Der Gazakrieg in Bischofshofen

Bei einem Fußballmatch stürmen Jugendliche das Spielfeld und attackieren israelische Kicker. Was ist los mit den Austrotürken?

Seit Ende Juli kennt man die Salzburger Kleinstadt Bischofshofen sogar bei BBC und CNN. Das verdankt sie einem Match am örtlichen Fußballplatz: Der OSC Lille führt gerade 2:0 gegen Maccabi Haifa, als plötzlich eine Gruppe Jugendlicher mit Palästinaflaggen aufs Feld stürmt und sich mit den israelischen Spielern prügelt. Es sind keine Neonazis, sondern Teenager mit türkischen Wurzeln.

Screenshot BBC (Quelle: http://www.bbc.com/news/world-europe-28457215)
Screenshot BBC (Quelle: http://www.bbc.com/news/world-europe-28457215), aufgenommen am 21.9.2014

Wenige Tage zuvor protestieren in Wien 11.000 Menschen gegen den Gaza-Krieg. Neben “Freiheit für Palästina” und “Gaza muss leben” sind auch Transparente zu sehen, die weit über Kritik an der israelischen Politik hinausgehen: Demonstranten rufen zur Intifada auf, der Davidstern wird mit dem Hakenkreuz gleichgesetzt, eine Fotomontage des israelischen Premiers Benjamin Netanjahu spielt auf die Ritualmordlegende an, derzufolge Juden das Blut nichtjüdischer Kinder trinken würden. Der Organisator der Demo: die Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD).

Hat die türkischstämmige Community in Österreich ein Antisemitismusproblem? Wenn ja, woher kommt es?

Dass in ganz Europa neben Israelkritik auch antisemitische Ressentiments hochkommen, wenn der Nahostkonflikt wieder einmal eskaliert, ist kein neues Phänomen. Ebenso wenig der “muslimische Antisemitismus”; bisher kannte man ihn allerdings von Arabern, nicht von Austrotürken.

Was nun in Wien und Bischofshofen passiert, hat seine Wurzeln in der türkischen Innenpolitik, sagen viele Beobachter. Die Türkei pflegte lange gute Beziehungen zu Israel. Zuletzt änderte sich das: Im Jahr 2009 gerieten der türkische Premier Recep Tayyip Erdoğan und der damalige israelische Präsident Schimon Peres bei einer Diskussion in Davos in heftigen Streit über den vorangegangenen Gaza-Krieg, Erdoğan stürmte vom Podium. Als dann 2010 beim israelischen Angriff auf das Schiff Mavi Marmara, das die Blockade des Gazastreifens brechen wollte, neun türkische Aktivisten getötet wurden, war es endgültig aus mit der Freundschaft. Ende Juli 2014 warf Erdoğan den Israelis vor, sie hätten “Hitler in Sachen Barbarei übertroffen“.

Solche Aussagen seien im Kontext des türkischen Präsidentschaftswahlkampfs zu sehen, sagt Cengiz Günay vom Österreichischen Institut für Internationale Politik. Erdoğan, der religiöse Sohn einer Arbeiterfamilie, saß in der laizistischen Türkei im Gefängnis und brachte es dann zum Premier. Nun stilisiert er sich zum Vertreter der diskriminierten religiösen Muslime. Der Gaza-Krieg komme ihm da gerade recht, sagt Günay: Er sei für Erdoğan ein willkommenes Symbol für die Unterdrückung und Erniedrigung der Muslime an sich.

Weil der Nahostkonflikt in der türkischen Öffentlichkeit lange keine große Rolle gespielt habe, sei wenig Wissen um dessen Hintergründe vorhanden, sagt Günay. Das mache es leicht, mit drastischen Fotos aus dem Gazastreifen, wie sie derzeit überall in den sozialen Netzwerken kursieren, Zorn zu erzeugen. Dazu komme noch das Gefühl, der in der globalisierten Welt dominante Westen bleibe beim humanitären Drama in Gaza untätig – da sei man schnell bei der Theorie von der Israel-Lobby.

Was hat all das nun mit Bischofshofen zu tun? Erstmals durften letzte Woche auch Auslandstürken wählen. Über ihre inoffizielle Vorfeldorganisation UETD, die auch Erdoğans Wien-Besuch im Juni organisierte, versuchte Erdoğans Partei AKP die Wähler im Ausland zu mobilisieren – mit denselben Methoden wie im Inland.

Eine zentrale Figur dabei ist UETD-Chef Abdurrahman Karayazili. Offiziell spricht er sich gegen Antisemitismus aus. Nachdem er wütend aus dem Studio einer ORF-Diskussion gestürmt war, schrieb er jedoch auf Facebook, der zuständige Redakteur sei “von der israelischen Lobby gesteuert”. Gegen die Moderatorin brach ein Shitstorm los.

Screenshot von Abdurrahman Karayazilis Facebook-Profil (aufgenommen am 21.9.2014)
Screenshot von Abdurrahman Karayazilis Facebook-Profil (aufgenommen am 21.9.2014)

Ob Karayazili wirklich an diese Verschwörungstheorie glaubt? Der Falter hätte gern mit ihm gesprochen und hat ihn mehrfach telefonisch, per E-Mail und via Twitter kontaktiert. Karayazili reagierte nicht.

Viele türkischstämmige Jugendliche in Österreich “bilden sich ihre Meinung auf der Grundlage von Erdogans Propaganda-Krieg gegen Israel, von Bildern toter Menschen ausschließlich aus Gaza und des Protestaufrufs der UETD”, sagt Ercan Nik Nafs, langjähriger Leiter eines Favoritner Jugendzentrums und nun Wiener Kinder-und Jugendanwalt. Bei “als antisemitisch abzulehnenden” Vorfällen wie dem in Bischofshofen komme wohl jugendliche Freude an der Rebellion dazu.

Ein Interview, das Sahin K., einer der Jugendlichen, dem Magazin News gab, stützt diese Thesen. “Für mich sind Hitler und der eine aus Israel genau das Gleiche”, sagte er etwa und meinte mit “der eine” Netanjahu. “Die ganze Zeit bombardiert nur Israel Palästina. Nur gibt es jetzt halt die Hamas-Truppe und die machen jetzt halt ein bisschen was”, wird er gleich danach zitiert – dass die Hamas seit über 20 Jahren Anschläge auf Israel verübt, weiß er offensichtlich nicht.

Es wäre jedoch ein Fehler, Vorfälle wie den in Bischofshofen als Problem “der Türken” abzutun. “Türkeistämmige Menschen und auch die UETD-Anhänger sind keine homogenen Gruppen”, sagt Alev Çakır, Politologin an der Uni Wien.

Sahin K. ist laut News in Österreich zur Schule gegangen. Er weiß wohl nicht mehr und nicht weniger über den Nahostkonflikt als jeder andere 19-jährige österreichische Malerlehrling. Erst auf dem Boden der österreichischen Unbildung gedeiht die giftige Saat der Erdoğan’schen Agitation.

Falter, 6.8.2014

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Der Gazakrieg in Bischofshofen

Geht es um die toten Kinder – oder doch um die bösen Juden? – Kommentar

Es ist schön zu wissen, dass sich so viele Österreicher für die Menschenrechte einsetzen: Wenn NGOs vor einem Völkermord im Südsudan warnen, gehen sie zu Tausenden auf die Straße. Wenn die Isis-Dschihadisten im Irak in einem Monat 1500 Zivilisten ermorden, skandieren sie “Free Iraq” und “Terrorist Isis”. Und wenn die Hamas, die Regierung des Gazastreifens, politische Gegner im Gefängnis foltert, dann brüllen sie “Neue Nazis Hamas!”.

Es macht stolz, dass so vielen Menschen das Wohl der Kinder am Herzen liegt: Wenn syrische Regierungstruppen mit Sprengstoff und Nägeln gefüllte Bomben aus Helikoptern werfen und 90 Menschen, darunter 13 Kinder, töten, dann zeigen sie Fotomontagen, auf denen der syrische Präsident Baschar al-Assad seine Vampirzähne in ein blutbeflecktes Baby stößt.

Es ziert unser Land, dass so vielen Bürgern die Situation der unterdrückten Palästinenser ein Anliegen ist: Wenn der Libanon den in vierter Generation dort lebenden Nachfahren von vor 66 Jahren geflüchteten Palästinensern den Zugang zum Arbeitsmarkt, zu Schulen und zum Gesundheitssystem verwehrt, rufen sie auf Großdemos die Europäer und Amerikaner auf, endlich etwas zu tun.

Oder etwa nicht?

Natürlich nicht. Alle Zitate stammen, leicht abgewandelt, von einer Demo gegen die israelische Gaza-Offensive, an der am Sonntag in Wien rund 11.000 Menschen teilnahmen. Man soll Verbrechen nicht gegeneinander aufrechnen, und nein, nicht jede Kritik an Israel ist Antisemitismus. Aber wem es wirklich um Menschenrechte, das Wohl der Kinder und die Lage der Palästinenser geht, dem sollte all das nicht nur beim Thema Israel einfallen.

Falter, 23.7.2014

Geht es um die toten Kinder – oder doch um die bösen Juden? – Kommentar

Welche Protestpartei passt zu Ihnen? Ein Psychotest

Noch immer wissen viele Österreicher nicht, welcher Partei sie am 29. September ihre Stimme geben werden. Sie gehören dazu? Sie haben genug von den etablierten Parteien? Sie wollen anderen die Chance geben, sich im Parlament zu beweisen, oder einfach Ihre Unzufriedenheit kundtun? Dann haben Sie in Wien die Wahl zwischen fünf Parteien, die nicht schon im Nationalrat sitzen. Im Gegensatz zu den etablierten Parteien haben sie kaum Chancen, ihre Programme öffentlichkeitswirksam zu präsentieren. Hier erfahren Sie, welche Partei am besten zu Ihnen passt.

Wie es funktioniert: Wählen Sie bei jeder Frage die Antwort aus, die Ihnen am besten gefällt. Mehrfachantworten sind möglich.

1. Das Problem an der derzeitigen Politik ist: *
Die Politik gehorcht dem Diktat der Banken und Konzerne. A
Gesetze und Institutionen ändern sich langsamer als technologische und soziale Bedingungen. C
Die Politik stellt die Interessen von einigen wenigen über jene der Allgemeinheit. E
Die Politik basiert auf Kapitalismus, Imperialismus und Neokolonialismus. D
Landeshauptleute und Interessenverbände hindern die Parteien daran, unabhängig und frei Lösungen zu suchen. B
*) Alle Antworten sind Zitate aus den jeweiligen Parteiprogrammen

2. Am meisten Veränderungsbedarf gibt es beim Thema … *
– kostenlose Verhütungsmittel und Abtreibung D

Bürgerbeteiligung und Demokratie C
soziale Sicherheit A
Bildung B
Wirtschafts- und Umweltpolitik E
*) Das längste Kapitel im jeweiligen Parteiprogramm

3. Welches Statement gefällt Ihnen am besten? *
– Es ist heute einfacher denn je, Information zu finden, zu sammeln oder einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das ermöglicht ganz neue Lösungsansätze für die Verteilung von Macht im Staat. C

– Während die Partylaune der Milliardäre ungebrochen anhält und die Zahl der Millionäre unablässig steigt, wird, wie EZB-Präsident Draghi angedroht hat, der Sozialstaat, wie wir ihn kennen, “entsorgt”. A
– Österreichs Staats- und Verwaltungsstruktur ist ineffizient und nicht mehr zeitgemäß. Das etablierte politische System erscheint korrumpiert, die Finanzierung der Parteien ist intransparent und “staatslastig”. B
– Das herrschende Parteiensystem lenkt unser Land nicht mehr zum Wohle der Bevölkerung, sondern im Sinne von Machteliten, Wirtschaftslobbys und Vermögenden. Die Folgen der daraus entstehenden ungerechten wie ineffizienten Verteilung von Chancen und Ressourcen müssen wir alle tragen. E
– Statt Geld für Banken brauchen wir einen massiven Ausbau von Gesundheit, Bildung, Wohnen, Umwelt und Verkehr. Das Geld dafür ist da: Die zehn reichsten Einzelpersonen, Clans oder Familien Österreichs verfügen gemeinsam über 63,5 Milliarden Euro. Und jährlich legen ihre Vermögen im Schnitt um zehn Prozent zu! D
*) Alle Antworten sind Zitate aus den jeweiligen Parteiprogrammen

4. Ich vertraue am ehesten Politikern, die …
– die Großparteien von innen kennen B

– zugeben, nicht die Lösung für alle Probleme zu haben E
– sich nicht mit zaghaften Reformen zufriedengeben, sondern eine echte Revolution wollen D
– zu ihren Idealen stehen, egal wie oft sie damit scheitern A
– möglichst viele andere in Entscheidungen miteinbeziehen C

5. Welche Menschen sollten stärker im Parlament vertreten sein? *
Angestellte, Freiberufler, Pensionisten E

– Berufspolitiker, Studenten, öffentlich Bedienstete, Betriebsräte, Behindertenbetreuer D
– Berufspolitiker, Juristen, Gastwirte, Studenten, Unternehmer B
– Technische Angestellte, Studenten, Selbstständige, Praktikanten, Unternehmer C
– Angestellte, Grafiker, Künstler, Sozialpädagogen, Studenten A
*) Die ersten 5 Berufe der Kandidaten auf der Bundesliste (wenn keine Bundesliste vorhanden: auf der Wiener Liste). Sehr spezifische Berufsbezeichnungen wurden durch Oberbegriffe ersetzt

6. Warum können Sie sich mit keiner der etablierten Parteien anfreunden?
Die SPÖ wäre mir sympathisch, aber sie ist nicht konsequent genug. A, D

– Die ÖVP wäre mir sympathisch, aber sie ist intransparent & gesellschaftspolitisch verzopft. B
– Die meisten Parteien haben völlig austauschbare Positionen. E
– Keine Partei wird der Welt des 21. Jahrhunderts gerecht. C

7. Meine Lieblingswörter sind … *
neu, jung, Wirtschaft, Staat, Energie B

– sozial, Mensch, Arbeit, öffentlich, Bank A
– Österreich, frei, öffentlich, Arbeit, Bildung C
– Wirtschaft, Bildung, sozial, System, Mensch E
– Arbeit, Kapitalismus, sozial, Mensch, Bank D
*) Die Wörter, die im Parteiprogramm am häufigsten vorkommen (mit Ausnahme von Wörtern wie “Partei” oder “Politik”, Artikeln etc.)

8. Am ehesten vergebe ich …
– langwierige Entscheidungsprozesse C

– eine zwielichtige Vergangenheit A
– Unerfahrenheit E
– finanzielle Abhängigkeit von Einzelnen B
– Radikalismus D

9. Welche Forderungen würden Sie unterschreiben? *
Bedingungsloses Grundeinkommen A, C

– flexiblere Arbeitszeiten und Gehälter B
– Spitzensteuersatz 75 Prozent E
– kostenlose Kindergärten C, D, E
– Extra-Abgabe bei Pensionen über 5000 Euro B
– Arbeitszeitverkürzung A, D, E
– mehr privatisieren B
– Krankenkassen/Sozialversicherungen zusammenlegen A, B, C, E
– Banken verstaatlichen A, D
– Schulautonomie B, C, E
– Arbeitsmarktzugang für Asylwerber A, B, D
– Reiche enteignen D
– Trennung von Geschäfts- und Investmentbanken A, C, E
– Weniger Macht für die Sozialpartner B, D
– Unbedingte Haftstrafen bei Steuerhinterziehung ab 100.000 Euro E
– europäischer Bundesstaat B, C
– kostenloser Uni-Zugang A, C, D, E
– Verhütungsmittel und Abtreibung auf Krankenschein A, C, D
*) Diese Forderungen tauchen in den jeweiligen Programmen auf

10. Wenn die Partei, die ich gewählt habe, es nicht ins Parlament schafft, …
ärgere ich mich B

– ist es schade, aber kein Drama A, C
– ist mir das völlig egal D, E

Zählen Sie nun zusammen, welchen Buchstaben Sie am häufigsten ausgewählt haben. Hier geht es zur Auflösung.

Falter, 25.9.2013

Welche Protestpartei passt zu Ihnen? Ein Psychotest

Welche Protestpartei passt zu Ihnen? Die Auflösung

A, B, C, D, E: Welchen Buchstaben haben Sie beim Protestwähler-Psychotest am häufigsten ausgewählt?

A: Kommunistische Partei Österreichs
Gegründet 1918, im Parlament von 1945 bis 1959, Stimmenanteil 2008: 0,8 Prozent
Die KPÖ will Banken zerschlagen und vergesellschaften, den Fiskalpakt aufkündigen und die Krankenkassen vereinheitlichen. Einführen will sie die 30-Stunden-Woche, einen Mindeststundenlohn von zehn Euro netto, Gratis-Öffis, ein bedingungsloses Grundeinkommen, eine amtliche Preisregelung für Güter des täglichen Bedarfs und eine Einkommenshöchstgrenze. Ausländer sollen wählen, Asylwerber arbeiten dürfen. Das Bundesheer würde die KPÖ ebenso abschaffen wie die Schubhaft, die Gruppenbesteuerung und Steuerprivilegien für Privatstiftungen. Verbieten würde sie unbezahlte Praktika, befristete Vermietungen, das kleine Glücksspiel und den Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft.
Die Bundesliste führen der Parteivorsitzende Mirko Messner, die Grafikerin Jennifer Zach und der Liedermacher Sigi Maron an.
Hier geht’s zum KPÖ-Parteiprogramm

B: NEOS
Gegründet 2012, kandidieren gemeinsam mit dem Liberalen Forum (bis 1999 im Nationalrat, Stimmenanteil 2008: 2,1 Prozent) und den Jungen Liberalen
Die Neos fordern mehr direkte Demokratie, europäische Integration und Privatisierungen. Sie wollen die Parteienförderung kürzen, die Sozialversicherung vereinheitlichen, alle Sozialleistungen zusammenlegen, erneuerbare Energien ausbauen, die Pendlerpauschale abschaffen, Pestizide verbieten, die Sozialpartner schwächen und für Pensionen über 5000 Euro “Solidarbeiträge” einheben. Kindergärten, Schulen und Unis sollen Autonomie bekommen. Die Neos wollen einen Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung und mehr Flexibilität bei Arbeitszeiten und Gehältern. Eingetragene Partnerschaften sollen der Ehe gleichgestellt werden.
Vorne auf der Bundesliste stehen Neos-Parteichef Matthias Strolz, LIF-Chefin Angelika Mlinar und die Juristin Beate Meinl-Reisinger. Strolz und Meinl-Reisinger kommen von der ÖVP.
Hier geht’s zum NEOS-Parteiprogramm

C: Piratenpartei Österreichs
Gegründet 2006, seit 2012 je ein Gemeinderatsmandat in Graz und Innsbruck
Die Piraten fordern mehr direkte Demokratie, mehr Europa, eine Finanztransaktionssteuer, Personalautonomie für die Schulen, ein bedingungsloses Grundeinkommen und einen Mindestlohn von 8,50 Euro brutto. Öffis, Kinderbetreuung, Uni-Zugang, Verhütungsmittel und Abtreibung soll es gratis geben. Die Partei will Cannabis und die Sterbehilfe legalisieren, die Überwachungsbefugnisse des Staates einschränken, das Bankgeheimnis beibehalten, Abschiebungen und die Wehrpflicht abschaffen, Atomstromimporte verbieten, die Sozialversicherungen zusammenlegen, den Bundesländern Macht entziehen und das Gehalt von Führungskräften an das der Mitarbeiter koppeln. Homosexuelle sollen heiraten und adoptieren dürfen.
Die Bundesliste führen der technische Angestellte Mario Wieser, die Studentin Juliana Okropiridse und der Grazer Gemeinderat Philip Pacanda an.
Hier geht’s zum Piraten-Parteiprogramm

D: Sozialistische Linkspartei
Gegründet 2000, erreichte 2008 mit dem Wahlbündnis “Linke” weniger als 0,1 Prozent
Die SLP will eine Arbeitszeitverkürzung auf 30 Stunden, einen Mindestlohn von 1200 Euro netto und flächendeckende kostenlose Betreuung von Kindern und Pflegebedürftigen. In Bildung, Jugendzentren und öffentlichen Wohnbau soll mehr investiert werden, Verhütungsmittel und Abtreibung soll es kostenlos geben. Die SLP will Abschiebungen abschaffen, die Sozialpartnerschaft schwächen, Banken verstaatlichen und “Superreiche” enteignen, sie spricht sich gegen Überwachung und gegen Kooperationen mit Militärbündnissen aus. Ausländer und Homosexuelle sollen rechtlich gleichgestellt werden.
Die SLP tritt nur in Wien an, ihre Spitzenkandidaten sind Bundessprecherin Sonja Grusch, der Student Sebastian Kugler und die öffentlich Bedienstete Helga Schröder.
Hier geht’s zum SLP-Parteiprogramm

E: Der Wandel
Gegründet 2012
Der Wandel fordert eine Finanztransaktionssteuer, Erbschafts-, Schenkungs- und Vermögenssteuern und einen Privatisierungsstopp. Er will die Eingangssteuersätze senken, den Spitzensteuersatz auf 75 Prozent anheben und die Gesamtschule einführen. Kinderbetreuung soll es gratis geben, Lehrer aller Schultypen und Kindergärtner sollen an derselben Hochschule ausgebildet werden. Die Normalarbeitszeit soll auf 35 Wochenstunden sinken, ein Mindestlohn von 1500 Euro eingeführt werden. Der Wandel will die öffentlichen Verkehrsmittel billiger machen, die Pendlerpauschale reformieren, die Wehrpflicht abschaffen und die Krankenkassen zusammenlegen.
Der Wandel tritt nur in Oberösterreich und Wien an, die Wiener Liste führen die Angestellten Fayad Mulla, Daniela Platsch und Julia Knauseder an.
Hier geht’s zum Wandel-Parteiprogramm

Falter, 25.9.2013

Welche Protestpartei passt zu Ihnen? Die Auflösung

Tagebuch aus Istanbul

Magdalena Jöchler und ich wollten Urlaub in Istanbul machen – und landeten mitten im türkischen Frühling

31.5.

21 Uhr. Durch die Strassen Kadiköys auf der asiatischen Seite Istanbuls, wo unser Hostel liegt, ziehen an unserem ersten Abend Grüppchen brüllender, fahnenschwenkender junger Männer. Ein Fußballmatch? Nein, erklärt im Hostel der bärtige Barmann Etham: Die Burschen protestieren gegen das geplante Einkaufszentrum im Gezi-Park und das zunehmend autoritäre Verhalten von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan.

1.6.

1.27 Uhr. Das Gebrüll von der Straße wird lauter, ein Hupkonzert beginnt. Wir gehen in Richtung Meer. Hunderte Menschen kommen uns entgegen, sie schwenken türkische Fahnen, pfeifen, schlagen auf Töpfe und Pfannen, skandieren Parolen, die wir in den nächsten Tagen noch öfter hören werden. Wir sehen keinen einzigen Polizisten. Ein junges Mädchen übersetzt uns die Slogans: „Fuck you, Tayyip“, riefen die Menschen, „du kannst uns mit Tränengas besprühen, aber du bist trotzdem erledigt“.

11 Uhr. Etham und die Rezeptionistin Andaç sehen übernächtig aus. Sie seien um zwei Uhr früh, nach ihrem Dienst, zum Taksim-Platz marschiert, erzählen sie, von Asien nach Europa, fünf Stunden lang. “Geht auf keinen Fall in die Nähe”, sagen sie, “es ist die Hölle”. 24 Demonstranten seien bereits getötet worden. In den internationalen Medien ist allerdings nichts von Toten zu lesen.

12.43 Uhr. Wir tasten uns Richtung Taksim vor. Viele Menschen haben Gasmasken, Staubmasken oder dünne OP-Masken um den Hals hängen. Eine ältere Dame schenkt uns OP-Masken. Ein Pärchen drückt uns Zitronen in die Hand: An ihnen sollen wir lutschen, falls wir Tränengas abbekommen. „Ja kein Wasser trinken“, warnt das Pärchen uns. Auch Touristen geben uns Ratschläge. Obwohl viele von ihnen mit Gas in Berührung gekommen sind, wirkt keiner wütend auf die Demonstranten.

Am Weg zum Taksim (Foto: Magdalena Jöchler)
Am Weg zum Taksim (Foto: Magdalena Jöchler)

13.58 Uhr. Von einer Seitengasse aus beobachten wir den Protestzug auf der Einkaufsstraße Istiklal Caddesi, die zum Taksim führt. Plötzlich ändern hunderte Demonstranten ihre Richtung, stürmen auf uns zu, unsere Seitengasse hinab, wir werden von der Panik mitgerissen, links öffnet sich eine Tür, wir stürzen hinein.

14.07 Uhr. Wir sind in der Lobby eines kleinen Hotels gelandet. Durch die Türritzen dringt Gas, das Atmen wird schwer, Augen und Haut brennen.

Zwischen Schreck und Sensationslust
In der Hotellobby: Zwischen Schreck und Sensationslust

14.45 Uhr. Draußen riecht es noch immer nach Gas. Auf der anderen Straßenseite sprühen sich drei Männer mit riesigen Gasmasken eine weiße Flüssigkeit ins Gesicht. Auch uns bieten sie davon an: „Augen zu, Mund auf“. Die Flüssigkeit schmeckt süßlich. Langsam lässt das Brennen nach. Alles wirkt ruhig, wir laufen die schmalen Gässchen hinab und überqueren die Galatabrücke – nur weg aus dem chaotischen Beyoğlu.

Drei Männer sprühen sich eine weiße Flüssigkeit ins Gesicht ... (Foto: Magdalena Jöchler)
Drei Männer sprühen sich eine weiße Flüssigkeit ins Gesicht … (Foto: Magdalena Jöchler)

17 Uhr. In Eminönü im südlichen Teil der Stadt ist von der Aufregung nichts zu spüren. Wir trinken auf einer Dachterrasse Tee, um uns herum rauchen Einheimische Wasserpfeife. Ein paar Kilometer entfernt kreist ein Hubschrauber über dem Taksim, Rauchwolken steigen auf. Gas? Nein, da brennt etwas. Am Abend werden wir erfahren, dass die Demonstranten Baucontainer angezündet haben.

Rauch über dem Taksim
Rauch über dem Taksim

20.17 Uhr. Die Medien berichten, die Polizei habe sich vom Taksim zurückgezogen. Andaç und Etham basteln Schutzbrillen aus zerschnittenen Wasserflaschen. Manche Demonstranten würden die Rauchbomben aufheben und zur Polizei zurückwerfen, erzählen sie. Andere hätten die Helmvisiere der Polizisten mit schwarzer Farbe besprüht; die hätten daraufhin die Visiere öffnen müssen und das Gas selbst eingeatmet.

21.45 Uhr. Wir essen in Kadiköy zu Abend. Im Restaurant läuft der regierungskritische Livestream vom Taksim, den uns Andaç gezeigt hat. Das Pärchen neben uns hat Staubmasken vor sich auf dem Tisch liegen.

Abendessen in Kadiköy
Abendessen in Kadiköy

2.6.

11.30 Uhr. Die Medien berichten, die Situation habe sich beruhigt. In der Hagia Sophia erzählt uns ein portugiesischer Tourist, eine Rauchbombe sei vor seinen Füßen gelandet.

20.34 Uhr. Neben der Fährenstation in Karaköy werden Gasmasken verkauft. Einige Wartende haben sich türkische Fahnen, oft mit Atatürk-Porträts, um die Schultern gelegt.

Warten auf die Fähre
Warten auf die Fähre von Karaköy nach Kadiköy

20.52 Uhr. Als die Fähre einfährt, wird im Wartehäuschen geklatscht, der Slogan „Heryer Taksim, heryer direniş“ ertönt („Überall ist Taksim, überall ist Widerstand“).

22.18 Uhr. Vertraute Parolen dringen in unser Zimmer, Tausende ziehen vor unserem Fenster vorbei. Wie schon in den letzten beiden Nächten wird es erst in der Morgendämmerung ruhig, wir schlafen mit den Rufen „Tayyip Istifa“ („Tayyip, tritt zurück“) und „Hükümet Istifa“ („Regierung, tritt zurück“) im Ohr ein.

3.6.

19 Uhr. Wir sprechen ein Grüppchen etwa 16-jähriger Mädchen auf die Proteste an. Die Hälfte von ihnen trägt Kopftuch, die andere Hälfte nicht. „We don’t agree“, sagen sie und meinen die Demonstranten. „I like my president“, sagt ein Mädchen mit einem schimmernden grauen Kopftuch und einer großen Sonnenbrille kichernd. „I love my president. I am happy“.

23.27 Uhr. Erneut ziehen Demonstranten durch Kadiköy, mit Flaggen verzierte Autos und Taxis begleiten die Slogans mit Hupkonzerten.

4.6.

1.04 Uhr. Andaç und Etham haben ein paar zerdrückte Metallröhren ins Hostel mitgebracht. Es sind die Hüllen der Rauchbomben Tränengaspatronen, die die Polizei auf sie abgefeuert hat. Vormittags sei es am Taksim nicht mehr gefährlich, sagen sie.

Die Hüllen der Rauchbomben
Die Hüllen der Rauchbomben @wintelkiller hat mich darauf hingewiesen, dass es sich um Tränengaspatronen handelt, nicht um Rauchbomben

11.13 Uhr. Wir spazieren von Kabataş Richtung Taksim. Die Mauern sind mit Graffiti beschmiert: „Katil Tayyip“ („Verbrecher Tayyip“), „Katil Polis“ („Verbrecher Polizei“) und das von zuhause bekannte „A.C.A.B“ . Viele Gehsteige sind aufgerissen – aus den Pflastersteinen, aus Metallstangen, Absperrgittern und umgestürzten Bauzäunen haben die Demonstranten Barrikaden gebaut.

Auf dem Weg zum Taksim
Auf dem Weg zum Taksim

11.29 Uhr. Die Plexiglaswände eines Buswartehäuschen sind eingeschlagen; Fensterscheiben und Auslagen sind ganz geblieben. Am Taksim riecht es noch immer leicht verbrannt. Transparente wehen, ein paar umgestürzte, graffitibesprühte Autowracks blockieren die Straße. Aber auch die in Touristengegenden allgegenwärtigen Simit-Verkäufer sind da, und vor dem Marmara Hotel und dem Starbucks sind Touristen und Geschäftsleute unterwegs.

Taksim
Taksim

11.44 Uhr. Im Gezi-Park gleich hinter dem Taksim stehen ein paar kleine Zelte, auf den Wiesen sitzen junge Leute herum. Die Sonne scheint, die Stimmung ist gut. Ein paar Burschen befestigen ein riesiges Transparent an einem kaputten, graffitibesprühten Bus, der die Straße blockiert. „AKP mezara halk iktidara” steht darauf (“AKP ins Grab, das Volk an die Macht”). Als wir ein Foto machen, kommt ein junger Mann auf uns zu: Nicht die Demonstranten hätten den Bus zerstört, sondern die Polizei, sagt er.

AKP ins Grab, das Volk an die Macht
“AKP ins Grab, das Volk an die Macht”

19.22 Uhr. Neben der Fährenstation von Beşiktaş stehen Polizeiautos und –busse, ein Wasser-werfer, ein Feuerwehrauto; etwa hundert Polizisten warten auf ihren Einsatz. Wir sehen keine Demonstranten.

Beşiktaş
Beşiktaş

19.31 Uhr. Wir sprechen ein paar Polizisten an. Wird es heute Ärger geben? „Ja“, sagen sie. Wie sehen sie die Proteste? „Erdoğan hat 50 Prozent der Bevölkerung hinter sich, er wird nicht zurücktreten“. Wer ist im Recht, Erdoğan oder die Demonstranten? Schweigen, verlegene Blicke. „Dazu können wir nichts sagen“.

Weitere Videos von den Protesten gibt es hier, eine Karte mit den im Text erwähnten Orten hier.

Vielen Dank an meine großartige Reisebegleitung Magdalena Jöchler, die ihre Eindrücke hier niedergeschrieben hat, sowie an Duygu Özkan und Yilmaz Gülüm für die Übersetzung der Protestparolen.

Foto: Magdalena Jöchler
Foto: Magdalena Jöchler
Tagebuch aus Istanbul

Kalifatsfantasien und Geschlechtertrennung vor der US-Botschaft

Demonstration gegen die Beleidigung des Propheten Mohammed (Foto: Ruth Eisenreich)

Das Kalifat ist die Lösung“, steht auf einem Transparent, auf einem zweiten prangt eine saudi-arabische Flagge, auf einem dritten steht mit rotem Filzstift “Wir lieben Allah und unseren Propheten mehr als alles andere“. Männer und Frauen marschieren streng getrennt, immer wieder ertönt der Ruf “Allahu akbar“. Demonstration gegen die Beleidigung des Propheten Mohammed (Foto: Ruth Eisenreich)

Wir befinden uns weder in Libyen noch in einem FPÖ-Wahlkampfspot, sondern im neunten Bezirk, wo hunderte Muslime gegen islamfeindliche Filme und Karikaturen protestieren.

“Wenn man Juden beleidigt, ist es Antisemitismus, bei Schwarzen Rassismus“, sagt ein junger Mann. “Warum nennt man es bei uns Meinungsäußerung?“ Sein Freund fügt Demonstration gegen die Beleidigung des Propheten Mohammed (Foto: Ruth Eisenreich)hinzu: “Aber die Medien gehören ja alle den Juden, dem Dichand zum Beispiel.“

Initiiert hat die Kundgebung ein Österreicher tunesischer Herkunft, der sich schon an Aktionen radikaler Salafisten beteiligt haben soll. Diverse muslimische Organisationen haben sich von der Demo distanziert.

Falter, 26.9.2012

Kalifatsfantasien und Geschlechtertrennung vor der US-Botschaft

Wie man Konzerne das Fürchten lehrt: die Yes Men zu Gast in Wien

Sie haben im Namen der World Trade Organization (WTO) die eigene Abschaffung verkündet und lange vor dem Ende des Irakkriegs eine Ausgabe der New York Times mit der Schlagzeile “Iraq War Ends“ herausgebracht: die Yes Men. Seit den späten 90er-Jahren treten Igor Vamos (alias Mike Bonanno) und Jacques Servin (alias Andy Bichlbaum) als Vertreter großer Konzerne und Organisationen auf, um deren Politik bloßzustellen. Nun war Bonanno auf Einladung des Instituts für Theater-, Film- und Medienwissenschaft zu Gast in Wien.

Im überfüllten Hörsaal C1 der Universität Wien erzählte er von seinen Streichen und zeigte Ausschnitte aus den Filmen “The Yes Men“ und “The Yes Men Save the World“. Lautes Gelächter bei den Szenen: Bichlbaum streitet sich vor verwirrten Journalisten mit einem zweiten Mann darüber, wer von ihnen beiden der echte Vertreter der US-amerikanischen Handelskammer sei; im Namen der WTO fordern die Yes Men bei internationalen Konferenzen vor artig applaudierendem Publikum die Legalisierung des Wählerstimmenkaufs und stellen ein neues Kleidungsstück für Manager vor – einen goldenen Overall mit riesigem Phallus, an dessen Ende ein Bildschirm den Träger über das Tun seiner Untergebenen informiert.

Warum sie noch nie verhaftet wurden?, fragt ein Zuhörer. Sie seien keine ausreichend große Bedrohung, und Verhaftungen würden ihnen Publicity bringen, vermutet Bonnano und verspricht: “Dieses Jahr lasse ich mich zwei Mal verhaften.“ Gegen Ende der Veranstaltung wird der Ton ernster. “Der Kapitalismus ist ein autokratisches Regime geworden“, sagt Bonanno, und: “Wir brauchen eine gewaltlose Revolution – jetzt!“ Motivierte Zuhörer fragen, wie sie etwas verändern könnten. Der Aktivist bittet alle politisch Engagierten im Raum nach vorne, um ihre Anliegen vorzustellen. Als eine Frau von Attac und eine von der ÖH der Einladung folgen, scheint der Enthusiasmus der Anwesenden verflogen.

Falter, 25.5.2011

Wie man Konzerne das Fürchten lehrt: die Yes Men zu Gast in Wien