Im Irrgarten der Paragrafen

Kassenpatienten, die eine Psychotherapie brauchen, müssen darauf meist lange warten. Jetzt wird auch noch das letzte Schlupfloch zur Falle für die Kranken.

Ein Papierkrieg ist belastend – erst recht, wenn man durch eine psychische Krankheit angeschlagen ist. Noch quälender wird er, wenn man um eine Therapie für ebendiese Krankheit kämpft. Und besonders bitter ist es, wenn man in diesen monatelangen Papierkrieg nur aus einem Grund hineingeraten ist: weil man hoffte, sich monatelanges Warten zu ersparen.

In einem solchen Kampf steckt Vera Wieland* seit bald einem Jahr. Die 29-Jährige leidet unter einer Essstörung und Depressionen, im Herbst 2017 war sie deswegen drei Monate lang in einer Klinik. Seither ringt sie mit ihrer Krankenkasse um die Kosten für eine Psychotherapie, die sie stabilisieren soll. Weiterlesen auf Zeit Online

Die Zeit, 18. Oktober 2018

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Im Irrgarten der Paragrafen

“Was stellst du dich so an?”

Noch immer fällt es vielen Soldaten schwer, über psychische Probleme zu reden. Ein Gespräch mit Hamburgs oberstem Bundeswehr-Psychiater Helge Höllmer über die Gorillakultur der Truppe, sexualisierte Gewalt und ein großes Tabu in Militär und Gesellschaft.

Interview: Atilla-Filipe Cevik und Ruth Eisenreich

Helge Höllmer trägt eine weiße Uniform statt eines weißen Kittels, an seiner Bürotür hängt eine Feldbluse in Flecktarn. Höllmer leitet die psychiatrische Klinik des Bundeswehrkrankenhauses in Hamburg Wandsbek. Er ist Oberstarzt, seine Erklärung für Militärlaien: “Oberstarzt ist eins unterm General.” Er sei EDK, sagt Höllmer noch. Edeka? “Ende der Karriere.” Höher hinaus kann ein klinisch tätiger Arzt bei der Bundeswehr nicht kommen – Höllmer muss sich mit niemandem mehr gutstellen, er kann frei reden. Weiterlesen auf Zeit Online

Die Zeit, 27. September 2018

“Was stellst du dich so an?”

Selbst in der Psychiatrie nicht mehr sicher

Sogar seelisch kranke Migranten werden abgeschoben, weil die Ansprüche an die Atteste so hoch sind.

Ein Mann soll abgeschoben werden. Er legt ein Attest vor, wonach er wegen psychischer Probleme in Behandlung ist. Er wird trotzdem abgeschoben, in Begleitung eines Arztes, dem keine Besonderheiten auffallen. Bald nach seiner Ankunft in Kabul nimmt sich der Mann, sein Name ist Jamal Nasser M., das Leben. Mitte Juli machte dieser Fall Schlagzeilen, auch weil der Betroffene einer jener 69 Afghanen war, über deren Abschiebung Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) kurz zuvor gewitzelt hatte.

Ein anderer dieser 69 wurde laut seinen Unterstützern direkt aus der Psychiatrie abgeholt und zum Flughafen gebracht. Schon zuvor wurde immer wieder von Abschiebungen psychisch schwer kranker Menschen berichtet, etwa von einem Afghanen, der im Januar 2017 kurz nach seiner Entlassung aus einer bayerischen Psychiatrie nach Kabul geschickt wurde; von einer Albanerin, die Bayern im August 2017 abschob, obwohl sie für eine stationäre psychiatrische Behandlung vorgesehen war; und von einem im Kosovokrieg traumatisierten Rom, den die Behörden im März 2017 aus einer Gießener Psychiatrie gelockt und dann abgeschoben haben sollen. Der Klinik zufolge hatten die Behörden den Mann aufgefordert, ins Landratsamt zu kommen, um eine Geldfrage zu klären. Dort sei er dann festgenommen worden.

Schiebt Deutschland systematisch Menschen ab, die dafür eigentlich zu krank sind? Weiterlesen auf Zeit Online

Die Zeit, 2. August 2018

Selbst in der Psychiatrie nicht mehr sicher

Ein einsamer Tod

Horst Seehofer witzelt darüber, dass 69 Afghanen an seinem 69. Geburtstag abgeschoben wurden. Wenig später wird bekannt: Einer von ihnen hat sich in Kabul erhängt. Wer war Jamal Nasser M., der acht Jahre lang in Hamburg lebte?

Von Ruth Eisenreich und Sebastian Kempkens

Vom Tod seines Bruders erfuhr er aus den Fernsehnachrichten. Ein junger Mann habe sich nach seiner Abschiebung aus Deutschland in Kabul erhängt, sagte der Sprecher. Die Informationen, die über den Bildschirm flimmerten, passten zusammen. Das Alter: 23 Jahre. Die Stadt: Hamburg. Der junge Mann, von dem die Rede war, das war Jamal.

Am vergangenen Freitag setzte sich die Familie ins Auto und fuhr die gut 400 Kilometer von Masar-i-Sharif im Norden Afghanistans in die Hauptstadt Kabul, um Jamals Leichnam abzuholen und ihn zurückzubringen, in jene Stadt, aus der Jamal acht Jahre zuvor aufgebrochen war. Am Samstag beerdigten sie ihn.

Er sitze gerade an Jamals Grab, sagt der Bruder, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, am Sonntag am Telefon. Weiterlesen auf Zeit Online

Die Zeit, 19. Juli 2018

Ein einsamer Tod

Kalter Entzug

Deutschland hat gegen die Menschenrechte verstoßen, indem es einem heroinsüchtigen Häftling die Substitutionstherapie verwehrt hat. Das hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte im September entschieden. Der Kläger ist kein Einzelfall – in bayerischen Gefängnissen haben Süchtige kaum eine Chance auf Substitution.

Als er wieder draußen ist, ist alles wie immer. Die Reisetasche mit seinen Habseligkeiten in der Hand, setzt sich Markus Weigel an einem Wintertag Ende 2015 in den Zug nach München, steigt am Hauptbahnhof aus und besorgt sich als Erstes “was zum Zumachen”. Der Kick kommt schnell. An die ersehnte Abstinenz ist nicht mehr zu denken.

Ein paar Wochen später, ein Hinterhoflokal in München-Schwabing. Die Hilfsorganisation Condrobs betreut hier Drogensüchtige. Ein Tischfußballtisch, Plakate der Aidshilfe an den Wänden, Filterkaffee für 30 Cent. Neben der Tür eine schwarze Pinnwand mit Todesanzeigen: 1961 bis 2016, 1967 bis 2015, 1983 bis 2015.

Markus Weigel, Mitte 30, groß, kräftig, ruhig, tätowiert, fläzt auf einem braunen Kunstledersofa und erzählt mit einer tiefen, kratzigen Stimme von einer Drogenkarriere wie aus einem Abschreckungsfilm. Alkohol mit zwölf Jahren, dann Gras, Speed, Kokain, mit 14 erstmals Heroin, ein paar Jahre später Jugendhaft wegen Dealens. Immer wieder Substitution, Entzug, Rückfall, Substitution, Entzug, Rückfall, Substitution. Als Weigel wegen Diebstahls ins Gefängnis kommt, warnt ihn sein Zellengenosse: “Du kriegst hier nichts.” Er behält recht. Diesen Text weiterlesen auf sueddeutsche.de

Süddeutsche Zeitung, 27.8.2016

Die Nachricht zum EGMR-Urteil auf sueddeutsche.de (Süddeutsche Zeitung, 2.9.2016)

Mein Kommentar zum EGMR-Urteil auf sueddeutsche.de (Süddeutsche Zeitung, 2.9.2016)

Kalter Entzug

“Versuch’s doch mal mit Yoga”

Willensschwach, faul, gewalttätig: Depressive haben immer noch mit vielen Vorurteilen zu kämpfen. Über das Stigma einer Volkskrankheit.

Wenn ein Psychiater einem Patienten in der Oper begegnet, im Supermarkt oder auf der Straße, dann kann es sein, dass er ihm kurz in die Augen sieht, den Blick abwendet und weitergeht, als wäre nichts. Die Ärzte machen das nicht, weil sie unfreundliche Menschen wären. Sie machen das, weil sie ihre Patienten nicht in die Verlegenheit bringen wollen, anwesenden Freunden erklären zu müssen, woher man sich kennt.

Psychische Erkrankungen und vor allem Depressionen seien längst als ganz normale Krankheiten akzeptiert, heißt es oft. Studien zufolge erkrankt jeder fünfte Mensch einmal im Leben an einer Depression; jeder zehnte bis zwanzigste Deutsche hatte vergangenes Jahr damit zu kämpfen. Und tatsächlich ist das Stigma, das sie begleitet, geringer geworden. Dazu haben neben Kampagnen auf tragische Weise die Suizide des Fußballers Robert Enke und des Schauspielers Robin Williams beigetragen. Sie haben gezeigt, dass Depressionen nicht das Problem irgendwelcher Spinner sind, sondern jeden treffen können. Egal, wie talentiert oder beliebt er ist.

Aber eine Krankheit wie jede andere? Es gibt eine merkwürdige Kluft beim Umgang mit dem Begriff Depression. “Ich bin heute so depressiv”, sagen viele Menschen ganz locker daher. Und meinen: Ich bin niedergeschlagen, müde, antriebslos. “Da wird man ja depressiv”, sagen sie, wenn sie sich über die triste Weltlage unterhalten oder auch nur über einen düsteren Film. Zugleich geht jenen, die tatsächlich Depressionen haben, das Wort oft schwer über die Lippen. Sie wählen Umschreibungen, Verniedlichungen, sie sagen “Mir geht es grad nicht so gut” oder “Ich hatte gestern einen kleinen Zusammenbruch.” Wenn sie meinen: Ich habe eine depressive Episode.  Weiterlesen auf sueddeutsche.de (€)

Süddeutsche Zeitung, 20.8.2016

“Versuch’s doch mal mit Yoga”