Die alte Tante geht auf Reisen

“Spiegel” und “Zeit” denken schon lange eher in Sprach- als in Landesgrenzen. Jetzt expandiert auch die ehrwürdige “Neue Zürcher Zeitung” – im Netz und zunächst nur nach Österreich. Doch sie hat größere Ambitionen.

Wenn es so etwas gibt wie ein traditionsreiches Start-up, dann ist es das, was seit einigen Monaten in der Bräunerstraße 11 in der Wiener Innenstadt entsteht. In einem schmucklos-modern eingerichteten Büro im ersten Stock eines alten Palais entwerfen ein paar Menschen um die 30 im Auftrag eines alten ein neues Medium: den Österreich-Ableger der angesehenen Neuen Zürcher Zeitung (NZZ). Mit ihren 235 Jahren ist die NZZ eine der ältesten noch existierenden Zeitungen im deutschen Sprachraum – “alte Tante” wird sie auch genannt.

An diesem Mittwoch soll die Wiener Nachrichtenseite online gehen. Bei dem Experiment geht es aber nicht nur um den österreichischen Markt. Es ist vor allem auch ein Test für einen viel bedeutenderen Schritt, den die NZZ innerhalb der kommenden Jahre wagen will: den zum großen Nachbarn Deutschland.

Veit Dengler, der neue Chef der NZZ-Gruppe, hatte das Projekt vor einem Jahr angekündigt. Dengler ist Österreicher und war in seiner Heimat zuletzt als Mitbegründer der liberalen Partei Neos aufgefallen, die es 2013 aus dem Stand ins Parlament schaffte.

Nun will er seine dezidiert liberale Zeitung in seine Heimat holen. Das Besondere an der NZZ Österreich: … Weiterlesen auf sueddeutsche.de

Süddeutsche Zeitung, 20.1.2015

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Die alte Tante geht auf Reisen

Im Krieg der Worte und der Bilder

In Zeiten von Facebook und Twitter wird Krieg nicht nur mit Gewehren geführt, sondern auch mit drastischen Fotos und Legenden. Drei Reporter erzählen

Die Fotos zeigen verschreckte Kinder, verstümmelte Flüchtlinge, sie zeigen Blut, Gewalt und Tod. Sie tauchen in der Facebook- oder Twitter-Timeline auf, wir sind empört, klicken auf “Teilen“ – und schon sind wir unfreiwillig Teil einer Propagandamaschinerie geworden.

Ob die Bilder echt sind, ob sie zur angegebenen Zeit am angegebenen Ort aufgenommen wurden, ob sie also zeigen, was sie zu zeigen behaupten – diese Fragen geraten im ersten Entsetzen oft ins Hintertreffen.

Seit es Krieg gibt, wird gelogen und getäuscht, werden eigene Kämpfer zu Helden und gegnerische zu Bestien gemacht. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Propaganda über das Radio und das Kino verbreitet. Ab dem Vietnamkrieg kam das Fernsehen dazu, seit dem Kosovokrieg bedienen sich die Kriegsparteien auch des Internets.

Berüchtigt ist etwa der Fall der 15-jährigen Nayirah im Irakkrieg 1990. Sie behauptete, irakische Soldaten hätten in einem kuwaitischen Spital Babys aus ihren Brutkästen genommen und sterben lassen. Später kam heraus: Die Geschichte war die Erfindung einer PR-Agentur, Nayirah die Tochter von Kuwaits Botschafter in den USA.

Dank der neuen Medien können wir heute so schnell wie nie zuvor herausfinden, was auf hunderte Kilometer entfernten Kriegsschauplätzen gerade geschieht. Wir können durch sie aber auch besonders leicht beeinflusst werden. In Syrien, der Ukraine und Gaza zeigt sich das deutlich.

Als in Syrien der Aufstand begann, der in den Bürgerkrieg mündete, kämpfte man medial um die Bewertung der Revolutionäre: Waren es liberale Demokraten oder doch islamistische Terroristen?

Ähnlich die Situation in der Ukraine: Die Maidan-Aktivisten – westlich denkende Progressive oder Faschisten? Die Separatisten im Osten – Freiheitskämpfer oder Putin-Söldner? Die russische Regierung soll hunderte Mitarbeiter dafür bezahlt haben, in sozialen Netzwerken und auf Nachrichtenseiten die öffentliche Meinung durch eine Flut von Kommentaren zu manipulieren.

Und der Nahostkonflikt ist von jeher auch ein Kampf um die öffentliche Meinung. Derzeit werden etwa unter dem Twitter-Hashtag #GazaUnderAttack grauenhafte Fotos geteilt und retweetet, also weiterverbreitet. Eine Analyse der BBC ergab, dass viele von ihnen mehrere Jahre alt sind oder aus Syrien oder dem Irak stammen.

Seriöse Medien sehen ihre Aufgabe darin, aus diesem Wirrwarr die Wahrheit herauszufiltern – oder zumindest etwas, was ihr nahekommt. Aber selbst für sie gilt: Die Dinge sind oft schwierig. Auch sorgfältig recherchierende Journalisten sind nicht davor gefeit, durch Propaganda instrumentalisiert zu werden. Drei von ihnen haben dem Falter von ihren Erfahrungen erzählt.

 

Richard C. Schneider
leitet das Tel Aviver Büro der ARD

Wenn ich “in real time“ wissen will, was passiert, ist meine Quelle heute Twitter, nicht mehr die Nachrichtenagenturen. Twitter ist allerdings ein schreckliches Propagandamedium geworden. Auch ausländische Journalisten retweeten grauenvolle Bilder, die manchmal gar nicht aus Gaza, sondern aus Syrien stammen. Ich tweete deswegen grundsätzlich keine Bilder außer solchen, die ich oder mein Team selbst aufgenommen haben.

Trotz aller Vorsicht beteiligt man sich letztlich indirekt am Propagandakrieg: Wenn etwas häufig behauptet wird, wird man verführt, es für bare Münze zu nehmen. Und weil man schnell reagieren muss – der Wettbewerb, wer der Schnellste mit der allerneuesten Nachricht ist, wird ja immer wahnsinniger -, ist eine Verifizierung fast nicht mehr möglich.

Eine Zeitlang hat uns die ARD aus Sicherheitsgründen angewiesen, nicht nach Gaza hineinzugehen. Wir hatten als Informationsquelle zwar noch mein Team dort, auf dessen Informationen ich mich verlassen kann – aber das Team kann mir nur erzählen, was es mit eigenen Augen sieht, was also räumlich in der Nähe passiert.

Vor etwa zwei Wochen kam dann ein Tweet, dass Gaza-Stadt bombardiert wird. Ich habe das sofort retweetet, weil es von einer unabhängigen NGO kam, der man erst mal Glauben schenkt. Ich war ganz erschrocken, weil ich dachte, oh Gott, jetzt bekommt der Krieg eine völlig neue Qualität. Innerhalb von ein paar Minuten kam die Meldung auch von verschiedenen anderen Seiten, vor allem von palästinensischen Tweetern, die ich aber nicht retweetete.

Ich rief dann mein Team in Gaza an und sagte: Bitte dreht sofort dieses Bombardement, so nah ihr halt herankommen könnt, ohne euch zu gefährden. Und mein Mitarbeiter sagte mir: Wovon redest du? Der Vorort Sadschaija wird – wie schon seit Tagen – bombardiert, aber Gaza-Stadt nicht. Dann sah ich auch schon, dass ich in der Zwischenzeit eine Twitter-Direktnachricht von einem Kollegen bekommen hatte, den ich persönlich kenne: “Richard, vertrau dieser NGO nicht, hinter diesem Twitter-Account steckt die Hamas“.

 

Cathrin Kahlweit
ist Korrespondentin der Süddeutschen Zeitung

Am 2. Mai starben im ukrainischen Odessa bei einem Brand des Gewerkschaftshauses mehr als 40 Menschen. Wer trug die Schuld an der Katastrophe?

Die Faktenlage: Eine proukrainische Demonstration wurde von prorussischen Aktivisten angegriffen, beide Seite waren bewaffnet. Die Separatisten flüchteten ins Gewerkschaftshaus, Molotowcocktails flogen, das Haus fing Feuer. Ich war damals in Kiew und recherchierte aus 500 Kilometern Entfernung – ein Ding der Unmöglichkeit in diesem Propagandakrieg. Eine Kollegin reiste nach Odessa.

Wer konnte, mochte uns objektiv Auskunft geben? Die Polizei? Hatte sich zu eindeutig zurückgehalten. Der ukrainische Geheimdienst? Ist Partei. Augenzeugen, Reporter, Menschenrechtler? Überfordert von der chaotischen Lage und permanenter Desinformation.

Aus dem Moskauer Außenministerium hieß es, Kiew stecke “bis zu den Ellenbögen“ in Blut; Russia Today berichtete, ukrainische Faschisten hätten ihre Mitbürger angezündet und an der Flucht aus dem brennenden Haus gehindert. In Kiew war man weniger schnell mit Erklärungen bei der Hand, weil offenbar tatsächlich Nationalisten Molotowcocktails in das Haus geworfen hatten. Aber es wurde so argumentiert: Die Feinde der Ukraine hätten die Eskalation provoziert, Brandsätze seien von beiden Seiten – aus dem Haus und in das Haus – geworfen worden, dabei hätten Fehlwürfe Gardinen in Brand gesetzt. Später hätten Ukrainer ihre Mitbürger heldenhaft aus dem brennenden Haus gerettet.

Es folgte eine Flut ekliger, mutmaßlich manipulierter Bilder, fragwürdiger Analysen und gruseliger Verschwörungstheorien. Ich bekam E-Mails von Unbekannten, die anhand von Fotos und Lageplänen “bewiesen“, dass die Toten gar nicht verkohlt oder erstickt seien. Nur die Köpfe seien von Flammen zerstört gewesen, die Körper intakt. Oder: Die Opfer seien im Gewerkschaftshaus drapiert, aber anderswo getötet worden.

Auf V-Kontakte, dem russischen Facebook-Pendant, wimmelte es von grauenhaften Fotos – Photoshop? Eine Schwangere sei, so hieß es, im Gewerkschaftshaus mit einem Kabel erdrosselt worden. In den ukrainischen sozialen Netzwerken der Gegenangriff: Die Schwangere war 59, nicht schwanger, wurde nicht erdrosselt.

Was in Odessa wirklich geschah, ging in einer Welle von gegenseitigen Beschuldigungen und manipulierten Beweisen unter. Die UN haben am 15. Juni einen Bericht dazu vorgelegt, der eine traumatische Eskalation, aber keine Gräueltaten dokumentiert. Doch die Propagandamaschine, sie läuft weiter.

 

Wolfgang Bauer
berichtet als Reporter der Zeit aus Krisengebieten

Im Frühsommer 2006 recherchierte ich eine Reportage über die UN-Mission Monuc im Ostkongo. Ich bin in der festen Überzeugung hingefahren, dass da eine großartige Mission der UN gegen vergewaltigende, mordende Milizen antritt und die Menschenrechte durchsetzt.

Mitten in der Recherche musste ich mein Wertungssteuer herumreißen. Ich war bei einer pakistanischen Einheit “embedded“, konnte mich aber immer wieder von ihr lösen. Durch Zufall traf ich Vertreterinnen einer Frauen-NGO. Sie erzählten, dass die reguläre kongolesische Armee, die im Windschatten der UN-Truppen kämpfte, der Bevölkerung ein Ultimatum gesetzt hatte: Wer nicht innerhalb von vier Tagen aus dem Busch zur Hauptstraße kam, würde als Feind behandelt werden. Ich bin mit den Frauen in den Busch gegangen, wo sie die Menschen gesucht haben, um sie zu warnen – ein Wettlauf gegen die Zeit, weil die kongolesischen Soldaten betrunken und unter Drogen sind und wie wild vergewaltigen.

Da habe ich die Arbeit der Monuc plötzlich aus einer ganz anderen Perspektive gesehen: Sie war nicht Heilsbringer, sondern Helfershelfer einer grausamen, tyrannischen Armee. Wir haben dann auch von einer Racheaktion der UN-Truppen an einem Dorf erfahren, in dem sie Kämpfer der Milizen vermuteten. Sie griffen das Dorf an einem Markttag, als es voller Menschen war, mit schweren Waffen und Panzern an. Viele Unbeteiligte wurden getötet.

Natürlich hat man da einen Beharrungsinstinkt, man will bei seiner ursprünglichen These bleiben. Mein Fotograf war lange embedded – dabei verwächst man mit den Soldaten, weil sie einen ja schützen. Er hat den Perspektivenwechsel zuerst als Verrat empfunden, erst nach langen Diskussionen hat sich auch bei ihm der Schalter umgelegt.

Das ist ein Beispiel für eine sehr unspektakuläre, komplizierte Form der Propaganda: Der Konflikt ist im toten Winkel der Wahrnehmung, es gibt nur wenige Reporter dort. Also sind wir auf Agenturmeldungen angewiesen, aber die Kollegen der Agenturen sitzen auch nur in der Hauptstadt und gehen zu Pressekonferenzen der Monuc. Deren Führungsoffiziere sind ebenfalls nicht mit den Stiefeln am Boden, sondern verlassen sich auf die Berichte der pakistanischen Kommandeure vor Ort. Und die machen Propaganda in eigener Sache – sie haben keine politische Agenda, sondern sind einfach auf die Militärbürokratie getrimmt und wollen in ihrem Heimatland als Helden gefeiert werden.

Falter, 13.8.2014

Im Krieg der Worte und der Bilder

Kämpfen statt Jammern

In Deutschland gibt es die Freischreiber schon seit fünf Jahren. Jetzt kämpfen auch in Österreich freie Journalisten für bessere Arbeitsbedingungen

Susanne Wolf hatte mehrere Tage Arbeit in die Reportage gesteckt. Sie war ins Frauengefängnis Schwarzau im südlichen Niederösterreich gefahren, hatte drei Stunden dort verbracht, mit dem Gefängnisdirektor gesprochen, mit der Leiterin der Mutter-Kind-Abteilung, mit Insassinnen. Dann hat sie einen Text zu Papier gebracht, 6442 Zeichen; das ist etwas mehr als der Text, den Sie gerade lesen. Die Reportage erschien auf derStandard.at, Wolfs Honorar: ihr zufolge 100 Euro brutto.

derStandard.at war nicht das einzige Medium, das Wolf mit Taschengeld abspeiste; und sie war nicht die einzige freie Journalistin, der es so ging. “Mir sind diese Honorare immer mehr gegen den Strich gegangen“, sagt Wolf. “Ich hab mir gedacht, das kann doch nicht sein, dass es so viele um so wenig Geld machen.“

Gemeinsam mit ihrer Kollegin Sonja Fercher und einigen anderen begann sie sich für mehr Vernetzung und Solidarität unter freien Journalisten einzusetzen. Anfang 2013 startete Fercher gemeinsam mit dem Forum Journalismus und Medien Wien (fjum) die Seminarreihe “Erste Hilfe für Freie“; ein Freien-Stammtisch und eine Facebook-Gruppe mit mittlerweile 167 Mitgliedern entstanden. Nun wird das Netzwerk institutionalisiert: Am Mittwoch hat sich der Verein “Freischreiber“ offiziell gegründet.

Während angestellte Journalisten Monatslöhne bekommen, verkaufen Freie ihre Texte an verschiedene Medien und werden meist per Zeilenhonorar, also je nach Textlänge, bezahlt. Ihre Löhne liegen in den allermeisten Fällen weit unter denen der angestellten Kollegen.

Der Journalisten-Kollektivvertrag (KV) schreibt ein Honorar von etwa 2,6 Cent pro Zeichen (plus Entgelt für den Zeitaufwand, das allerdings in der Realität kaum je gezahlt wird) vor. Für den Text über das Frauengefängnis hätte Wolf also laut KV etwa 160 Euro brutto bekommen sollen – um als Freie von seriösem Journalismus leben zu können, ist auch das viel zu wenig.

Es gibt allerlei weitere Probleme, mit denen Freie zu kämpfen haben: Manche Medien bestellen Texte, drucken sie dann aber aus redaktionellen Gründen doch nicht und wollen nicht für die geleistete Arbeit zahlen; andere lehnen Artikelideen von Freien ab, um sie dann selbst umzusetzen und sich so das Freienhonorar zu sparen. Ein einzelner Freier kann dagegen wenig tun, er ist ja auf weitere Aufträge angewiesen.

Von der Journalistengewerkschaft konnten sich Menschen wie Wolf und Fercher lange Zeit wenig Hilfe erwarten. Bei den vier Jahre dauernden und im April 2013 abgeschlossenen Verhandlungen zu einem neuen KV forderte die Gewerkschaft zwar Verbesserungen für Freie, hatte dabei aber vor allem die “Falschen Freien“ im Blick – Scheinselbstständige, die wie Angestellte arbeiten, aber finanziell und arbeitsrechtlich schlechter gestellt sind. Die Zeitungen sollten ihre freien Mitarbeiter anstellen, forderte die Gewerkschaft. Hier begegneten sich zwei Welten, die der Unternehmer und die der Angestellten: Dass viele Freie gern selbstständig sind und keine Anstellung, sondern höhere Zeilenhonorare und eine fairere Behandlung durch die Redaktionen wollten, verstand die Gewerkschaft erst nach und nach.

In Deutschland hat sich schon im Jahr 2008 eine Gruppe von freien Journalisten unter dem Namen Freischreiber zusammengetan, um den Problemen der Freien gemeinsam gegenüberzutreten. Heute hat der Berufsverband etwa 550 Mitglieder.

Sie bekommen für einen Beitrag von zehn Euro im Monat kostenlose Rechts-, Steuer- und Sozialberatung; auf der Freischreiber-Website können sie Profile anlegen, über die sie potenzielle Auftraggeber finden und kontaktieren können. Der Verband gibt außerdem die “Freienbibel“, ein Handbuch für Freie zu Themen wie “Neue Geschäftsmodelle“ und “Juristisches“ heraus, verleiht jährlich einen “Himmel- und-Hölle-Preis“ an besonders faire und unfaire Redaktionen und kämpft für bessere Honorare, gerechtere Verträge und eine Reform des Urheberrechts.

Die deutschen Freischreiber sind das Vorbild für Wolfs und Ferchers Gruppe, zu deren hartem Kern etwa zehn Freie gehören. “Wir hatten das Gefühl, es wird viel zu viel gejammert bei freien Journalisten“, sagt Wolf. “Die Freischreiber jammern nicht, sondern tun was.“ Wolf und Fercher wollen daher die Leitlinien und vieles andere von den Deutschen übernehmen. Ihr erstes Projekt soll eine österreichische Version der “Freienbibel“ sein. Derzeit stehen sie erst ganz am Anfang, noch gibt es nicht einmal eine Website.

Immerhin haben die österreichischen Freischreiber schon vor ihrer offiziellen Gründung die Gewerkschaft sowie den Verband Österreichischer Zeitungen dazu gebracht, sich mit Ihnen an einen Tisch zu setzen und über fairere Honorare zu verhandeln. Ein Ergebnis gibt es noch nicht, die derzeit wahrscheinlichste Lösung: Das Entgelt für den Zeitaufwand, das die Auftraggeber sowieso systematisch ignorieren, fällt, dafür wird das Zeilenhonorar erhöht.

Falter, 18.6.2014

Nachtrag: Seit Erscheinen meines Artikels hat sich bei den Freischreibern einiges getan – auf der vorläufigen Website gibt es inzwischen erste Infos, die Leitlinien und den Antrag auf Mitgliedschaft. Und: Susanne Wolf hat in meinem Text den Hinweis darauf vermisst, dass es auch Magazine gibt, die deutlich besser zahlen. In dem Gespräch, das wir für diesen Artikel geführt haben, hat sie da etwa den “Konsument” als Positivbeispiel hervorgehoben, für den sie regelmäßig arbeitet. Ich finde (umso mehr, als ich ja selbst einige Zeit lang lang Freie war) ihre Anmerkung berechtigt – tatsächlich ist dieser Punkt dem Platzmangel zum Opfer gefallen – und verweise daher an dieser Stelle auf ihren Blogpost zum Thema.

Kämpfen statt Jammern

Bravo stirbt

Nach 45 Jahren wird der Rennbahn-Express eingestellt. Die Medienkrise trifft Teeniemagazine noch stärker als andere Zeitschriften. Ein Nachruf

Die “Bravo Hits” gibt es heute auch auf iTunes, und die Heftbeilage ist keine Halskette, sondern ein Handyanhänger. Sonst hat sich wenig verändert: Klatsch und Tratsch über Stars, Kleidungstipps, Sexratschläge, Poster und eine Fotolovestory prägen das Teeniemagazin Bravo heute wie vor vielen Jahren.

Der größte Unterschied zwischen einem Bravo-Heft des 20. Jahrhunderts und einem von 2013 ist die Leserzahl. Von 1978 bis 1998 kaufte über eine Million Jugendliche regelmäßig das Bravo, im Jahr 1991 war mit durchschnittlich 1,49 Millionen verkauften Exemplaren der Höhepunkt erreicht. Heute wollen nur noch 246.000 Teenager die Tipps der Sexberater vom Dr.-Sommer-Team lesen und mit den Protagonisten der Fotolovestorys mitfiebern – das ist nur mehr ein Sechstel.

Nicht nur das Bravo schwächelt: Popcorn hat in den vergangenen 15 Jahren 68 Prozent seiner Leser verloren, Mädchen 72 Prozent, Bravo Girl 85 Prozent. Für das österreichische Pendant zu Bravo, den Xpress – früher Rennbahn-Express – gibt es keine gesicherten Zahlen. Aber der News Verlag, der das Heft herausgibt, nennt für 2012 eine Druckauflage von 80.000, für 2013 nur noch eine von 60.000 Stück. Es ist also anzunehmen, dass der Xpress ebenso dramatisch Leser verloren hat wie die deutschen Magazine. Im Mai verkündete der News Verlag nun nach 45 Jahren die Einstellung der Zeitschrift. Die aktuelle Ausgabe mit den Titelgeschichten “Ke$ha’s Crazy Life“, “Die Zukunft der Miley Cyrus“ und “Songraub! So tickt das Musikbiz“ ist die letzte, in Zukunft wird es den Xpress nur noch online geben.

Der Xpress ist nicht die erste Zeitschrift, deren Printausgabe eingestellt wird – seit Anfang des Jahres erscheint etwa das amerikanische Nachrichtenmagazin Newsweek nur noch online. Doch Special-Interest-Magazine, die auf ganz spezifische Lesergruppen abzielen, gelten als jene Medien, die am besten durch die Krise kommen. Nur die Teeniemagazine scheinen da eine Ausnahme zu bilden.

Dass junge Menschen heute weniger lesen als früher, ist ein Grund für die Medienkrise. Die Teeniemagazine trifft das noch stärker als andere Zeitschriften: Ihre Zielgruppe ist die erste Generation, die sich nicht mehr an eine Zeit ohne Internet erinnern kann. Die heute 13-Jährigen hätten mit Facebook, Twitter und SchülerVZ lesen lernen können, auch Youtube existierte schon, als sie in die Volksschule kamen.

“Mit der Verlagerung unserer Aktivitäten vom Print-Xpress auf die digitale Plattform xpress.at tragen wir dem geänderten Mediennutzungsverhalten unserer jüngsten Zielgruppe Rechnung“, begründete Herausgeber Axel Bogocz die Einstellung des Magazins: “Österreichs Jugendliche sind heute mobiler denn je – immer dabei sind Smartphone, iPad oder Laptop. Das sind die Plattformen, auf denen sie zukünftig Xpress digital begegnen werden.“ Aber wollen die Teenies das überhaupt?

“Figur-Fight! Krasser Body-Neid in Hollywood! So kämpfen die Stars um die beste Bikini-Figur“ können sie im aktuellen Bravo lesen. “Sexy Beach-Wear für Girls & Boys“. “Test: Wo triffst du deinen Sommer-Flirt?“. “Fotolovestory: Ein Kickflip in die Liebe“. “Madonnas Tochter Lourdes: Sex-Verbot von Mama! Macht ihr Freund jetzt Schluss?“. Ein knallbuntes, kleinteiliges Layout, viele Fotos – gern mit Pfeilen versehen -, viele Rufzeichen, eine Jugendsprache voll englischer Einsprengsel. Promis werden mit Vornamen vorgestellt, ihre Probleme mit denen der Leser verglichen:

“‚Ey, was willst du nur von dem? Entweder er oder ich!‘ Sätze, die du garantiert NIEMALS von deiner besten Freundin über deinen Freund hören willst. Denn wenn die BFF (Best Friend Forever, Anm.) deinen Schatz doof findet – das ist echt ’ne Kack-Situation. Und genau in der steckt gerade Selena Gomez! Seit sechs Wochen ist die 20-Jährige wieder mit Super-Sänger Justin Bieber zusammen. Doch ein Girl scheint von diesem Liebes-Comeback richtig angepisst zu sein: Sels BFF Taylor Swift!“

Die Jugendlichen haben nicht nur das Interesse an Gedrucktem, sondern auch an solchen Geschichten verloren. Die Teenies seien nicht einfach von Print- auf Onlinemagazine umgestiegen, auf bravo.de oder xpress.at, sondern auf ganz andere Kanäle, sagt der Lehrer und Buchautor Nikolaus Glattauer: “Meine Schüler sind bei jeder Gelegenheit auf Facebook, der Rennbahn-Express ist für sie kein Thema.“ Bei der Media-Analyse 2012 gaben 80 Prozent der 14- bis 19-Jährigen an, Chats und Foren zu nützen, zwei Drittel sehen sich Videoclips an und die Hälfte lädt eigene Texte oder Fotos hoch – jeweils der höchste Wert unter allen Altersgruppen. Hingegen lesen nur 34 Prozent aktuelle Nachrichten online, und nur 28 Prozent greifen auf Zeitungs- oder Zeitschrifteninhalte zu – deutlich weniger als in der Altersgruppe zwischen 20 und 49.

Facebook, Twitter, Youtube und Youporn übernehmen die Funktionen, die früher Bravo oder Rennbahn-Express erfüllten. Um Neuigkeiten über Stars und Sternchen zu erfahren, brauchen Jugendliche heute keine Zeitschriften mehr: Sie können direkt mit ihnen kommunizieren. Die auf dem letzten Xpress-Cover abgebildete Miley Cyrus hat auf Twitter zwölf Millionen Follower und auf Facebook 26 Millionen Likes, Teenieschwarm Justin Bieber kommt auf 40 Millionen Twitter- und 54 Millionen Facebook-Fans.

Und die Aufklärung? Millionen Teenies haben dank Dr. Sommer gelernt, dass man vom Küssen nicht schwanger wird, und heimlich vor dem Badezimmerspiegel ihren Körper mit dem der Nackten im Bravo verglichen. Heutige Jugendliche schauen stattdessen Youporn-Videos oder lesen japanische Manga-Comics, sagt Nikolaus Glattauer.

Die Doppelseiten mit den beiden per Selbstauslöser fotografierten Nackten – pro Ausgabe ein Mädchen und ein Bursche –, 16 Jahre lang eines der Markenzeichen von Bravo, sind Mitte 2011 verschwunden. Warum, das kann oder will Torsten Schulz, Sprecher des Bravo-Verlages Bauer Media, nicht verraten. Die Vermutung liegt nahe, dass heutige Teenager auf die Seiten nicht mehr angewiesen sind: Während früher viele Leser hier zum ersten Mal nackte Menschen sahen, sind heutige Teenies mit nackten Körpern vertraut.

(Anmerkung: Einige Zeit nach Erscheinen dieses Textes fiel mir eine zweite mögliche Erklärung für die Abschaffung der Nackten ein: Früher landeten die Fotos nach einer Woche im Altpapier und wurden vergessen. Möglicherweise ist inzwischen das Risiko zu groß geworden, dass die Nacktfotos der heute 16-Jährigen für immer im Internet kursieren).

Auch den Reiz des Verbotenen haben Bravo und Rennbahn-Express verloren: Während sich in den 1970er- oder 1980er-Jahren geborene frühere Leser erinnern, dass Pfarrer und Lehrer ihnen das Heft abnahmen oder die Eltern die Seite mit den Nackten herausrissen, würden sich manche heutige Eltern und Lehrer freuen, wenn sie ihre Kinder in ein Bravo vertieft fänden: “Meine Schüler lesen überhaupt nichts“, sagt Nikolaus Glattauer.

Dabei haben sich die Teeniehefte über die Jahre hinweg bemüht, ihre Leser nicht zu überfordern und sich der sinkenden Aufmerksamkeitsspanne anzupassen. Das Layout wurde bunter und kleinteiliger, die Covers überladener. Der Rennbahn-Express, 1968 vom heutigen Österreich-Herausgeber Wolfgang Fellner, seinem Bruder und einem Schulkollegen als Schülerzeitung gegründet, berichtete in seinen Anfangsjahren nicht nur über die Bee Gees, Rainhard Fendrich oder die Stones, sondern auch über Nazi-Prozesse, Zwentendorf, den Sturz des Schahs, den Tod Rudi Dutschkes und den Bürgerkrieg in Nicaragua. Im Laufe der Jahre verschwanden die politischen Berichte, dafür tauchten Fotolovestorys, Sexberatung, Liebeshoroskope und sogar Partnervermittlungsseiten (“Top-Singles zum Verlieben – mit Gratis-Flirt-Kupon“) auf.

Wie schlecht es um die Branche wirklich bestellt ist, lässt sich an der Reaktion der Verlage auf Interviewanfragen ablesen. Beim Xpress hat niemand Zeit für ein Interview, sowohl Chefredakteurin Anna Wagner als auch Herausgeber Axel Bogocz seien verreist. Und Bauer-Media-Sprecher Schulz lehnt die Bitte nach einem Gespräch mit Bravo-Chefredakteurin Nadine Nordmann oder der Geschäftsführung ab: Man gebe derzeit aus strategischen Gründen keine Interviews zur Lage von Bravo.

Falter, 12.6.2013

Bravo stirbt

Die digitalen Musketiere

Drei junge österreichische Journalisten experimentieren in Deutschland mit neuen Formen des Journalismus

Ihr neues Büro ist noch nicht einmal ganz fertig, da zieht Anita Zielina schon wieder aus. Im Oktober hatte sie ihren Job als Vize-Chefredakteurin von Standard und derstandard.at angetreten; nun wurde bekannt, dass Zielina Wien Ende März verlassen wird, um in der Hamburger Redaktion des Magazins Stern den Posten des “Managing Editor Online“ anzutreten. Zielina soll stern.de neu konzipieren; wenn der Umbau abgeschlossen ist, wird sie die Onlineredaktion leiten. Da stellt sich die Frage: Wie schafft es eine 32 Jahre junge Wienerin in die Führungsebene eines großen deutschen Magazins?

Der wichtigste Teil der Antwort lautet: Amerika. Zielina bekam 2011 als erste Österreicherin die renommierte Knight Journalism Fellowship an der Stanford University im kalifornischen Silicon Valley; ein Jahr lang forschte sie dort zu Medieninnovation und zur Frage, wie Medien am besten mit ihren Usern interagieren können.

Die rasanten Veränderungen und die ungewisse Zukunft der Branche machen vielen Medienunternehmern Angst, sie würden am liebsten ihre Augen schließen und sich ins Jahr 1990 zurückbeamen. Wer sich aktiv mit dem Thema Innovation beschäftigt, kann sich daher schnell profilieren.

Wenn Zielina in ein paar Wochen in Hamburg zu einer Podiumsdiskussion oder einem Workshop zu ihrem Spezialthema geht, wird ihr wohl Bernhard Riedmann über den Weg laufen. Und vielleicht – wenn die Veranstaltung wichtig genug ist für eine Anreise aus München – auch Wolfgang Luef. Dann werden drei junge Österreicher zusammenstehen und die Zukunftsstrategien der großen deutschen Magazine debattieren: Luef, 29, ist beim Magazin der Süddeutschen Zeitung für die App zuständig, Riedmann, 30, arbeitet in der Multimedia-Redaktion des Spiegel. Die Namen der beiden könnten Falter-Lesern bekannt vorkommen: Luef und Riedmann waren einst Praktikanten und freie Mitarbeiter beim Falter.

Anita Zielina geht nach Deutschland, weil dort mehr Innovation stattfindet; Luef und Riedmann hingegen haben sich mit Innovation beschäftigt, weil sie zu den großen deutschen Medien wollten. In Deutschland angekommen, stellten beide fest, dass zwar überall Journalisten entlassen werden; im Innovationsbereich aber gab es neue Jobs.

Luef, ein ruhiger, reflektierter Mann, hat 2008 ein Volontariat bei der Süddeutschen absolviert – eine in Deutschland übliche praxisbezogene Ausbildung, bei der man in zwei Jahren verschiedene Ressorts eines Mediums durchläuft. Danach wollte er beim SZ-Magazin bleiben, auch die Redaktion wollte ihn behalten, doch es gab keine freien Stellen. “Ich habe mich nicht für eine iPad-Stelle beworben“, erzählt Luef, “aber als ich gefragt wurde, ob ich die App entwickeln will, habe ich gedacht: Cool, ich kann weiterhin Teil dieser Redaktion sein.“

Zusammen mit Grafikern, Programmierern und Projektmanagern hat Luef die App des SZ-Magazins konzipiert, heute ist er dafür zuständig, die einzelnen Ausgaben fürs Tablet umzusetzen und sich um digitale Zusatzelemente zu kümmern. Da kann der User sich dann eine Kolumne von deren Autor vorlesen lassen, mit den Schüttelreimen der Rubrik “Gemischtes Doppel“ Memory spielen oder sich ein Making-of eines Modeshootings mit ehemaligen Opernsängern in einem Mailänder Altersheim anschauen. Zum Schreiben kommt Luef heute nur noch selten.

Eine Karriere im Expresstempo hat Bernhard Riedmann hingelegt. Im Vergleich zu Luef und Zielina ist er ein Spätberufener, 2010 bewarb er sich an der renommierten Zeitenspiegel-Reportageschule im deutschen Reutlingen. “Wir haben ihn genommen, weil er ein aufgeschlossener, dynamischer Kerl war“, erzählt deren Leiter Philipp Maußhardt heute, “journalistisch war er noch relativ unbedarft.“ Trotzdem wird Riedmann noch vor Ende der Ausbildung, direkt aus einem Pflichtpraktikum heraus, beim Spiegel angestellt.

Das Magazin baute damals gerade seine iPad-Redaktion auf und suchte Multimedia-Reporter. Riedmann hatte nicht nur Musik gemacht, Uni-Vorlesungen besucht und gejobbt, sondern auch eine Filmschule besucht und Fotografie gelernt.

All das hilft ihm bei den interaktiven Webreportagen, die er nun gestaltet. Die Reportage “Nicht von Gott gewollt“ über ein lesbisches Fußballteam in Südafrika etwa, für die er und seine Kollegin Amrai Coen den Deutschen Reporterpreis gewonnen haben. Eine Spielerin aus dem Team nimmt den User mit in ein verfallenes Warenhaus, in dem eine Freundin ermordet wurde; in vier Kapiteln bringen die Reporter dem User mittels Videos und Audioslideshows, über die Stimmen von Opfern und potenziellen Tätern die gefährliche Situation lesbischer Südafrikanerinnen näher.

Könnte Riedmann solche Projekte auch in Österreich umsetzen? “Nein“, sagt er sofort, “ich wüsste nicht, welches Medium sich so etwas trauen würde.“ Im Vergleich zu den Apps von Spiegel und SZ-Magazin muten die der meisten österreichischen Medien fast steinzeitlich an: Sie zeigen entweder die Printausgabe oder sind leicht adaptierte Versionen der Website. Die wohl ambitionierteste Zeitungs-App hierzulande ist ausgerechnet die der Krone, wo man immerhin mit animierten Grafiken und Panoramafotos experimentiert.

In Debatten über die unterschiedlichen Medienkulturen in Deutschland und Österreich kommt meist schnell das Argument, Österreich sei eben ein kleines Land. Bei der Frage nach der Medieninnovation dürfte es sogar stimmen: Eine App zu entwickeln kann hunderttausende Euro kosten, da sind die deutschen Magazine mit ihren Verkaufszahlen klar im Vorteil. Zum Vergleich: Die Süddeutsche verkauft über 400.000 Exemplare einer durchschnittlichen Ausgabe, der Spiegel 900.000, der Stern 800.000. In Österreich liegen Standard oder Profil bei knapp 70.000 Exemplaren.

Aufwändige Projekte wie Riedmanns “Nicht von Gott gewollt“ können sich deutsche Medien daher eher leisten. Zwei Wochen lang waren Riedmann und seine Kollegin dafür in Südafrika, insgesamt drei Monate lang haben sie zusammen mit Grafikern und Programmierern an der Umsetzung der Reportage gearbeitet. Das rechnet sich nicht so schnell – und es ist unklar, wohin solche Experimente führen werden. Für Riedmann sind interaktive Geschichten mehr als nur Spielerei, aber selbst er glaubt nicht, dass neue Erzählformen allein die Krise des Journalismus lösen können.

Dass sich viele Medienunternehmer hierzulande nicht trauen, Projekte mit ungewissem Ausgang zu starten, stört Anita Zielina. Sie hat in den USA eine andere Unternehmenskultur kennengelernt, in der Scheitern nichts Schlimmes ist: “Dort wird man nicht nur für das geschätzt, was man geschafft hat, sondern auch dafür, was man auszuprobieren gewagt hat“, sagt sie. “Wer in Österreich einmal scheitert, dem hängt das für immer nach.“

Beim Standard hat Zielina die Schwerpunktausgabe Direkte Demokratie koordiniert, für die Leser via Liquid Democracy Themen vorschlagen und diskutieren konnten; seit Februar bloggt sie auf derstandard.at zu ihrem Leibthema Innovation. Dass es auch unter ihr, zumindest nach außen hin, keine richtig radikalen Veränderungen gab, mag daran liegen, dass sie erst fünf Monate Zeit hatte, etwas anzustoßen. Viele Projekte, sagt Zielina, seien gerade am Entstehen.

Das passt zu dem, was Daniela Kraus, Leiterin des Forums Journalismus und Medien Wien, über Innovation in Österreich sagt: “Im Gegensatz zu den USA startet man hier Projekte erst in einem späteren Nachdenk- und Entwicklungsstadium, statt sich reinzuschmeißen und einfach mal zu experimentieren.“ Auch auf Deutschland treffe das zu; doch weil die Zeitungskrise dort schon stärker zu spüren ist, sei der Druck, Neues zu schaffen, größer.

Die Aufbruchsstimmung in der Medienbranche werde wohl bald auch in Österreich ankommen, sagt Wolfgang Luef zum Abschied und kündigt an, diesen Text in der Falter-App zu lesen. “Wobei …“, er zögert, “… könntet ihr mir doch eine gedruckte Ausgabe nach München schicken?“

Falter, 6.3.2013

Die digitalen Musketiere

Zu ebener Erde und im ersten Stock

Der Standard hat die fortschrittlichste Onlineredaktion des Landes. Doch bei der Zusammenarbeit zwischen Online und Print hapert es noch. Ein Umzug soll das ändern

“Ist das hier nicht Raum 2.1.?” – “Nein, das ist 2.2., glaube ich.“ Selbst Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid hat das Gebäude, das sie und ihre Mitarbeiter vor kurzem bezogen haben, noch nicht ganz durchschaut. Seit Dezember residiert der Standard nicht mehr in einem prunkvollen Innenstadtpalais, sondern in einem Glaskubus im dritten Bezirk – gemeinsam mit derstandard.at, dessen Redaktion früher in einem eigenen Gebäude saß. Weiße Tische, viel Glas, Luftbefeuchter, dazu rundliche „Kuschelecken“ in Gelb, Grün und Pink, die die Mitarbeiter für Besprechungen und Telefonate nützen können. Auf den Gängen stehen Leitern herum, aus der Decke hängen Kabel, von irgendwo ertönt eine Bohrmaschine.

Modern, aber noch eine Baustelle – diese Beschreibung trifft auch auf die Onlinestrategie des Standard zu. Seine Website derstandard.at war 1995 der erste Webauftritt einer deutschsprachigen Zeitung und ist bis heute ein Vorreiter im österreichischen Onlinejournalismus.

Während die Onlineredaktionen anderer Tageszeitungen meist aus kaum zwanzig Personen bestehen und vor allem damit beschäftigt sind, Agenturmeldungen zu kopieren, Texte aus der Printausgabe online zu stellen und klickträchtige Bildergalerien zu Lifestylethemen anzulegen, arbeiten bei derstandard.at etwa 70 Redakteure, annähernd so viele wie bei der Printschwester. Sie recherchieren eigene Geschichten, tickern live von Gerichtsverhandlungen und experimentieren mit neuen Formen wie Datenjournalismus und interaktiven Netzwerkgrafiken.

Im Grunde könnten sich Online- und Print-Standard unter einem Dach perfekt ergänzen. Die Onliner könnten den täglichen Nachrichtenfluss intelligent abdecken, die Print-Leute tags darauf die großen Zusammenhänge und die stilistischen Höhepunkte liefern.

Könnte. Denn in der Praxis funktionierte das bis dato kaum. Statt Kooperation hieß es vielfach Konfrontation – oder einfach liebloses Nebeneinander. So standen im April letzten Jahres zum einjährigen Amtsjubiläum von Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz zwei Interviews mit ihm gleichzeitig auf derstandard.at: eines von Print-, eines von Onlineredakteuren. Skurrilitäten wie diese gibt es nicht nur beim Standard: News.at bekam vor kurzem keinen Zugriff auf eine Aufdeckergeschichte von News-Vize-Chefredakteur Kurt Kuch – und behalf sich, indem es eine Agenturmeldung online stellte, die einen Ö1-Bericht zitierte, der sich auf Kuchs Artikel bezog.

Auf die Frage “Warum?“ hört man beim Standard oft von tradierten Animositäten und unterschiedlichen journalistischen Kulturen. Die Onliner fühlen sich von den Printlern nicht als vollwertige Journalisten akzeptiert. Dass online am Anfang recht amateurhaft gearbeitet wurde, hängt ihnen bis heute nach, nur langsam werden die Ressentiments weniger.

Die Spannungen zwischen Print und Online, die etwa zutage treten, wenn Onlineredakteure den Titel einer Printgeschichte ändern, sind ein Symptom der Umbruchphase, in der die Medienbranche derzeit steckt. Gedruckte Zeitungen verlieren Leser, kündigen Personal, werden mancherorts gar eingestellt; Onlinejournalismus gewinnt an Bedeutung.

Das zeigt sich auch beim Standard: Lag die verkaufte Auflage der Zeitung 2008 im Wochenschnitt noch bei 77.000 Exemplaren, sank sie bis zum ersten Halbjahr 2012 auf 70.000. Im selben Zeitraum stieg die Zahl der page impressions – also der Klicks – auf derstandard.at von 46 auf 63 Millionen; die Zahl der unique clients – also der Geräte, von denen auf die Seite zugegriffen wurde – verdoppelte sich von 1,3 auf 2,5 Millionen. Seit 2005 mache der 1995 gegründete Online-Standard Gewinne, sagt dessen Chefredakteurin Gerlinde Hinterleitner.

Doch Onlinejournalismus spielt weniger Geld ein, als es Zeitungen noch bis vor ein paar Jahren taten; weltweit suchen Medienbesitzer nach digitalen Verdienstmodellen. Die Wirtschaftskrise verstärkt die Nervosität in der Branche noch, auch beim Standard rechnet Chefredakteurin Föderl-Schmid für 2013 finanziell mit schlechten Nachrichten. Niemand weiß, wie der Journalismus in ein paar Jahren aussehen wird – und ob er oder sie dann noch einen Job haben wird.

Beim Standard soll das gemeinsame Gebäude in Zukunft Absprachen erleichtern. Auch dass im Herbst Anita Zielina – die 32-jährige Onlinerin war 2011 als erste Österreicherin Knight Journalism Fellow an der Stanford University in Kalifornien und forschte dort zu Medieninnovation – zur Vize-Chefredakteurin sowohl des Standard als auch von derstandard.at ernannt wurde, ist ein  Schritt in diese Richtung.

Die Trennung zwischen Print- und Onlineredaktion soll beim Standard trotzdem erhalten bleiben. Als der Umzug in das ehemalige Gebäude der Zentralsparkasse geplant wurde, überlegte man, beide räumlich zu verschmelzen. Doch ausgerechnet in der Abwehr dieses Modells taten sich Print- und  Onlineleute, die sonst kaum miteinander sprachen, zusammen. Sie sehen wegen der unterschiedlichen Arbeitsweisen von Print und Online keinen Sinn in einer engeren Zusammenarbeit; auch die unterschiedlichen Beschäftigungsverhältnisse – Printredakteure werden nach Journalisten-Kollektivvertrag, Onliner nach dem billigeren IT-Kollektivvertrag bezahlt – haben eine Rolle gespielt, ebenso die Angst vor Entlassungen: Vor kurzem erst wurde den Redakteuren per Mail Bildungskarenz und Altersteilzeit schmackhaft gemacht.

Die Geschäftsführung gab nach, und so sitzt die Printredaktion nun mit Blick auf den Wienfluss im ersten Stock des neuen Gebäudes, die Onliner teilen sich mit der Print-Produktion den riesigen ehemaligen Kassensaal im Erdgeschoß.

Eine personelle Verschmelzung von Online und Print kommt für die Redakteure noch weniger in Frage als eine räumliche. Der Medienredakteur Harald Fidler und Klaus Taschwer von der Wissenschaft sind die einzigen Printler, die im neuen Gebäude freiwillig unten bei den Onlinern sitzen. “Ich merke stündlich, dass es Sinn ergibt, gemeinsam zu arbeiten”, sagt Fidler, “aber ich weiß auch, wie schwierig es ist, beide Medien parallel und aktuell zu bedienen”.

Einen Vorgeschmack darauf, wie die Zusammenarbeit funktionieren könnte, lieferte letzte Woche ein Streitgespräch zwischen zwei Offizieren zum Thema Wehrpflicht: Ein Printredakteur und eine Onlineredakteurin moderierten die Diskussion gemeinsam, in der Printausgabe erschien eine kürzere Fassung, online eine längere Version und ein Video. Für den Standard war das schon eine kleine Revolution.

Erschienen in leicht veränderter Form im Falter, 23.1.2013

Zu ebener Erde und im ersten Stock

“Faymann konnte sich bei mir nie Berichterstattung kaufen”

Der Auftritt im U-Ausschuss blieb Wolfgang Fellner erspart – dem Falter stand er Rede und Antwort

Fragen: Ruth Eisenreich, Florian Klenk

Mit Freude“ würde er im Korruptions-U-Ausschuss zur Inseratenaffäre aussagen, erklärte Österreich-Herausgeber Wolfgang Fellner letzte Woche: Dann werde das Gerede über die Asfinag-Inserate endlich aufhören.

Über jene Asfinag-Inserate in Österreich, die – gemeinsam mit ÖBB-Inseraten in der Krone – für heftige Kritik an Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) sorgen. Der Vorwurf: Faymann habe sich als Verkehrsminister mit Inseraten wohlwollende Berichterstattung erkauft – und dazu nicht nur das Budget seines Ministeriums verwendet, sondern auch Werbestrecken für die staatlichen Firmen ÖBB und Asfinag in Auftrag gegeben. Diese hätten zahlen müssen, doch profitiert habe nur Faymann.

Der Auftritt im Ausschuss bleibt Fellner vorerst Aus erspart. Dem Falter gab er jetzt im E-Mail-Interview Auskunft über Intrigen und Inserate.

Falter: Herr Fellner, was bedeutet für Sie journalistische Unabhängigkeit?

Wolfgang Fellner: Journalistisch unabhängig sind Medien, hinter denen keine Interessengruppen stehen – die also frei und unabhängig von Eigentümerinteressen entscheiden können. In diesem Sinn sind ein Kurier (komplett von Raiffeisen abhängig) oder eine Presse (mit der Kirche als Eigentümer) definitiv nicht unabhängig, ein Standard, ein Falter und Österreich schon. Österreich befindet sich alleine in Besitz und Verantwortung seines Verlegers.

Muss ein Verleger vor allem ein Kaufmann sein?

Fellner: Er muss in erster Linie Journalist sein – kreativ, mit Gefühl für neue Ideen. Ich habe etwa im News-Verlag sieben neue Magazine gestartet – seither gab es keinen Neustart mehr. Weiters muss ein Verleger mutig sein, auch Mut zum Risiko haben, eine Vision für Neues und Engagement für Qualität. Ich war nie Kaufmann – aber natürlich habe ich viele kaufmännische Dinge (Bilanz, Budget etc.) lernen müssen.

Kann man sich bei Ihnen politische Berichterstattung oder zumindest Ihr publizistisches Wohlwollen kaufen?

Fellner: Ganz sicher nicht.

Peter Pilz sagt, Sie hätten ihn unter Druck gesetzt. Die Grünen hätten inserieren sollen, damit sie positive Berichterstattung bekommen. Sie haben Pilz verklagt. Welches Motiv hat Pilz, Ihnen etwas Falsches vorzuwerfen?

Fellner: Peter Pilz hat keinen einzigen Beweis dafür, dass ich ihn unter Druck gesetzt habe, das ist frei erfunden und nicht haltbar – deshalb habe ich geklagt, weil ich der Meinung bin, dass ich mir nicht jede frei erfundene Fantasiegeschichte gefallen lassen muss. Im Gegenteil: Es gibt keine andere Zeitung in Österreich, in der Peter Pilz so oft vorkommt wie in Österreich. Ohne ein einziges Inserat.

Kurier-Chef Helmut Brandstätter behauptet, Sie drohten Unternehmen mit negativen Berichten, um Anzeigen zu lukrieren – mit Formulierungen wie “Hean S’, ich kann meine Leute nicht mehr zurückhalten, wir müssen die Geschichte bringen, aber wir haben eh einen Termin, da können wir über Anzeigen reden“. Verwenden Sie solche Sätze?

Fellner: Das ist frei erfunden. Es gibt keinen einzigen Namen, keinen einzigen Beweis für diesen absurden Vorwurf. Sehr wohl gibt es aber mehrere Briefe von Herrn Brandstätter, in denen er Firmen und Politiker um Inserate anschreibt – etwa Verteidigungsminister Darabos.

Brandstätter wirft Ihnen vor, Sie hätten ihn sogar bei Raiffeisen-Boss Christian Konrad angeschwärzt, weil er sich gegen die Korruption in der Branche starkmacht. Stimmt das?

Fellner: Das ist völliger, hanebüchener Unsinn. Herr Brandstätter war im Gegensatz zu mir viele Jahre lang als Lobbyist und PR-Berater tätig. Er hat mich und Österreich betreffend einen Verfolgungswahn, der wohl damit begründet ist, dass der Kurier seit der Gründung von Österreich mehr als ein Drittel seiner Leser verloren hat – das hat also reine Konkurrenzgründe. Zu Herrn Dr. Konrad habe ich minimalsten Kontakt (vielleicht einmal im Jahr ein flüchtiges Gespräch), während Raiffeisen bekanntlich (bis vor kurzem, Anm. d. Red.) Eigentümer des Kurier und Herr Konrad dadurch in fast täglichem Kontakt mit Herrn Brandstätter ist.

Sie sind mit Werner Faymann befreundet, Österreich berichtet sehr positiv über ihn. Wie viel Einfluss dürfen im Journalismus private Sympathien haben?

Fellner: Überhaupt keinen. Ich trenne strengstens zwischen privater Sympathie und Berichterstattung. Im Fall Faymann überwiegen die kritischen Berichte und Kommentare in Österreich, wenn man sie wirklich einmal fair abzählt, die positiven deutlich (so wie auch in den meisten anderen Medien).

In der Inseratenaffäre wird Ihnen vorgeworfen, Sie hätten von Faymann für wohlwollende Berichterstattung (“Austro-Obama“, “Volkskanzler“) Asfinag-Inserate bekommen. Der Vorstand der Asfinag hielt die Anzeigen für wertlos. Konnte sich Faymann bei Ihnen Berichterstattung kaufen oder waren Sie wirklich der Meinung, er sei eine Art Obama?

Fellner: Erstens: Die Geschichte mit dem “Austro-Obama“ wird völlig falsch und aus dem Zusammenhang gerissen wiedergegeben. Das war in Wahrheit ein analytischer Kommentar über die Ähnlichkeiten der beiden politischen Programme mit einer Analyse aller Wahlwerber, die das Wahlergebnis fast exakt vorausgesagt hat und alles andere als eine Lobhudelei. Zweitens: Faymann konnte sich bei mir nie Berichterstattung kaufen – und hat das auch nie getan. Gerade am Beispiel der Asfinag-Inserate können (und werden) wir vor dem U-Ausschuss beweisen, dass alle Inserate direkt mit der Asfinag in Zusammenhang mit dem Kauf von Vignetten verhandelt wurden und kein einziges in Absprache mit dem Minister beauftragt wurde (wie das bei Krone und ÖBB angeblich der Fall war). Österreich hat um den zehnfach höheren Betrag Vignetten gekauft als Inserate erhalten. Es ist völlig falsch zu behaupten, der Vorstand habe die Inserate für wertlos gehalten – das Gegenteil ist der Fall.

Sie schreiben Politiker, die Ihnen nicht genehm sind, gerne runter. Kürzlich nannten Sie die Politiker Gabriela Moser und Peter Pilz “Fast-Frühpensionisten“, die den Ausschuss sprengen würden. War das Ihre Antwort auf die Versuche der Grünen, die Inseratenaffäre aufzuklären?

Fellner: Im Gegenteil: Gabriela Moser wird bei uns extrem fair und positiv behandelt – siehe doppelseitige Reportage am letzten Sonntag. Das Prädikat “Grün-Oma“ hat sich rein auf ihre mediale Wirkung und ihre Auftritte bezogen – sie ist in vielen Kommentaren inhaltlich von mir sehr gelobt worden. Und Peter Pilz kommt in Österreich mehr und positiver vor als in jeder anderen Zeitung. In sechs Jahren Österreich sind mehr als 100 (!) Pilz-Interviews erschienen. Von “runterschreiben“ keine Rede – eher von “raufschreiben“.

Hugo Portisch wirft Ihnen vor, Interviews erfunden zu haben. Warum tun Sie so etwas?

Fellner: Das kurze Telefongespräch mit Hugo Portisch war nicht erfunden, sondern wurde völlig korrekt in der Zeitung wiedergegeben. Hugo Portisch hatte damals nur gebeten, das Gespräch nicht als Interview anzukündigen, weil er seine Pressekonferenz nicht vorwegnehmen wollte. Darüber hat sich ein Schlussredakteur leider hinweggesetzt – wir haben uns dafür entschuldigt.

Frank Stronach kommt bei Ihnen aufs Titelblatt, wird oft ziemlich unkritisch abgefeiert. Haben Sie mit ihm, wie Kritiker behaupten, ein Inseratenpaket für positive Berichterstattung ausgemacht, oder sind Sie wirklich so von Stronachs Wichtigkeit überzeugt?

Fellner: Lesen Sie gelegentlich österreichische Zeitungen? Ist Ihnen vielleicht aufgefallen, dass Stronach zuletzt überall auf dem Titelblatt war – von Trend bis Kurier oder Wirtschaftsblatt? Wir waren halt nur die Ersten, die erkannt haben, dass hier ein spannendes politisches Phänomen entsteht. Nur zu Ihrer Information: Wir haben bisher – im Gegensatz zu Krone oder Heute – von Stronach kein einziges Inserat erhalten. Bei uns ist Stronach im Gegensatz zur Krone auch nicht Kolumnist. Unsere Berichterstattung ist in Sachen Stronach fair, aber kritisch. Vor allem aber völlig unabhängig.

Ihr Blatt hat per “Live-Ticker“ vom Begräbnis eines türkischen Buben berichtet und Fotos gemacht, obwohl die Verwandten das nicht wollten. Was würden Sie sagen, wenn eine Zeitung das vom Begräbnis eines Ihrer Verwandten täte?

Fellner: Das war ein Fehler, der einem jungen Mitarbeiter in der Online-Redaktion passiert ist und der nach wenigen Minuten gestoppt wurde. Verwendet wurde übrigens nur Nachrichtenmaterial der Austria Presse Agentur, die dieses Begräbnis auch live getickert hat, wie es ihre Aufgabe ist. Bei uns war die Aufmachung zu reißerisch – dafür haben wir uns sofort entschuldigt. Kann in einer Online-Redaktion, in der täglich hunderte Storys online gehen, einmal passieren.

Sie veröffentlichen auch Paparazzi-Fotos von Prominenten in intimen Situationen, kürzlich im Fall Gerhard Bergers. Wo liegt die Grenze zum Privaten?

Fellner: Die Grenzen sind klar durch Presserecht und Presserat vorgegeben – die werden von uns strikt eingehalten. Im Fall Berger handelt es sich um öffentliche Agenturfotos von einem Formel-1-Grand-Prix, für deren Abdruck wir die Zustimmung von Gerhard Berger hatten.

Welcher Verleger ist Ihr Vorbild?

Fellner: Henri Nannen vom legendären Stern – weil er auf hervorragende Weise kritischen Journalismus und Unterhaltung verbunden hat. Ich kannte ihn persönlich, habe ihn mehrmals getroffen, und er hat mir in Gesprächen versichert, dass meine Art von Journalismus und wie ich News gestartet habe, seiner Idee des Stern ziemlich nahekam.

Falter, 26.9.2012

“Faymann konnte sich bei mir nie Berichterstattung kaufen”