Eine Art Nachruf

„Ein Rotwein und ein Mineral von draußen, Herr Porgesz? Die Karte brauchen Sie nicht, oder?“ Nein, nicht nötig. Die Schrift der Speisekarte ist zu klein für Jancsi Porgesz, da hilft auch keine Brille mehr. Aber das Angebot des Restaurants am Stadtrand von Wien hat er sowieso im Kopf. Das Hirschragout bitte, aber mit Petersilkartoffeln statt Serviettenknödeln, mit viel Saft und extra Brot. Geduldig notiert der Kellner die Sonderwünsche des langjährigen Stammgastes. Beinahe fünfzig Jahre ist es her, dass Porgesz zum ersten Mal hier war. Äußerlich hat er sich wenig verändert: Anzug, Pullunder, Krawatte, damals wie heute. Nur die große, eckige Brille mit dem dunklen Rahmen, die seine Erscheinung so lange prägte, ist verschwunden, und die Geheimratsecken haben sich zu einer Halbglatze ausgedehnt. Nach dem Tod seiner Frau vor zehn Jahren kam Porgesz immer häufiger ins Restaurant, mittlerweile isst er täglich hier zu Mittag. Mit 91 Jahren sucht Porgesz keine Abwechslung mehr – davon hatte er in seinem Leben genug.

Als Kind begleitet Jancsi Porgesz seine Mutter beinahe täglich in die Konditorei in der Budapester Rákóczy út. Seine Familie beschäftigt ein Kindermädchen, eine Köchin und eine Haushälterin; zur Sommerfrische reist sie nach Reichenau. Mit 21 schläft Porgesz in Mosonmagyarovár an der österreichischen Grenze auf Stroh, drischt mit Holzknüppeln Leinen und isst dünne Gemüsesuppe: die ungarischen Juden müssen im Krieg Arbeitsdienst verrichten. Mit 24 liegt er wieder in einem richtigen Bett, muss es sich aber mit einem Zweiten teilen – mit einem Magendurchbruch ist er im Krankenhaus des Budapester Ghettos gelandet. Seine Mutter findet auf der Straße ein verendetes Pferd und pflegt Porgesz mit Pferdesuppe gesund.

Mit 29 ist Porgesz verheiratet, Vater einer Tochter und eines Sohnes, überzeugtes Mitglied der Kommunistischen Partei und Direktor einer Tabakfabrik in Budapest.

Mit 35 schlägt sich Jancsi Porgesz in Wien als Zeitungskolporteur und Nachtwächter durch. An einem Novembertag während des Ungarnaufstandes ist er zu Fuß aus Ungarn geflüchtet, nicht einmal seiner Familie hat er zuvor Bescheid gesagt. Da hatte er längst mit den Kommunisten gebrochen, hielt aber die antisemitischen Aufständischen für ein noch größeres Übel. Nach einigen Wochen in Wien findet Porgesz eine Stelle als Dolmetscher beim Roten Kreuz, wechselt später in die Buchhaltung. Seine Frau folgt ihm nach Wien, um ihn zurückzuholen; er überredet sie, zu bleiben. Die Flucht der zehnjährigen Tochter und des siebenjährigen Sohnes misslingt. Drei Jahre lang sitzen sie in Ungarn fest, wohnen bei Verwandten; dann können sie dank Porgesz’ Chef als erste Kinder legal aus Ungarn ausreisen.

Mit 54 ist Porgesz kaufmännischer Direktor des Österreichischen Roten Kreuzes. Nach Erdbeben, Überschwemmungen und Kriegen bestimmt er, wie die Hilfsgelder eingeteilt, welche Projekte unterstützt, welche Häuser neu aufgebaut werden. Um in seine Einsatzgebiete – Friaul, Rumänien, Zypern, Libanon, Burkina Faso – zu gelangen, muss er reisen. In seiner neuen Heimat Österreich bleibt es ruhig und friedlich.

Mit 91 ist Jancsi Porgesz schon lange in Pension. „Danke schön, Herr Porgesz“, ruft ihm der Kellner nach, als er sich langsam zum Ausgang des Restaurants vortastet. Und: „Bis morgen, Herr Porgesz!“.

An einem Samstag im Mai 2012 hat Jancsi Porgesz zum letzten Mal im Restaurant am Stadtrand zu Mittag gegessen.

Eine Art Nachruf

“Du bist jetzt das Alpenmädel!“

Die große Journalistin Barbara Coudenhove-Kalergi, 80, über Kommunismus, Adel, Machos und ihre Heimat
Interview: Ruth Eisenreich, Sibylle Hamann

Adelsspross, Flüchtlingskind, Chronikreporterin, Korrespondentin, Osteuropa-Expertin, Deutschlehrerin, Vermittlerin zwischen Kulturen: Barbara Coudenhove-Kalergis bewegtes Leben ist eng mit der mitteleuropäischen Zeitgeschichte und der des österreichischen Journalismus verknüpft. Zu ihrem 80. Geburtstag lud sie den Falter zum Interview.

FALTER: Frau Coudenhove-Kalergi, mit welchen Gefühlen haben Sie die Pelinka-Debatte verfolgt?

Barbara Coudenhove-Kalergi: Fragts mich nicht über den ORF! Mich langweilt der ORF. Ich schau wenig fern, und wenn, dann den “Tatort“.

Dann reden wir nicht über den ORF heute, sondern über die Zeit, als Sie aus Osteuropa berichtet haben.

Coudenhove-Kalergi: Ich wäre nie zum Fernsehen gegangen, wenn nicht der ORF die größte Orgel gewesen wäre, mit dem meisten Geld, wo man in der Welt herumfahren kann. Das war immer mein Traum. Bei der Tageszeitung, meinem Lieblingsmedium, war das mühsam. Da musste man kämpfen, dass man sich an einen Staatsbesuch anhängen und noch zwei Tage bleiben durfte.

Wollte man in Österreich in den 70er-Jahren überhaupt wissen, was hinter dem Eisernen Vorhang passierte?

Coudenhove-Kalergi: Eher nicht. Aber Gerd Bacher hat gemeint, das sind interessante Nachbarstaaten. Ich fand alles spannend, was mit Dissidenz zu tun hatte. Und als es dann losgegangen ist, war das toll. Das ist ein Glücksfall, einmal im Leben dabei zu sein, wenn irgendwo Revolution ist.

Wie kann man sich Ihre Arbeit in einem kommunistischen Land vorstellen?

Coudenhove-Kalergi: In Ungarn, im Land des Gulaschkommunismus, haben wir reden können, mit wem wir wollten. In Polen zum Teil auch. Tschechoslowakei: Furchtbar, da ging’s wirklich brutal zu. Die haben mich viele Jahre überhaupt nicht reingelassen, weil wir etwas gedreht haben, was ihnen nicht gefallen hat. Dann, kurz vor 89, haben wir bei einer Demonstration gedreht, da haben sie uns die Kamera kaputtgemacht und den Kameraassistenten zusammengeschlagen. Man kann also nicht sagen “der Ostblock“. Mir war immer wichtig, zu erklären: Die kommunistischen Regimes sind nicht nur Zentralkomitees, das sind Leute, Völker, Geschichte. Beim Fernsehen ist man als Korrespondent immer in Gefahr, dass man Klischees bedienen soll.

Wenn man Dissidenten traf, brachte man sie auch in Gefahr. Wie geht man damit um?

Coudenhove-Kalergi: Ja, da hat man eine Verantwortung, dass man Leute nicht in irgendwas hineintheatert, was ihnen schaden könnte. Besonders junge Leute, die einem alles mögliche erzählen wollen. Da muss man fragen: Kinder, seid ihr sicher, dass ihr das wollt? Wir haben den Vaclav Havel interviewt, als er grad aus dem Gefängnis kam und versprechen musste, dass er sich nicht mehr öffentlich äußert. Da hab ich gesagt: Sind Sie sicher, dass Sie jetzt ein Fernsehinterview machen wollen? Aber der hat schon gewusst, was er macht.

Als Korrespondentin waren Sie immer weit weg von der ORF-Zentrale.

Coudenhove-Kalergi: Als ich auf den Küniglberg gekommen bin, habe ich kurze Zeit die Osteuropa-Redaktion geleitet. Da war es furchtbar wichtig, wie viele Module man hat. Ein Modul ist ein Stück Büro mit einem Fenster. Ich hab gesagt: Also, ich brauch ein Modul, und das Sekretariat hat zwei, und die Reporter auch zwei. Da haben die gesagt: Bist du wahnsinnig, das kannst du nicht machen, man ist nur was, wenn man viele Module hat! Diese Art zu denken, war mir fremd, ich fand’s eher albern.

Damit haben Sie bewiesen, dass Sie für die klassische Karriere ungeeignet sind.

Coudenhove-Kalergi: Ich komme aus einer Zeit, wo ich an so etwas wie Karriereplanung überhaupt nicht gedacht habe. Man war froh, dass man einen Job gehabt hat.

Wie ist Ihr Berufseinstieg verlaufen?

Coudenhove-Kalergi: Mit einem abgebrochenen Studium – damit könnte ich heute wahrscheinlich nicht einmal bei einem Bezirksblättchen landen. Meine Eltern haben kein Geld gehabt, wir waren Flüchtlinge. Ich hab studiert und hundert Jobs gemacht, dann hab ich was geschrieben und es der Presse geschickt, die haben das gedruckt, und irgendwann haben sie mich angestellt. Da war ich Chronikreporterin und selig.

Sie waren die einzige junge Frau unter einem Haufen gestandener Polizeireporter.

Coudenhove-Kalergi: Ja, genau. Ich bin mit drei Brüdern aufgewachsen und war auch in einer Schule das einzige Mädchen, also war mir das bekannt. Die waren eh nett, die Kollegen. Aber der Ressortchef, ein alter Herr, hat immer die Mutzenbacher gelesen. Und wenn ich mit meinen Manuskripten zu ihm gekommen bin, musste ich einen weiten Abstand halten, um Grapschereien vorzubeugen. Es war auch eine Hetz für die Burschen zu schauen: Wann wird sie rot? Das war nicht einmal bös gemeint. Das war einfach so.

Sie stammen aus einer alten, weltläufigen Adelsfamilie. Gab es da Ressentiments?

Coudenhove-Kalergi: In der AZ gab’s immer die Scherze – die rote Gräfin und so. Vielleicht war ich naiv, aber ich habe das nie als feindselig empfunden.

Wie kann man sich die Welt Ihrer Familie in Prag vorstellen? Waren Sie reich?

Coudenhove-Kalergi: Gar nicht. Aber meine Großeltern waren Schlossbesitzer und haben eigentlich im 18. Jahrhundert gelebt. Bei meiner Großmutter war jedes zweite Wort französisch. So luxuriös haben die gar nicht gelebt, aber Personal gab’s, es hat gewimmelt von Leuten, die eingeheizt haben, Schuhe geputzt und ich weiß nicht was.

Für den ORF gingen Sie zurück nach Prag.

Coudenhove-Kalergi: Das war aus biografischen Gründen interessant. Als nach 89 die Idee aufgekommen ist, dass ich als Korrespondentin hingehe, hab ich überlegt: Ich hab in Wien ein angenehmes Leben, muss ich mich in das Chaos hineinsetzen, mühsam Wohnung, Mitarbeiter, Büro suchen? Aber dann habe ich gemerkt: Ich bin noch nicht fertig mit dieser Stadt. Die haben mich ja hinausgeschmissen, da ist noch was offen, ich will das noch einmal wissen.

Hatte sich Prag seit Ihrer Jugend verändert?

Coudenhove-Kalergi: Damals haben wir als Deutsche in einer tschechischen Stadt in einer eigenen Welt gelebt. Es war kein Miteinander, sondern ein Nebeneinander. Ich hab eine gute Freundin, eine Tschechin. Wir haben unsere Erinnerungen verglichen: Wir hätten auf verschiedenen Kontinenten leben können, obwohl es dieselbe Stadt war.

Was war unterschiedlich?

Coudenhove-Kalergi: Die Wahrnehmung. Die Erste Republik 1919 bis 1938 war für die Tschechen eine Blütezeit, politisch und in der Kunst. Für Österreich war es eine ganz schlechte Zeit, “der Staat, den keiner wollte“. Oder die Nazizeit: Nach dem Attentat auf den stellvertretenden Reichsprotektor Reinhard Heydrich 1942 wurden Tausende verhaftet und viele Hunderte umgebracht. Meine Freundin Vera hat erzählt, wie sie jeden Tag zitternd die Zeitung gelesen haben, ob Freunde unter den Hingerichteten sind. Waren sie auch. Da waren wir nur Zuschauer. Als ich später wieder hingekommen bin, habe ich die Geschichte auch von der tschechischen Seite gesehen.

Auch was die Vertreibung der Deutschen betrifft, gibt es diese beiden Seiten.

Coudenhove-Kalergi: Das war für die Tschechen ein Tabuthema. Eine Mitarbeiterin, eine sehr nette, gscheite Person, hat gesagt: “Weil ich dich jetzt kenne, habe ich ein Buch gelesen, da stand drin, dass drei Millionen Deutsche vertrieben worden sind. Ich hab immer gedacht, das waren ein paar Nazis, die sowieso heim ins Reich wollten.“

Sie haben jetzt beide Narrative im Kopf und erklären den einen die Sicht der anderen.

Coudenhove-Kalergi: Ja. Deswegen tut’s mir leid, dass der Beruf des Auslandskorrespondenten ausstirbt. Die Medien müssen sparen, also verlässt man sich auf die Agenturen oder schickt einen hin, der das Ereignis kommentiert und dann wieder wegfährt. Beim arabischen Frühling hat man dem Karim El-Gawhary angesehen und angehört, dass er dort lebt, die Sprache kann, die Leute kennt. Das ist ein Wert im Journalismus, von dem ich fürchte, dass er verlorengeht.

Sie unterrichten heute bei “Mama lernt Deutsch“ Migrantinnen. Ihre Schülerinnen müssen sich auch in einer fremden Umgebung zurechtfinden.

Coudenhove-Kalergi: Als ich nach Österreich kam, waren wir in der Provinz, im Lungau. Da war Heimat das große Thema: die Berge, die Kühe, die Alm und das Edelweiß. Mir ist bedeutet worden: Du bist jetzt ein österreichisches Alpenmädel, das die Berge liebt. Ich war ein Stadtkind, ich hab die Berge gehasst. Das war eine schwere Zeit für mich. So ähnlich geht es heute wahrscheinlich den Menschen, die aus noch viel entfernteren Kulturen zu uns kommen.

Die sind auch unsicher, wo sie hingehören?

Coudenhove-Kalergi: Ja. Aber von ihnen wird permanent verlangt, sich zu entscheiden. Die Frage “Wenn Österreich gegen Kroatien spielt, zu wem halten Sie?“ ist überholt. Wir leben in einer Periode der Völkerwanderung, ein Migrationshintergrund ist längst die Norm. Ich habe die Ausbildung zur Deutschlehrerin aus Wut gemacht. Weil ich unsere Fremdenpolitik letztklassig fand. Ich hab gedacht: Wenn schon keppeln, dann soll man auch was tun.

Die Frauen in Ihren Kursen finden die österreichische Gesellschaft sicher auch seltsam?

Coudenhove-Kalergi: Eine hat gefragt: Kommt Weihnachten von Wein? Weil da die vielen Punschbuden stehen. Da habe ich die Weihnachtsgeschichte erzählt und gefragt: Hättet ihr was dagegen, wenn eure Kinder das in der Schule lernen? Sagen sie: Nein, das ist eine schöne Geschichte. Bis dahin dachten sie, das größte Fest des Landes ist, dass man sich ansauft und Geld ausgibt. Und bei uns lernt man nichts über muslimische und jüdische Feste. Ich bin dafür, dass man in einer multikulturellen Gesellschaft über verschiedene Kulturen lernt.

Deswegen finden Sie auch Stierkampf gut?

Coudenhove-Kalergi: Jössas, der Stierkampf. Ich bin wild auf Stierkampf. Aber da gab’s einen Sturm der Entrüstung, als ich das einmal geschrieben habe.

Was gefällt Ihnen daran?

Coudenhove-Kalergi: Das spanische Ritterlichkeitspathos. Keine Werbejingles, keine Popmusik, drei Trompeter geben das Signal. Wenn der Stier den Torero in die Enge treibt, gibt’s Ovationen. Und in der Zeitung gibt’s eine Doppelseite mit Kritiken, da ist jeder Stier mit Namen abgebildet. Den Stieren wird ungeheuer viel Ehrfurcht entgegengebracht. Aber das darf man alles nicht mehr, und ich hab’s eingesehen.

Weil es grausam ist?

Coudenhove-Kalergi: Ja, es ist grausam, aber ein Stierkampf dauert 20 Minuten, dann kriegt der Stier den Todesstoß. Davor läuft er auf der Wiese herum und hat ein herrliches Leben. Ich weiß nicht, ob der’s nicht besser hat als der Ochse im Stall.

Zur Person

Barbara Coudenhove-Kalergi

wurde 1932 in Prag als Kind einer aristokratischen Familie geboren und 1945 als Angehörige der deutschsprachigen Minderheit von dort vertrieben. Sie schrieb für die Presse, den Kurier, Neues Österreich und die Arbeiter-Zeitung (AZ). Für den ORF berichtete sie aus dem kommunistischen Osteuropa. Heute lehrt sie Deutsch für Migrantinnen und schreibt eine Kolumne im Standard

Falter, 1.2.2012
“Du bist jetzt das Alpenmädel!“

“Das Wort ‘Jude’ wurde nie verwendet”

In ihrem Debütroman „Spaltkopf“ erzählte Julya Rabinowich die Lebensgeschichte einer russisch-jüdischen Emigrantin in Wien. Gerade ist ihr zweites Buch, die „Herznovelle“, erschienen. Mit NU sprach Rabinowich über den Antisemitismus in Russland und ihre jüdische Identität.

NU: Frau Rabinowich, die Identität spielt eine wichtige Rolle in Ihrem autobiografisch gefärbten Roman „Spaltkopf“. Das Judentum der Protagonistin kommt allerdings nur am Rande vor. Warum?

Rabinowich: Weil das für mich lange Zeit kein Thema gewesen ist. Es ist zwar unterschwellig total wirkend, aber eben sehr unterschwellig. Ich habe keine besonders firme jüdische Identität. Die Juden waren in Russland eine verfolgte Minderheit, die keinerlei Bräuche haben konnte; insofern war diese Identität hauptsächlich negativ besetzt. Es wurde auch das Wort „Jude“ nie verwendet. Was jetzt in Russland völlig anders wäre: Da gibt es Tendenzen dazu, in jeder Religion relativ extrem zu werden – als Gegenreaktion auf die Religionsverbote und die erzwungene Personenverehrung der kommunistischen Diktatur.

Ist die Episode mit dem Buben Schenya im „Spaltkopf“ (siehe Artikel “Von Köpfen und Herzen”) Ihnen passiert?

Die Episode nicht, die habe ich hineingebaut. Aber ich bin so wie im „Spaltkopf“ draufgekommen, dass ich jüdisch bin. Ich habe im Fernsehen das Wörtchen „Jude“ gehört und meine Mutter gefragt, wer die sind – ich hätte sie im Fernsehen gesehen und die hätten so geschlitzte Augen gehabt. Ich habe sie offensichtlich mit Japanern verwechselt. Worauf meine Mutter gesagt hat: „Nein, mein Schatz, die Juden, das sind wir.“. Das war die Situation, auf der aufbauend ich diese Szene entwickelt habe. Die Geschichte meiner Mutter ist eine ähnliche. Und zwar hat man nicht gesagt „Er ist ein Jude“, sondern „Er ist ein Angehöriger“, ein „Dazugehöriger“. Meine Mutter hat immer gehört: Der ist ein Dazugehöriger. Ist dieser ein Dazugehöriger? Ja, dieser ist ein Dazugehöriger. Nein, dieser ist nicht … Irgendwann hat sie gefragt, wer denn diese Angehörigen seien, und man wollte es ihr nicht sagen, und dann hat sie einen Tobsuchtsanfall gekriegt und gemeint: „Ihr braucht es mir nicht zu erklären, ich weiß es schon. Ein Angehöriger ist ein gebildeter, angenehmer Mensch.“ Das waren halt die Menschen, die sie genannt haben – die waren ihr sympathisch. Die anderen hat sie ja nicht kennen gelernt. Die Tradition der Verschleierung ist also alt.

Ist das heute noch so? Den Antisemitismus gibt es ja noch.

Den gibt es natürlich noch immer. Nur, ich glaube, dass sehr viele von den Strenggläubigen nach Israel ausgewandert sind. Ob sie dort zu den angenehmsten Mitbürgern gehören, weiß ich nicht. Ich habe mich mit meiner Cousine entsetzlich in die Haare gekriegt. Sie ist nach Israel emigriert und hat uns in Wien besucht. Irgendwann ist das Gespräch auf den Nahostkonflikt gekommen, und sie hat allen Ernstes gemeint, sie würde am liebsten eine Atombombe auf die Palästinenser werfen. Bist du blöd? Das ist direkt bei dir um’s Eck! Und sie: Das ist egal. Sie war damals jung und blöd – ob sie immer noch so dumme Ansichten hat, weiß ich nicht. Natürlich sehen die Verwandten in Israel den Nahostkonflikt mit völlig anderen Augen als ich, die ich als Unbeteiligte hier sitze und schön moralisieren kann.

Waren Sie schon einmal in Israel?

Ja. Es war sehr eigenartig. Einerseits war ich von der Schönheit des Landes, dieser Stärke, der Urtümlichkeit und dieser biblischen Kraft überwältigt. Andererseits war die starke Aggression zwischen dem arabischen und dem jüdischen Teil für mich unerträglich. Das war knapp vor Beginn der Intifada, und ich habe die ganze Zeit eine Bedrohung wahrgenommen, die ich nicht festmachen konnte. Diese Selbstverständlichkeit, mit der meine Familie schlecht über Palästinenser geredet hat, war für mich schwer zu verwinden. Und mit genau der gleichen Selbstverständlichkeit haben uns die Araber beschimpft, nachdem sie mitgekriegt haben, dass wir zu denen gehören und keine Touristen sind. Ich habe es von beiden Seiten erlebt und mir gedacht: Leute, ihr seid‘s alle deppert. Dann, am Ende der Woche, wollte mein damaliger Mann zurück, und ich war kurz am Überlegen, ob ich nicht einfach bleibe. Es war auf eine Art so vertraut – mit teilweise unerträglichen Macken –, dass ich mir das wirklich hätte vorstellen können.

Sie sind aber nicht geblieben.

Es war dann für mich klar: Nein, ich fahre zurück. Aber es war zumindest der Gedanke da, und das ist mir in keinem anderen Land der Welt so gegangen. Dann sind wir gefahren, und es vergingen keine zwei Wochen und ein Bus ist in die Luft geflogen. Das war die erste Bombe seit langer Zeit, und es war der Bus von dort, wo meine Verwandten wohnten, nach Jerusalem. Da habe ich mir gedacht: Ich fahre nie wieder hin. Und dabei ist es geblieben. Aber ich hätte niemals auf Israel hin ein solches Gefühl entwickelt, wenn das Judentum nicht ein Thema wäre. Ich habe auch mit jüdischen Männern sofort eine ganz andere Ebene als mit nichtjüdischen. Eine familiärere komischerweise, auf eine nicht greifbare Art.

Sind Sie in irgendeiner Form religiös?

Ich kann mit Religiosität wenig anfangen, sobald das beginnt, zwanghaft zu werden – was in jeder Art von Leidenschaft recht schnell passieren kann. Ich bedaure sehr, nicht religiös zu sein. Ich wünsche mir manchmal, es wäre möglich, an etwas in dieser Art zu glauben. Vor allem, weil es mich vor der fürchterlichen Todesangst bewahren würde. Aber es geht nicht, ich würde mich bescheißen. Weder kann ich mir vorstellen, dass da ein Busch gebrannt hat, aus dem Gott gesprochen hat, noch dass es ein süßes Jenseits gibt, ein jüngstes Gericht. Ich glaube, dass die Energien der Welt anders laufen. Man kann sie manchmal spüren, dann kriegt man entweder Ehrfurcht oder Angst. Aber das ist für mich nicht das, was in einem Buch drinsteht und was zwischen den Deckeln eines Buches Platz hätte – auch wenn man sagt, es sei heilig.

Haben Sie eine Verbindung zur jüdischen Gemeinde?

Nein, das ist unter anderem von den Erfahrungen meiner Eltern geprägt. Mein Vater war zuerst durchaus interessiert, Kontakt zu finden, hat sich aber von oben herab behandelt und überhaupt nicht angenommen gefühlt. Ich weiß nicht, was da genau passiert ist, aber ich erinnere mich an seine Kränkung. Dann hat er sich zurückgezogen, und ich habe von mir aus auch nicht mehr Kontakte geknüpft.

Es ist also nur ein diffuses Zugehörigkeitsgefühl zum Judentum.

Ja. Was ich zum Beispiel am Doron [Rabinovici], am Vladimir Vertlib und an der Susanne Scholl wahrnehme, ist etwas ganz bestimmtes Gemeinsames, was ich schwer festlegen könnte. Es ist zu einem großen Teil der Humor, die Witze; es ist vielleicht auch die Bereitschaft, sich für den Humanismus, für die Bildung, für eine bestimmte Art von Wahrnehmung einzusetzen. Und die Zuneigung zu den Kindern. Ich war oft entsetzt darüber, wie unfreundlich Österreicher zu ihren Kindern sind. Der durchschnittliche Österreicher lobt nicht gern. Fast alle Juden, die ich kenne, loben ihre Kinder sehr.

Sie halten das für etwas spezifisch Jüdisches?

Das weiß ich nicht, vielleicht ist es auch etwas Slawisches. Aber ich habe das Gefühl, dass viele jüdische Freunde ihre Kinder besonders liebevoll behandeln. Als Geschenk. Vielleicht kann man das daran festmachen, dass manche Religionen von Anfang an ein Gefühl von Schuld vermitteln. Das vermittelt das Judentum auch – aber durch die Mutter und nicht durch die Religion. Von der Mutter verurteilt zu sein, aber nicht von Gott, ist doch ein besseres Gefühl im Leben. Das mit der Mutter kann man vielleicht irgendwie klären, aber das mit Gott? Schwer. Abgesehen davon ist eine Religion, die Sex gut findet, ja grundsätzlich mal eine recht entspannte Sache. Was auch in den Beziehungen Niederschlag findet. Was da auch in nicht ausgeprägt katholischen nichtjüdischen Familien noch an Schutt von Generationen nachgerollt ist, eine Feindlichkeit der Sexualität gegenüber, war für mich teilweise sehr bedrückend.

Ist Ihre Familiengeschichte trotz allem vom Judentum – vielleicht auch von der Zuschreibung von außen – geprägt?

Ich hatte das Gefühl, dass meine Eltern einen großen Komplex hatten, was Geld anbelangte. Dass es ihnen sehr peinlich war, gerechte Bezahlung zu fordern. Weil sie so eine Panik hatten, sie würden sonst als geldgierige Juden dastehen, ließen sie sich ständig über‘s Ohr hauen. Es war für mich ein langwieriger Lernprozess, darauf zu bestehen, dass das, was ich leiste, einen ganz bestimmten Wert hat.

War der Antisemitismus in Russland ein Grund dafür, dass Ihre Familie emigriert ist?

Ja, natürlich. Den Antisemitismus habe ich auch als Kind mitbekommen und mich geschämt. Wenn sie sagen „Juden sind Sozialschmarotzer, böse und hinterlistig“ und die Eltern gleichzeitig verschämt schweigen, dann kommt bei einem Kind nicht recht Freude auf, eine Jüdin zu sein. Diese Abwertung löste keinen Trotz aus, kein „Ich lebe das umso intensiver“, denn da gab es nichts zu leben, keine Kultur, die das getragen hätte. Bis auf die Tradition der Bildung. Keine Feiertage, keine Routine, keine täglichen Bräuche, gar nichts außer einem Nachnamen und eventuell einem Aussehen. Im Pass – ich habe noch ein Foto davon – hat es fünf Zeilen gegeben: Name, Vatersname, Nachname, Geburtsort und Nationalität. Die Tataren waren die Tataren, die Tschetschenen die Tschetschenen, die Russen Russen und bei jüdischen Bürgern stand darin: Israel. Das die nie im Leben gesehen haben. Es war zwar kein Judenstern, aber durchaus etwas Ähnliches. Sobald man den Pass gezückt hat, war man das Arschloch vom Dienst. Juden waren quasi in einem Boot mit den bösen Kapitalisten und somit für alles Unbill im Lande verantwortlich – davon gab es ja genug. In Russland gibt es diesen Witz, der das sehr genau umreißt: Lange Warteschlange vor dem Wodkakiosk. Eiskalter russischer Winter. Nach einer Stunde Wartezeit ruft der Verkäufer: „Es wird nicht genug Wodka für alle geliefert werden, Juden bekommen nichts.“ Die Juden murren und gehen. Nach einer weiteren Stunde ruft der Verkäufer: „Heute wird gar nichts geliefert, alle sollen heimgehen.“ Tumult, wüste Schreierei. Schließlich der wuterfüllte Brüller: „Na super, die Juden haben es wieder mal besser gehabt!“

Julya Rabinowich
wurde 1970 in St. Petersburg in eine jüdische Künstlerfamilie geboren. 1977 emigrierte die Familie nach Wien. Rabinowich studierte Dolmetschen und Malerei, arbeitete unter anderem als Dolmetscherin bei Psychotherapiesitzungen von Flüchtlingen, verlegte sich dann aber auf die Literatur. Ihre Theaterstücke wurden unter anderem im Schauspielhaus und im Volkstheater uraufgeführt, für ihren ersten Roman „Spaltkopf“ bekam sie 2009 den Rauriser Literaturpreis.

NU 2/2011

“Das Wort ‘Jude’ wurde nie verwendet”

Von Köpfen und Herzen

Schenya schüttelt den Kopf. „Ich darf nicht mit Juden spielen“, sagt er. (…) „Wer sind Juden eigentlich?“, frage ich und streiche lustvoll über die nach Farben geordneten Buntstifte. „Ich glaube, ich hab sie mal im Fernsehen gesehen. Die singen und tanzen sehr lustig und haben so geschlitzte Augen, oder?“ Meine Mutter legt den Pinsel weg und setzt sich sehr gerade auf. „Nein, mein Schatz“, sagt sie bestimmt. „Juden, das sind wir.“

Nicht dass diese Entdeckung Mischka, die Protagonistin von Julya Rabinowichs autobiografisch gefärbten Debütroman Spaltkopf, besonders beeindrucken würde. Viel wichtiger für sie sind: ihre Familie und deren alte Geheimnisse, ihr Gefühl der Entwurzelung nach der überraschenden Flucht aus Russland, ihre Suche nach der eigenen Identität. In achronologisch angeordneten, oft beinahe filmisch wirkenden Momentaufnahmen und einem lapidaren Tonfall schildert Rabinowich das Leben Mischkas von der frühen Kindheit bis ins Erwachsenenalter. Die erwachsene Erzählerin verschmilzt mit dem erlebenden Kind und sieht selbstironisch auf eine Zeit zurück, in der ihr vieles rätselhaft erschien. Weitere Stimmen schalten sich ein und erzählen von Mischkas Familiengeschichte und dem titelgebenden Spaltkopf, einer Gestalt aus dem russischen Mythos, die die Gedanken ungehorsamer Kinder fressen und deren Seelen aussaugen kann – und die Julya Rabinowich selbst erfunden hat.

Mit der Herznovelle wollte sich Julya Rabinowich aus den beiden „Schutzhüllen der Migrationsliteratur und der jüdischen autobiografischen Geschichte“ befreien, sagt sie im Interview mit NU: „Für mich war ganz wichtig, ein Thema anzupacken, das mich komplett ausliefert. Die Vergötterung eines Arztes ist ein sehr gehasstes und verachtetes Thema in der Literatur.“

Die Herznovelle erzählt die Geschichte einer namenlosen Frau mittleren Alters, die sich nach einer Herzoperation in den Arzt verliebt, der im wahrsten Sinne des Wortes ihr Herz berührt hat. Sie beginnt, ihn zu stalken und bringt sich sogar in Lebensgefahr, um ihn wiedersehen zu können – ein verzweifelter Versuch, aus ihrem biederen Hausfrauenleben auszubrechen. „Ich denke, dass sehr viele Frauen nach wie vor in einer solchen Situation leben“, sagt Rabinowich im NU-Interview über ihre Protagonistin. „Das kriegt man nach außen hin nicht so mit. Diese Frauen haben gelernt, dieses äußerst veraltete und verstaubte System so zu präsentieren, dass es moderner wirkt, als es ist. Wenn man Desperate Housewives cool findet, dann ist auf eine erschreckende Art und Weise das Verstaubte im Coolen angekommen.“ In knapper Sprache, die immer wieder von lyrischen Passagen durchbrochen wird, schildert Rabinowich in der Herznovelle den Liebeswahn ihrer Protagonistin, in dem sich schließlich Traum und Realität nicht mehr unterscheiden lassen. Die Ironie, die den Spaltkopf auszeichnet, schimmert auch hier selbst in den hysterischsten Phasen der Protagonistin durch: „Ich übe mich im Herzjagen. Er ist leider schneller.“

Rabinowichs nächster Roman Erdfresserin soll 2012 erscheinen. Die Themen sind laut der Autorin „Illegalität, Reisen, eine moderne Odyssee“. Danach ist ein Theaterstück mit Aussagen von Politikern zum Thema Integration geplant. Im Juli 2011 wird Julya Rabinowich beim Bachmannpreis lesen.

Julya Rabinowich
Spaltkopf
Neuauflage im Deuticke Verlag
erscheint im Juli 2011
208 Seiten
17,90 Euro

Julya Rabinowich
Herznovelle
Deuticke, Wien 2011
157 Seiten
15,90 Euro

NU 2/2011

Von Köpfen und Herzen