der liebe Gott.

Sind Sie gläubig?

Gläubig? Lauter Blabla. Mir hat eine Krankenschwester gesagt, kurz vor dem Sterben rufen sie nicht nach dem lieben Gott. Die rufen nach der Mutter.

Sie praktizieren aber das Judentum?

Ja, durch meine Kinder. Die Söhne sind sehr praktizierend. Ich zünde Freitag die Kerzen an und bete zum lieben Gott. Aber ich kann mich mit abstrakten Dingen nicht anfreunden. Ich habe einen Enkel, der geht in die Yeshive, der erklärt mir das ganz logisch. Wenn er dann weg ist, glaube ich ein paar Tage daran. Und dann denke ich: Das gibt’s doch nicht. Ich habe die Feiertage gern, aber ich mache es nicht aus Überzeugung. Die Tradition, die liebe ich. Und es macht mir Spaß. Ich beneide gläubige Menschen. Die haben’s leichter. Mein Enkel hat vier kleine Kinder, da ist immer eines krank. Und er sagt: „Gott wird geben, nächste Woche ist es gesund.“ Es wird durch Penicillin gesund, aber gut, das Penicillin hat auch der liebe Gott erfunden.

Wie wurden Sie bei Ihrer Rückkehr aus Shanghai von der österreichischen Gesellschaft aufgenommen?

„I woa ka Nazi, i ned!“ Unsere Hausmeisterin. Die hat den Nazis gezeigt, wo mein Vater war. Sie haben Angst gehabt wegen der Sachen, die sie gestohlen haben. Ich habe 7000 Schilling bekommen. Mein Mann hat gesagt: Nimm es nicht, es ist blutiges Geld. Er ist so traumatisiert! Er war jung, 16 Jahre, er kann es nicht vergessen. Wir haben einmal einen Hund überfahren und ich hab zum Heulen angefangen. Da hat er gesagt: „Sei ruhig! Ich hab gesehen, wie man ein Baby bei den Füßen gepackt und an die Wand gehaut hat und das Hirn ist rausgespritzt – und du weinst über einen Hund!“. Er hat sämtliche 67 Verwandte in Auschwitz verloren. Er hat gesehen, wie seine Mutter in den „Waschraum“ geführt wurde. Das sind Sachen, die stecken in einem drin wie Giftpfeile. Meinen Vater haben acht Monate Dachau kaputtgemacht. Er hat sein ganzes Leben nicht darüber gesprochen. Da genügt ein Tag, wenn man so was erlebt. Diese Sachen sind so unmenschlich, dass ich den Glauben an die Menschheit verloren habe. Wie haben Menschen das anderen Menschen antun können? Ich verstehe es nicht.

Haben Sie nach 1949 noch offenen Antisemitismus erlebt?

Ich habe darauf gewartet, aber es ist mir nichts passiert. Nach außen hin waren sie alle judenfreundlich: „Ich hab einen Freund, den Cohn, der ist zwar ein Jud, aber ein netter Kerl.“

„Aber“.

„Aber“. Es ist nicht leicht, ein Jud zu sein. Man mag uns nirgends. Das bleibt uns wie ein Rucksack am Buckel.

Der Antisemitismus ist noch immer da?

Natürlich! Irgendwann kommt es raus. Im Spital sind neben mir zwei ältere Frauen gelegen. Die haben geschimpft auf die Tschuschen, dann auf die Muslime, dann auf die Schlitzäugigen. Sag ich: „Und wann komm ich dran?“. Schaut sie mich an, sag ich: „Ich bin eine Jüdin.“ Die ist so rot geworden wie ein Paradeiser: „I war nie a Nazi!“. Mein Gott, die war kein Nazi. Und dann hat sie mir erzählt, wie sie von den Nazis profitiert hat.

Hat sich die Einstellung der Österreicher nicht geändert?

Nein. Es will ja niemand mehr was davon wissen. Ich habe gestern das Lehrmädchen beim Friseur gefragt: Weißt du, was die Kristallnacht ist? Da hat sie mich ganz blöd angeschaut. Die haben keine Ahnung, es interessiert sie nicht. Es ist Geschichte geworden. Ich bin auch keine Österreicherin – ich bin eine wurzellose Person.

Haben Sie nach ihrem Rausschmiss im Kaufhaus wieder gearbeitet?

Ich habe die Kinder erzogen, meine Mutter hier gehabt, nachdem sie Witwe wurde, und in der Nacht im Büro mitgearbeitet. Wir haben Computerteile aus Japan nach Ungarn geschickt. Das war viel Arbeit, und nachdem mein Mann keine Angestellten wollte, habe ich das in der Nacht hier gemacht.

Es geht ja in dieser Reihe auch um die Situation von Frauen …

Warum? Sie sind doch keine Emanze, um Gottes Willen? Ich habe mich mit diesem Thema nie beschäftigt. Ich bin von der Idee der Emanzipation nicht begeistert. Ich wünsche mir keine Frauen in der Regierung. Die sind nicht gleich wie die Männer, weder optisch noch seelisch, wenn sie sich noch so bemühen. Da müssen sie das Frauentum beiseite schieben.

Was sollten Frauen denn tun?

Das ist altmodisch: Frauen sollten nicht das tun, was Männer leichter und besser können. Ich sehe das bei meinem Sohn: Er badet die Kinder und kocht das Nachtmahl und sie sitzt am Computer. Ist das normal? Er ist bestimmt am Computer besser als sie und umgekehrt. Männer haben andere Funktionen. Sie sind freier, haben die Belastung der Erziehung nicht. Die sorgen sich nicht, ob das Kind zuhause Fieber hat, ob man was zum Kochen hat, ob das Bett überzogen ist.

Ist das nicht anerzogen?

Ich glaube, dass es in der Natur so beschaffen ist. Es werden aus euch nie Männer werden.

NU 4/2010

“Es gibt wenige gute Menschen”

“Wir wollten Österreich retten”

Teil zwei der Reihe „Erzählen Sie mir“: Edith Wein (86) erzählt über die Selbstverständlichkeit, mit der sie nach dem Krieg Österreich wieder aufbauen wollte. Und die harte Realität als alleinerziehende, geschiedene Mutter zweier Söhne.

NU: Sie sind 1938 mit 14 Jahren nach England geflohen. Wie war Ihre erste Zeit dort?

Wein: Eine Engländerin, die Kundin im Modesalon meiner Mutter war, hat mich in Darlington, im Norden Englands, in ein College für Mittelstandskinder eingeschrieben. Wir haben Wäscherei gehabt, Kochen, aber auch andere Fächer. Es war nicht einfach, sich in dem Alter in einem englischen College zurechtzufinden, aber ich habe sehr viel davon profitiert. Ich habe einige gute Freundinnen gehabt. Eine davon, die Rosemary, habe ich vor ungefähr zehn Jahren gesucht, wir haben uns dann in London getroffen und sind noch immer in Kontakt.

Konnten Sie Englisch?

Kaum. Ich habe zwar hier Englisch gelernt, aber da habe ich nichts gelernt. Ich habe die ersten drei Monate in der Schule überhaupt nichts verstanden. Dann habe ich plötzlich angefangen, zu verstehen, weil sie Stoff gelernt haben, den wir in Wien gelernt haben. Als ich nach drei Trimestern ausgetreten bin, konnte ich gut Englisch.

Wie ging es nach dem College weiter?

Ich bin nach London gekommen und dort hat mich schon das Young Austria (eine 1939 gegründete Organisation von nach England emigrierten österreichischen Jugendlichen, Anm.) aufgefangen, weil mein Bruder mit den Kommunisten Kontakt gehabt hat. Wir waren immer sehr glücklich, wenn wir nach der Arbeit dorthin gekommen sind. Unsere Heimat war das.

Wo haben Sie gearbeitet?

Fragen Sie nicht. Ich war bei Debenham and Freebody auf der Oxford Street. Da habe ich Monate lang nur Knöpfe angenäht auf Uniformen. Ich habe dann gesagt, ich kann nicht mehr, und da haben sie mich avanciert und ich konnte auf der Nähmaschine Hosentaschen nähen. Und dann hat die Gruppe in Leeds um Hilfe gebeten, und keiner wollte nach Leeds, und ich blöde Gans habe Ja gesagt und bin nach Leeds gefahren. Dort habe ich bei Halifax in einer Fabrik für Flugzeugzubehör gearbeitet, da musste man auch immer das selbe machen, nach einem Plan das Kabel da her und so. Das habe ich einmal gemacht und dann habe ich gesagt, das halte ich nicht aus. Da haben sie mich zur Lagerhaltung gegeben und das war lebendig, dort konnte ich bestehen.

Wie ist die englische Gesellschaft mit Ihnen umgegangen?

Wir sind gut aufgenommen worden. England ist ja in den Krieg eingetreten, wir sind dann vollkommen akzeptiert worden. Als Verbündete praktisch. Die Männer am Anfang leider nicht, die wurden interniert. Ich musste auch zu einer Kommission, als ich 16 Jahre alt war. Aber sie haben mich akzeptiert.

Wann sind Sie nach Österreich zurückgekehrt?

Ich habe in England meinen Mann kennengelernt. Der ist zum Militär gegangen und wurde statt nach Österreich nach Burma geschickt. Er ist dann über Italien zurück nach Österreich und war im 46er-Jahr schon da, aber in Linz oder was weiß ich wo. Und ich bin dann alleine nach Wien gekommen und habe bei seinen Eltern gewohnt,bis mein Mann nach Wien versetzt wurde.

War es eine schwere Entscheidung, zurück nach Österreich zu kommen?

Nein. Wir wollten ja Österreich retten! Das war selbstverständlich – das war unsere Pflicht als Österreicher: zurückzukommen und aufzubauen. Viele andere Emigrantenkinder sind irgendwo in der Provinz hängen geblieben und im englischen Milieu aufgegangen. Sie wollten nicht zurück, sie waren bös. Wir haben das politisch gesehen: Wir haben den Kampf gewonnen und jetzt gehen wir aufbauen. Wir sind Österreicher und haben das Recht, da zu sein.

Wie wurden Sie in Österreich aufgenommen? Angeblich wurden viele Rückkehrer gefragt, warum sie nicht in der Emigration geblieben waren …

Ja, das muss man gar nicht so böse auffassen. Die konnten sich nicht vorstellen, dass jemand, der in England happy gelebt hat, ins zerstörte Österreich gekommen ist. Also nicht aus politischen Gründen – nicht, weil man einen nicht wollte.

Wie war es dann, wieder hier zu sein?

Es war schwer. Ich habe ja keinen Beruf gehabt, ich war Hilfsarbeiterin und hatte sehr große Schwierigkeiten, einen Job zu finden. Ich war dann als Englischkorrespondentin bei einer amerikanischen Firma, die hier amerikanische Schreibmaschinen verkauft hat. Ab da hat das ganz gut geklappt. Meine Mutter hat mir von England aus mit Geld geholfen, mein Bruder war Chef einer polnischen Kohlefirma und hat mir im Winter immer die Kohle geschenkt. Und dann hatte ich ’67 das Glück, eine sehr interessante Arbeit zu bekommen, die mir mit meinen Fähigkeiten und Interessen vollkommen zugesagt hat. Und zwar wurde mir angetragen, dass ich ein Export-Import-Geschäft leite. Ich war eine Geschäftsfrau, das hat mir gelegen. Ich konnte mit Leuten verhandeln und kalkulieren und hatte Ideen. Da habe ich dann schöne große Abschlüsse gemacht und es ist mir finanziell besser gegangen und so konnte ich meinen Kindern auch helfen und bin gut ausgestiegen.

Wie war die Situation speziell für Sie als Frau?

Ich habe mich irrsinnig schwer durchgekämpft, sehr deprimierende Erlebnisse gehabt, weil man mir in einer Firma gesagt hat, dass ich nicht entspreche. Erst als Englischkorrespondentin habe ich eine Position gehabt, wo man mich geschätzt hat. Mein Mann hat sich geschieden, ich habe dann zehn Jahre später wieder geheiratet und meinen zweiten Sohn bekommen, den Wolfi. Aber als der Wolfi eindreiviertel Jahre alt war, hab ich den Herrn Wein „abgesetzt“, weil das nicht zu machen war. Ich habe mich zwanzig Jahre lang sehr geplagt, mit zwei Kindern, ohne Mann und ohne einen Beruf, wo man weiß Gott was verdienen kann. Der Peter war drei Jahre, als ich angefangen habe, zu arbeiten. Dann ist er in den Kindergarten gegangen. Der Wolfi musste mit 18 Monaten schon in den Kindergarten.

Scheidungen und Kindergärten waren damals doch sicher weniger üblich als heute. Welchen Einfluss hatte da die Frauenbewegung auf Sie?

Die Frauenbewegung hat auf mich keinen Einfluss gehabt. Das Scheiden-lassen – vielleicht sind wir dadurch eher bereit gewesen, das zu akzeptieren. Ich habe mich deswegen nicht geschämt oder so, aber … nein, ich glaube, das hat überhaupt keine Rolle gespielt. Wir waren schon sehr emanzipiert, selbstbewusst.

Sie waren vielleicht Ihrer Zeit voraus?

Ja, so ist es. Die Bewegung dort (Young Austria, Anm.) hat uns – mir – sehr geholfen, auch bei meinem letzten Job. Die Selbstverständlichkeit, mit Männern zu verhandeln, das ganze Auftreten, das Selbstbewusstsein.

Es gibt die Theorie, dass der heutige Antiislamismus dem Judenhass der Dreißigerjahre ähnelt. Besteht die Gefahr, dass sich die Geschichte wiederholt?

Der ehemalige Nazi-Österreicher behandelt natürlich die Muslime wie den letzten Dreck. Aber ich glaube, dass man in der heutigen Welt, mit der EU und so, solche Hassorgien nicht mehr organisieren kann. Ich war auch einer der Befürworter der EU, weil mich die Vorstellung von Europa, das fast schon vollkommen in den Händen der Nazis war, als friedliche Völkergemeinschaft angesprochen hat. Bei uns gibt es vielleicht beim gemeinen Volk so ein bisschen Türkenhatz – an und für sich ist der Österreicher sowieso misstrauisch und neidig – aber von offizieller Seite nicht.

Wie war die Einstellung der Österreicher zu Juden und zum Judentum nach 1945?

Man hat darüber nicht gesprochen. Was die Leute sich gedacht haben, haben sie nicht sagen dürfen. Ich gehe jetzt in ein Seniorenheim und die Frauen dort sind sehr nett, aber würde ich dieses Thema anschneiden, wären vermutlich viele von ihnen noch Ehemalige. So wie wir als junge Leute vereinnahmt wurden, sind sie von den Nazis vereinnahmt worden, und sie haben einige schöne Jahre gehabt, wo sie geturnt und gesungen haben und alles Mögliche. Dass die Männer in einem sinnlosen Krieg gestorben sind, wollen sie nicht wahrhaben. Die alte Generation ist immer noch stolz auf ihre Männer, die gekämpft haben. Und was soll’s? Was soll ich da diskutieren? Ich kann gut mit den Österreichern. Manche lasse ich links liegen, und mit den anderen kann ich gut. Ich finde, Österreich hat sich toll entwickelt, und ich fühle mich hier in meiner Heimat sehr wohl.

In der Serie „Erzählen Sie mir“ bitten wir betagte Jüdinnen, über ihre Erfahrungen nach 1945 zu sprechen. Die Gespräche führt unsere Praktikantin Ruth Eisenreich, die beinahe drei Generationen jünger ist. Aus dieser Konstellation ergeben sich neue Perspektiven – für beide Seiten.

NU 3/2010

“Wir wollten Österreich retten”

Von fremden Ländern, enttäuschten Erwartungen und offenen Mistkübeln

Über die Schrecken der Nazizeit haben ältere jüdische Frauen wie Hansi Tausig immer wieder berichten müssen. In der neuen NU-Gesprächsreihe „Erzählen Sie mir“ erzählen sie einer um beinahe siebzig Jahre Jüngeren von der Zeit nach 1945.

NU: Sie sind 1946 aus England nach Österreich zurückgekommen. War für Sie von Anfang an klar, dass sie zurückwollen?

Tausig: Bei Kriegsschluss war ich schon entschlossen, da war ich schon in der Organisation und darauf vorbereitet.

Was für eine Organisation?
Young Austria. Das war eine Organisation von Jugendlichen, und die Ausrichtung war „Zurück nach Hause“. Also erst einmal österreichische Kultur verbreiten bei englischen Jugendlichen: Wir hatten eine Spielgruppe und einen Chor, wir haben österreichische Klassiker gespielt, waren zu vielen Jugendclubs eingeladen und haben dort über Österreich gesprochen, ein paar Lieder gesungen, volksgetanzt, … Das war im Großen und Ganzen die Vorbereitung.

Wie hat es sich dann angefühlt, nach sieben Jahren wieder in Österreich zu sein?
Fremd. Alles völlig anders als erwartet. Dass es nicht gestimmt hat, was wir vorhatten, das sah man schon in der ersten Woche. Wir hatten uns auf Arbeit mit den Jugendlichen vorbereitet, Heimabende und so, Singsong, Spiele. Und die sind am Abend klauen gegangen und haben geschaut, dass sie über die Hürden kommen. Das waren ja noch ganz schlechte Zeiten. Es war eine völlig neue Situation für die meisten von uns. Und wir haben also alles, was wir so vorbereitet hatten, schön in die unterste Lade gelegt und völlig anders agiert.

Wie waren damals Ihre Lebensumstände?
Ich habe gearbeitet. Mein erster Job war in der Österreich-Sowjetischen Gesellschaft, das war eine Freundschaftsgesellschaft zwischen, wie der Name sagt, Österreich und der Sowjetunion. Die hatten auch eine Jugendsektion und dort war ich. Das war eher eine Werbegeschichte, nicht sehr interessant, ein Brotberuf. Von irgendwas musste man ja leben. Es hat schon zu meinem politischen Verständnis dazugehört, aber ich habe mich nicht als verlängerter Arm der Russen in Österreich gefühlt, das war absurd, das war die Besatzungsmacht. Ich kann es nur wiederholen, es war alles einfach anders, als wir es erwartet hatten, man musste völlig anders agieren, auch selbst anders denken, einen anderen Standpunkt kriegen. Ist das schwer verständlich für Sie?

Nein, gar nicht. Ich versuche nur, dieses „anders“ zu fassen – was war der Unterschied, wie hatten Sie es sich vorgestellt?
Ich sage es mal ganz krass: Ich habe mir vorgestellt, dass die Leute sich befreit fühlen. Aber sie fühlten sich nicht befreit, sondern besetzt. Das ist ein völlig anderer Ausgangspunkt. Wir sind auch von sehr vielen Leuten empfangen worden mit diesem „Warum seid ihr denn zurückgekommen? Euch ging es doch in England viel besser als bei uns. Ihr habt ja nicht mitgemacht, was wir mitgemacht haben.“ Das kam am Anfang immer wieder, immer wieder. Die letzte Zeit war ja schlimm, die wurden zerbombt, haben zu wenig zu Essen gehabt und so. Dass sie das letztendlich mitverursacht haben, das ist dem Einzelnen überhaupt nicht in den Sinn gekommen. Dass wir ja nicht die Glücklichen waren, die da „tri-tra-tralala“ nach England … Sie haben uns ja vertrieben. Das war in den Köpfen schlicht und einfach nicht vorhanden. Ich sehe das nicht als versteckten Antisemitismus – zu dieser Zeit haben sie andere Sorgen gehabt –, sondern als ein wirklich vollkommenes Unverständnis.

Wann hat sich das geändert?
Überhaupt nicht. Wenn man von Aufklärung reden kann, dann eher in der zweiten, dritten Generation, die nachfragt, und wo Leute in die Schulen gehen und mit ihnen reden. Die ersten, die in die Schulen gegangen sind, sind auf völliges Unverständnis gestoßen – bei den Lehrern, nicht bei den Kindern! Die Lehrer waren ja selbst belastet, nicht? Und wenn man mit den Kindern wirklich redet, ist es naheliegend, dass die zu ihrem Großvater oder Vater sagen: „Wo warst du?“, oder zum Lehrer: „Herr Professor, wo waren Sie?“.

Erinnern Sie sich an die Gründung des Staates Israel? Mich würde sehr interessieren, wie sich das damals angefühlt hat, was Sie sich damals dazu gedacht haben.
Das ist eine sehr schwierige Frage. In der Gruppe der Emigranten gab es ja von den politisch überhaupt Interessierten eigentlich zwei Strömungen, die Zionisten oder zionistisch Angehauchten und eben die Linken. Die zionistische Bewegung war für mich – ich muss jetzt versuchen, das richtig zu sagen, so dass es nicht missverstanden wird – etwas Fremdes. Ich habe zu keinem Zeitpunkt daran gedacht, nach Israel zu gehen. Was mache ich dort? Ich habe es noch in Wien kennengelernt, da war ich sechzehn, siebzehn und habe Freunde gehabt, die schon bei so einer Organisation waren. Da bin ich ein, zwei Mal mitgegangen und das war mir völlig fremd. Den Gedanken von Herzl und diese ganze Basis habe ich überhaupt nicht mitgekriegt. Das war nur: Ich gehe aus Österreich weg und nach Afrika oder so, in die Wüste. Also das war für mich nicht realistisch und ist auch in England nicht realistischer geworden. Das von der Staatsgründung haben wir schon mitgekriegt, aber ich war von Anfang an nicht der Meinung, dass das Probleme löst. Auch dadurch, dass ich ja eine Linke war und die arabischen Länder eher zu den Russen tendiert haben und Israel zu den Amerikanern. Und im Kalten Krieg war das ja etwas, was dauernd da war: entweder Russland oder Amerika, da war ja nichts dazwischen.

Hielten Sie die Staatsgründung für eine schlechte Idee?
Nein, ich dachte nur, dass es nichts bringt. Ich war zu keinem Zeitpunkt auch nur im Entferntesten der Meinung, dass man den Staat auflösen soll, zumal es ja jetzt diese tausenden oder hunderttausenden Leute gab, die dort Zuflucht gefunden hatten. Aber es ist wie im schönen alten Witz: „Wenn die Engländer schon den Juden ein Land geben, das nicht ihnen gehört, warum nicht die Schweiz?“ Weil die Tatsache, dass da vor zweitausend Jahren und so … das hat mich überhaupt nicht berührt. Dadurch, dass ich überhaupt nicht religiös erzogen wurde – wir waren Juden, jeder hat es gewusst, aber wir waren nicht religiös –, hat mir das nichts bedeutet und bedeutet mir auch bis heute nichts.

Waren Sie einmal in Israel?
Einmal. Die Reise hat mir mein Sohn zu meinem sechzigsten Geburtstag geschenkt, eine Rundreise mit einer Gruppe. Ich habe versucht, sehr unvoreingenommen zu sein, mir das einfach anzuschauen. Und viele Dinge haben mir sehr imponiert, sehr gut gefallen. Manche andere Dinge haben mich entsetzt und total abgestoßen. Aber es war ein fremdes Land. Ich habe zu keinem Zeitpunkt das Gefühl gehabt, hier gehöre ich her, hier könnte ich glücklich sein. Wir waren in einer Talmudschule, da drinnen waren also die Schüler und haben studiert, gebetet. Wir sind durch diesen Saal gegangen und ich habe mir gedacht: „Das kann nicht wahr sein. Da draußen scheint die Sonne, und die sind schwarz angezogen, alle bleich und beten da herum für nix und wieder nix.“ Ich habe mich geärgert! Also mich hat das total abgestoßen. Und meine Freundin war begeistert, richtig gerührt.

Viele Leute meinen, dass Jugendliche heute mit dem Lernen über den Nationalsozialismus zu sehr „überschüttet“ werden und deswegen in eine Art Abwehrhaltung gehen. Was sagen Sie dazu?
Ich würde es nicht in zu viel oder zu wenig einstufen, sondern in richtig oder falsch. Es gibt sicher Leute, die das sehr gut machen, die mit Jugendlichen gut können. Die von der Situation der Jugendlichen ausgehen, wenn sie über so etwas reden, zum Beispiel über ihr Leben, als sie in einen Kindertransport gesteckt wurden. Das finde ich wunderbar. Aber dann gibt’s Leute, die theoretisieren. Das bringt wahrscheinlich nichts, da klappen die Ohren zu.

Halten Sie das Verbotsgesetz (noch) für sinnvoll?
Natürlich, ja, absolut. Leider! Ich wünschte, es wäre obsolet.

Eine der Schmierereien, die vor einiger Zeit in Mauthausen entdeckt wurde, begann mit den Worten: „Was unseren Vätern der Jud, ist für uns die Moslembrut“. Sehen Sie Ähnlichkeiten zwischen dem Judenhass der Zwanziger- und Dreißigerjahre und dem heutigen Antiislamismus?
Nein, der Vergleich stimmt meines Erachtens nicht. Die Moslems sind Millionen und haben einen ganz anderen Background als die Juden. Sie haben die bessere Position.

Inwiefern? Die Juden konnten doch damals die Sprache, viele hatten gute Jobs, waren wohlhabend, während heute viele Muslime zur Unterschicht gehören.
Die Unterschicht werden sie bleiben, solange sie nicht ihre Kinder in die Schule schicken. Den wenigen, die studiert haben, geht es ja gut. Und bei den Juden sind die Professoren von irgendeinem Halbidioten geprügelt worden. Die Gefährdung ist schon anders – nicht angenehmer für den Einzelnen, aber anders.

Zum Abschluss noch ein ganz anderes Thema: Welche Bedeutung hatte die Frauenbewegung der Sechzigerjahre für Sie? Hatte sie konkrete Auswirkungen auf Ihr eigenes Leben?
Nein, gar nicht. Ich lebe allein, bin schon seit Jahren geschieden und mich persönlich hat das nicht betroffen. Aber ich war ein absoluter Fan von der Johanna Dohnal. Ich finde die bis heute phantastisch – dass sie vieles durchgesetzt hat, gegen verkrustete Ansichten auch in ihrer Partei. Und diese Idee mit halbe-halbe hat schon eine nachhaltige Wirkung gehabt. Das gefällt mir gut, wenn ich heute auf der Straße junge Männer sehe, die Kinderwagen schieben. Mir hat auch die Emma-Herausgeberin, die Alice Schwarzer, sehr gut gefallen. Aber manche der so genannten Emanzen sind mir maßlos auf die Nerven gegangen. Ich erinnere mich an eine Diskussion im Fernsehen mit einer von den Wiener Grünen, und da gab es eine Frage zur Umweltverschmutzung. Und die hat gesagt: „Man braucht doch nicht ununterbrochen Wäsche waschen. Früher hat man auch nicht ununterbrochen die Wäsche gewaschen.“ Und dann ist die Kamera boshafterweise auf sie gegangen und sie hat wirklich einen total verdreckten Pullover angehabt.

Hansi (Johanna) Tausig
wurde 1920 in Wien geboren. 1938 emigrierte sie nach London, wo sie als Haushaltsgehilfin und Fabrikarbeiterin tätig war. Im März 1946 kehrte sie nach Wien zurück. Sie arbeitete in der Jugendsektion der Österreich-Sowjetischen Gesellschaft, in einem KPÖ-Bezirkssekretariat und als Angestellte in einer Spedition. Sie ist geschieden, hat einen Sohn, einen Enkel und einen Urenkel.

NU 2/2010

Von fremden Ländern, enttäuschten Erwartungen und offenen Mistkübeln