“He, wir wurden nicht einmal gefragt!”

Sitzen hier zukünftige Kanzlerinnen und Minister? Fünf Jungpolitiker debattieren über Hoffnungen und Enttäuschungen in ihrem ersten Jahr als Volksvertreter

Herzliche Begrüßungen, Umarmungen mit Schulterklopfen, Scherze: Wenn die jüngsten Abgeordneten des Parlaments aufeinandertreffen, herrscht eine lockere Atmosphäre.

Noch nie in der österreichischen Geschichte gab es so viele Volksvertreter unter 30 wie heute. Acht sind es, fast alle sitzen erst seit Herbst im Nationalrat. Zum Ende ihres ersten Parlamentsjahres bat der Falter die jüngsten Neo-Abgeordneten von fünf Parteien (beim Team Stronach ist niemand unter 30) zum Gespräch über Ideale, Ernüchterungen und die alltägliche Arbeit im Parlament: Daniela Holzinger (26, SPÖ), Asdin El Habbassi (27, ÖVP), Petra Steger (26, FPÖ), Julian Schmid (25, Grüne) und Nikolaus Scherak (27, Neos).

Was haben Sie im letzten Dreivierteljahr über die österreichische Politik gelernt?

Julian Schmid: Als ich da reingegangen bin, hat alles so riesig gewirkt. Dieses Parlament hatte für mich einen unglaublichen Zauber. Ich habe mich oft gefragt: Bin ich dem gewachsen? Bei der ersten Rede sitzen da alle, Faymann und Spindelegger und Strache, und schauen dich an aus drei Metern Entfernung. Da bin ich mördernervös geworden. Inzwischen ist mir klar geworden: Es kochen alle nur mit Wasser, und deshalb kannst du unglaublich viel verändern. Nichts ist in Stein gemeißelt.

Petra Steger: In den Ausschüssen, die ja nicht öffentlich sind, werden Oppositionsanträge immer vertagt. Das stört mich. Ein Antrag nach dem anderen wird schubladisiert, kommt nicht zur Abstimmung. Und dann muss man sich als Opposition vorwerfen lassen, nicht inhaltlich zu arbeiten.

Daniela Holzinger: Meine Vorstellung war, dass man sich bei jedem Thema vorab informieren und diskutieren kann. Aber in der ersten Sitzung war da auf einmal ein Entschließungsantrag der Opposition auf sofortige Inflationsanpassung der Familienbeihilfe. Da ist mir zum ersten Mal geschossen, was Entschließungsantrag heißt: nämlich, dass ich während der Rede den Antrag herausnehme, ihn der Präsidentin hinaufgebe, und eine Viertelstunde später wird schon abgestimmt. Du hast keine Chance, mit den eigenen Leuten zu diskutieren, Mehrheitsfindung zu betreiben – und am nächsten Tag steht in der Zeitung, die Regierung hat das und das abgelehnt. Manche Anträge entsprechen zu 100 Prozent unseren Zielen, nur sind sie nicht mit dem Koalitionspartner abgestimmt, deshalb musst du sie ablehnen.

Nikolaus Scherak: Ich finde es auch nicht sinnvoll, in 15 Minuten entscheiden zu müssen. Aber die Anträge sind ja oft vorher schon im Ausschuss. Das Problem ist: Dort werden sie vertagt, dadurch kommen sie nicht ins Plenum. Also probieren wir’s noch einmal direkt im Plenum.

Asdin El Habbassi: Positiv überrascht hat mich, dass im Ausschuss sehr konstruktiv diskutiert wird. Was Vertagungen angeht: Wir hatten letztens im Unterrichtsausschuss eine Petition aus dem Jahre 2009, glaube ich…

Holzinger: 2008.

El Habbassi: … 2008. So viel dazu, wie lang etwas dauern kann. Und andererseits geht es manchmal extrem schnell, das ist freaky. Es kann passieren, dass man in der Sitzung auf ORF.at über einen Antrag liest, von dem man selber noch nie gehört hat. Da haben ÖGB-Kreise einen Steuerreformvorschlag medial lanciert, bevor er überhaupt diskutiert, geschweige denn abgestimmt wurde. Dann haben sich die Parteien kurzfristig während der Plenarsitzung geeinigt und das beschlossen. Es gibt so “U-Boot-Geschichten”, da wird ein Überthema diskutiert und abgestimmt – und in Wahrheit wissen einzelne Leute, was gemeint ist, und das wird in letzter Minute noch vervollständigt.

Wie sehr fühlt man sich da überhaupt ernstgenommen als Abgeordneter?

Holzinger: Ich bin auch als Gemeinderätin in meiner Heimatgemeinde aktiv. Dort haben wir vor der Gemeinderatssitzung Fraktionssitzung und besprechen alles durch. Das dauert zwei, drei Stunden, fast gleich lang wie die Gemeinderatssitzung. Vor Nationalratssitzungen, die viel länger gehen, dauern unsere Klubsitzungen auch nur zwei Stunden. Das zeigt, wie intensiv Dinge diskutiert werden.

Schmid: Bei uns sind’s sechs, sieben Stunden.

Holzinger: Echt? Bei uns ist man eigentlich nur damit beschäftigt, die Protokolle aus den Ausschüssen vorzulesen. Wenn du anderer Meinung bist, ist es in der Klubsitzung schon zu spät, um zu reagieren. Beim Untersuchungsausschuss (Holzinger stimmte als einzige Abgeordnete der Regierungsparteien für einen U-Ausschuss zur Hypo Alpe Adria, Anm.) ist schon im Radio gerannt, dass beide Regierungsparteien dagegen sind, als ich gerade erst auf dem Weg nach Wien war. He, wir wurden nicht einmal gefragt!

Schmid: Schlussendlich wurdest du gefragt. Im Plenum ist ja jede und jeder Abgeordnete für sich selber verantwortlich. Ich finde, du bist ein großartiges Beispiel für den österreichischen Parlamentarismus, weil dir der Untersuchungsausschuss wichtiger war als der Klubzwang.

Steger: Es wurde schon 20 Mal ein Untersuchungsausschuss beantragt, warum bist du einmal aufgestanden und sonst nicht?

Holzinger: 21 Anträge waren es bisher, und 20 Mal habe ich aus Protest den Plenarsaal verlassen. Vor dem ersten Antrag haben wir intern eben nicht diskutiert, deswegen habe ich für den U-Ausschuss gestimmt. Danach gab es im Klub wegen meines Abstimmungsverhaltens eine intensive Diskussion und eine Abstimmung. Die ist 51 zu eins ausgegangen, ich bin unterlegen – und so demokratisch bin ich, dass ich mich an dieses Ergebnis halte und im Plenum nicht gegen die eigenen Leute stimme, sondern den Saal verlasse. Aber ich werde niemals einen Untersuchungsausschuss ablehnen.

El Habbassi: Ich finde es unfair, wie du gegen die eigenen Leute ausgespielt wirst. Mein Zugang ist: Ein Protest innerhalb des Klubs bewirkt mehr als Protestmaßnahmen, die nach außen wahrgenommen werden. Viele Leute erwarten, dass man im Plenum ausschert, auch wenn die interne Abstimmung ganz klar ausgegangen ist. Das heißt aber, dass man sich auf lange Zeit isoliert und deswegen in vielen wichtigen sachlichen Punkten nichts mehr voranbringen kann. Die symbolischen Proteste, die sich manche von uns wünschen, helfen oft in der Sache nicht weiter.

Steger: Niemand kritisiert, dass die Parteien intern Mehrheiten suchen und dann geschlossen abstimmen. Das läuft ja bei uns genauso ab. Aber der Unterschied zwischen Regierung und Parlament, also zwischen Verwaltung und Gesetzgebung, ist oft nicht mehr zu sehen. Das irritiert mich. Die Aufgabe der Abgeordneten ist die Kontrolle der Regierung. Sie sollten hinterfragen und auch gegen den eigenen Minister stimmen, wenn sie nicht seiner Meinung sind. Aber die Abgeordneten der Regierungsparteien sind die Abstimmungsmaschinerie der Regierung.

Schmid: Meine Vision ist ein Parlament mit 183 eigenständigen Abgeordneten, die natürlich von Parteien und Bewegungen kommen, aber ihren eigenen Kopf haben und ihrem eigenen Gewissen folgen. Dazu braucht es auch Strukturen, in denen du frei arbeiten kannst. Wir Jungen müssen zeigen, wie man auf eine neue Art Politik macht. Wir sind ein Keim im Parlament.

Scherak: Es ist ja logisch, dass ich nicht zu allem eine Meinung haben kann und dass dann oft der gesamte Klub gleich abstimmt. Auch bei den Neos sind, soweit ich mich erinnere, nur bei drei Abstimmungen Leute ausgeschert. Aber das Wesentliche ist: Ich habe nur ein einziges Mal eine längere inhaltliche Diskussion im Ausschuss erlebt. Das war im Wissenschaftsausschuss zum Hochschülerschaftsgesetz, das dann in einem De-facto-Allparteienantrag geändert wurde. Dieser ernsthafte Austausch fehlt in der Regel. Der muss kommen, dann kann es auch emanzipierte Abgeordnete geben.

El Habbassi: Da kommen wir zu dieser Riesendebatte über unser Budget für parlamentarische Mitarbeiter. Zu komplexen Themen eigenständig und unabhängig Dinge erarbeiten, hinterfragen, Studien durchackern – das schaffen wir nicht alleine. Die Emanzipation scheitert daran, dass wir derzeit oft auf die Expertise aus dem Klub, den Parteien oder nahestehenden Organisationen angewiesen sind.

Holzinger: Zum Thema Kritik intern anbringen: Als bei der Bildung gespart werden sollte, habe ich den Kollegen gesagt, dass ich dagegen bin. Aber da hat sich nichts getan. Also suchst du dir Verbündete und gehst in die Medien. Julian und ich haben damals gemeinsam vor dem Bildungsministerium demonstriert. Das hat bewirkt, dass zumindest die Sparmaßnahmen in der Klasse zurückgenommen wurden.

Schmid: Das war eine super gemeinsame Initiative. Ich hoffe, wir schaffen so etwas noch viel öfter.

Steger: Wir sollten diese parteiübergreifende Jugendachse noch stärker ausbauen und ein ressortübergreifendes Jugendkonzept entwickeln.

Frau Holzinger, haben Sie im Klub Ärger bekommen für Ihr Ausscheren beim U-Ausschuss und bei der Bildung?

Holzinger: Es gab einen Fall, wo ich mich im Ausschuss besonders für ein Thema eingesetzt habe, dann aber im Plenum nicht dazu reden durfte. Ich habe gefragt, warum. Und da habe ich gemerkt: Es spielt schon mit rein, ob du auf Linie bist oder nicht. Das kriegst du zu spüren.

Woran sind Sie in diesem Jahr gescheitert?

Steger: Mit der Durchsetzung von vielen Anträgen in den Ausschüssen, weil die Regierung die zu 99 Prozent schubladisiert oder ablehnt.

Schmid: Am Untersuchungsausschuss. Man muss sich das vorstellen: 21 Mal stehen wir da drinnen auf, und nie kommt eine Mehrheit zustande, wenn es darum geht, den größten Korruptionsskandal der Zweiten Republik aufzuklären. Das fühlt sich echt scheiße an.

Scherak: An einem Mammutprojekt: dass in den Ausschüssen die Argumente gehört werden.

Schmid: Wenn Anträge in den Ausschüssen vertagt werden, verfallen sie am Ende der Periode. In der letzten Periode sind 7000 Anträge der Opposition liegengeblieben. Keiner kann mir erzählen, dass da kein gescheiter dabei war. Mein Ziel ist, dass ich am Ende dieser Periode im Plenum Überraschungen erlebe. Dass ich einmal dasitze und denke: Bumm, ich hätte nicht gedacht, dass dieser Antrag durchgeht.

Steger: Ich möchte nicht anhand des Namens des Antragstellers wissen, wie die Abstimmung ausgeht.

Wie hat das Parlament Sie verändert?

Scherak: Ich arbeite noch mehr als vorher und habe noch tiefere Augenringe. Aber ich bin noch die gleiche Person. Die Verantwortung ist halt größer geworden. Sich dieser Verantwortung immer bewusst zu bleiben, ist schwierig, wenn man meistens eh im Voraus weiß, wie die Abstimmungen ausgehen.

Steger: Mit jeder neuen Aufgabe wächst man und wird reifer. Man kann selber immer schwer sagen, was sich konkret verändert hat – aber ich merke in den Ausschüssen, dass jeder von uns inhaltlich sicherer wird, selbstbewusster, sich mehr traut.

Schmid: Mir ist es total wichtig, den Freundeskreis von früher zu halten. Und ich bin viel unter jungen Leuten unterwegs, weil ich mitkriegen will, was gerade los ist, und mich nicht zu sehr an diese Oldschool-Politik anpassen will.

Holzinger: Beim Reden vor Leuten kehrt Routine ein. Ich muss nicht mehr vorher weiß Gott wie lange recherchieren und trage nicht mehr wie bei einem Referat vor, sondern ich weiß Dinge einfach und spreche aus der alltäglichen Arbeit. Dazu kommt: Je mehr du in der Öffentlichkeit bist, desto mehr musst du auf jedes Wort aufpassen.

Wie äußert sich das?

Holzinger: Wenn ich früher ein Facebook-Posting gemacht hab, war das wurscht. Jetzt steht es am nächsten Tag in der Zeitung. Man ist nicht mehr so frei in dem, was man macht. Dadurch überlegt man sich Sachen aber auch intensiver und macht gezielt Aktionen. Ein weiterer Punkt: Man spürt die Verantwortung. Als Bezirkskandidatin hast du eine sehr enge Bindung zu den Mitgliedern. Du kriegst immer wieder die Rückmeldung: Passt das für sie, wie du arbeitest? Manche Themen sind mir persönlich sehr wichtig, aber den Leuten in meinem Bezirk überhaupt nicht, dann muss ich auch einmal zurückstecken.

Scherak: Ich fühle mich zum Glück noch genauso frei wie früher – auch in dem, wie ich Dinge sage und auf Facebook poste. Aber geduldiger bin ich geworden. Man merkt, wie langsam Mühlen mahlen können.

Schmid: Zu gemütlich darfst du nicht werden. Wir müssen ungeduldig bleiben, es muss alles schneller gehen.

Scherak: Eh, aber verhandle einmal die U-Ausschuss-Verfahrensordnung, dann wirst du geduldiger.

El Habbassi: Bei mir ist es auch ein gewisser Pragmatismus. Du lernst, dass du deine Schritte langsamer setzen musst, um etwas zu verändern. Bei Dingen wie den Vertagungen habe ich einerseits den Ansporn, weiterzukämpfen, andererseits aber auch die Gelassenheit, mich nicht mehr über jeden Fall so massiv zu ärgern. Einfach für die Psychohygiene. Und ich habe gelernt, extrem wachsam zu sein. Was steckt hinter einer Journalistenfrage, einem Antrag, einer Wortmeldung? Man muss überall mit allen möglichen Dingen rechnen. Es ist schwierig, dabei den natürlichen, lockeren, fröhlichen Zugang nicht zu verlieren.

Was war der größte Fehler, den Sie in diesem Jahr gemacht haben?

Holzinger: Im Koalitionsabkommen steht der Passus, dass es zu Neuwahlen kommt, wenn man sich gegenseitig überstimmt und deswegen ein Antrag der Opposition durchgeht. Aber warum müssen ÖVP und SPÖ immer derselben Meinung sein? In manchen Punkten kann man Mehrheiten anders finden, also lassen wir bitte das freie Spiel der Kräfte zu. Mein größter Fehler war, dass wir Jungen nicht gefordert haben, dass dieser Passus wegkommt.

El Habbassi: Da bin ich vielleicht sogar dabei. Ich glaube –

Holzinger: Sag den Satz noch einmal. Ich hätte ihn gern konkret.

El Habbassi: Ich halte es für einen generellen Fehler, dass dieser Passus drinnen ist, und für meinen persönlichen Fehler, dass ich ihn vorher gar nicht gelesen habe. Das gebe ich zu. Der Klubzwang ist für mich keine Größe – aber wenn ich wegen jeder Kleinigkeit die Regierung gefährde, dann wird die Arbeit als Abgeordneter wirklich schwierig.

Holzinger: Als ich beim Oppositionsantrag aufgestanden bin, hat von eurer Seite einer herübergeschrien: “Das ist Koalitionsbruch!”

Zum Abschluss: Was ist der schrägste oder interessanteste Ort im Parlament?

El Habbassi: Der Fitnessraum. Weil keiner weiß, dass es so etwas gibt.

Scherak: Der historische Sitzungssaal, weil es einfach Wahnsinn ist, was da alles passiert ist.

Steger: Die alten Telefonzellen hinter dem Plenarsaal, wo man sich auf den Boden draufstellt und dann geht das Licht an. Und dann ist so ein altes Wählscheibentelefon drinnen.

Schmid: Und das Telefonbuch ist von 1995. Die Rohrpost finde ich auch genial.

Holzinger: Die Säulenhalle, weil man da merkt, wie klein man ist.

Und das aussagekräftigste Wort, das Sie im letzten Jahr gelernt haben?

El Habbassi: Situationselastisch.

Steger: Stimmt.

Schmid: Ja.

Holzinger: Wir einigen uns darauf.

Falter, 16.7.2014

Genau ein Jahr vor diesem Gespräch habe ich für den Falter sechs junge Nationalratskandidaten porträtiert, sie nach ihren Zielen, Hoffnungen und Ängsten befragt. Daniela Holzinger, Asdin El Habbassi und Julian Schmid waren damals schon dabei. Den Text gibt es hier nachzulesen

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“He, wir wurden nicht einmal gefragt!”

Österreicher im Syrien-Konflikt: Heirat, Kampf und Nasenbohren

Es war eine wilde Mischung aus wienerischer Teenagersprache mit bosnischen Einsprengseln und religiösen arabischen Formeln, in der die beiden Mädchen auf dem Internetportal ask.fm kommunizierten. Letzte Woche sollen die bosnischstämmigen Wienerinnen Samra, 16, und Sabina, 15, ihren Eltern Abschiedsbriefe hinterlassen haben (“Wir gehen nach Syrien, kämpfen für den Islam”) und in die Türkei geflogen sein. Seither wird nach ihnen gesucht. Auf ask.fm posteten sie – oder wer immer sich als sie ausgab – Fotos von Waffen und fanatische Parolen und erklärten, sie hätten geheiratet. Inzwischen wurde das Profil deaktiviert.

Eine hohe zweistellige Zahl an Österreichern soll in den letzten Jahren zum Kämpfen nach Syrien gegangen sein, meist junge Männer. “Mit Fortdauer des Konflikts steigt die Wahrscheinlichkeit, dass jemand die Schwelle überschreitet und tatsächlich hinfliegt”, sagt Karl-Heinz Grundböck, Sprecher des Innenministeriums. Das Ministerium will noch dieses Jahr eine Anlaufstelle für Angehörige einrichten, für Familien wie die von Samra und Sabina. Noch ist aber unklar, wo die Stelle angesiedelt sein soll. “Das Um und Auf ist Glaubwürdigkeit”, warnt Tarafa Baghajati von der Islamischen Religionsgemeinschaft Wien: Eine Anlaufstelle bei der Polizei sei sinnlos.

Baghajati kennt viele Geschichten wie die von Samra und Sabina. Viele Betroffene seien Tschetschenen, die in Syrien einen Stellvertreterkrieg gegen Russland führten, sagt er; bosnischstämmige Kämpfer seien untypisch.

Dass die beiden Mädchen laut Medienberichten vor ihrer Abreise nie als religiös aufgefallen sind, dass sie sich westlich gekleidet und Beziehungen gehabt haben sollen, überrascht Baghajati hingegen nicht: Vor allem leicht beeinflussbare Persönlichkeiten, die kaum etwas über Religion, Sprache und Kultur wüssten, fühlten sich von extremistischen Gruppen angezogen. “Halbwegs psychisch stabile Leute über 30 lassen sich kaum mehr rekrutieren. Es ist also eine Überlebensstrategie dieser Gruppen, immer jüngere Menschen anzusprechen.” Das werde sich nicht ändern, solange der Syrien-Konflikt nicht gelöst sei.

Baghajati plädiert daher dafür, Jugendliche wie Samra und Sabina nicht zu kriminalisieren. “Sie brauchen eine Diskussion”, sagt er, “und zwar nicht nur aus der Antiterror-, sondern auch aus der islamischen Perspektive.”

Eine kleine Beruhigung hat Baghajati immerhin für die Familien von Samra und Sabina: “Kein Mensch braucht Jugendliche im Kampfgebiet. Wahrscheinlich sitzen sie nahe der Grenze auf türkischem Gebiet und bohren in der Nase.”

Falter, 23.4.2014

Österreicher im Syrien-Konflikt: Heirat, Kampf und Nasenbohren

Jung und resigniert

Ungarns Jugendliche sind deprimiert. Die meisten werden am Sonntag nicht zur Wahl gehen. Sie stimmen lieber mit den Füßen ab – und wandern aus

Bericht: Ruth Eisenreich, Elisabeth Gamperl

“Vaterlandsverräter”, sagte die Tante zu Sebastian. Sie saßen am Esstisch, eine Familienfeier, gerade hatte der blonde Skandinavistik-Student mit der eckigen Brille von seinen Zukunftsplänen erzählt. Er wolle nach Dänemark gehen, wo seine Freundin schon lebte, sagte der 19-Jährige. Der erhoffte Zuspruch seiner Verwandten blieb aus. “Du wirst es dort so gut haben, dass du nie wieder in deine süße Heimat Ungarn zurückkehrst”, sagte die Tante. Wenn sich Sebastian, Sohn eines Deutschen und einer Ungarin, daran zurückerinnert, beginnt er wild zu gestikulieren, seine Stimme wird energischer. “Was soll ich denn tun? In Ungarn fehlt die Perspektive.”

Es ist ein Satz, den so oder ähnlich sehr viele junge Ungarn sagen. Sie sind frustriert und verärgert, so wie viele junge Menschen auf der ganzen Welt, aber so etwas wie ein “Occupy Budapest” oder ein “Ungarischer Frühling” ist weit und breit nicht in Sicht. Denn die Resignation der hiesigen Jugend, das Gefühl, sowieso nichts ändern zu können, geht tiefer. Ihre Ratlosigkeit ist so groß, dass ihr echter Protest nicht in den Sinn kommt.

Die Jobaussichten für junge Menschen in Ungarn sind schlecht, die Löhne niedrig, das Leben teuer. Knapp 30 Prozent der 15- bis 24-Jährigen sind laut Eurostat ohne Job. In Deutschland sind
es lediglich acht Prozent. Schuld an der Misere seien die vergangenen vier Jahre, sagt Sebastian, die Regierungszeit der nationalkonservativen Partei Fidesz unter Ministerpräsident Viktor Orbán. “Ungarn bewegt sich rückwärts”, sagt Sebastian. Die Regierungspartei habe den Staat sukzessive umgebaut: Orbán schränkte unter anderem mit einem neuen Mediengesetz die Pressefreiheit ein, verstaatlichte die privaten Pensionskassen, entmachtete das Verfassungsgericht.

Am Sonntag sind wieder Parlamentswahlen in Ungarn, allen Umfragen zufolge wird Fidesz erneut haushoch mit Zweidrittelmehrheit siegen, und Sebastian darf zum ersten Mal über die Zukunft seines Landes mitentscheiden. Aber welche Partei er wählen wird, weiß er auch
kurz vor der Wahl noch immer nicht.

Unter jungen Wählern liegt er damit im Trend, das ist jedenfalls der Eindruck, den man bekommt, wenn man sich in der Vorwahlzeit etwa an der geisteswissenschaftlichen Fakultät der
Budapester Eötvös-Loránd-Universität umhört. Bei den beiden Spanisch-Studenten Blanka und Richard etwa, die an einem warmen Frühlingstag Ende März auf einer Holzbank am Campus im Zentrum der Hauptstadt sitzen. Auch sie sind noch völlig unentschlossen. Richard, 22, millimeterkurze Haare, knallblauer Kapuzenpullover mit Uni-Logo, bezeichnet sich selbst als “ein bisschen einen Nationalisten” und hat 2010 konsequenterweise die rechtsextreme, antisemitische und romafeindliche Partei Jobbik gewählt, die damals mit 17 Prozent der Stimmen erstmals ins Parlament einzog. Sie ist, unabhängig von der Bildungsschicht, besonders unter jungen Menschen beliebt, jeder dritte Student soll Jobbik wählen.

“Die Jungen haben die Schwierigkeiten der Eltern nach der Wende mitbekommen, deren Verunsicherung übernommen und ziehen jetzt radikale Schlussfolgerungen”, sagt der Osteuropa-Experte Dieter Segert von der Universität Wien.

Die geisteswissenschaftliche Fakultät steht beispielhaft für diese Tendenz, sie hat damit im vergangenen Jahr gleich zweimal unrühmliche internationale Schlagzeilen gemacht: Zuerst im Februar, als bekannt wurde, dass die dortige Hochschülerschaft jahrelang Listen von Studienanfängern geführt und um Kommentare wie “hat einen hässlichen Judenkopf” ergänzt hatte; dann im April, als an den Bürotüren mehrerer Professoren Sticker mit der Aufschrift “Juden, die Universität gehört uns, nicht euch” auftauchten. Eine der Betroffenen war die international bekannte Philosophin und Holocaust-Überlebende Ágnes Heller.

Der Spanisch-Student Richard ist enttäuscht von Jobbik, aber nicht etwa wegen der antisemitischen Ausfälle. “Ich habe ein paar Jobbik-Aktivisten in den Vorlesungen kennengelernt. Ich bezweifle, dass sie gute Politiker wären”, sagt er. Am Sonntag wird er wohl zu Hause bleiben, denn mit den anderen Parteien – mit den Sozialisten, die Richards nostalgische Großeltern wählen, und mit Fidesz, der Partei seiner Eltern – kann er noch weniger anfangen: “Außer Jobbik gibt es für die Jungen nichts”.

“Vielleicht noch die Grünen?”, wirft seine Studienkollegin Blanka ein. Kurz vor ihrer ersten Wahl ist auch die 19-Jährige mit dem rosa Kapuzenpulli und der riesigen Sonnenbrille noch unentschlossen, sie schwankt zwischen den Grünen und den Rechtsextremen. Die beiden Parteien haben nur eines gemein: Beide sind erst seit vier Jahren im Parlament, hatten noch nie Regierungsverantwortung und somit noch keine Chance, die Ungarn zu enttäuschen. Da ist es offenbar, was Blanka anspricht: Echte Verbesserungen für das Land traut sie sowieso keiner Partei zu.

So wie Blanka, Richard und Sebastian geht es vielen jungen Menschen in Ungarn. Die derzeitige Lage ihres Landes gefällt ihnen nicht, die Richtung, die es einschlägt, auch nicht. Aber sich politisch zu engagieren kommt ihnen ebensowenig in den Sinn wie aktiver Protest – “seit Orbán an der Macht ist, ist die Lage aussichtslos”, formuliert es Sebastian. Stattdessen stimmen sie mit ihren Füßen ab. Nach ihrem Studium wollen alle drei ins Ausland gehen, wie auch die meisten ihrer Freunde und Kommilitonen.

Die Regierung versucht, das zu verhindern: Wer heute auf eine ungarische Uni will, muss sich verpflichten, nach dem Abschluss doppelt so lange im Land zu arbeiten, wie er studiert hat. Den Statistiken zufolge funktioniert das nur begrenzt. Alleine in Deutschland leben heute rund 54.500 Ungarn, die Zuwanderung stieg seit 2011 um 31 Prozent. Auch Sebastian wird sich von der Strategie der Regierung ebensowenig abhalten lassen wie vom Verräter-Vorwurf seiner Tante: Die Bewerbung für seine dänische Wunsch-Uni ist schon abgeschickt.

Erschienen am 5.4.2014 auf Zeit Online sowie in leicht veränderter Form am 10.4.2014 in der Furche

Jung und resigniert

Bravo stirbt

Nach 45 Jahren wird der Rennbahn-Express eingestellt. Die Medienkrise trifft Teeniemagazine noch stärker als andere Zeitschriften. Ein Nachruf

Die “Bravo Hits” gibt es heute auch auf iTunes, und die Heftbeilage ist keine Halskette, sondern ein Handyanhänger. Sonst hat sich wenig verändert: Klatsch und Tratsch über Stars, Kleidungstipps, Sexratschläge, Poster und eine Fotolovestory prägen das Teeniemagazin Bravo heute wie vor vielen Jahren.

Der größte Unterschied zwischen einem Bravo-Heft des 20. Jahrhunderts und einem von 2013 ist die Leserzahl. Von 1978 bis 1998 kaufte über eine Million Jugendliche regelmäßig das Bravo, im Jahr 1991 war mit durchschnittlich 1,49 Millionen verkauften Exemplaren der Höhepunkt erreicht. Heute wollen nur noch 246.000 Teenager die Tipps der Sexberater vom Dr.-Sommer-Team lesen und mit den Protagonisten der Fotolovestorys mitfiebern – das ist nur mehr ein Sechstel.

Nicht nur das Bravo schwächelt: Popcorn hat in den vergangenen 15 Jahren 68 Prozent seiner Leser verloren, Mädchen 72 Prozent, Bravo Girl 85 Prozent. Für das österreichische Pendant zu Bravo, den Xpress – früher Rennbahn-Express – gibt es keine gesicherten Zahlen. Aber der News Verlag, der das Heft herausgibt, nennt für 2012 eine Druckauflage von 80.000, für 2013 nur noch eine von 60.000 Stück. Es ist also anzunehmen, dass der Xpress ebenso dramatisch Leser verloren hat wie die deutschen Magazine. Im Mai verkündete der News Verlag nun nach 45 Jahren die Einstellung der Zeitschrift. Die aktuelle Ausgabe mit den Titelgeschichten “Ke$ha’s Crazy Life“, “Die Zukunft der Miley Cyrus“ und “Songraub! So tickt das Musikbiz“ ist die letzte, in Zukunft wird es den Xpress nur noch online geben.

Der Xpress ist nicht die erste Zeitschrift, deren Printausgabe eingestellt wird – seit Anfang des Jahres erscheint etwa das amerikanische Nachrichtenmagazin Newsweek nur noch online. Doch Special-Interest-Magazine, die auf ganz spezifische Lesergruppen abzielen, gelten als jene Medien, die am besten durch die Krise kommen. Nur die Teeniemagazine scheinen da eine Ausnahme zu bilden.

Dass junge Menschen heute weniger lesen als früher, ist ein Grund für die Medienkrise. Die Teeniemagazine trifft das noch stärker als andere Zeitschriften: Ihre Zielgruppe ist die erste Generation, die sich nicht mehr an eine Zeit ohne Internet erinnern kann. Die heute 13-Jährigen hätten mit Facebook, Twitter und SchülerVZ lesen lernen können, auch Youtube existierte schon, als sie in die Volksschule kamen.

“Mit der Verlagerung unserer Aktivitäten vom Print-Xpress auf die digitale Plattform xpress.at tragen wir dem geänderten Mediennutzungsverhalten unserer jüngsten Zielgruppe Rechnung“, begründete Herausgeber Axel Bogocz die Einstellung des Magazins: “Österreichs Jugendliche sind heute mobiler denn je – immer dabei sind Smartphone, iPad oder Laptop. Das sind die Plattformen, auf denen sie zukünftig Xpress digital begegnen werden.“ Aber wollen die Teenies das überhaupt?

“Figur-Fight! Krasser Body-Neid in Hollywood! So kämpfen die Stars um die beste Bikini-Figur“ können sie im aktuellen Bravo lesen. “Sexy Beach-Wear für Girls & Boys“. “Test: Wo triffst du deinen Sommer-Flirt?“. “Fotolovestory: Ein Kickflip in die Liebe“. “Madonnas Tochter Lourdes: Sex-Verbot von Mama! Macht ihr Freund jetzt Schluss?“. Ein knallbuntes, kleinteiliges Layout, viele Fotos – gern mit Pfeilen versehen -, viele Rufzeichen, eine Jugendsprache voll englischer Einsprengsel. Promis werden mit Vornamen vorgestellt, ihre Probleme mit denen der Leser verglichen:

“‚Ey, was willst du nur von dem? Entweder er oder ich!‘ Sätze, die du garantiert NIEMALS von deiner besten Freundin über deinen Freund hören willst. Denn wenn die BFF (Best Friend Forever, Anm.) deinen Schatz doof findet – das ist echt ’ne Kack-Situation. Und genau in der steckt gerade Selena Gomez! Seit sechs Wochen ist die 20-Jährige wieder mit Super-Sänger Justin Bieber zusammen. Doch ein Girl scheint von diesem Liebes-Comeback richtig angepisst zu sein: Sels BFF Taylor Swift!“

Die Jugendlichen haben nicht nur das Interesse an Gedrucktem, sondern auch an solchen Geschichten verloren. Die Teenies seien nicht einfach von Print- auf Onlinemagazine umgestiegen, auf bravo.de oder xpress.at, sondern auf ganz andere Kanäle, sagt der Lehrer und Buchautor Nikolaus Glattauer: “Meine Schüler sind bei jeder Gelegenheit auf Facebook, der Rennbahn-Express ist für sie kein Thema.“ Bei der Media-Analyse 2012 gaben 80 Prozent der 14- bis 19-Jährigen an, Chats und Foren zu nützen, zwei Drittel sehen sich Videoclips an und die Hälfte lädt eigene Texte oder Fotos hoch – jeweils der höchste Wert unter allen Altersgruppen. Hingegen lesen nur 34 Prozent aktuelle Nachrichten online, und nur 28 Prozent greifen auf Zeitungs- oder Zeitschrifteninhalte zu – deutlich weniger als in der Altersgruppe zwischen 20 und 49.

Facebook, Twitter, Youtube und Youporn übernehmen die Funktionen, die früher Bravo oder Rennbahn-Express erfüllten. Um Neuigkeiten über Stars und Sternchen zu erfahren, brauchen Jugendliche heute keine Zeitschriften mehr: Sie können direkt mit ihnen kommunizieren. Die auf dem letzten Xpress-Cover abgebildete Miley Cyrus hat auf Twitter zwölf Millionen Follower und auf Facebook 26 Millionen Likes, Teenieschwarm Justin Bieber kommt auf 40 Millionen Twitter- und 54 Millionen Facebook-Fans.

Und die Aufklärung? Millionen Teenies haben dank Dr. Sommer gelernt, dass man vom Küssen nicht schwanger wird, und heimlich vor dem Badezimmerspiegel ihren Körper mit dem der Nackten im Bravo verglichen. Heutige Jugendliche schauen stattdessen Youporn-Videos oder lesen japanische Manga-Comics, sagt Nikolaus Glattauer.

Die Doppelseiten mit den beiden per Selbstauslöser fotografierten Nackten – pro Ausgabe ein Mädchen und ein Bursche –, 16 Jahre lang eines der Markenzeichen von Bravo, sind Mitte 2011 verschwunden. Warum, das kann oder will Torsten Schulz, Sprecher des Bravo-Verlages Bauer Media, nicht verraten. Die Vermutung liegt nahe, dass heutige Teenager auf die Seiten nicht mehr angewiesen sind: Während früher viele Leser hier zum ersten Mal nackte Menschen sahen, sind heutige Teenies mit nackten Körpern vertraut.

(Anmerkung: Einige Zeit nach Erscheinen dieses Textes fiel mir eine zweite mögliche Erklärung für die Abschaffung der Nackten ein: Früher landeten die Fotos nach einer Woche im Altpapier und wurden vergessen. Möglicherweise ist inzwischen das Risiko zu groß geworden, dass die Nacktfotos der heute 16-Jährigen für immer im Internet kursieren).

Auch den Reiz des Verbotenen haben Bravo und Rennbahn-Express verloren: Während sich in den 1970er- oder 1980er-Jahren geborene frühere Leser erinnern, dass Pfarrer und Lehrer ihnen das Heft abnahmen oder die Eltern die Seite mit den Nackten herausrissen, würden sich manche heutige Eltern und Lehrer freuen, wenn sie ihre Kinder in ein Bravo vertieft fänden: “Meine Schüler lesen überhaupt nichts“, sagt Nikolaus Glattauer.

Dabei haben sich die Teeniehefte über die Jahre hinweg bemüht, ihre Leser nicht zu überfordern und sich der sinkenden Aufmerksamkeitsspanne anzupassen. Das Layout wurde bunter und kleinteiliger, die Covers überladener. Der Rennbahn-Express, 1968 vom heutigen Österreich-Herausgeber Wolfgang Fellner, seinem Bruder und einem Schulkollegen als Schülerzeitung gegründet, berichtete in seinen Anfangsjahren nicht nur über die Bee Gees, Rainhard Fendrich oder die Stones, sondern auch über Nazi-Prozesse, Zwentendorf, den Sturz des Schahs, den Tod Rudi Dutschkes und den Bürgerkrieg in Nicaragua. Im Laufe der Jahre verschwanden die politischen Berichte, dafür tauchten Fotolovestorys, Sexberatung, Liebeshoroskope und sogar Partnervermittlungsseiten (“Top-Singles zum Verlieben – mit Gratis-Flirt-Kupon“) auf.

Wie schlecht es um die Branche wirklich bestellt ist, lässt sich an der Reaktion der Verlage auf Interviewanfragen ablesen. Beim Xpress hat niemand Zeit für ein Interview, sowohl Chefredakteurin Anna Wagner als auch Herausgeber Axel Bogocz seien verreist. Und Bauer-Media-Sprecher Schulz lehnt die Bitte nach einem Gespräch mit Bravo-Chefredakteurin Nadine Nordmann oder der Geschäftsführung ab: Man gebe derzeit aus strategischen Gründen keine Interviews zur Lage von Bravo.

Falter, 12.6.2013

Bravo stirbt

Die rosa Antikapitalisten und ihre Feinde

Die Aufregung um das Café Rosa wirft Licht auf die Probleme der Österreichischen Hochschülerschaft

So viel Aufregung gibt es selten, wenn ein Café seine Öffnungszeiten ändert. Sämtliche großen Tageszeitungen und der ORF berichten, die FPÖ verfasst gar eigens eine leicht skurrile Presseaussendung.Was ist passiert? Die grün-rot-kommunistisch regierte ÖH Uni Wien hat 443.000 Euro – ein Viertel ihres Jahresbudgets – in ein Caféinvestiert, das sich nach weniger als einem Jahr als unwirtschaftlich erwiesen hat.Bei 91.000 Studenten der Uni Wien macht das knapp fünf Euro pro Student. Zum Vergleich: Im Jahresvoranschlag 2011/12 der Bundes-ÖH waren 272.000 für Tutorien und 239.000 Euro für die Unterstützung von Studierenden in finanziellen Notlagen eingeplant.

Die Ansprüche an das Café Rosa in der Währinger Straße, nur wenige Minuten von der Uni entfernt, waren hoch: Es sollte nicht nur ein Raum sein, in dem Studierende sich ohne Konsumzwang zu Referatsbesprechungen treffen können, sondern auch als Veranstaltungsort dienen, barrierefrei sein, billige und “ökologisch nachhaltig produzierte“ Speisen und günstigen Fair-Trade-Kaffee anbieten und den Mitarbeitern hohe Löhne zahlen.

Das klingt nach der Quadratur des Kreises, und wenig überraschend ist die der ÖH nicht gelungen. Anfang März wurde bekannt, dass das Café finanzielle Schwierigkeiten hat. Die Umsätze waren niedriger als geplant, unter anderem, weil eine Schanigarten- und eine Küchengenehmigung, mit der die ÖH gerechnet hatte, doch nicht erteilt wurden; dazu kamen unerwartete Ausgaben und Organisationsprobleme.

Das Café wird nun von ehrenamtlichen Mitarbeiten mit verkürzten Öffnungszeiten betrieben, in Zukunft soll es als Kooperation mit einem Gastronomen weitergeführt werden. Die ÖH soll dann inhaltlich mitreden können, sich aber nicht mehr um die Wirtschaftlichkeit des Cafés kümmern müssen, erklärt Jakob Zerbes, der in der ÖH Uni Wien für das Café Rosa zuständig ist. Wie genau diese Kooperation funktionieren soll, will man nicht erklären, “um die Verhandlungen nicht zu stören“. Es gäbe aber bereits mehrere Interessenten.

Dass das Café Rosa mit Rücklagen der ÖH Uni Wien unterstützt wurde, die sich durch Beiträge der Studenten – 16,50 Euro pro Semester – finanziert, hat für Ärger bei der Opposition gesorgt. “Vergeudet“ für “rot-grün-kommunistische Politpropaganda“ sei das Geld worden, kritisieren die ÖVP-nahe Aktionsgemeinschaft (AG) und der Ring Freiheitlicher Studenten (RFS), die ihre Prophezeiungen, das Café werde nicht funktionieren, erfüllt sehen.

Ein weiterer Kritikpunkt: Als Betreiber des Cafés Rosa fungiert der Verein zur Förderung der Emanzipation von Studierenden, den die ÖH Uni Wien eigens zu diesem Zweck gegründet hat – für Julia Kraus vom ÖH-Uni-Wien-Vorsitzteam aus politischen, juristischen und steuerrechtlichen Gründen die bestmögliche Konstruktion, für die AG eine “Verschleierungstaktik“.

Der RFS hat nun eine Anzeige wegen Untreue gegen zwei der Verantwortlichen eingebracht. Die ÖH Uni Wien versteht die Vorwürfe nicht: Man habe der Opposition mehrmals angeboten, dem Verein beizutreten und so Einblick in die Finanzen zu bekommen.

Die ÖH Uni Wien hat nun ihre Ausgaben für das Café Rosa offengelegt. 165.000 Euro zahlte sie für die Ablöse des Lokals inklusive Einrichtung, 80.000 Euro für den barrierefreien Umbau – für nachhaltige Investitionen also. 125.000 Euro wurden für Personalkosten, Wareneinkauf und Ähnliches ausgegeben, der Rest für Miete, Strom, Gas, Gebühren und Maklerprovision. Verloren sei das Geld nicht, sagt die ÖH, man wolle das Café ja weiterführen.

Mindestens ebenso sehr wie die finanziellen Probleme scheinen viele Kritiker jedoch die politischen Grundsätze des Cafés zu empören: Als “antisexistisch, progressiv, antirassistisch, antifaschistisch, antiklerikal, antiheteronormativ, antikapitalistisch“ definiert sich dieses unter anderem. Für AG, Junge Liberale und RFS von Anfang an ein Grund für Häme: Von “ideologischen Zugangsbeschränkungen für Besucher“ spricht die AG.

Die Affäre sagt daher nicht nur über die wirtschaftliche Kompetenz der linken ÖH-Wien-Exekutive einiges aus, sondern auch über die ideologischen Grabenkämpfe in der ÖH. Zwei Lager stehen sich hier gegenüber: Das eine sieht die ÖH als reine Serviceeinrichtung, das andere will auch – linke – Gesellschaftspolitik machen.

Die Fronten sind verhärtet, beide Seiten beschuldigen einander, ihre Arbeit nicht ernst zu nehmen. Die Grünen und Alternativen Studentinnen würden in den Sitzungen häkeln, heißt es; die AG-Mandatare würden währenddessen lautstark über das Aussehen der ÖH-Frauen diskutieren.

Die Probleme des Cafés Rosa sind nun Wasser auf die Mühlen derer, die die ÖH angesichts der Grabenkämpfe und niedrigen Wahlbeteiligungen immer schon als “Politkindergarten“ verhöhnen, ihre Verdienste ignorieren und eine Abschaffung der ÖH oder der verpflichtenden Mitgliedschaft verlangen. Die im europäischen Vergleich mächtige ÖH wird dadurch geschwächt. Das schadet allen Studenten.

Falter, 21.3.2012
Die rosa Antikapitalisten und ihre Feinde

The Year of Youth – did anyone notice?

The International Year of Youth has come to an end…but what did it achieve?

2011 was declared by the United Nations to be the International Year of Youth. Because the 12 months covered by the declaration didn’t exactly match a calendar year, the official events have already ended. So what actually happened during that year, to back up the declaration? Ruth Eisenreich has set out to find out.

SBS Radio World News, 14/09/2011

The Year of Youth – did anyone notice?