Für wie viele Babys haben Sie gesorgt, Herr Mitterlehner? – Telefonkolumne

“Kinder halten Österreich jung” heißt die neue Kampagne des Familienministeriums, die die Österreicher zum Kinderkriegen bewegen soll. Minister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) erklärt, warum 800.000 Euro hier gut angelegt sind.

Herr Minister, gibt es Menschen, die nicht wissen, dass Kinder eine Gesellschaft jung halten?

Ja, sonst hätten wir eine höhere Geburtenrate als 1,43 Kinder pro Frau.

Hat das nicht andere Gründe?

Auch, aber die Kampagne schafft Awareness für das Thema. Andere Länder haben mit ähnlichen Kampagnen gute Erfahrungen gemacht. Wir machen das gemeinsam mit allen Familienorganisationen, parteiübergreifend.

Wie viele Leute werden sich wegen der Kampagne für Kinder entscheiden?

Die Korrelation “Familie bewerben – Geburtenrate steigt“ wäre zu stupide, das ist natürlich abhängig von den Lebensumständen. Aber ich rechne damit, dass junge Menschen mit dem Thema konfrontiert werden und sich damit auseinandersetzen.

Wäre es nicht sinnvoller, mit 800.000 Euro Kindergartenplätze zu bezahlen?

Das ist eine recht einfache Gedankenkonstruktion, rechnen wir es noch mit hungernden Kindern in Afrika auf? Wir machen das ja nicht entweder oder, sondern additiv. Wir versuchen auch, die Kinderbetreuung auszubauen.

Der CEO der Agentur Ogilvy, die die Kampagne gemacht hat, war früher etwa Wahlkampfleiter von Benita Ferrero-Waldner. Zufall? Ich habe nirgends eine Ausschreibung für die Kampagne gefunden.

Wir haben uns an die gesetzlichen Bestimmungen gehalten, mehrere Agenturen zu einem Pitch eingeladen und die Kampagne nach dem Inhalt ausgewählt. Ogilvy hat gewonnen und auf die Verrechnung der Kreativkosten verzichtet. Ich kann ja niemandem verbieten, dass er eine Vorgeschichte hat. Der Falter verzichtet auch nicht auf Inserate der Kampagne.

Falter, 19.6.2013

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Für wie viele Babys haben Sie gesorgt, Herr Mitterlehner? – Telefonkolumne

Muss Wissenschaft für Frauen pink sein, Herr Jennings? – Werbekolumne

Im Charlie’s-Angels-Stil posieren die drei Frauen in High Heels und Minikleid, sie räkeln sich vor pinkfarbenen Hintergründen, verteilen Luftküsse, beißen lasziv in die Bügel ihrer Sonnenbrillen, ein Mann im Laborkittel schaut von seinem Mikroskop auf, einer Pipette entsteigt Dampf, ein Tropfen rosa Nagellack zerplatzt in Großaufnahme.

“Science: It’s a girl thing“ steht am Ende des schnell geschnittenen Clips, das “i“ in “Science“ bildet ein rosa Lippenstift. Darunter: das Logo der Europäischen Kommission. Die wollte mit dem Video eigentlich junge Frauen für Wissenschaft interessieren – doch die Reaktionen waren fast durchwegs negativ. Die Kommission reagierte schnell und zog den Spot zurück.

“Das Video war nur ein kleiner Teil der Kampagne“, erklärt Michael Jennings, Sprecher der zuständigen EU-Kommissarin für Forschung, Innovation und Wissenschaft. Ab Herbst soll es Veranstaltungen in diversen EU-Ländern geben; auf der Website science-girl-thing.eu finden sich Beschreibungen verschiedener “Dream jobs“, “Six reasons science needs you“, ein “Discover your inner researcher“-Quiz und Videoprofile von Wissenschaftlerinnen.

Entwickelt wurde die Kampagne – nicht aber der Spot – mithilfe von Gender- und Kommunikationsexperten und einer qualitativen Studie unter zwölf- bis 18-jährigen Mädchen. “In den Fokusgruppen haben die Mädchen gesagt, sie wollen etwas, was direkt auf sie zielt und Wissenschaft mit ihrem realen Leben verbindet“, erklärt Jennings die Entstehung des Videos.

Falter, 4.7.2012

Mittlerweile gibt es übrigens diverse Spoofs zu dem Video, etwa diesen hier:

Muss Wissenschaft für Frauen pink sein, Herr Jennings? – Werbekolumne

Das kleine Glück der Parteien: 1,2 Millionen

Wie viel Geld kassieren Parteien über ihnen nahe stehende Zeitungen von der Glücksspielindustrie?

Inseratenrecherche: Ruth Eisenreich, Peter Sim

“Oft genügt ein einfacher Impuls, um Dinge in Bewegung zu bringen. (…) Novomatic setzt daher gerade jetzt Impulse.“ Fast könnte man meinen, das Glücksspielunternehmen Novomatic spräche hier von seiner eigenen Lobbyingstrategie. Doch dieses Inserat, das im Frühling 2009 im SPÖ-nahen VOR-Magazin erschien, bewarb das von Novomatic gesponserte Tanzfestival Impulstanz.

Seit Jahren wird diskutiert, ob und in welcher Form Glücksspielunternehmen versuchen, durch finanzielle Zuwendungen an Parteien oder vorgelagerte Organisationen und Unternehmen die Gesetzgebung zu beeinflussen oder zumindest für wohlwollende Stimmung zu sorgen. Zahlungen an Lobbyisten und “Studien“-Aufträge an parteinahe Werbefirmen (BZÖ) sind mittlerweile amtsbekannt. Doch ist das alles?

Der Falter hat bei Novomatic und den Casinos Austria sowie bei SPÖ, ÖVP, FPÖ, BZÖ und den Grünen angefragt, ob es in den letzten Jahren Geldflüsse von Glücksspielkonzernen zu Parteizeitungen gegeben hat.

“Wir machen keinen Hehl daraus, dass wir auch in Parteimedien schalten“, sagt Martin Himmelbauer, Sprecher der Casinos Austria. “Nicht, um der Partei Geld zu geben, sondern weil wir mit unseren Inseraten Leute erreichen.“ Der Anteil für Werbung in Parteizeitungen am Werbebudget der Casinos liege “im Promillebereich“, sagt Himmelbauer – genaue Zahlen dazu habe er aber nicht. Auch Hannes Reichmann, Sprecher des privaten Automatenproduzenten Novomatic, begründet Inserate seiner Firma in Parteimedien mit deren “zum Teil beträchtlichen Reichweiten“. Zahlen will auch er aus Wettbewerbsgründen nicht nennen.

Im Gegensatz zu den Unternehmen haben fast alle Parteien auf die Falter-Anfrage nicht reagiert. Einzige Ausnahme: die Grünen, die laut Bundesgeschäftsführer Stefan Wallner “weder direkte noch indirekte Unterstützung in Form von Spenden, Inseraten oder Ähnlichem von Glücksspielunternehmen erhalten“ haben wollen.

Die Auskunftsfreudigkeit der Parteien hält sich also in Grenzen. Eventuelle Parteispenden lassen sich daher nur schwer eruieren, “oder Ähnliches“ noch schwerer. Das Inseratenaufkommen eines Unternehmens in einer bestimmten Publikation jedoch lässt sich nachvollziehen – sämtliche in Österreich erschienene Medien sind in der Österreichischen Nationalbibliothek verfügbar, die Inseratentarife lassen sich üblicherweise telefonisch erfragen.

Der Falter hat das Inseratenaufkommen von Glücksspielunternehmen in parteinahen Medien seit 2006 untersucht. Berücksichtigt wurden bei den Recherchen nicht nur Publikationen im direkten Besitz der jeweiligen Partei, sondern auch solche, bei denen ein Naheverhältnis zu einer Partei feststellbar ist – beispielsweise das VOR-Magazin, das dem SPÖ-nahen Echo Medienhaus gehört, oder die Bezirksrevue, deren Herausgeber Wolfgang Kasic für die ÖVP im steirischen Landtag sitzt (der Falter berichtete bereits über seine Beziehungen zur Glücksspielindustrie).

Das Ergebnis: Mindestens 500.000 Euro, so ergibt eine Falter-Schätzung, haben Novomatic und Tochter Admiral seit 2006 für Anzeigen in parteinahen Medien ausgegeben, mindestens 700.000 die Casinos Austria und ihre Tochterfirma Österreichische Lotterien.

Was auffällt: Novomatic hat besonders in der Neuen Freien Zeitung der FPÖ geworben, die Casinos und Lotterien vor allem in der ÖVP-Zeitschrift Austria Plus und in anderen ÖVP-nahen Publikationen wie dem ÖAAB-Magazin Freiheit.

Nur die Grünen und das BZÖ hatten den Falter-Recherchen zufolge in den letzten Jahren keine Einnahmen durch Inserate von Glücksspielunternehmen. Dem BZÖ, das keine Parteizeitung besitzt, haben die Österreichischen Lotterien allerdings im Jahr 2006 300.000 Euro für die Erstellung einer zehnseitigen “Studie“ mit dem Titel “Responsible Gaming“ überwiesen – wohl ein Fall von verdeckter Parteienfinanzierung.

Seit 2006 wurde eine Novelle des Glücksspielgesetzes diskutiert, die einheitliche Regelungen für das Glücksspiel bringen und den Spielerschutz verbessern sollte. Gleichzeitig wurde der zulässige Höchsteinsatz an Spielautomaten von 50 Cent auf zehn Euro verzwanzigfacht.

Von 2006 bis 2010, so zeigt die Falter-Recherche, haben Glücksspielunternehmen also um geschätzte 1,2 Millionen Euro in SPÖ-, ÖVP- und FPÖ-nahen Medien inseriert. 2010 wurde die Novelle des Glücksspielgesetzes mit den Stimmen aller Parteien außer jenen der Grünen beschlossen.

Falter, 8.6.2011

Das kleine Glück der Parteien: 1,2 Millionen

Frau Volk, warum sind die Wiener Mistkübel so goschert? – Nachfragekolumne

Für Sie rund um die Uhr geöffnet“, “Ihre Papiere, bitte!“, “Gebaut nach dem Reinheitsgebot von 2009“. Ohne Sprüche wie diese sind die Wiener Mistkübel kaum mehr vorstellbar.

Dabei gibt es sie erst seit zwei Jahren: Im Jahr 2009 stattete die MA 48 die grauen Wiener Mistkübel zunächst mit einfachen orangen Banderolen und orangen “Lippen“ (die Bereiche rund um die Öffnung des Mülleimers) aus und rief schließlich unter ihren Mitarbeitern einen Mistkübel-Spruch-Wettbewerb aus.

Über 30 Slogans – je zur Hälfte von den Mitarbeitern und von der Werbeagentur Unique erfunden – durfte die Öffentlichkeit dann online abstimmen, die zehn besten kleben seitdem an den Mistkübeln und prägen das Stadtbild. Noch immer würden Lobschreiben für die witzigen Sprüche eintrudeln, erzählt Ulrike Volk, Leiterin der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit und Produktmanagement der MA 48; aufgeregt über die kecken Mistkübel habe sich noch niemand.

Abgesehen vom Belustigungseffekt: Machen Sprüche auf Mistkübeln die Stadt wirklich sauberer? Ja, sagt Volk, denn sie würden Aufmerksamkeit erzeugen und die Botschaft, “Es gibt so viele Mistkübel – verwendet sie!“, vermitteln.

Die Humboldt-Universität Berlin habe in einer wissenschaftlichen Studie in mehreren Städten verglichen, wie häufig unterschiedliche Mülleimer genützt werden, erzählt Volk. Das Ergebnis: Auffällige Mistkübel würden schneller voll als unscheinbare; auch liege in ihrer Umgebung weniger Müll auf der Straße.

Die Sprüche an den Wiener Mistkübeln werden uns daher noch länger erhalten bleiben, neue Sprüche sind aber nicht geplant. Ulrike Volks persönlicher Lieblingsspruch ist übrigens “Schau net weg, hau eine dein Dreck“.

Falter, 1.6.2011

Frau Volk, warum sind die Wiener Mistkübel so goschert? – Nachfragekolumne

“Mögen Katholiken knappe Bikinis, Herr Gnilsen?“ – Nachfragekolumne

Mit verschränkten Beinen sitzt sie im weißen Sand und fährt sich mit den Händen durch die langen braunen Haare. Ihre Augen sind geschlossen, die Lippen in scheinbarer Verzückung leicht geöffnet. Auf ihrem knappen Bikini züngeln Flammen. Über ihrem Kopf erheben sich neugotische Ziertürmchen und Heiligenstatuen; fast direkt unter ihrem Hintern gelangt man durch ein spitzbogenförmiges Tor in die Votivkirche.

Seit Mai hängt das mehrere Meter hohe Plakat der Unterwäschefirma Calzedonia am Baugerüst der Votivkirche; vom Schottentor oder dem Votivpark aus ist die überlebensgroße Frau im Bikini nicht zu übersehen.

“Es werden sich manche daran stoßen, klar“, sagt Harald Gnilsen von der Erzdiözese Wien, “aber warum sollen wir dagegen sein? Ein Bikini ist ein normales Kleidungsstück.“

Als Baudirektor der Erzdiözese hat Gnilsen auch über die Werbung an den Baugerüsten zu entscheiden. Seine Wahlfreiheit ist jedoch oft eingeschränkt: Im Mai war Calzedonia der einzige Interessent für die Plakatstelle an der Votivkirche. Die Alternative zum Bikini-Plakat wäre gewesen, auf die Werbeeinnahmen zu verzichten. Die werden allerdings für die Sanierung der Votivkirche gebraucht – auch wenn sie laut Gnilsen in Relation zu den Gesamtkosten nur ein Tropfen auf dem heißen Stein sind.

Gibt es Werbung, die wir trotz Geldnot niemals auf einer katholischen Kirche sehen werden? Ja, sagt Gnilsen: Parteipolitische Plakate und Werbung für Waffen oder Alkohol würde er ebenso ablehnen wie “Anstößiges“. Bei Unterwäsche wäre er “zurückhaltend“, sagt er, der Bikini sei eine Grauzone. Aber immerhin: “Jeder freut sich über einen schönen Strand.“ Und wer weiß: Vielleicht hat ja religiöse Verzückung die Dame auf dem Plakat zu ihrem Gesichtsausdruck hingerissen.

Falter, 18.5.2011

“Mögen Katholiken knappe Bikinis, Herr Gnilsen?“ – Nachfragekolumne