Sparen auf die Artischocken

Undine Zimmer wuchs in einer Hartz-IV-Familie auf und erklärt, warum Armut nicht nur ein Geldproblem ist

Wie leben Menschen, die trotz aller Bemühungen keinen fixen Job finden? Wie bringen sie mit wenigen hundert Euro im Monat ihre Familie durch? Und was passiert mit Kindern, die in solchen Verhältnissen aufwachsen?

Die Öffentlichkeit diskutiert gern über Armut, über Langzeitarbeitslosigkeit und darüber, ob Beihilfen wie die österreichische Mindestsicherung und das deutsche Hartz IV zu lax oder zu strikt gehandhabt werden. Aber die, die diskutieren, sind Politiker und Sozialforscher. Nur selten kommen Betroffene zu Wort, und so bleibt deren Lebenswelt für den Rest der Gesellschaft ein fremdes Universum voller Stereotypen.

Undine Zimmer hat dieses Universum hinter sich gelassen. Die Eltern langzeitarbeitslos und Hartz-IV-Bezieher, die 1979 geborene Tochter hat studiert und war 2012 mit ihrem Text “Meine Hartz-IV-Familie”, entstanden während eines Praktikums beim Zeit Magazin, für den renommierten Henri-Nannen-Preis nominiert. Jetzt hat sie aus dem Essay ein Buch gemacht. Es ist ein sehr persönliches Buch.

“Heute weiß ich, dass der Satz ‘Wir haben kein Geld’ das ganze Leben und Denken bestimmen kann”, schreibt die Autorin: “Denn letztendlich geht es dabei gar nicht nur um Geld, sondern um Identität und Selbstbewusstsein.” Und so beschreibt Zimmer nicht nur die materiellen Einschränkungen ihrer Kindheit und Jugend, sie analysiert auch deren Auswirkungen auf ihr Denken und Fühlen und das ihrer Eltern.

Sie verzichtet darauf, den Leser mit allzu emotionaler Sprache bewegen zu wollen. Auch wo sie ihre eigene Gefühlswelt und die ihrer Eltern seziert, bleiben ihre Sätze meist angenehm schlicht und sachlich. Das bewahrt ihr Buch davor, weinerlich zu klingen, wie jene Art von Bekenntnisliteratur, die vor allem der Therapie des Autors dient.

Denn über weite Strecken ist “Nicht von schlechten Eltern” vor allem Autobiografie und Aufarbeitung einer Eltern-Kind-Beziehung – den Untertitel sollte man eher mit Betonung auf “meine Familie” lesen als auf “Hartz IV” -, und Zimmer tendiert dazu, die Ursache für alle Probleme, auch für normale Pubertätswirren, in der Armut zu suchen.

Sie habe “andere bewundert, ohne auch nur im Geringsten zu verstehen, dass die Souveränität, Schönheit und Unbeschwertheit, um die ich meine Freundinnen so beneidet habe, sich auch den unterschiedlichen finanziellen Lebensumständen verdankten”, schreibt sie und scheint nicht auf die Idee zu kommen, dass die Freundinnen vielleicht auch an sich selbst zweifelten und weniger souverän und unbeschwert waren, als der Teenager Zimmer sie wahrnahm.

Die Stärke des Buches sind jene Stellen, die Einblicke in die sozialen und psychologischen Mechanismen geben, die den Alltag armer Menschen prägen. Die genaue Planung aller Einkäufe etwa – in knappen Monaten müssen nicht nur die eingelegten Artischocken, die Zimmer so gern isst, im Supermarktregal liegen bleiben, sondern auch die 59-Cent-Schokolade – und der Drang, sich gelegentlich doch etwas zu gönnen. Die Scham, von der Mutter der Schulfreundin auf ein Eis eingeladen zu werden. Die Hoffnungsschimmer und Niederlagen bei der Arbeitssuche und die schwierige Kommunikation mit den wohlmeinenden, aber weltfremden Mitarbeitern des Arbeitsamts.

Eines der besten Kapitel ist jenes, in dem Zimmer fast kommentarlos das Arbeitssuche-Tagebuch ihres Vaters wiedergibt. “Was Armut in Deutschland ausmacht, ist Armut im Sozialen, fehlender Glaube an Bildungs- und Aufstiegschancen, an langfristige Investitionen und an sich selbst”, schreibt Zimmer. “Ironischerweise fehlt es genau an den Dingen, die bei uns wenig kosten: Zugang zu Informationen, Internet, Büchern, Wissen, Zeit und Platz für Kinder, damit sie sich austoben und entfalten können.”

In Kapiteln wie jenem, in dem die Autorin langatmig all ihre Verwandten vorstellt, hätten ein paar Kürzungen dem Buch nicht geschadet. Aber Undine Zimmer gelingt es, einen Einblick in das Universum ihrer Eltern zu gewähren und abseits von Schuldund Opferstereotypen, das heißt differenziert zu vermitteln, was Armut in einem reichen Land heute bedeutet.

Undine Zimmer: Nicht von schlechten Eltern. Meine Hartz-IV-Familie. S. Fischer, 256 S., € 19,60

Falter-Buchbeilage, 9.10.2013

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Sparen auf die Artischocken

Brasilien für Anfänger und Fortgeschrittene

Zwei neue Bücher liefern Einblicke in das von Gegensätzen geprägte Leben in Rio de Janeiro

Mitten im Trubel des Karnevals von Rio wartet ein Mann auf seine Geliebte und dreht vor Eifersucht durch. Eine junge Frau versucht sich mit einem unehelichen Kind durchzuschlagen. Ein Rio-Besucher nimmt eine Prostituierte mit aufs Hotelzimmer, die eigentlich ein Mann ist. Eine alte Frau irrt in einem unterirdischen Labyrinth unter dem Maracaña-Stadion herum (das in drei Jahren über unsere Fernsehbildschirme flimmern wird, wenn dort die nächsten Olympischen Spiele eröffnet werden).

Eine 16-Jährige lernt ihren wohlhabenden Vater kennen und besucht das Grab der Autorin, von der die “Erzählung von der Alten” stammt. Ein Türsteher erzählt aus seinem Alltag. Über ein Foto einer eleganten jungen Frau werden wir ins Rio der 1920er-Jahre und in die Geschichte einer erotischen Begegnung gezogen, in der Picasso, Freud und Egon Schiele wichtige Rollen spielen.

Diese und weitere Erzählungen von brasilianischen Autoren des 20. und 21. Jahrhunderts, dazu einen Liedtext des Sängers und Komponisten Caetano Veloso sowie zwei Gedichte versammeln der Schweizer Marco Thomas Bosshard und der Brasilianer Marcos Machado Nunes – beide lehren Romanistik an der Ruhr-Universität Bochum – in ihrem schmalen Band “Rio de Janeiro. Eine literarische Einladung”.

Es sind Splitter aus dem Leben in der Metropole, fröhliche und traurige, wütende und resignierte, geschildert mal in einem traumartig-fantastischen, dann wieder in einem ironischen oder brutal-realistischen Tonfall.

Gerade weil die Herausgeber viel Wert auf das Lokalkolorit der Erzählungen gelegt haben, hätten dem Band aber ein paar Erläuterungen oder Fußnoten, vielleicht sogar eine Karte von Rio gutgetan. Denn so steht der sprach- und ortsunkundige Leser oft etwas ratlos zwischen Namen wie São Conrado, Tijuca, Lapa und Madureira herum, zwischen der Zona Sul und der Zona Norte, der Praça Onze und der Praça Mauá, wo die Menschen Cuícas spielen, Feijoadas kochen und bei NTRKLOPI arbeiten, und rätselt über Sätze wie: “Ihre Füßchen, im salzigen Wasser der Strände von Bica und Engenhoca getauft und auf der Ilha do Governador – als sie dort wohnten in Cacuia und Morro do Dendê -, vergaßen den Schleichweg nach Rio de Janeiro nie.”

Weniger literarisch, aber für Rio-Neulinge besser geeignet ist Frauke Niemeyers ursprünglich 2011 erschienenes und jetzt mit einem Zusatzkapitel neu aufgelegtes Buch “Ein Jahr in Rio de Janeiro. Reise in den Alltag”. Die deutsche Journalistin reiste in die Stadt, um “einzutauchen in das Treiben der Cariocas, der Einwohner von Rio, den Alltag kennenzulernen, die Menschen neben mir im Bus anzuschauen” und herauszufinden, ob sie die “unerklärliche Energie”, die sie als Touristin in Rio erlebt hatte, “auch mittwochs an der Bushaltestelle auf dem Weg zur Arbeit” spüren werde “oder ob sie nur aus der Projektion der Reisenden entsteht, die vor lauter Sonne und Samba nicht wissen, wohin mit ihrer Begeisterung”.

Niemeyer nimmt den Leser mit auf ihre Entdeckungsreise durch die Stadt: In Sambaclubs, zu einem Junggesellinnenabschied und einer Hochzeit, zur ersten Surfstunde und zum Karneval, aber auch zu Gesprächen mit Straßenkindern, Verbrechensopfern und Bewohnern der Favelas, der Armenviertel Rios.

Weil der Wissensstand des Lesers dabei meist dem der Erzählerin entspricht, kann Niemeyer Erklärungen für Orte, Begriffe und Gebräuche einschieben, ohne den Lesefluss zu stören. Vereinzelte Fußnoten liefern zusätzliche Informationen etwa über die Eigenheiten und die Aussprache des brasilianischen Portugiesisch, über brasilianische Musik oder über die Entstehung und die Sozialstruktur der Favelas.

Niemeyer erzählt begeistert von den Stränden und der Natur Rios, von Bossa Nova und Samba, von der Hilfsbereitschaft der Brasilianer und ihrer Lebenslust. In einem lapidar-ironischen Tonfall, der – schon weil er sich ebenso auf die Autorin bezieht wie auf die Brasilianer -nie ins Herablassende abrutscht, staunt sie über die brasilianische Ausgeh-und Flirtkultur und die Überschwänglichkeit der Cariocas.

“Allein aufgrund der schlichten Menge derjenigen, die, als sie mich gerade kennengelernt hatten, auch schon bereit waren, für mich zu sterben, fragte ich mich, ob es plausibel ist, dass sich innerhalb weniger Wochen fünf Brasilianer in mich verlieben, davon zwei Frauen? Seitdem schalte ich bei allem, was man zu mir sagt, gedanklich zwei Gänge runter, und bei allem, was ich zu sagen gedenke, einen Gang hoch.”

Die Autorin berichtet aber auch von der Gewalt, die Teile Rios fest im Griff hat – bei einem früheren Besuch wurde Niemeyer in einem vollbesetzten Bus mit vorgehaltener Waffe ausgeraubt, auch nun hört sie immer wieder Schüsse -, von der korrupten Polizei und der riesigen Kluft zwischen den Gesellschaftsschichten. Bald nach ihrer Ankunft zieht sie ins Reichenviertel Ipanema: “Obwohl so viele im Elend leben, gibt es in Rio eine Erste Welt: die Zona Sul. Mit traumwandlerischer Sicherheit habe ich mich in ihren Nukleus gesetzt, Ipanema. Ich kaufe in einem Supermarkt ein, der nichts dabei findet, sich ,Zona Sul’ zu nennen, weil es da nämlich das Sortiment für meinesgleichen gibt: Balsamico-Essig und Rucola und Nutella.”

Aber direkt hinter dem Hochhaus, in dem Niemeyer wohnt, befindet sich auf einem Berg die Favela Cantagalo. “Ihr wohnt keine 30 Meter voneinander entfernt, aber entscheidend ist: Eles estão no morro, você está no asfalto (Sie sind auf dem Berg, du bist auf dem Asphalt)”, sagt ein Freund der Autorin, und sie konstatiert: “Auf diese zwei Begriffe lässt sich das, was Rio krank macht, herunterbrechen. In einer Stadt zwei Welten: Morro und Asfalto.”

Marco Thomas Bosshard, Marcos Machado Nunes: Rio de Janeiro. Eine literarische Einladung. Wagenbach, 144 S., € 16,40

Frauke Niemeyer: Ein Jahr in Rio de Janeiro. Reise in den Alltag. Herder, 192 S., € 13,40

Falter-Buchbeilage, 9.10.2013

Brasilien für Anfänger und Fortgeschrittene

Eine Nische ohne Paprika

Mit ihrem Kleinverlag wollen Zsóka und Paul Lendvai unbekannte ungarische Literatur auf Deutsch zugänglich machen

“Nein, Pali!“, ruft Zsóka Lendvai. “Das war eine dumme Idee!“ Bevor ihr Mann ausplaudert, welchen Namen sie ursprünglich für ihren Kleinverlag vorgeschlagen hat, sagt sie es doch lieber selbst: “Paprika Verlag“ wollte sie ihn nennen.

Ihr Mann Pali, das ist der bekannte Publizist und Osteuropaexperte Paul Lendvai. Er war gegen den Namen Paprika und hat sich durchgesetzt: Der Verlag, den Zsóka Lendvai gegründet hat, heißt jetzt Nischen Verlag. Und die Namensentscheidung war richtig, denn mit Paprika-Csárdás-Gulasch-Klischees haben die Werke, die der Nischen Verlag herausgibt, wenig zu tun.

Das zeigt schon das erste Buch, das gerade erschienen ist: “Das rote Fahrrad“ erzählt in Tagebuchform die letzten Monate im Leben der 13-jährigen Éva Zsolt. In der damals ostungarischen, heute zu Rumänien gehörenden Stadt Nagyvárad (rumänisch Oradea) erlebt sie 1944 die immer schärferen Judengesetze der faschistischen Pfeilkreuzler und den Einmarsch der Nazis mit.

In einer Mischung aus Klarsichtigkeit und kindlicher Naivität beschreibt Éva ihre Sorgen um ihr Halbjahreszeugnis und die immer schlimmer werdenden Schikanen der Faschisten, ihre erste Verliebtheit und die Deportation ins Ghetto. Ganz selbstverständlich übernimmt sie in ihren Aufzeichnungen die Trennung zwischen “Juden“ und “Ariern“ und staunt, als ihr Großvater ihr erzählt, “dass früher nur solche Menschen ins Gefängnis gekommen sind, die gestohlen oder gemordet haben“.

Das Tagebuch endet am 30. Mai 1944, wenige Tage später wurde Éva nach Auschwitz deportiert, wo sie im Oktober 1944 vom KZ-“Arzt“ Josef Mengele ermordet wurde. Ihre Mutter, Ágnes Zsolt, überlebte den Holocaust und veröffentlichte 1947 das Tagebuch, bald darauf beging sie Selbstmord. Das Buch geriet in Vergessenheit, bis es 2011 neu aufgelegt wurde. Unklar ist, ob Éva Zsolt das Tagebuch tatsächlich selbst geschrieben hat oder ob ihre Mutter es nach ihrem Tod aus der Erinnerung verfasste.

Paul Lendvai, der während des Ungarnaufstandes 1956 aus Budapest nach Wien floh, hat eine ganz persönliche Beziehung zu Évas Tagebuch: Er hat als jüdisches Kind in Budapest Ähnliches erlebt, hat noch dazu Ágnes Zsolt persönlich gekannt.

Verlegt wird, was dem Verlagsteam gefällt, ungefähr so lässt sich das Programm des Nischen Verlags umreißen – und das Verlagsteam besteht aus nur zwei Personen, aus Zsóka und Paul Lendvai. Für Übersetzung, Druck und Marketing werden freie Mitarbeiter engagiert. Drei Bücher pro Jahr sollen so in Zukunft entstehen, sagen die Lendvais. Und der Verlagssitz? Das ist Zsóka Lendvais Arbeitszimmer – ein Schreibtisch, ein Bücherregal, Fotos ihrer erwachsenen Kinder an der Wand – in der hellen Dachgeschoßwohnung des Ehepaars im neunten Bezirk.

Zsóka Lendvai hatte über 30 Jahre lang in ungarischen Verlagen gearbeitet, bevor sie vor sieben Jahren zu ihrem Mann nach Wien zog und feststellte: Obwohl einige ungarische Schriftsteller, der Nobelpreisträger Imre Kertész etwa, auch in Österreich bekannt sind, waren gerade ihre Lieblingsautoren noch gar nicht ins Deutsche übersetzt worden.

Das ist wenig verwunderlich, denn Übersetzungen aus “kleinen“ Sprachen haben am Buchmarkt prinzipiell einen schweren Stand. Mehrere hundert übersetzte Bücher erscheinen in Österreich jedes Jahr, doch etwa drei Viertel davon stammen aus dem englischsprachigen Raum, das restliche Viertel teilt sich auf alle anderen Sprachen der Welt auf. Aus Sprachen wie dem Ungarischen werden pro Jahr kaum mehr als zehn Bücher übersetzt – die Lendvais besetzen mit ihrem Verlag also tatsächlich eine Nische.

Auch wenn Paul Lendvai zurzeit vor allem als scharfer Kritiker des konservativen ungarischen Premierministers Viktor Orbán in der Öffentlichkeit auftritt, werden im Nischen Verlag keine politischen Sachbücher erscheinen. Dafür hat die Belletristik, die der Verlag herausgibt, durchaus politischen Anspruch.

Das zeigt nicht nur “Das rote Fahrrad“, sondern auch das nächste Buch, der Roman “Der Verruf“ des 1946 geborenen Lyrikers, Bühnenautors, Historikers, Übersetzers und Prosaschriftstellers György Spiró. Sein Protagonist Gyula Fátray liegt während des Ungarnaufstandes 1956 im Krankenhaus und freut sich, dass er sich dadurch nicht auf eine Seite schlagen muss – bis er wegen einer Namensverwechslung der “konterrevolutionären Aktivität“ bezichtigt und angeklagt wird.

Als drittes Buch gibt der Nischen Verlag dieses Jahr den Erzählband “Der wogende Balaton“ von Lajos Parti Nagy heraus. In der titelgebenden Erzählung erinnert sich ein alternder Profisportler an seine Blütezeit zurück. Sein Sport: Essen.

“Bei den Erwachsenen war die Mindestanforderung schon ziemlich hoch, zehn Kubikdezimeter, meistens Brühsaft vom Speckkochen oder gelierte Sulz, warm“, heißt es da, und: “In Desserts war ich ganz klar Sektionserster, in Manner Schnitten, getunkten Waffeln und Pischinger Schnitten.“ Auch Fleisch, Schmalz und Schokolade spielen in dieser Erzählung eine wichtige Rolle. Paprika oder Gulasch kommen nicht vor.

Falter, 5.9.2012

Eine Nische ohne Paprika

“Das Wort ‘Jude’ wurde nie verwendet”

In ihrem Debütroman „Spaltkopf“ erzählte Julya Rabinowich die Lebensgeschichte einer russisch-jüdischen Emigrantin in Wien. Gerade ist ihr zweites Buch, die „Herznovelle“, erschienen. Mit NU sprach Rabinowich über den Antisemitismus in Russland und ihre jüdische Identität.

NU: Frau Rabinowich, die Identität spielt eine wichtige Rolle in Ihrem autobiografisch gefärbten Roman „Spaltkopf“. Das Judentum der Protagonistin kommt allerdings nur am Rande vor. Warum?

Rabinowich: Weil das für mich lange Zeit kein Thema gewesen ist. Es ist zwar unterschwellig total wirkend, aber eben sehr unterschwellig. Ich habe keine besonders firme jüdische Identität. Die Juden waren in Russland eine verfolgte Minderheit, die keinerlei Bräuche haben konnte; insofern war diese Identität hauptsächlich negativ besetzt. Es wurde auch das Wort „Jude“ nie verwendet. Was jetzt in Russland völlig anders wäre: Da gibt es Tendenzen dazu, in jeder Religion relativ extrem zu werden – als Gegenreaktion auf die Religionsverbote und die erzwungene Personenverehrung der kommunistischen Diktatur.

Ist die Episode mit dem Buben Schenya im „Spaltkopf“ (siehe Artikel “Von Köpfen und Herzen”) Ihnen passiert?

Die Episode nicht, die habe ich hineingebaut. Aber ich bin so wie im „Spaltkopf“ draufgekommen, dass ich jüdisch bin. Ich habe im Fernsehen das Wörtchen „Jude“ gehört und meine Mutter gefragt, wer die sind – ich hätte sie im Fernsehen gesehen und die hätten so geschlitzte Augen gehabt. Ich habe sie offensichtlich mit Japanern verwechselt. Worauf meine Mutter gesagt hat: „Nein, mein Schatz, die Juden, das sind wir.“. Das war die Situation, auf der aufbauend ich diese Szene entwickelt habe. Die Geschichte meiner Mutter ist eine ähnliche. Und zwar hat man nicht gesagt „Er ist ein Jude“, sondern „Er ist ein Angehöriger“, ein „Dazugehöriger“. Meine Mutter hat immer gehört: Der ist ein Dazugehöriger. Ist dieser ein Dazugehöriger? Ja, dieser ist ein Dazugehöriger. Nein, dieser ist nicht … Irgendwann hat sie gefragt, wer denn diese Angehörigen seien, und man wollte es ihr nicht sagen, und dann hat sie einen Tobsuchtsanfall gekriegt und gemeint: „Ihr braucht es mir nicht zu erklären, ich weiß es schon. Ein Angehöriger ist ein gebildeter, angenehmer Mensch.“ Das waren halt die Menschen, die sie genannt haben – die waren ihr sympathisch. Die anderen hat sie ja nicht kennen gelernt. Die Tradition der Verschleierung ist also alt.

Ist das heute noch so? Den Antisemitismus gibt es ja noch.

Den gibt es natürlich noch immer. Nur, ich glaube, dass sehr viele von den Strenggläubigen nach Israel ausgewandert sind. Ob sie dort zu den angenehmsten Mitbürgern gehören, weiß ich nicht. Ich habe mich mit meiner Cousine entsetzlich in die Haare gekriegt. Sie ist nach Israel emigriert und hat uns in Wien besucht. Irgendwann ist das Gespräch auf den Nahostkonflikt gekommen, und sie hat allen Ernstes gemeint, sie würde am liebsten eine Atombombe auf die Palästinenser werfen. Bist du blöd? Das ist direkt bei dir um’s Eck! Und sie: Das ist egal. Sie war damals jung und blöd – ob sie immer noch so dumme Ansichten hat, weiß ich nicht. Natürlich sehen die Verwandten in Israel den Nahostkonflikt mit völlig anderen Augen als ich, die ich als Unbeteiligte hier sitze und schön moralisieren kann.

Waren Sie schon einmal in Israel?

Ja. Es war sehr eigenartig. Einerseits war ich von der Schönheit des Landes, dieser Stärke, der Urtümlichkeit und dieser biblischen Kraft überwältigt. Andererseits war die starke Aggression zwischen dem arabischen und dem jüdischen Teil für mich unerträglich. Das war knapp vor Beginn der Intifada, und ich habe die ganze Zeit eine Bedrohung wahrgenommen, die ich nicht festmachen konnte. Diese Selbstverständlichkeit, mit der meine Familie schlecht über Palästinenser geredet hat, war für mich schwer zu verwinden. Und mit genau der gleichen Selbstverständlichkeit haben uns die Araber beschimpft, nachdem sie mitgekriegt haben, dass wir zu denen gehören und keine Touristen sind. Ich habe es von beiden Seiten erlebt und mir gedacht: Leute, ihr seid‘s alle deppert. Dann, am Ende der Woche, wollte mein damaliger Mann zurück, und ich war kurz am Überlegen, ob ich nicht einfach bleibe. Es war auf eine Art so vertraut – mit teilweise unerträglichen Macken –, dass ich mir das wirklich hätte vorstellen können.

Sie sind aber nicht geblieben.

Es war dann für mich klar: Nein, ich fahre zurück. Aber es war zumindest der Gedanke da, und das ist mir in keinem anderen Land der Welt so gegangen. Dann sind wir gefahren, und es vergingen keine zwei Wochen und ein Bus ist in die Luft geflogen. Das war die erste Bombe seit langer Zeit, und es war der Bus von dort, wo meine Verwandten wohnten, nach Jerusalem. Da habe ich mir gedacht: Ich fahre nie wieder hin. Und dabei ist es geblieben. Aber ich hätte niemals auf Israel hin ein solches Gefühl entwickelt, wenn das Judentum nicht ein Thema wäre. Ich habe auch mit jüdischen Männern sofort eine ganz andere Ebene als mit nichtjüdischen. Eine familiärere komischerweise, auf eine nicht greifbare Art.

Sind Sie in irgendeiner Form religiös?

Ich kann mit Religiosität wenig anfangen, sobald das beginnt, zwanghaft zu werden – was in jeder Art von Leidenschaft recht schnell passieren kann. Ich bedaure sehr, nicht religiös zu sein. Ich wünsche mir manchmal, es wäre möglich, an etwas in dieser Art zu glauben. Vor allem, weil es mich vor der fürchterlichen Todesangst bewahren würde. Aber es geht nicht, ich würde mich bescheißen. Weder kann ich mir vorstellen, dass da ein Busch gebrannt hat, aus dem Gott gesprochen hat, noch dass es ein süßes Jenseits gibt, ein jüngstes Gericht. Ich glaube, dass die Energien der Welt anders laufen. Man kann sie manchmal spüren, dann kriegt man entweder Ehrfurcht oder Angst. Aber das ist für mich nicht das, was in einem Buch drinsteht und was zwischen den Deckeln eines Buches Platz hätte – auch wenn man sagt, es sei heilig.

Haben Sie eine Verbindung zur jüdischen Gemeinde?

Nein, das ist unter anderem von den Erfahrungen meiner Eltern geprägt. Mein Vater war zuerst durchaus interessiert, Kontakt zu finden, hat sich aber von oben herab behandelt und überhaupt nicht angenommen gefühlt. Ich weiß nicht, was da genau passiert ist, aber ich erinnere mich an seine Kränkung. Dann hat er sich zurückgezogen, und ich habe von mir aus auch nicht mehr Kontakte geknüpft.

Es ist also nur ein diffuses Zugehörigkeitsgefühl zum Judentum.

Ja. Was ich zum Beispiel am Doron [Rabinovici], am Vladimir Vertlib und an der Susanne Scholl wahrnehme, ist etwas ganz bestimmtes Gemeinsames, was ich schwer festlegen könnte. Es ist zu einem großen Teil der Humor, die Witze; es ist vielleicht auch die Bereitschaft, sich für den Humanismus, für die Bildung, für eine bestimmte Art von Wahrnehmung einzusetzen. Und die Zuneigung zu den Kindern. Ich war oft entsetzt darüber, wie unfreundlich Österreicher zu ihren Kindern sind. Der durchschnittliche Österreicher lobt nicht gern. Fast alle Juden, die ich kenne, loben ihre Kinder sehr.

Sie halten das für etwas spezifisch Jüdisches?

Das weiß ich nicht, vielleicht ist es auch etwas Slawisches. Aber ich habe das Gefühl, dass viele jüdische Freunde ihre Kinder besonders liebevoll behandeln. Als Geschenk. Vielleicht kann man das daran festmachen, dass manche Religionen von Anfang an ein Gefühl von Schuld vermitteln. Das vermittelt das Judentum auch – aber durch die Mutter und nicht durch die Religion. Von der Mutter verurteilt zu sein, aber nicht von Gott, ist doch ein besseres Gefühl im Leben. Das mit der Mutter kann man vielleicht irgendwie klären, aber das mit Gott? Schwer. Abgesehen davon ist eine Religion, die Sex gut findet, ja grundsätzlich mal eine recht entspannte Sache. Was auch in den Beziehungen Niederschlag findet. Was da auch in nicht ausgeprägt katholischen nichtjüdischen Familien noch an Schutt von Generationen nachgerollt ist, eine Feindlichkeit der Sexualität gegenüber, war für mich teilweise sehr bedrückend.

Ist Ihre Familiengeschichte trotz allem vom Judentum – vielleicht auch von der Zuschreibung von außen – geprägt?

Ich hatte das Gefühl, dass meine Eltern einen großen Komplex hatten, was Geld anbelangte. Dass es ihnen sehr peinlich war, gerechte Bezahlung zu fordern. Weil sie so eine Panik hatten, sie würden sonst als geldgierige Juden dastehen, ließen sie sich ständig über‘s Ohr hauen. Es war für mich ein langwieriger Lernprozess, darauf zu bestehen, dass das, was ich leiste, einen ganz bestimmten Wert hat.

War der Antisemitismus in Russland ein Grund dafür, dass Ihre Familie emigriert ist?

Ja, natürlich. Den Antisemitismus habe ich auch als Kind mitbekommen und mich geschämt. Wenn sie sagen „Juden sind Sozialschmarotzer, böse und hinterlistig“ und die Eltern gleichzeitig verschämt schweigen, dann kommt bei einem Kind nicht recht Freude auf, eine Jüdin zu sein. Diese Abwertung löste keinen Trotz aus, kein „Ich lebe das umso intensiver“, denn da gab es nichts zu leben, keine Kultur, die das getragen hätte. Bis auf die Tradition der Bildung. Keine Feiertage, keine Routine, keine täglichen Bräuche, gar nichts außer einem Nachnamen und eventuell einem Aussehen. Im Pass – ich habe noch ein Foto davon – hat es fünf Zeilen gegeben: Name, Vatersname, Nachname, Geburtsort und Nationalität. Die Tataren waren die Tataren, die Tschetschenen die Tschetschenen, die Russen Russen und bei jüdischen Bürgern stand darin: Israel. Das die nie im Leben gesehen haben. Es war zwar kein Judenstern, aber durchaus etwas Ähnliches. Sobald man den Pass gezückt hat, war man das Arschloch vom Dienst. Juden waren quasi in einem Boot mit den bösen Kapitalisten und somit für alles Unbill im Lande verantwortlich – davon gab es ja genug. In Russland gibt es diesen Witz, der das sehr genau umreißt: Lange Warteschlange vor dem Wodkakiosk. Eiskalter russischer Winter. Nach einer Stunde Wartezeit ruft der Verkäufer: „Es wird nicht genug Wodka für alle geliefert werden, Juden bekommen nichts.“ Die Juden murren und gehen. Nach einer weiteren Stunde ruft der Verkäufer: „Heute wird gar nichts geliefert, alle sollen heimgehen.“ Tumult, wüste Schreierei. Schließlich der wuterfüllte Brüller: „Na super, die Juden haben es wieder mal besser gehabt!“

Julya Rabinowich
wurde 1970 in St. Petersburg in eine jüdische Künstlerfamilie geboren. 1977 emigrierte die Familie nach Wien. Rabinowich studierte Dolmetschen und Malerei, arbeitete unter anderem als Dolmetscherin bei Psychotherapiesitzungen von Flüchtlingen, verlegte sich dann aber auf die Literatur. Ihre Theaterstücke wurden unter anderem im Schauspielhaus und im Volkstheater uraufgeführt, für ihren ersten Roman „Spaltkopf“ bekam sie 2009 den Rauriser Literaturpreis.

NU 2/2011

“Das Wort ‘Jude’ wurde nie verwendet”

Von Köpfen und Herzen

Schenya schüttelt den Kopf. „Ich darf nicht mit Juden spielen“, sagt er. (…) „Wer sind Juden eigentlich?“, frage ich und streiche lustvoll über die nach Farben geordneten Buntstifte. „Ich glaube, ich hab sie mal im Fernsehen gesehen. Die singen und tanzen sehr lustig und haben so geschlitzte Augen, oder?“ Meine Mutter legt den Pinsel weg und setzt sich sehr gerade auf. „Nein, mein Schatz“, sagt sie bestimmt. „Juden, das sind wir.“

Nicht dass diese Entdeckung Mischka, die Protagonistin von Julya Rabinowichs autobiografisch gefärbten Debütroman Spaltkopf, besonders beeindrucken würde. Viel wichtiger für sie sind: ihre Familie und deren alte Geheimnisse, ihr Gefühl der Entwurzelung nach der überraschenden Flucht aus Russland, ihre Suche nach der eigenen Identität. In achronologisch angeordneten, oft beinahe filmisch wirkenden Momentaufnahmen und einem lapidaren Tonfall schildert Rabinowich das Leben Mischkas von der frühen Kindheit bis ins Erwachsenenalter. Die erwachsene Erzählerin verschmilzt mit dem erlebenden Kind und sieht selbstironisch auf eine Zeit zurück, in der ihr vieles rätselhaft erschien. Weitere Stimmen schalten sich ein und erzählen von Mischkas Familiengeschichte und dem titelgebenden Spaltkopf, einer Gestalt aus dem russischen Mythos, die die Gedanken ungehorsamer Kinder fressen und deren Seelen aussaugen kann – und die Julya Rabinowich selbst erfunden hat.

Mit der Herznovelle wollte sich Julya Rabinowich aus den beiden „Schutzhüllen der Migrationsliteratur und der jüdischen autobiografischen Geschichte“ befreien, sagt sie im Interview mit NU: „Für mich war ganz wichtig, ein Thema anzupacken, das mich komplett ausliefert. Die Vergötterung eines Arztes ist ein sehr gehasstes und verachtetes Thema in der Literatur.“

Die Herznovelle erzählt die Geschichte einer namenlosen Frau mittleren Alters, die sich nach einer Herzoperation in den Arzt verliebt, der im wahrsten Sinne des Wortes ihr Herz berührt hat. Sie beginnt, ihn zu stalken und bringt sich sogar in Lebensgefahr, um ihn wiedersehen zu können – ein verzweifelter Versuch, aus ihrem biederen Hausfrauenleben auszubrechen. „Ich denke, dass sehr viele Frauen nach wie vor in einer solchen Situation leben“, sagt Rabinowich im NU-Interview über ihre Protagonistin. „Das kriegt man nach außen hin nicht so mit. Diese Frauen haben gelernt, dieses äußerst veraltete und verstaubte System so zu präsentieren, dass es moderner wirkt, als es ist. Wenn man Desperate Housewives cool findet, dann ist auf eine erschreckende Art und Weise das Verstaubte im Coolen angekommen.“ In knapper Sprache, die immer wieder von lyrischen Passagen durchbrochen wird, schildert Rabinowich in der Herznovelle den Liebeswahn ihrer Protagonistin, in dem sich schließlich Traum und Realität nicht mehr unterscheiden lassen. Die Ironie, die den Spaltkopf auszeichnet, schimmert auch hier selbst in den hysterischsten Phasen der Protagonistin durch: „Ich übe mich im Herzjagen. Er ist leider schneller.“

Rabinowichs nächster Roman Erdfresserin soll 2012 erscheinen. Die Themen sind laut der Autorin „Illegalität, Reisen, eine moderne Odyssee“. Danach ist ein Theaterstück mit Aussagen von Politikern zum Thema Integration geplant. Im Juli 2011 wird Julya Rabinowich beim Bachmannpreis lesen.

Julya Rabinowich
Spaltkopf
Neuauflage im Deuticke Verlag
erscheint im Juli 2011
208 Seiten
17,90 Euro

Julya Rabinowich
Herznovelle
Deuticke, Wien 2011
157 Seiten
15,90 Euro

NU 2/2011

Von Köpfen und Herzen

Von Strebern, Faulenzern und richtig harten Typen

Nur noch zwei Monate bis zu den Ferien – Zeit, Sommerlektüre zu suchen. Wer fürchtet, dass ihn am Strand die Nostalgie nach dem Studentenleben packen könnte, der kann in der Welt der Bücher weiter darin schwelgen.

Wien – 9.00 Uhr: aufstehen, waschen, frühstücken. 10.30: zurück ins Bett. 12.00: ab auf die Uni, Freunde treffen. 14.00: mittagessen, 15.00: zurück ins Bett, lesen. 20.00: ausgehen: Der Tagesablauf der namenlosen Hauptfigur von At Swim-Two-Birds (1939), dem ersten Roman des irischen Autors Flann O’Brien, mag vielen Studenten bekannt vorkommen.

Was O’Briens Protagonist im Bett liest, ist nicht bekannt – für die faulen Ferientage heutiger Studenten hat der UniStandard Romane aus der Welt der geschwänzten Seminare und abendlichen Eskapaden gesammelt.

Ist Flann O’Briens Student nicht gerade mit Nichtstun beschäftigt, schreibt er an einem Roman über einen Mann, der – wenn er nicht gerade mit Nichtstun beschäftigt ist – an einem Roman schreibt und mit dessen weiblicher Hauptfigur einen Sohn zeugt, der sich gegen ihn auflehnt, indem er wiederum einen Roman über ihn schreibt. Verwirrend? Ja, aber – wenn man es skurril mag und über manche Langatmigkeit hinwegsehen kann – sehr witzig.

Wer es lieber hart als lustig mag, ist bei American Psycho -Autor Bret Easton Ellis gut aufgehoben. Clay, der Held und Erzähler seines Debütromans Less Than Zero (1985), kommt in den Uni-Ferien in seine Heimatstadt Los Angeles zurück, wo sich seine reichen, gelangweilten Freunde ihre Zeit mit Partys, Sex (Clay: “Ich öffne meine Speisekarte und tu so, als würde ich mir was aussuchen. Dabei überlege ich, ob ich wohl mit Raoul geschlafen habe. Der Name kommt mir bekannt vor.”), Drogen und Gewalt vertreiben. Szenen wie die, in der ein Mädchen vergewaltigt wird, sind allerdings nichts für empfindliche Mägen.

Akademiker und Owezahrer

Wer die Party- und Nichtstunphase hinter sich gelassen hat und sich als ernstzunehmender Wissenschafter versucht, wird sich mit den Figuren in den “campus novels” des englischen Literaturwissenschafters David Lodge identifizieren können. Mit Persse McGarrigle zum Beispiel, dem schüchternen Doktoranden aus Small World (1984), der auf einer Konferenz seine Traumfrau trifft. Um sie wiederzufinden, begibt er sich auf eine Odyssee um die halbe Welt (inklusive Abstecher nach Wien) und trifft dabei die skurrilsten Figuren, die der akademische Betrieb zu bieten hat.

Die weite Welt ist zu weit weg, die 80er zu lange her? Wer Wiener und Salzburger Lokalkolorit will, kann zu Martin Amanshausers Erdnussbutter (1998) greifen. Der namenlose Ich-Erzähler des Romans, ein gescheiterter Soziologie-Student, verstrickt sich bei der WG-Suche in ein Netzwerk aus skurrilen Gestalten mit mysteriösen und nicht immer ungefährlichen Geheimplänen. In einer saloppen Sprache voll eigenwilliger Metaphern (“Die schlechte Luft stand aufrecht wie ein salutierender Polizist”) erzählt Amanshauser eine schräge Krimiparodie mit einem noch schrägeren Ende.

Auch Charlie Kolostrum aus Thomas Glavinics Wie man leben soll (2004) ist nicht gerade ein übereifriger Student: Statt zu lernen, denkt er lieber an Essen und Sex und liest Ratgeberliteratur, in deren Stil auch seine Abenteuer beschrieben sind (“Merke: Den Eindruck, den alltägliche und unbefangene Intellektualität macht, sollte man nicht unterschätzen”).

Auch wer sich in den Ferien am Kanon der Weltliteratur abarbeiten möchte, muss nicht ohne Studenten auskommen: Rodion Raskolnikow aus Dostojewskis Verbrechen und Strafe und Stephen Dedalus aus James Joyces Ulysses und A Portrait of the Artist as a Young Man sind ebenso Studenten wie Shakespeares Hamlet

Der Standard, 5.5.2011

Von Strebern, Faulenzern und richtig harten Typen