Weit gegangen

Sie durchquerte halb Europa zu Fuß. Heute singt die Syrerin Heva Osman in einem Chor der Elbphilharmonie. Wie hat sie es geschafft, hier anzukommen?

Während die Felder und Dörfer Norddeutschlands vor dem Zugfenster vorbeifliegen, fragt sich Heva Osman, was sie wohl erwarten wird nachher im Schloss Bellevue. Wird sie etwas sagen müssen vor dem Bundespräsidenten? Das wäre “voll peinlich”, sagt sie. Wird sie singen dürfen für ihn? Das wäre “das Coolste, was man machen kann”.

Drei Jahre und einen Monat ist es an diesem Tag Ende Juni her, dass Norddeutschland zum allerersten Mal an Heva Osman vorbeiflog. Damals hatte sie keine Einladung mit goldgeprägtem Bundesadler in der Handtasche, sondern vom tagelangen Gehen völlig zerfetzte Turnschuhe an den Füßen. Und sie sah nichts von Norddeutschland, nicht die Felder, nicht die Wäldchen, nicht die Backsteinhäuser. Sie war vor Erschöpfung eingeschlafen, kaum dass sie in München im Zug saß. Weiterlesen auf Zeit Online

Zeit Magazin Hamburg, Herbst 2018

 

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“Was stellst du dich so an?”

Noch immer fällt es vielen Soldaten schwer, über psychische Probleme zu reden. Ein Gespräch mit Hamburgs oberstem Bundeswehr-Psychiater Helge Höllmer über die Gorillakultur der Truppe, sexualisierte Gewalt und ein großes Tabu in Militär und Gesellschaft.

Interview: Atilla-Filipe Cevik und Ruth Eisenreich

Helge Höllmer trägt eine weiße Uniform statt eines weißen Kittels, an seiner Bürotür hängt eine Feldbluse in Flecktarn. Höllmer leitet die psychiatrische Klinik des Bundeswehrkrankenhauses in Hamburg Wandsbek. Er ist Oberstarzt, seine Erklärung für Militärlaien: “Oberstarzt ist eins unterm General.” Er sei EDK, sagt Höllmer noch. Edeka? “Ende der Karriere.” Höher hinaus kann ein klinisch tätiger Arzt bei der Bundeswehr nicht kommen – Höllmer muss sich mit niemandem mehr gutstellen, er kann frei reden. Weiterlesen auf Zeit Online

Die Zeit, 27. September 2018

Ein kurzer Traum von Freiheit

Vor 60 Jahren revoltierten die Ungarn gegen den Sowjetkommunismus, der Wiener Fotograf Erich Lessing setzte dem Aufstand mit seinen Bildern ein Denkmal. Besuch bei einem alten Herrn, der damals alle Illusionen verlor

Kurz nach halb zehn Uhr abends kippt Josef Stalin aus den Latschen. Demonstranten reißen die acht Meter hohe Bronzestatue des im März 1953 verstorbenen sowjetischen Diktators mit Lastwagen von ihrem Sockel auf dem Budapester Paradeplatz, nur die fast mannshohen Stiefel bleiben stehen. Es ist der 23. Oktober 1956. Einen kurzen historischen Moment lang sieht es vor exakt 60 Jahren so aus, als würde mit der Stalin-Statue auch die kommunistische Diktatur in Ungarn stürzen. Am Ende dieser historischen Tage sind viele Hundert Menschen tot und mit ihnen die Hoffnung auf ein neues Ungarn.

  Der Wiener Magnum-Fotograf Erich Lessing hat den Ungarnaufstand miterlebt und für die Nachwelt festgehalten. Lessing ist heute 93 Jahre alt, er wohnt am Rande von Wien, da, wo die Stadt schon bald in Wälder und Weinberge ausfranst. Eigentlich gibt Lessing keine Interviews mehr, er hört und geht nicht mehr allzu gut; aber seine Erzählungen vom Herbst 1956 sind so lebendig wie die hellwachen blauen Augen unter den buschigen Brauen in seinem runden Gesicht. „Lauter Amateure“ seien damals am Werk gewesen, sagt er – und trotzdem sei der Ungarnaufstand der Anfang vom Ende des Kommunismus gewesen, die erste Bruchstelle sozusagen in der Mauer, die 1989 einstürzen sollte. Weiterlesen auf sueddeutsche.de

Süddeutsche Zeitung, 22.10.2016

Schlechte Zeiten, gute Zeiten

Marianne Schwarzmüller arbeitete zunächst für die Nazis, dann diente sie dem demokratischen Bayern. Sogar an der Entstehung der Verfassung war sie beteiligt.

Als die Zeitungen und die “Wochenschau” noch vom Endsieg fantasierten, da wusste Marianne Schwarzmüller schon, dass Deutschland den Krieg verlieren würde. Täglich las die junge Frau Anfang der Vierzigerjahre die “Feindpresse” – die Times, den Figaro, die Prawda. Nicht heimlich, sondern offiziell im Auftrag des Dritten Reichs. Mit 16 Jahren hatte sie im März 1941 ihre Stelle als Stenotypistin in der “Nachrichtenstelle”, also der Propaganda-Abteilung, der bayerischen Landesregierung angetreten. “Ich bin überhaupt nicht gefragt worden”, sagt sie, “die haben mich ausgesucht.”

Vier Jahre lang arbeitete Schwarzmüller für die Nazis. Mit dem Einmarsch der Amerikaner in München am 30. April 1945 endete diese Phase ihres Lebens – aber nicht ihre Arbeit für die bayerische Regierung. Ihr ganzes Berufsleben, nach Kriegsende noch fast 40 Jahre, sollte sie in der Staatskanzlei bleiben, die Entstehung der bayerischen Verfassung miterleben und die Beratungen über das Grundgesetz; als sie in Rente ging, hieß ihr oberster Vorgesetzter Franz Josef Strauß. Weiterlesen auf sueddeutsche.de

Süddeutsche Zeitung, 29.4.2015

Im Krieg der Worte und der Bilder

In Zeiten von Facebook und Twitter wird Krieg nicht nur mit Gewehren geführt, sondern auch mit drastischen Fotos und Legenden. Drei Reporter erzählen

Die Fotos zeigen verschreckte Kinder, verstümmelte Flüchtlinge, sie zeigen Blut, Gewalt und Tod. Sie tauchen in der Facebook- oder Twitter-Timeline auf, wir sind empört, klicken auf “Teilen“ – und schon sind wir unfreiwillig Teil einer Propagandamaschinerie geworden.

Ob die Bilder echt sind, ob sie zur angegebenen Zeit am angegebenen Ort aufgenommen wurden, ob sie also zeigen, was sie zu zeigen behaupten – diese Fragen geraten im ersten Entsetzen oft ins Hintertreffen. Read More »

Der Gazakrieg in Bischofshofen

Bei einem Fußballmatch stürmen Jugendliche das Spielfeld und attackieren israelische Kicker. Was ist los mit den Austrotürken?

Seit Ende Juli kennt man die Salzburger Kleinstadt Bischofshofen sogar bei BBC und CNN. Das verdankt sie einem Match am örtlichen Fußballplatz: Der OSC Lille führt gerade 2:0 gegen Maccabi Haifa, als plötzlich eine Gruppe Jugendlicher mit Palästinaflaggen aufs Feld stürmt und sich mit den israelischen Spielern prügelt. Es sind keine Neonazis, sondern Teenager mit türkischen Wurzeln. Read More »

Geht es um die toten Kinder – oder doch um die bösen Juden? – Kommentar

Es ist schön zu wissen, dass sich so viele Österreicher für die Menschenrechte einsetzen: Wenn NGOs vor einem Völkermord im Südsudan warnen, gehen sie zu Tausenden auf die Straße. Wenn die Isis-Dschihadisten im Irak in einem Monat 1500 Zivilisten ermorden, skandieren sie “Free Iraq” und “Terrorist Isis”. Und wenn die Hamas, die Regierung des Gazastreifens, politische Gegner im Gefängnis foltert, dann brüllen sie “Neue Nazis Hamas!”.

Es macht stolz, dass so vielen Menschen das Wohl der Kinder am Herzen liegt: Wenn syrische Regierungstruppen mit Sprengstoff und Nägeln gefüllte Bomben aus Helikoptern werfen und 90 Menschen, darunter 13 Kinder, töten, dann zeigen sie Fotomontagen, auf denen der syrische Präsident Baschar al-Assad seine Vampirzähne in ein blutbeflecktes Baby stößt.

Es ziert unser Land, dass so vielen Bürgern die Situation der unterdrückten Palästinenser ein Anliegen ist: Wenn der Libanon den in vierter Generation dort lebenden Nachfahren von vor 66 Jahren geflüchteten Palästinensern den Zugang zum Arbeitsmarkt, zu Schulen und zum Gesundheitssystem verwehrt, rufen sie auf Großdemos die Europäer und Amerikaner auf, endlich etwas zu tun.

Oder etwa nicht?

Natürlich nicht. Alle Zitate stammen, leicht abgewandelt, von einer Demo gegen die israelische Gaza-Offensive, an der am Sonntag in Wien rund 11.000 Menschen teilnahmen. Man soll Verbrechen nicht gegeneinander aufrechnen, und nein, nicht jede Kritik an Israel ist Antisemitismus. Aber wem es wirklich um Menschenrechte, das Wohl der Kinder und die Lage der Palästinenser geht, dem sollte all das nicht nur beim Thema Israel einfallen.

Falter, 23.7.2014