König Viktor

Obwohl ihr Land miserabel dasteht, werden die Ungarn Viktor Orbán am 6. April erneut zu ihrem Premierminister wählen. Warum? Eine Reise durch das Fidesz-Land

Reportage: Ruth Eisenreich, Elisabeth Gamperl

Der glatzköpfige Mann im grauen Langarmshirt könnte immer noch weinen, wenn er an jenen Samstagnachmittag im April 2002 zurückdenkt. Gemeinsam mit seinem Vater stand János Vigh damals auf dem Kossuth-Platz hinter dem ungarischen Parlament in Budapest. Um sie herum, so erzählt er es heute, wehten ungarische Flaggen, der junge Ministerpräsident Viktor Orbán hielt eine Rede, und hunderttausende Menschen mit rot-weiß-grünen Anstecknadeln, verbunden durch ihre Liebe zur Regierungspartei Fidesz, sangen mit Tränen in den Augen die Nationalhymne. “Das war ein erhebendes Gefühl“, sagt Vigh.

Knapp zwölf Jahre später ist es ruhig auf dem Kossuth-Platz. Wie damals steckt Ungarn mitten im Wahlkampf. In den Medien spürt man das, doch im Stadtbild kaum. Auf dem hölzernen Plakatständer hinter dem Parlament steht in schwarzer Schrift: “Nur für den Wahlkampf“. Das ist zu lesen, weil kein einziges Plakat auf dem Ständer klebt.

Plakatständer hinter dem ungarischen Parlament
Plakatständer hinter dem ungarischen Parlament

Wenige Tage vor der Parlamentswahl am 6. April steht das Ergebnis so gut wie fest: Obwohl die ungarische Wirtschaft darniederliegt, die Arbeitslosigkeit hoch und das Image Ungarns katastrophal ist, steht die nationalkonservative Fidesz unter Orbán in den Umfragen bei 50 Prozent. Unklar scheint nur, ob sie die Zweidrittelmehrheit der Mandate verteidigen kann, die sie 2010 gewann. Aber warum ist eine Partei, die ihr Land laut westlichen Medien und Politikern in eine Halbdiktatur verwandelt hat, so beliebt? Was treibt die Ungarn dazu, wieder Fidesz ihre Stimme zu geben?

Wer in der Vorwahlzeit durch das Land reist und mit einem Fidesz-Mitarbeiter spricht, mit Oppositionellen, mit einem Journalisten, mit Studenten und einer unglücklichen Fidesz-Wählerin, der bekommt sehr unterschiedliche Antworten auf diese Frage. Sie zeichnen das Bild einer ideologiefreien Regierungspartei und eines gespaltenen, zutiefst ratlosen Landes.

 

1. Der Fidesz-Mitarbeiter

Zwölf Jahre nach jener Versammlung auf dem Kossuth-Platz ist aus dem Fidesz-Sympathisanten János Vigh ein eifriger Mitarbeiter geworden. Breitbeinig, die Füße unter dem Sessel verschränkt, sitzt Vigh im orange gestrichenen Gang des Parteibüros in der Universitätsstadt Debrecen, 220 Kilometer östlich von Budapest. Er hat es zum Kommunikationskoordinator der Region gebracht, sein Stadtentwicklungsstudium hat der 36-Jährige dafür schleifenlassen. Hat er je an Fidesz gezweifelt? “Nein, niemals“, sagt Vigh. “Ich bin ein zu kleiner Mann, um die großen Entscheidungen zu kritisieren. Manchmal denkst du, die Entscheidung ist mit zu vielen Konflikten verbunden und nicht gut, aber später kommst du drauf, dass es sich ausgezahlt hat.“

Vigh weiß, dass es Ungarn heute, nach vier Jahren Fidesz-Herrschaft, nicht gut geht. Doch das, sagt er mit seiner ruhigen Stimme, liege an der Wirtschaftskrise und den Altlasten aus acht Jahren sozialistischer Regierung. “Seit 2010 hat sich die Lage verbessert, das verdanken wir Fidesz.“

Im Debrecener Fidesz-Büro hängen Plakate aus der Anfangszeit der Partei
Im Debrecener Fidesz-Büro hängen Plakate aus der Anfangszeit der Partei

Aber was ist mit der so heftig kritisierten autoritären Tendenz der Orbán-Regierung? Mit dem entmachteten Verfassungsgericht, der angeblich beschränkten Pressefreiheit, den durch die Verstaatlichung der Pensionskassen de facto enteigneten Sparern? Die Liste lässt sich weiterführen, doch für Vigh wurzelt alle Kritik in “Bemühungen der linken Opposition, Fidesz als böse darzustellen“. Dass auch diverse Größen der Europäischen Volkspartei, der Fidesz angehört, Orbán heftig kritisiert haben, davon will er noch nie gehört haben.

All die Änderungen, die im Ausland so große Empörung hervorgerufen haben – in Ungarn berühren sie kaum jemanden. “Die Ungarn sind zu sehr mit dem Überleben beschäftigt, um sich mit hoher Politik auseinanderzusetzen“, sagt der Politikwissenschaftler und Osteuropa-Experte Dieter Segert von der Uni Wien.

 

2. Der Oppositionelle

Wenn Vigh klagt, die Linke mache sein Land schlecht, dann meint er Menschen wie Szabolcs Kerék-Bárczy. Dessen Ungarn hat mit Vighs Ungarn sehr wenig zu tun. “Verfallende Demokratie“, “strukturelle Korruption“, “oligarchischer Mafiastaat“ – das sind die ersten Begriffe, die dem großen, schmalen Mann mit dem akkuraten Schnurrbart einfallen, wenn man ihn nach der Lage des Landes fragt.

An seiner Biografie kann man die Fragilität des ungarischen Parteiensystems ablesen: Der Harvard-Absolvent, 43, engagierte sich lange in einer bürgerlichen Partei, die 2010 aus dem Parlament flog, und arbeitete Ende der 1990er, als Viktor Orbán erstmals regierte, in dessen Büro. Heute sitzt er im Präsidium der Demokratischen Koalition (DK), mit der sich Ex-Premier Ferenc Gyurcsány 2011 von den Sozialisten abgespalten hat, die nun aber gemeinsam mit ebenjenen, mit einer Grünen-Abspaltung und zwei weiteren Parteien, unter dem mäßig prägnanten Namen MSZP-Együtt-DK-PM-MLP, zu den Wahlen antritt.

Szabolcs Kerék-Bárczy im Szabadság Kávéház (Café Freiheit), Budapest
Szabolcs Kerék-Bárczy im Szabadság Kávéház (Café Freiheit), Budapest

Von der ungarischen Linken kann in Bezug auf Abspaltungen und Zusammenschlüsse also sogar die österreichische Rechte noch etwas lernen. Aber ihre Zersplitterung ist nicht ihr größtes Problem. Sie gilt als visionslos, unehrlich und korrupt – und das nicht ganz zu Unrecht. Die berüchtigte “Lügenrede“ Gyurcsánys vor Parteifreunden 2006 (“Wir haben morgens, abends und nachts gelogen“), die einem Radiosender zugespielt wurde und zu Massenprotesten und seinem Sturz führte, ist noch nicht vergessen. Und erst im Februar musste der stellvertretende Vorsitzende der Sozialisten wegen eines Korruptionsskandals zurücktreten.

Eben noch hat Kerék-Bárczy bei einer Kundgebung der Besetzung Ungarns durch die Nazis gedacht, nun sitzt er mit Ringen unter den Augen im Café “Freiheit“ nahe dem Parlament, wo Aufzugsmusik läuft und die anderen Gäste alte Bekannte sind. Konfrontiert mit den Problemen der Opposition, legt Kerék-Bárczy einen an Realitätsverweigerung grenzenden Zweckoptimismus an den Tag. Die Bündnisparteien verbindet nur der Hass auf die Regierung? “Ein Gutes hat das autokratische System: Es hat uns gezwungen, unsere Kämpfe hinter uns zu lassen und zu kooperieren.“ Die Linke liegt in den Umfragen nur knapp vor der rechtsextremen Jobbik? “Die Leute haben Angst, ihre Meinung zu sagen.“

 

3. Der Journalist

Als András Bánó Viktor Orbán zum ersten Mal interviewte, da war der heutige Ministerpräsident noch ein langhaariger Revoluzzer. “In den frühen 90ern war er ein häufiger Gast in unserem Programm“, erinnert sich Bánó, heute Moderator des regierungskritischen TV-Senders ATV: “Er war sehr sympathisch. Jung, dynamisch, intelligent. Wir alle dachten, er ist der Mann, der das System transformieren wird.“ Das hat Orbán nun, mit 20 Jahren Verspätung, auch getan – aber anders, als Bánó es sich vorgestellt hatte. Denn Fidesz hat sich gewandelt, von einer liberalen Protestbewegung junger Intellektueller zu einer nationalkonservativen Partei mit Einsprengseln von Neoliberalismus, Rechts- und Linkspopulismus: Fidesz schrieb Gott in die Verfassung, wetterte gegen die EU, führte eine Flat Tax ein und verstaatlichte die Pensionskassen.

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András Bánó (Foto: Elisabeth Gamperl)

Was genau Fidesz will, weiß heute kaum noch jemand. “Orbáns einzige Ideologien sind Antikommunismus und Machterhalt“, sagt András Bánó. “Er hat seine Zweidrittelmehrheit nicht benützt, um das Land zu verbessern, sondern um sein Vermögen und das seiner Freunde zu vergrößern.“

 

4. Die Studenten

Wer wen wählt, ist auch eine Altersfrage, sagt Richard, 22. Seine Großeltern wählten sozialistisch, die Eltern Fidesz, für die Jungen gebe es nur Jobbik. Die Rechtsextremen – nationalistisch, antisemitisch, romafeindlich – zogen 2010 mit 17 Prozent der Stimmen erstmals ins Parlament ein, nun könnten sie noch hinzugewinnen. Besonders beliebt sind sie, quer durch die sozialen Schichten, bei jungen Menschen wie Richard. Der Spanischstudent im blitzblauen Kapuzenpullover mit dem Logo der Budapester Uni hat vor vier Jahren noch Jobbik gewählt – auch er ist “ein bisschen ein Nationalist“ -, am Sonntag wird er wohl zu Hause bleiben: Er hat ein paar Jobbik-Aktivisten kennengelernt und bezweifelt, dass sie gute Politiker wären.

“Jobbik ist die einzige Partei, die sich um das Romaproblem kümmert“, sagt Richards Studienkollegin Blanka, 19, rosa Kapuzenpulli, lange Haare, große Sonnenbrille. Sie sitzt neben ihm auf einer Bank auf dem Unicampus im Budapester Zentrum, um sie herum flanieren, plaudern, lernen andere Studenten. Im nordungarischen Komitat Borsod-Abaúj-Zemplén, aus dem Blanka kommt, gibt es viele Roma und viel Arbeitslosigkeit; mit 27 Prozent schnitt Jobbik hier 2010 so gut ab wie nirgends sonst. Blanka schwankt nun zwischen Jobbik und den Grünen. Die einzige Gemeinsamkeit der beiden Parteien: Sie sind erst seit vier Jahren im Parlament, haben noch nie regiert, hatten noch keine Gelegenheit zu enttäuschen.

Sehr viele junge Menschen in Ungarn wirken so ratlos wie Blanka und Richard. Die Älteren, die so lange gar nicht wählen durften, entscheiden sich für ihr jeweiliges kleinstes Übel; die Jüngeren – die erste Generation, die den Kommunismus nur aus Erzählungen kennt – lassen das Wählen lieber gleich. Aber sie stimmen mit den Füßen ab: Frustriert von schlechten Jobaussichten, niedrigen Löhnen und dem Gefühl, nichts ändern zu können, verlassen viele Junge das Land. Die Zahl der in Österreich gemeldeten Ungarn etwa ist von 2011 bis 2013 um mehr als 11.000 gestiegen – stärker als im Zeitraum vom EU-Beitritt 2004 bis 2011.

 

5. Die Fidesz-Wählerin

Zoltánné S. ist von Orbán nicht begeistert. Wählen wird sie ihn trotzdem, denn die Alternative gefällt ihr noch weniger: “Die Sozialisten haben sich nur selbst bereichert und das Land aushungern lassen“, sagt sie. Es ist derselbe Vorwurf, den die Linken Fidesz machen. Zoltánné, 53, wasserstoffblond, Ledermantel, lange Nägel, steht rauchend vor ihrem Wohnhaus in der 35.000-Einwohner-Stadt Ózd nahe der slowakischen Grenze. Das Haus ist ein Plattenbau, einer von vielen in der ehemals blühenden Industriestadt, und die gelernte Näherin Zoltánné ist eine von vielen Arbeitslosen hier.

In diesem Ózder Plattenbau wohnt Zoltánné Szőcs. Auch das örtliche Jobbik-Büro befindet sich hier
In diesem Ózder Plattenbau wohnt Zoltánné S. Auch das örtliche Jobbik-Büro befindet sich hier

Als nach der Wende die Fabriken schlossen, standen zehntausende Ózder auf der Straße. Im Ortskern erinnert die bronzene Statue eines Eisengießers noch an bessere Tage, heute rostet die Stadt vor sich hin. “Die Leute gammeln auf der Straße herum, weil niemand etwas zu tun hat“, sagt Zoltánné. Ihre Kinder machen trotz Matura Aushilfsjobs.

Fidesz wirbt damit, dass die Arbeitslosigkeit – Ungarns wohl größtes Problem – in den letzten Jahren stark gesunken sei. Das stimmt nur bedingt: Wer heute länger als drei Monate arbeitslos ist, muss “gemeinnützige“ Arbeit verrichten – Straßen kehren, Hecken schneiden -, um die Sozialhilfe nicht zu verlieren. “Die Regierung rechnet diese Jobs in die Beschäftigungsstatistik ein“, erklärt der Ungarn-Experte Sándor Richter vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche. “Außerdem haben viele, die im Ausland arbeiten, noch eine Adresse in Ungarn. In der offiziellen Statistik gelten auch sie als beschäftigt.“

Im Zentrum von Ózd erinnert eine Statue an bessere Zeiten
Im Zentrum von Ózd erinnert eine Statue an bessere Zeiten

Nicht nur bei der Arbeitslosigkeit geriert sich Fidesz als Partei der kleinen Leute. Der große Wahlkampfschlager der Partei sind die kürzlich erfolgten Senkungen der Wohnnebenkosten. “Davor konnte ich mir oft das Heizen nicht leisten“, sagt Zoltánné S. Die Kostensenkung für Wasser, Strom, Gas und Müllabfuhr kommt nicht etwa durch staatliche Subventionen zustande – die Regierung zwingt die privaten Versorger einfach per Gesetz, ihre Dienste billiger anzubieten. Der traditionell starke Nationalismus der Ungarn hilft ihr dabei: Die Versorger seien allesamt “ausländische Multis“, die sich schon lang genug auf Kosten der Ungarn bereichert hätten, wettert Ministerpräsident Orbán.

Wir gegen den Rest der Welt: Orbán bedient sich dieser Rhetorik oft und gern, und sie scheint in Ungarn noch besser zu funktionieren als anderswo. “Protest richtet sich in Ungarn oft gegen die EU, die Banken und so weiter. Protestwähler sind also nicht zwangsläufig Oppositionswähler“, sagt János Molnár von der Budapester Friedrich-Ebert-Stiftung. “Fidesz kann die Unzufriedenheit der Menschen besser kanalisieren als die Opposition.“

Falter, 2.4.2014

König Viktor

“Sie wollen einfach regieren”

Am Sonntag wählt Ungarn, und der Sieg der Regierungspartei Fidesz unter Ministerpräsident Viktor Orbán steht bereits so gut wie fest. Der Osteuropaexperte Dieter Segert vom Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien erklärt, warum Fidesz so stark ist und was die Partei eigentlich will.

Interview: Ruth Eisenreich, Elisabeth Gamperl

Herr Segert, Europa blickt besorgt auf Ungarn, das Land zeigt autoritäre Tendenzen, die Wirtschaftslage ist katastrophal, die Arbeitslosigkeit hoch, aber trotzdem steht die Regierungspartei Fidesz in den Umfragen bei etwa 50 Prozent der Stimmen. Wie kommt das?

Dieter Segert: Der große Erfolg von Fidesz ist nur durch die Katastrophe der vorherigen sozialistischen Regierung zu erklären. Die Sozialisten haben in ihren zwei Legislaturperioden alle Sozialreformen zurückgefahren und etwa das Gesundheitswesen kostenpflichtig gemacht. Damit haben sie zugelassen, dass sich eine rechte Partei als die soziale Partei etablieren konnte. Dazu kommen die Korruptionsskandale der Sozialisten – Fidesz hat natürlich alles getan, um die im Gedächtnis der Bevölkerung zu halten.

Wer wählt Fidesz?

Einerseits macht Fidesz Klientelpolitik für die obere Mittelschicht. Die Einführung der Flat Tax – 16 Prozent Steuer auf alle Einkommen – ist für die, die ansonsten 30 oder mehr Prozent Steuer zahlen müssen, ein riesiger Gewinn, während sie für die ärmere Bevölkerung ein Nachteil ist. Seine Änderungen gehen also zugunsten der Bessergestellten. Andererseits zieht Fidesz aber mit der Förderung der nationalen Interessen und der Polemik gegen die internationalen Konzerne einen Großteil der Ungarn auf ihre Seite.

Warum springen die Ungarn auf diesen Nationalismus so an?

Nationalismus ist in Perioden der Unsicherheit immer ganz nützlich. Ungarn geht es wirtschaftlich nicht gut, die Arbeitslosigkeit ist hoch, besonders im Norden und Osten des Landes, in den ehemaligen Industriegegenden. Dort wählen deshalb auch besonders viele Menschen die rechtsextreme Jobbik. Viele Ungarn haben die Wende 1989 noch nicht verdaut. Sie haben auf politische Freiheit, den Wohlstand des Westens und ein höheres Lebensniveau gehofft, aber nur Ersteres bekommen. Solche Sachen werden mitunter vererbt: Die Jungen haben die Schwierigkeiten der Eltern bemerkt, deren Verunsicherung übernommen und ziehen jetzt radikale Schlussfolgerungen.

Fidesz hat mit einem neuen Mediengesetz die politische Kontrolle über die Medien verstärkt, das Wahlrecht geändert und die Macht des Verfassungsgerichts beschränkt. All diese Änderungen haben im Ausland große Empörung hervorgerufen, in Ungarn scheinen sie allerdings kaum jemanden zu berühren.

Die Ungarn sind zu sehr mit dem Überleben beschäftigt, um sich mit hoher Politik auseinanderzusetzen. Viele Menschen in Ungarn leben trotz Arbeit am Existenzminimum, viele brauchen mehrere Jobs. Jede Preiserhöhung ist eine Katastrophe. Dass Fidesz die Wohnnebenkosten gesenkt hat, ist für diese Menschen viel wichtiger als etwa das Mediengesetz.

Fidesz war ursprünglich eine liberale Bewegung von Studierenden und Intellektuellen. Wie konnte daraus die Partei werden, die Fidesz heute ist?

Fidesz hat 1993 eine Wende vollzogen, das war ein politischer Kunstgriff. Die bürgerliche Partei „Ungarisches Demokratisches Forum“ hat nach dem Tod von Ministerpräsident József Antall an Einfluss verloren. Dadurch wurde ein politischer Raum frei, und Fidesz wusste, da können sie nachrücken. Das haben sie auch gemacht – und zwar mit einer nationalistischen, teilweise rassistischen Argumentation bis hinein ins Rechtsextreme. Sie haben auch heute noch einen rechtsextremen Rand.

Fidesz hat eine Flat Tax eingeführt, aber andererseits die privaten Pensionskassen verstaatlicht und die Energieversorger per Gesetz gezwungen, ihre Preise zu senken. Das passt doch nicht zusammen – können Sie definieren, wofür die Partei heute steht?

Fidesz kann man ideologisch schwer einordnen. Sie verbünden sich auch mit Russland und mit China, sind aber in der Europäischen Volkspartei, die eine konservative Partei mit antirussischer und antichinesischer Orientierung ist. Sie finden, dass eine Ehe aus Menschen unterschiedlichen Geschlechts besteht, sie haben Obdachlosigkeit unter Strafe gestellt, sie haben eine Vorstellung von Staatsbürgerschaft, die die Ungarn in anderen Ländern einschließt. Am ehesten könnte man Fidesz als nationalpopulistische Partei bezeichnen.

Wenn man sich all diese Widersprüche ansieht – hat Fidesz überhaupt eine Ideologie? Was will die Partei?

Sie will einfach regieren. Ich denke, Viktor Orbán ist jedes Mittel recht, um seine Macht zu stärken.

Zur Person
Dieter Segert ist Universitätsprofessor in Wien mit den Forschungsschwerpunkten
politische Systeme in Ostmitteleuropa, politische Geschichte und Erbe des europäischen Staatssozialismus

Wiener Zeitung, 5.4.2014

“Sie wollen einfach regieren”

Jung und resigniert

Ungarns Jugendliche sind deprimiert. Die meisten werden am Sonntag nicht zur Wahl gehen. Sie stimmen lieber mit den Füßen ab – und wandern aus

Bericht: Ruth Eisenreich, Elisabeth Gamperl

“Vaterlandsverräter”, sagte die Tante zu Sebastian. Sie saßen am Esstisch, eine Familienfeier, gerade hatte der blonde Skandinavistik-Student mit der eckigen Brille von seinen Zukunftsplänen erzählt. Er wolle nach Dänemark gehen, wo seine Freundin schon lebte, sagte der 19-Jährige. Der erhoffte Zuspruch seiner Verwandten blieb aus. “Du wirst es dort so gut haben, dass du nie wieder in deine süße Heimat Ungarn zurückkehrst”, sagte die Tante. Wenn sich Sebastian, Sohn eines Deutschen und einer Ungarin, daran zurückerinnert, beginnt er wild zu gestikulieren, seine Stimme wird energischer. “Was soll ich denn tun? In Ungarn fehlt die Perspektive.”

Es ist ein Satz, den so oder ähnlich sehr viele junge Ungarn sagen. Sie sind frustriert und verärgert, so wie viele junge Menschen auf der ganzen Welt, aber so etwas wie ein “Occupy Budapest” oder ein “Ungarischer Frühling” ist weit und breit nicht in Sicht. Denn die Resignation der hiesigen Jugend, das Gefühl, sowieso nichts ändern zu können, geht tiefer. Ihre Ratlosigkeit ist so groß, dass ihr echter Protest nicht in den Sinn kommt.

Die Jobaussichten für junge Menschen in Ungarn sind schlecht, die Löhne niedrig, das Leben teuer. Knapp 30 Prozent der 15- bis 24-Jährigen sind laut Eurostat ohne Job. In Deutschland sind
es lediglich acht Prozent. Schuld an der Misere seien die vergangenen vier Jahre, sagt Sebastian, die Regierungszeit der nationalkonservativen Partei Fidesz unter Ministerpräsident Viktor Orbán. “Ungarn bewegt sich rückwärts”, sagt Sebastian. Die Regierungspartei habe den Staat sukzessive umgebaut: Orbán schränkte unter anderem mit einem neuen Mediengesetz die Pressefreiheit ein, verstaatlichte die privaten Pensionskassen, entmachtete das Verfassungsgericht.

Am Sonntag sind wieder Parlamentswahlen in Ungarn, allen Umfragen zufolge wird Fidesz erneut haushoch mit Zweidrittelmehrheit siegen, und Sebastian darf zum ersten Mal über die Zukunft seines Landes mitentscheiden. Aber welche Partei er wählen wird, weiß er auch
kurz vor der Wahl noch immer nicht.

Unter jungen Wählern liegt er damit im Trend, das ist jedenfalls der Eindruck, den man bekommt, wenn man sich in der Vorwahlzeit etwa an der geisteswissenschaftlichen Fakultät der
Budapester Eötvös-Loránd-Universität umhört. Bei den beiden Spanisch-Studenten Blanka und Richard etwa, die an einem warmen Frühlingstag Ende März auf einer Holzbank am Campus im Zentrum der Hauptstadt sitzen. Auch sie sind noch völlig unentschlossen. Richard, 22, millimeterkurze Haare, knallblauer Kapuzenpullover mit Uni-Logo, bezeichnet sich selbst als “ein bisschen einen Nationalisten” und hat 2010 konsequenterweise die rechtsextreme, antisemitische und romafeindliche Partei Jobbik gewählt, die damals mit 17 Prozent der Stimmen erstmals ins Parlament einzog. Sie ist, unabhängig von der Bildungsschicht, besonders unter jungen Menschen beliebt, jeder dritte Student soll Jobbik wählen.

“Die Jungen haben die Schwierigkeiten der Eltern nach der Wende mitbekommen, deren Verunsicherung übernommen und ziehen jetzt radikale Schlussfolgerungen”, sagt der Osteuropa-Experte Dieter Segert von der Universität Wien.

Die geisteswissenschaftliche Fakultät steht beispielhaft für diese Tendenz, sie hat damit im vergangenen Jahr gleich zweimal unrühmliche internationale Schlagzeilen gemacht: Zuerst im Februar, als bekannt wurde, dass die dortige Hochschülerschaft jahrelang Listen von Studienanfängern geführt und um Kommentare wie “hat einen hässlichen Judenkopf” ergänzt hatte; dann im April, als an den Bürotüren mehrerer Professoren Sticker mit der Aufschrift “Juden, die Universität gehört uns, nicht euch” auftauchten. Eine der Betroffenen war die international bekannte Philosophin und Holocaust-Überlebende Ágnes Heller.

Der Spanisch-Student Richard ist enttäuscht von Jobbik, aber nicht etwa wegen der antisemitischen Ausfälle. “Ich habe ein paar Jobbik-Aktivisten in den Vorlesungen kennengelernt. Ich bezweifle, dass sie gute Politiker wären”, sagt er. Am Sonntag wird er wohl zu Hause bleiben, denn mit den anderen Parteien – mit den Sozialisten, die Richards nostalgische Großeltern wählen, und mit Fidesz, der Partei seiner Eltern – kann er noch weniger anfangen: “Außer Jobbik gibt es für die Jungen nichts”.

“Vielleicht noch die Grünen?”, wirft seine Studienkollegin Blanka ein. Kurz vor ihrer ersten Wahl ist auch die 19-Jährige mit dem rosa Kapuzenpulli und der riesigen Sonnenbrille noch unentschlossen, sie schwankt zwischen den Grünen und den Rechtsextremen. Die beiden Parteien haben nur eines gemein: Beide sind erst seit vier Jahren im Parlament, hatten noch nie Regierungsverantwortung und somit noch keine Chance, die Ungarn zu enttäuschen. Da ist es offenbar, was Blanka anspricht: Echte Verbesserungen für das Land traut sie sowieso keiner Partei zu.

So wie Blanka, Richard und Sebastian geht es vielen jungen Menschen in Ungarn. Die derzeitige Lage ihres Landes gefällt ihnen nicht, die Richtung, die es einschlägt, auch nicht. Aber sich politisch zu engagieren kommt ihnen ebensowenig in den Sinn wie aktiver Protest – “seit Orbán an der Macht ist, ist die Lage aussichtslos”, formuliert es Sebastian. Stattdessen stimmen sie mit ihren Füßen ab. Nach ihrem Studium wollen alle drei ins Ausland gehen, wie auch die meisten ihrer Freunde und Kommilitonen.

Die Regierung versucht, das zu verhindern: Wer heute auf eine ungarische Uni will, muss sich verpflichten, nach dem Abschluss doppelt so lange im Land zu arbeiten, wie er studiert hat. Den Statistiken zufolge funktioniert das nur begrenzt. Alleine in Deutschland leben heute rund 54.500 Ungarn, die Zuwanderung stieg seit 2011 um 31 Prozent. Auch Sebastian wird sich von der Strategie der Regierung ebensowenig abhalten lassen wie vom Verräter-Vorwurf seiner Tante: Die Bewerbung für seine dänische Wunsch-Uni ist schon abgeschickt.

Erschienen am 5.4.2014 auf Zeit Online sowie in leicht veränderter Form am 10.4.2014 in der Furche

Jung und resigniert

Eine Nische ohne Paprika

Mit ihrem Kleinverlag wollen Zsóka und Paul Lendvai unbekannte ungarische Literatur auf Deutsch zugänglich machen

“Nein, Pali!“, ruft Zsóka Lendvai. “Das war eine dumme Idee!“ Bevor ihr Mann ausplaudert, welchen Namen sie ursprünglich für ihren Kleinverlag vorgeschlagen hat, sagt sie es doch lieber selbst: “Paprika Verlag“ wollte sie ihn nennen.

Ihr Mann Pali, das ist der bekannte Publizist und Osteuropaexperte Paul Lendvai. Er war gegen den Namen Paprika und hat sich durchgesetzt: Der Verlag, den Zsóka Lendvai gegründet hat, heißt jetzt Nischen Verlag. Und die Namensentscheidung war richtig, denn mit Paprika-Csárdás-Gulasch-Klischees haben die Werke, die der Nischen Verlag herausgibt, wenig zu tun.

Das zeigt schon das erste Buch, das gerade erschienen ist: “Das rote Fahrrad“ erzählt in Tagebuchform die letzten Monate im Leben der 13-jährigen Éva Zsolt. In der damals ostungarischen, heute zu Rumänien gehörenden Stadt Nagyvárad (rumänisch Oradea) erlebt sie 1944 die immer schärferen Judengesetze der faschistischen Pfeilkreuzler und den Einmarsch der Nazis mit.

In einer Mischung aus Klarsichtigkeit und kindlicher Naivität beschreibt Éva ihre Sorgen um ihr Halbjahreszeugnis und die immer schlimmer werdenden Schikanen der Faschisten, ihre erste Verliebtheit und die Deportation ins Ghetto. Ganz selbstverständlich übernimmt sie in ihren Aufzeichnungen die Trennung zwischen “Juden“ und “Ariern“ und staunt, als ihr Großvater ihr erzählt, “dass früher nur solche Menschen ins Gefängnis gekommen sind, die gestohlen oder gemordet haben“.

Das Tagebuch endet am 30. Mai 1944, wenige Tage später wurde Éva nach Auschwitz deportiert, wo sie im Oktober 1944 vom KZ-“Arzt“ Josef Mengele ermordet wurde. Ihre Mutter, Ágnes Zsolt, überlebte den Holocaust und veröffentlichte 1947 das Tagebuch, bald darauf beging sie Selbstmord. Das Buch geriet in Vergessenheit, bis es 2011 neu aufgelegt wurde. Unklar ist, ob Éva Zsolt das Tagebuch tatsächlich selbst geschrieben hat oder ob ihre Mutter es nach ihrem Tod aus der Erinnerung verfasste.

Paul Lendvai, der während des Ungarnaufstandes 1956 aus Budapest nach Wien floh, hat eine ganz persönliche Beziehung zu Évas Tagebuch: Er hat als jüdisches Kind in Budapest Ähnliches erlebt, hat noch dazu Ágnes Zsolt persönlich gekannt.

Verlegt wird, was dem Verlagsteam gefällt, ungefähr so lässt sich das Programm des Nischen Verlags umreißen – und das Verlagsteam besteht aus nur zwei Personen, aus Zsóka und Paul Lendvai. Für Übersetzung, Druck und Marketing werden freie Mitarbeiter engagiert. Drei Bücher pro Jahr sollen so in Zukunft entstehen, sagen die Lendvais. Und der Verlagssitz? Das ist Zsóka Lendvais Arbeitszimmer – ein Schreibtisch, ein Bücherregal, Fotos ihrer erwachsenen Kinder an der Wand – in der hellen Dachgeschoßwohnung des Ehepaars im neunten Bezirk.

Zsóka Lendvai hatte über 30 Jahre lang in ungarischen Verlagen gearbeitet, bevor sie vor sieben Jahren zu ihrem Mann nach Wien zog und feststellte: Obwohl einige ungarische Schriftsteller, der Nobelpreisträger Imre Kertész etwa, auch in Österreich bekannt sind, waren gerade ihre Lieblingsautoren noch gar nicht ins Deutsche übersetzt worden.

Das ist wenig verwunderlich, denn Übersetzungen aus “kleinen“ Sprachen haben am Buchmarkt prinzipiell einen schweren Stand. Mehrere hundert übersetzte Bücher erscheinen in Österreich jedes Jahr, doch etwa drei Viertel davon stammen aus dem englischsprachigen Raum, das restliche Viertel teilt sich auf alle anderen Sprachen der Welt auf. Aus Sprachen wie dem Ungarischen werden pro Jahr kaum mehr als zehn Bücher übersetzt – die Lendvais besetzen mit ihrem Verlag also tatsächlich eine Nische.

Auch wenn Paul Lendvai zurzeit vor allem als scharfer Kritiker des konservativen ungarischen Premierministers Viktor Orbán in der Öffentlichkeit auftritt, werden im Nischen Verlag keine politischen Sachbücher erscheinen. Dafür hat die Belletristik, die der Verlag herausgibt, durchaus politischen Anspruch.

Das zeigt nicht nur “Das rote Fahrrad“, sondern auch das nächste Buch, der Roman “Der Verruf“ des 1946 geborenen Lyrikers, Bühnenautors, Historikers, Übersetzers und Prosaschriftstellers György Spiró. Sein Protagonist Gyula Fátray liegt während des Ungarnaufstandes 1956 im Krankenhaus und freut sich, dass er sich dadurch nicht auf eine Seite schlagen muss – bis er wegen einer Namensverwechslung der “konterrevolutionären Aktivität“ bezichtigt und angeklagt wird.

Als drittes Buch gibt der Nischen Verlag dieses Jahr den Erzählband “Der wogende Balaton“ von Lajos Parti Nagy heraus. In der titelgebenden Erzählung erinnert sich ein alternder Profisportler an seine Blütezeit zurück. Sein Sport: Essen.

“Bei den Erwachsenen war die Mindestanforderung schon ziemlich hoch, zehn Kubikdezimeter, meistens Brühsaft vom Speckkochen oder gelierte Sulz, warm“, heißt es da, und: “In Desserts war ich ganz klar Sektionserster, in Manner Schnitten, getunkten Waffeln und Pischinger Schnitten.“ Auch Fleisch, Schmalz und Schokolade spielen in dieser Erzählung eine wichtige Rolle. Paprika oder Gulasch kommen nicht vor.

Falter, 5.9.2012

Eine Nische ohne Paprika

Eine Art Nachruf

„Ein Rotwein und ein Mineral von draußen, Herr Porgesz? Die Karte brauchen Sie nicht, oder?“ Nein, nicht nötig. Die Schrift der Speisekarte ist zu klein für Jancsi Porgesz, da hilft auch keine Brille mehr. Aber das Angebot des Restaurants am Stadtrand von Wien hat er sowieso im Kopf. Das Hirschragout bitte, aber mit Petersilkartoffeln statt Serviettenknödeln, mit viel Saft und extra Brot. Geduldig notiert der Kellner die Sonderwünsche des langjährigen Stammgastes. Beinahe fünfzig Jahre ist es her, dass Porgesz zum ersten Mal hier war. Äußerlich hat er sich wenig verändert: Anzug, Pullunder, Krawatte, damals wie heute. Nur die große, eckige Brille mit dem dunklen Rahmen, die seine Erscheinung so lange prägte, ist verschwunden, und die Geheimratsecken haben sich zu einer Halbglatze ausgedehnt. Nach dem Tod seiner Frau vor zehn Jahren kam Porgesz immer häufiger ins Restaurant, mittlerweile isst er täglich hier zu Mittag. Mit 91 Jahren sucht Porgesz keine Abwechslung mehr – davon hatte er in seinem Leben genug.

Als Kind begleitet Jancsi Porgesz seine Mutter beinahe täglich in die Konditorei in der Budapester Rákóczy út. Seine Familie beschäftigt ein Kindermädchen, eine Köchin und eine Haushälterin; zur Sommerfrische reist sie nach Reichenau. Mit 21 schläft Porgesz in Mosonmagyarovár an der österreichischen Grenze auf Stroh, drischt mit Holzknüppeln Leinen und isst dünne Gemüsesuppe: die ungarischen Juden müssen im Krieg Arbeitsdienst verrichten. Mit 24 liegt er wieder in einem richtigen Bett, muss es sich aber mit einem Zweiten teilen – mit einem Magendurchbruch ist er im Krankenhaus des Budapester Ghettos gelandet. Seine Mutter findet auf der Straße ein verendetes Pferd und pflegt Porgesz mit Pferdesuppe gesund.

Mit 29 ist Porgesz verheiratet, Vater einer Tochter und eines Sohnes, überzeugtes Mitglied der Kommunistischen Partei und Direktor einer Tabakfabrik in Budapest.

Mit 35 schlägt sich Jancsi Porgesz in Wien als Zeitungskolporteur und Nachtwächter durch. An einem Novembertag während des Ungarnaufstandes ist er zu Fuß aus Ungarn geflüchtet, nicht einmal seiner Familie hat er zuvor Bescheid gesagt. Da hatte er längst mit den Kommunisten gebrochen, hielt aber die antisemitischen Aufständischen für ein noch größeres Übel. Nach einigen Wochen in Wien findet Porgesz eine Stelle als Dolmetscher beim Roten Kreuz, wechselt später in die Buchhaltung. Seine Frau folgt ihm nach Wien, um ihn zurückzuholen; er überredet sie, zu bleiben. Die Flucht der zehnjährigen Tochter und des siebenjährigen Sohnes misslingt. Drei Jahre lang sitzen sie in Ungarn fest, wohnen bei Verwandten; dann können sie dank Porgesz’ Chef als erste Kinder legal aus Ungarn ausreisen.

Mit 54 ist Porgesz kaufmännischer Direktor des Österreichischen Roten Kreuzes. Nach Erdbeben, Überschwemmungen und Kriegen bestimmt er, wie die Hilfsgelder eingeteilt, welche Projekte unterstützt, welche Häuser neu aufgebaut werden. Um in seine Einsatzgebiete – Friaul, Rumänien, Zypern, Libanon, Burkina Faso – zu gelangen, muss er reisen. In seiner neuen Heimat Österreich bleibt es ruhig und friedlich.

Mit 91 ist Jancsi Porgesz schon lange in Pension. „Danke schön, Herr Porgesz“, ruft ihm der Kellner nach, als er sich langsam zum Ausgang des Restaurants vortastet. Und: „Bis morgen, Herr Porgesz!“.

An einem Samstag im Mai 2012 hat Jancsi Porgesz zum letzten Mal im Restaurant am Stadtrand zu Mittag gegessen.

Eine Art Nachruf